Jürgen Kuhlmann

Küche wie Festsaal - beides ist die Kirche


Anlaß: Adventszeit
Botschaft: Wie kein Fest ohne Spannung Saal/Küche, so ist
die Kirche stets begrenztes Zeichen des grenzenlosen Heils.
Themen: Zweierlei Vorfreude auf Weihnachten - Jedes Fest
doppelt - im Saal gilt freie Gleichheit - in der Küche
Dienst und Ordnung - Glaube hält die Spannung aus - Kirche
stellt sie dar - adventliche Mutter als ihr Bild - Verzicht
auf kitschige Scheinklarheit
Ziel: Der Hörer bejaht diese Polarität und findet betend
stets neu den Pol, der ihm von Gott her jeweils »dran« ist.


O wäre das Fest doch schon da! Verschieden klingt dieser Wunsch, je nachdem wer ihn ausspricht. Sagt ihn der Bub, weil er sich auf seine Eisenbahn freut, dann meint er den Anfang einer erfüllten Zeit: Wäre mein ersehntes Geschenk endlich da! Anders, wenn die geplagte Mutter sich auf Weihnachten freut, sie meint eher das Ende der allzu vollgestopften Vorbereitungszeit: wären diese so anstrengenden Wochen doch endlich vorbei! Stellen wir uns vor, Mutter und Söhnlein stehen nebeneinander vor dem Kalender, wünschen beide dasselbe? Ja, das Fest. Aber nicht das Gleiche. Jeder Erwachsene weiß: Dieser Gegensatz gehört zu einem Fest.

Noch deutlicher zeigt er sich, wenn die Feier im Gange ist, dann erlebt man sie in der Küche sehr viel anders als an der Festtafel. Um die Lebenswahrheit zu verstehen, die Jesus uns gebracht hat, wollen wir uns diesen Gegensatz zwischen Küche und Festsaal einmal möglichst klar machen, dann begreifen wir manche Widersprüche in der Welt und auch in der Kirche, sehen vielleicht sogar ein, warum sie sich - aus Prinzip - nie ganz auflösen lassen. Oft hat Jesus den Kern seiner Botschaft so erläutert: Mit dem Himmelreich ist es wie bei einem Hochzeitsfest. So war es damals, als Gott zu seiner Freundin Schöpfung sein Jawort in Person, Jesus Christus (2 Kor 1,20), für immer gesprochen hat. Mittlerweile währt dieser Bund, die Christenheit, schon ziemlich lange; wandeln wir das Gleichnis deshalb ab: Mit dem Sinn des Lebens ist es wie bei einer Goldenen Hochzeit.

Bei einer solchen hat sich jüngst folgendes zugetragen: Die Kinder hatten vereinbart, ihren Eltern ein schönes Fest zu schenken. Als es dann so weit war, mit der Vorbereitungsarbeit ernst zu machen, fand die älteste Tochter sich jedoch ziemlich allein. Weder hatte die Schwester einen Saal gemietet noch der Bruder Getränke besorgt. Schlimmer gestreßt als je in ihrem Beruf, hatte sie schließlich doch alles noch geschafft, so daß es ein erfreuliches Fest wurde. Alle Geschwister samt Nachwuchs feierten mit, die Eltern strahlten, fast war es ihre letzte Freude, denn bald darauf ist der Vater gestorben.

Um einen Blick ins Geheimnis der Kirche zu tun, wollen wir uns nun fragen: Was mag dieser Frau durch den Sinn gegangen sein, während sie das Sektglas hielt und vor den Augen von Vater und Mutter mit ihrer Schwester anstieß? Du faules Stück, hat sie gedacht, verdient hast du es nicht, daß du hier mitfeiern kannst, wo du keinen Strich dafür getan hast. Aber was soll ich machen? Laut sagen, wie du mir vorkommst? Dann wäre meine ganze Mühe umsonst, das Fest zerstört, statt Freude hätte ich den Eltern Schmerz bereitet, weil ein Streit bei der Goldenen Hochzeit schlimmer ist als gar kein Fest, daran darf ich nicht schuld sein. Und überhaupt: Du bist trotz allem meine Schwester, was haben wir früher nicht alles zusammen erlebt, das Verbindende ist mir wichtiger als was uns trennt, darum wollen wir von deinem unmöglichen Benehmen jetzt absehen und uns lieber mit einander und den Eltern freuen, also: Prosit!

Beim Fest selber darf allein Friede und Eintracht herrschen, soviel sieht jeder ein. Damit es das Fest geben kann, gilt aber vorher und draußen die Gegen-Wahrheit: das Prinzip Arbeit und Leistung. Angenommen, die Familie verzichtet auf fremde Helfer, zwischendurch haben die Kinder immer wieder in der Küche zu tun: sollte ein Bruder dort, statt Schnittchen zu belegen, bloß die anderen stören oder Salz in den Kaffee schütten, dann wird er mit Recht geschimpft. Sobald er aber in den Festsaal geht, darf sein Versagen kein Thema mehr sein. Unrecht hätte der Faulpelz freilich, sollte er sich in der Küche allen Tadel verbitten. Denn nochmals: Ohne Arbeit kein Fest; daß aber die einen alles tun und die anderen nichts, wäre ungerecht.

Warum ist es dann aber gerecht, daß die Faulen ebenso mitfeiern dürfen wie die Fleißigen? Sehr einfach: weil niemand immer nur festlich leben kann. So oder so verbringt jeder Mensch, auch die Reichsten und Faulsten, einen großen Teil seiner Erdenzeit dort, wo das Fest nicht gefeiert, sondern bereitet wird: nicht im Saal, sondern in der Küche. Und hier gilt: Wer sich nicht nach Kräften einsetzt, verdient Schande, wird mit Recht verachtet, muß in der Ecke stehen oder in die Kälte hinaus, bis er es lernt, sich einzuordnen und seinen Teil zu tun, damit das Fest gelingt. Es ist also kein Widerspruch, wenn solche, die zum Fest nichts beitragen, trotzdem mitfeiern dürfen. Daß alle mitfeiern, ist im Gegenteil gerade der Sinn des Festes! Drinnen gilt das Prinzip Friede, Versöhnung, Eintracht; weil niemand nur drinnen lebt, darum reicht es für die Gerechtigkeit aus, daß draußen der Gegensatz von gut und schlecht, Anerkennung oder Strafe seine Gültigkeit hat. Jeder lebt auch draußen und muß dort mit den anderen zurechtkommen.

Läuft diese Sicht aber nicht auf die allzu bekannte Heuchelei hinaus, daß die Familie sich an Weihnachten scheinbar friedlich versammelt, in Wirklichkeit sind die Widersprüche aber keineswegs versöhnt, vielmehr brodelt ein ganzer Sumpf unvergeßlicher Kränkungen, vielleicht sogar bewußter Haß, unter der freundlichen Decke unheilvoll weiter und überschwemmt nach den Festtagen wieder offen das gesamte Beziehungsfeld mit Feindschaft? Nun: Selbst wenn die Beobachtung stimmt, bleibt die Frage, was hier "in Wirklichkeit" geschieht. Mit welchem Recht nennt man die alltägliche Banalität wirklich, den gemeinsam geahnten größeren, heilen Sinn aber unwirklich? Wer so fühlt, weiß nicht etwas, sondern weigert sich, an die Wirklichkeit des Festes zu glauben. Wohl irrt ein Banause nicht, wenn er vor Grünewalds Osterbild feststellt, das sei nichts als eine Ansammlung solcher und solcher Chemikalien. Trotzdem fühlt sogar er sich mißverstanden, wenn er am Strand die Anmut seiner Freundin bewundert und ein Medizinstudent ihn dann aufklärt, welch ekelhaft schleimige Einzelheiten sich unter dieser glatten Haut "in Wirklichkeit" verbergen ... Kurz: Während dem Wissen bloß die Küche wirklich scheint, kennt der mündige Glaube die Wirklichkeit als unauflösbare Spannung von Küche und Fest. Ohne strengen Betrieb in der Küche gibt es kein Fest; ohne Aussicht auf das Fest hätte die Schufterei in der Küche keinen Sinn und wäre vermutlich längst in Streit und Chaos erstorben.

"Ich bin die Tür," sagt Christus bei Joh (10,7), tatsächlich enthält die Tür zwischen Küche und Festsaal die Lösung des Rätsels der Kirche. Draußen muß es streng zugehen, wehe, ein Helfer läßt den Braten in den Puddingtopf fallen; wenn aber ein Unterkoch gegen die Vorschriften ein Gericht erköchelt hat, dann kann es sein, daß die Chefköchin es probiert, als gelungen anerkennen muß und auftragen läßt. Ja, es soll schon vorgekommen sein, daß eine Magd etwas Selbsterfundenes ohne Erlaubnis zur Festtafel gebracht und dafür von den Gästen hohes Lob erhalten hat. Darf ihr Chef sie schimpfen? Er wird sich hüten, ist er doch selbst bloß ein Diener der Festfreude. Mault er aber doch, dann lacht sie ihm ins Gesicht, zieht die Schürze aus und schlüpft zurück in den Festsaal.

Drinnen gilt das Urteil der feiernden Versammlung. Sie ist ganz auf Freude und Versöhnung gestimmt, von der niemand ausgeschlossen wird. Wer den Festsaal betritt, gehört dazu. Draußen gilt ein klares Unter- und Überordnungsschema vom letzten Spülhelfer bis zum Unterchef, Küchenchef und Küchendirektor - drinnen wird auch der draußen niedrigste Unterknecht als gleichberechtigter Mitfeiernder geehrt, während die Küchenmeisterin hier auch nicht mehr sein will als Schwester vieler Geschwister.

Soweit das Gleichnis von Küche und Fest. Was gilt aber, wenn in der Kirche bei einer strittigen Frage die eine Seite sich auf die abgrenzenden Regeln der Küche beruft, die andere auf die grenzenlose Gemeinschaft des Festes?[Auch daran ist, gg Lohfink, Jesus gescheitert, nicht nur am Egoismus der bösen Welt!] Mir scheint, so gut wie überall, wo Christen um den rechten Glauben streiten, geht es um Grunde um den Konflikt zwischen Küche und Fest. Gewiß schafft diese Einsicht keinen einzigen wirklichen Streit aus der Welt. Sie kann den Zerstrittenen aber mindestens eine gemeinsame Sprache liefern, in der sie sich - wenn nicht verständigen so doch - mindestens verstehen können. Vor allem sollten sie sich auf das gemeinsame Prinzip einigen, daß immer beide Pole der Spannung notwendig sind. Jesus hat das unbegrenzte Fest verkündigt und vorgelebt, sich aber - eben deshalb - hart und bis zum Tod gegen solche abgegrenzt, die das Fest sabotieren wollten (etwa weil sie ihn als Störer in der Küche empfanden? Die Frage sei Gott allein überlassen). Jesus der Bote, ja Beginn des Großen Festes - Christus der Herr der Neuen Küche, beide sind dieselbe Person, somit müssen auch in der Kirche die Leidenschaft für die unbedingte Festfreude aller Menschen und die Mühe um eine wirksame Küchenordnung einander immer wieder neu ausbalancieren und vertragen. Sobald jede Seite der anderen das zugibt, könnte aus manchem Konflikt das schlimmste, das ideologische Gift ausgepreßt sein, so daß ein tatsächlicher Kompromiß eher möglich wird.

Früher sprach man gern von der Mutter Kirche, heute ist das weniger üblich - jegliches Bild hat seine Zeit und seine Grenzen. Auf jeden Fall ist die weihnachtliche Mutter ein erhellendes Symbol der Kirche in ihrer Doppelrolle von Festgenossin und Küchenmagd. Zu Beginn hatten wir bedacht, wie verschieden Mutter und Kind sich auf Weihnachten freuen - das Kind auf den Anfang seiner Lust am Geschenk, die Mutter auf das Ende der Plackerei - jetzt achten wir auf die lebendige Spannung im Herzen der Mutter selbst. Auch in ihr lebt zur Weihnachtszeit das Kind wieder auf, das sie einst gewesen. Sticht sie mit den Kindern Plätzchen aus, dann ist ihr zuweilen, als wären die Jahrzehnte, die sie von damals trennen, gar nicht vorbei. Deshalb glüht auch in ihr, tiefer noch als die Freude aufs Ende der Vorbereitungen, die selige Hoffnung auf das göttliche Fest mit seinen Geschenken, jetzt vor allem den leuchtenden Augen ihrer Kinder. Und während sie in der Küche Ordnung halten muß, wird ihre Strenge doch mitunter schon von einem Strahl des Weihnachtsfriedens gemildert und das Kind merkt gut, daß ihre Schimpfreden nur vorläufig gelten, bloß der Dimension der Mittel angehören; die ist angesichts des festlichen Zieles bereits so gut wie verschwunden.

Nur deshalb freilich, weil Mutter und Kind beide wissen, wie gut es das Kind im Grunde meint. Es hilft gern mit, will dazu gehören. Wäre es so asozial wie es manchmal tut, dann hätte es beim Fest nichts zu suchen! Sogar während Jesus zum Großen Fest einlädt, erwähnt er den Mann ohne hochzeitliches Gewand, der nicht mitfeiern darf, sondern hinausgeworfen wird, dort wird Heulen und Zähneknirschen sein. (Jene scheinbar so faule Schwester aus unserer Beispielgeschichte vorhin war übrigens nicht in dieser Gefahr; sie konnte sich auf vieles berufen, was sie für die Eltern getan hatte.) Ohne Demut kein wahres Fest, auch nicht ohne Friede, auch nicht ohne stolzes Selbstbewußtsein aller Feiernden. Denn nichts anderes als Teilhabe an Gottes Ewigem Leben ist das uns verheißene Fest, dieses LEBEN vollzieht aber die unfaßbare Drei-Einheit von DU, WIR und ICH. Hoffentlich nur zur Dimension der Zeit gehören zwar Versagen und Tadel; jene innere Hingabe jedoch, die sich in der Küche ohne Murren in die niedrigsten Dienste stürzt, sie ist - wie auch Selbstbewußtheit und Frieden - schon jetzt eine Dimension des ewigen Heiles selbst.

Die Hochspannung von Küche und Saal knistert ständig in unserem Alltag, so selbstverständlich, daß wir sie fast nicht mehr merken. Wehe aber, jemand manipuliert unkundig an der Sicherung herum! »Die Lieb ist freigegeben und keine Trennung mehr«, singt Novalis in der Schlußstrophe seines grandiosen Osterliedes (»Gehoben ist der Stein, die Menschheit ist erstanden«), diesen Siegesjubel lebendig zu halten, dafür ist die Kirche da. Alles Unheil überglänzend, blitzt er immer wieder auf. Zustand aber kann er nie werden. Wollte man jenen Satz so praktizieren wie er dasteht, kann sich nur gräßliches Unglück ergeben, man lese den erschütternden Bericht eines Sektenkindes über seine frühen Jahre inmitten totaler sexueller Hemmungslosigkeit »im Namen Jesu« ... [Rachel Sand, Kindheit und Jugend bei den »Kindern Gottes«, Information Nr.131 (1996) der Evangel. Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, Auguststr. 80, 10117 Berlin]

Weil Gott uns stereo will, ist jede scheinverständige Mono-Lösung falsch. Wenn Martha die Schürze nie ablegt und von allen dasselbe erwartet, hat sie Jesu Botschaft nicht angenommen, mag eine solche Sklavenseele sogar Bischof heißen und in Christi Namen noch so herrisch auftreten. Wer umgekehrt die Leuchtschrift »Heil für alle« hochhalten will, muß die Buchstaben x, y und viele andere von seinem Plakat ausschließen, sonst kann es niemand lesen ... Ohne Ordnung in der Küche kein Fest, ohne Ordnung im Zeichen kein Sinn, ohne weltliche Grenzen kein grenzenloses Heil. Verzichten wir also mehr und mehr auf den unreifen Wunsch nach simpler spannungsloser Klarheit. Bei Gemälden und Romanen nennt man sie Kitsch, das wirkliche Leben ist ein Seiltanz der Seele, Einseitigkeit führt bald zum Sturz in den einen oder anderen Abgrund. Davor bewahre uns die Menschenfreundlichkeit dessen, der einer von uns geworden ist, um uns aus Hochmut und Kleinmut zu erlösen, damit wir bei aller geordneten Vielfalt doch auch als Gleiche mit Gleichen mal arbeiten mal feiern - und immer leben.

Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/kuhlmann/fest.htm

Hier geht es zu anderen Texten des Verfassers (z.B. Abschiedspredigt 1972, Kinderbuch für Erwachsene, Kleines Credo für Zeitgenossen, Heiße Eisen, Simone Weil)

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