Jürgen Kuhlmann

Endzeitgefühl zwischen Furcht und Hoffnung


Anlaß: Ende des Kirchenjahres, Adventsanfang
Botschaft: Das Doppelgesicht der Liturgie drückt die
zweifache Wahrheit des Jüngsten Gerichts aus, bei dem
unser Böses hin- und unser Gutes hergerichtet wird.
Themen: Doppelgesicht der Liturgie - Endzeitgefühl
zwischen Schrecken und Hoffnung - schon im Mutter-
schoß? - Gegensatz zweier Greise - Hinrichten und Her-
richten zusammen sind das Gericht - Maranatha!
Ziel: Der Hörer wird von der Spannung zwischen Furcht
und Hoffnung nicht zerrissen, findet vielmehr zu einem
trostreich-aufmunternd einheitlichen Adventsgefühl.


Gemischte Gefühle treiben uns um in diesen Wochen, da ein Kirchenjahr endet und ein neues beginnt. Seit der Kindheit verwirrt viele das seltsame Doppelgesicht der Liturgie. Vom Weltuntergang ist die Rede, von der furchtbaren Ankunft des Richters, der allen menschlichen Hochmut zuschanden macht, seine argen Werke verbrennt wie das Stroh auf dem Feld. Davor erschrickt unser Herz. Zugleich freut es sich auf die Ankunft des göttlichen Kindes in der Weihnacht, ihm zu Ehren entzünden wir voll Vertrauen eine Adventskerze um die andere. Zweimal Ankunft: die schreckliche des Endgerichts, die holde des Gottes bei uns. Zweimal Feuer: die Flamme der Vernichtung, der Schein der Kerze - wie bewältigt unser Gemüt diese Spannung der Extreme, muß es nicht zerreißen in ihr, das eine Gefühl vergessen während es das andere erlebt? Wird dadurch aber nicht jede innere Klarheit ausgelöscht, ähnlich wie wenn (in der Physik) zwei Wellen einander so überlagern, daß sie zusammen - nichts sind?

Nicht wenige, fürchte ich, haben diesen Eindruck. Freundlichen Erinnerungen aus der Kindheit widerspricht der ermattende Vorweihnachtsrummel mit Jahr für Jahr denselben Verheißungen, die sich nie erfüllen, nur in eine stets noch grauere Öde münden, hinter der man bereits das endgültige Nichts lauern spürt, das irgendwann allen Sinn eines Lebens zerstören wird, wie der Schwamm eine Kreidezeichnung von der Schultafel wischt. Und doch kann es sein, daß solch trüber Realismus plötzlich wieder unsicher wird, ins Flackern gerät angesichts des ruhigen Glanzes einer Adventskerze, die der Hoffnung aus Kindertagen neue Kraft spendet. Ist vielleicht Alles ganz anders? Kommt Gott doch, und Heil und Segen mit zugleich?

Ja, Gott kommt. Und gerade deshalb brauchen wir unser zwiespältiges Gefühl nicht zu verstecken. Denn es gehört zu erwachsenem Glauben notwendig mit dazu. Glaube ist das Gegenteil von Zweifel, gewiß. Ein Christ, der wirklich glaubt, zweifelt nicht daran, daß Gott kommt, als Richter wie als Erlöser. Das glauben wir fest. Wir zweifeln jedoch, wie wir dieses doppelte Kommen verstehen und seelisch verkraften können. Denn es bringt eben jene widersprüchlichen Gefühle in uns hervor:

Zum einen die Angst vor dem drohenden Ende - das ja nicht bloß irgendwann später über uns kommt, sondern jetzt schon soviele Stunden aushöhlt, vergiftet mit Vergeblichkeit, Mißerfolg, Scheitern.» Von Jugend auf bin ich am Sterben«, klagt der Psalmist (88,16) Während wir an der Tafel malen, ist der Schwamm immer schon am Wischen - wer das merkt, dem wird die Kreide schwer in der Hand und sein Arm möchte erlahmen. Wozu sich Mühe geben, wo doch alles Menschenwerk bald im Nichts versinkt? Wenn an einer Seele der Sog dieser Schwermut zerrt, dann erfährt sie mitten in der Welt den Weltuntergang: nicht dann einmal, eben jetzt kommt der Herr, das Erdreich zu richten und abzutun allen Hochmut der Geschöpfe. »Die Menschen werden vor Angst vergehen in der Erwartung der Dinge, die über die Erde kommen, denn die Kräfte des Himmels werden erschüttert« (Lk 21,26). Das ist das schwarze Endzeitgefühl.

Nicht minder wahr ist das goldene: »Wenn das beginnt, dann richtet euch auf, und erhebt eure Häupter, denn es naht eure Erlösung« (ebd 28). Nicht für das Nichts hat der Schöpfer seine Geschöpfe bestimmt. Zu Seinem unvergänglichen Reich dürfen wir gehören, samt unseren Werken, wenn sie in Gott getan sind. »Denn ihre Werke folgen ihnen nach«, das glaubt nicht nur die katholische Kirche, das singt der Chor auch in einer der herrlichsten Schöpfungen evangelischer Frömmigkeit, am Schluß des Deutschen Requiems von Johannes Brahms, der las es in seiner Bibel, geschrieben vom Übersetzer Martin Luther: »Und ich hörte eine Stimme vom Himmel zu mir sagen: Schreibe: Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben von nun an. Ja, der Geist spricht, daß sie ruhen von ihrer Arbeit; denn ihre Werke folgen ihnen nach« (Offb 14,13).

Angst vor dem Ende - gespannte Freude auf das Neue: dieser Zwiespalt bestimmt den Advent. Warum empfinden wir ihn insgesamt doch eher als tröstlich? Ich vermute, weil wir die Auflösung dieser Spannung schon einmal durchlebt haben und im Rückblick gewiß sind: Ja, so ist es gut.

Schade, daß ein Mensch sich nicht erinnern kann, wie er sich als Embryo im Mutterschoß gefühlt hat. So gemütlich wie damals hatten wir es später nie mehr. Alles ist warm und weich, um nichts brauche ich mich zu kümmern. Und doch: irgendwann geht es so nicht weiter. Etwas zieht mich - wohin? Habe ich Angst gehabt damals vor dem drohenden Ende meines schönen Friedens? Kann leicht sein. Das zerschrumpelte Gesichtchen eines Neugeborenen und sein erstes Geschrei machen keinen rundum glücklichen Eindruck. Trotzdem möchte niemand von uns jetzt zurück in jene Enge. Frei atmen können, den weiten Himmel schauen, Gewitterluft schnuppern, in seinem erwählten Gebiet etwas leisten - gegen diese Freuden scheinen die Lüste der Leibesfrucht recht bescheiden. Zudem lassen sie sich symbolisch auch später wieder fühlen: darum kuscheln wir uns so gern unter der warmen Decke zusammen und sinken Nacht für Nacht in die erste Unbewußtheit zurück.

Es hat also seinen tiefen Sinn, wenn die Kirche den Todestag der Heiligen als ihren Geburtstag feiert. In diesem Leben befinden wir uns sozusagen noch im Schoß der Mutter Erde, von der wir stammen, auch diese zweite embryonale Werdezeit eilt auf ihr Ende zu, ob nach 17, 70 oder 107 Jahren, ist angesichts der Ewigkeit nicht entscheidend. Je näher ein Mensch das Ende dieses vorgeburtlichen Daseins spürt, um so schärfer durchzittert ihn die Spannung von Angst und Hoffnung. Ein Mann, dem nach sechzig Ehejahren seine geliebte Frau gestorben war, verfluchte laut seinen Herzschrittmacher und versicherte überall, das elende Ding werde auf keinen Fall eine neue Batterie bekommen - doch siehe da: als die alte tatsächlich ihre Kraft verlor, wurde still und heimlich eine neue eingesetzt ... Schon der Apostel Paulus hat diesen Zwiespalt gekannt. An seine Lieblingsgemeinde in Philippi schreibt er: »Es zieht mich nach beiden Seiten: Ich sehne mich danach, aufzubrechen und bei Christus zu sein, um wieviel besser wäre das! Aber euretwegen ist es notwendiger, daß ich am Leben bleibe« (1,23 f).

Wir sollten nicht krampfhaft versuchen, die Spannung von Furcht und Hoffnung zu irgendeiner Eindeutigkeit aufzulösen. Die wäre unmenschlich und brächte uns in Gefahr, selbst unmenschlich zu werden. Denn wir sind und bleiben zugleich Weltkinder und Kinder der Ewigkeit. Als Weltkinder lieben wir die Welt und dürfen das auch, denn Gott selbst schafft sie, aus Liebe, jeden Tag neu. Wer deshalb auch im hohen Alter dabei sein will in der Welt, weil seine Mitmenschen ihn gern besuchen und er kluge, aufmunternde Worte für jeden hat, der gebrauche ruhig alle vernünftigen Mittel, sein zeitliches Leben zu verlängern - warum nicht? Das ewige wird darum nicht kürzer.

Wer sich aber schon fast nur als Ewigkeitskind fühlt, weil sein Herz viel mehr bei seinen Lieben ist, die ihn drüben erwarten, als bei den demütigenden Unerfreulichkeiten in seinem Pflegeheim hier ... den bindet keine Pflicht, sich weiterhin ärztlichen Vorschriften zu unterwerfen. Ein anderer alter Herr, so wird berichtet, lehnte eines Tages jede Behandlung ab, riß sich, solange er es noch konnte, eigenhändig die Nährschläuche aus den Adern und gönnte sich das Ende dieses sterblichen Lebens (oder lebendigen Sterbens, sagt Augustinus), weil er spürte, daß für ihn die Zeit der Neugeburt da war. Den eigenen Körper seinem natürlichen Auflöseprozeß zu überlassen, das ist kein verbotener Selbstmord; diesen Verfall mit künstlichen Mitteln aufzuhalten, das muß keine falsche Lebensgier sein. Wie jemand sich vor Gottes Angesicht fühlt, so mag er sich entschließen. Beide Entscheidungen machen es nicht.

Was macht es dann? Wie finden wir - nicht erst am Ende sondern jetzt schon - mitten in der Spannung von Furcht und Hoffnung zu dem ersehnten Endzeitglauben, der unsere Gottesfurcht angstlos macht und unsere Hoffnung frei von Illusionen? Lassen wir uns einfach innerlich los. Erwarten wir wehrlos, mit leeren, offenen Händen, den Herrn der zu uns kommt. Er ist unser Freund. Der Ewige Richter richtet die Seinen nicht hin, sondern richtet uns her. Das an uns, was im Feuer seiner Ankunft verbrennt, taugt ohnehin nichts: all die Macken und Lieblosigkeiten, die wir im Grunde (im göttlichen Grunde mitten in uns) ja selber hassen und loswerden wollen. Und das an uns, woran uns wirklich liegt, das einmalige Geschöpf von Gottes Kunst, das wird bei seiner Ankunft endgültig restauriert, von Schmutz gereinigt, bis es im Glanz der himmlischen Adventskerzen so leuchtet, daß wir uns selig wundern werden.

Weil seit dem letzten Konzil beim katholischen Gottesdienst die Volkssprache verwendet wird, deshalb gibt es in derselben Liturgie doch kleine Unterschiede, je nachdem, wie der lateinische Grundtext übersetzt wird. Was die rechte Endzeitstimmung betrifft, können wir von der spanischen Liturgie lernen. Die Antwort des Volkes nach der Wandlung heißt bei uns: »Deinen Tod, o Herr, verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.« »Bis du kommst« - das klingt neutral, objektiv, richtig. So ist es eben. Auf spanisch klingt es drängender, biblischer. Wie die Urchristen (1 Kor 16,22) ihr Maranatha!, so ruft dort das Volk: »Komm, Herr Jesus!«

Ja: Komm! Und nicht irgendwann - jetzt! Komm in jeden unserer Augenblicke. Restauriere das Bild, das wir am Werden sind, schon während wir es malen, damit es unseren Mitmenschen, uns selber und Dir nicht zum Abscheu sondern zur Freude sei. Sofern ich in meinem Bild ein Patzer bin und dummerweise sogar sein will, gehöre ich eben zu den Menschen, die »vor Angst vergehen in der Erwartung der Dinge, die über die Erde kommen,« und das geschieht mir recht. Sofern du aber nicht der Patzer, sondern ein gelungener Pinselstrich sein willst, darfst auch du dem fröhlichen Trompetenton glauben und folgen: »Richtet euch auf und erhebt eure Häupter, denn es naht eure Erlösung!«

Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/kuhlmann/fearhope.htm

Weitere Predigten

Andere Texte des Verfassers (z.B. Abschiedspredigt 1972, Kinderbuch für Erwachsene, Kleines Credo für Zeitgenossen, Heiße Eisen, Simone Weil)

Kommentare bitte an Jürgen Kuhlmann