Jürgen Kuhlmann

Die Fastenzeit - ein restaurierungswürdiges Lebenskunstwerk


Anlaß: Fastenzeit
Botschaft: Freiwilliger Verzicht, recht verstanden,
kann tief sinnvoll sein.
Themen: Ungute Kindheitserinnerungen - Ja oder Nein
zum Leben? - Maßstab ist die Liebe - lehrreich: die
Kinderstube - Balance Du/ich - dreifaches "du" - Sinn
des Fastens: a) Büßendes Training - b) Solidarität -
c) Freundschaftszeichen in Freiheit
Ziel: Der Hörer überwindet alte Mißverständnisse und öff-
net sich der fordernden Botschaft der Bußzeit.


Fastenzeit, so heißen die vierzig Tage zwischen Aschermittwoch und Ostern immer noch, obwohl nur mehr wenige Christen diesen Namen wörtlich nehmen und spürbar fasten. Manche Älteren erinnern sich jener Opfer, mehr oder minder freiwillig, die sie als Kinder auf sich nahmen: Verzicht auf Süßigkeiten, Kino und andere Vergnügen. Manche, denen solches Verzichten mehr von ihrer Umgebung als vom eigenen freien Entschluß auferlegt wurde, leiden unter den Folgen noch heute: sie dürfen sich nichts gönnen, fechten vor dem Kauf jeder Tafel Schokolade einen komplizierten Kampf aus zwischen ihrem braven und ihrem naschhaften Ich, und wenn das Nasch-Ich gewinnt, bleibt dem Genuß doch stets etwas schlechtes Gewissen beigemischt, sogar wenn Gewicht und Cholesterinwerte stimmen.

Oft will, wer so fühlt, seinen Kindern diesen Krampf ersparen, leitet sie absichtlich nicht zum Verzichten an, so daß die junge Generation in ihrer Mehrheit überhaupt nicht mehr weiß, was die Fastenzeit früher bedeutet hat. Das ist schade. Denn der geistliche Rhythmus des Kirchenjahres ist eins der großen Lebenskunstwerke, die das Christentum geschaffen hat, und gehört fürsorglich unter Denkmalschutz gestellt, damit er auch kommenden Geschlechtern erhalten bleibt. Um das zu erreichen, müssen wir jedoch so tief graben, bis wir auf seine Fundamente stoßen. Erst wenn die neu befestigt sind, steht das alte Bauwerk wieder sicher. Dann können wir die Fastenzeit wieder krampflos mit-feiern, ja, das Wort ist nicht falsch, denn was sagt Jesus? "Wenn ihr fastet, macht kein finsteres Gesicht wie die Heuchler ... Du aber salbe dein Haar, wenn du fastest, und wasche dein Gesicht, damit die Leute nicht merken, daß du fastest, sondern nur dein Vater, der auch das Verborgene sieht" (Mt 6,16.18).

Warum aber überhaupt fasten? Verzicht, Opfer, Abtötung - alle solche Lebens-Verneinung scheint doch gar nicht im Sinne Gottes. Hat er uns nicht geschaffen, damit wir sind? Freut sich nicht jeder Schöpfer am positiv gelingenden Sein dessen was er macht? Jesus selbst sagt es in einem der strahlendsten Sätze des Evangeliums: "Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben" (Joh 10,10). Warum dürfen wir dann nicht suchen, was er uns doch bringen will? Warum sagt derselbe Christus scheinbar auch das Gegenteil? "Wer das Leben gewinnen will, wird es verlieren; wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen" (Mt 10,39). Damit zwei so klare Gegensätze dennoch zusammenstimmen, braucht es einen Rhythmus - wie bei Sommer und Winter, Tag und Nacht. Wann also dürfen wir uns des Lebens freuen und wann sollen wir ein Stück Leben verlieren? Die Antwort ist, im Prinzip, nicht schwer. "Um meinetwillen", sagt Christus, in dessen Person Gottes Liebe auf Erden erschienen ist. Leben in Fülle gibt es nur innerhalb der Liebe, nicht gegen sie. Wer sein Leben mit anderen und für sie lebt, tut es im Sinne Gottes, der selbst die Liebe ist; wer hingegen dadurch mehr leben will, daß er anderen ihr Leben stört oder beschädigt, der soll auf solch geraubtes Leben verzichten lernen, sonst muß die göttliche Gerechtigkeit ihm das seine erst innerlich entwerten und zuletzt tatsächlich nehmen.

Das ist weniger kompliziert als es klingen mag; jeder Vater und jede Mutter mehrerer Kinder kennt das Problem. Mag das erste noch so frei, gar antiautoritär erzogen werden: sobald das zweite hinzukommt, ist es mit diesem einfachen Prinzip vorbei. Denn jetzt gilt es, zwei Freiheiten auszubalancieren, sonst hat das ältere Geschwister ein wehrloses Opfer seiner groben Erziehungs- oder Ausbeutungskunst, und wenn die Eltern nicht einschreiten, ergeht es dem neuen Lebewesen schlecht, auch wenn es nicht - das ist vorgekommen - vom trauten Schwesterchen in den Müllschacht geworfen wird. Um des Lebensrechtes ihres jüngeren Kindes willen müssen die Eltern das Erstgeborene an manchen Lebensäußerungen hindern, falls nötig auch mit Strafen und Zwang.

Die dürfen freilich nie der Eltern letztes Wort sein! Sogar während ein rücksichtsloses Kind in seine Schranken gewiesen wird, soll es sich doch als angenommen fühlen, von den Eltern zum vollen Leben bestimmt. Ziel aller Erziehung ist des Kindes Einverständnis damit, daß Leben wohl Selbstverwirklichung heißt, in der Liebe aber, weil auch die anderen sich selbst verwirklichen wollen, mit Recht. Wer das einsieht und danach lebt, ist vernünftig. Um ganz zu stimmen, muß diese Einsicht allerdings auch in umgekehrter Richtung begriffen werden: Rücksicht ist gut und nötig; zu den Menschen, die sie brauchen, gehöre aber auch ich selbst. Wollte eine Nächstenliebe auf den eigenen Bedürfnissen nur herumtrampeln, brächte sie das Ich um und müßte durch dessen Leichengift alle Beziehungen verderben. Göttliche Weisheit spricht aus der biblischen Formulierung: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst" (3.Mos 19,18; Mt 19,19). Das heißt: Liebe dich selbst, aus vollem Herzen, schwing dich ein in Gottes Schöpferliebe zu dir, und von diesem Schwung laß dich weitertragen zu deinem ebenso gottgeliebten Nächsten, so daß du seine Perspektive teilst, die Welt auch mit seinen Augen erblickst, dann wird es dir nicht schwer, zu ihm ein warmes Ja zu sagen und ihn das auch spüren zu lassen. Angebliche Nächstenliebe ohne Selbstliebe hingegen wäre mehr Schwäche als Tugend: "Gar mancher meint, ein gutes Herz zu haben, und hat nur schwache Nerven" (Marie von Ebner-Eschenbach).

Wie in der kleinen Familie soll auch in Gottes großer Familie ein gesundes Gleichgewicht herrschen zwischen deinem und meinem Willen. Damit wir das noch besser verstehen, wollen wir im Wörtlein "du" drei ganz verschiedene Bedeutungen auseinanderhalten: Du bist zum einen der oder die andere, ein Mensch wie ich, mir gleichberechtigt, mit eigenen Ansprüchen, die ich achten soll. Du bist zum andern der mächtige Andere, nach dem ich mich richten muß, sonst läßt du mich deine Übermacht spüren, und das tut weh, deshalb fürchte ich dich und lauere darauf, ob ich dich loswerden kann. Du mein Nächster und du mein Herr, beide Du-Weisen sind total verschieden: Dich meinen Nächsten kann ich mißachten, darf es aber nicht; dich meinen Herrn darf ich mißachten (wenn ich mich traue), kann es aber nur unter großer Gefahr.

Im dritten Sinn verstanden, bist DU geheimnisvoll die Verbindung dieser beiden Sinne: DU unser Gott bist mein Herr, nicht nur übermächtig sondern allmächtig, und doch ist deine Herrschaft unvergleichbar erträglicher als jede sonst; denn während andere Herren mich ausbeuten oder manipulieren, weil sie keineswegs nur das Gemeinwohl anstreben, sondern ihre sehr eigenen Interessen gegen und durch mich befördern wollen, ist im Gegensatz dazu Deine göttliche Herrschaft allein auf unser Wohl gerichtet, zu welchem das meine untrennbar mit dazugehört. Kurz: DU bist zwar mein Herr, die ehrwürdige Anrede bleibt tief wahr, Herr willst DU aber nicht als fremder Anderer mit besonderen Ansprüchen gegen mich sein, vielmehr allein als die personhafte Einheit aller meiner Nächsten, die ein Recht darauf haben, daß ich ihre Lebensansprüche den meinigen gleich achte.

Deshalb sagt Jesus, daß »ebenso wichtig« wie das Gebot der Gottesliebe das der Nächstenliebe ist (Mt 22,39). Beide Gebote finden sich schon im Ersten Testament; sie so ineins zu setzen durfte erst der Mensch wagen, der in Person Gott selbst ist. Wenden wir unser Herz zu DIR dem guten Herrn des Alls als einer Person: das ist Gottesliebe; bejahen wir eine Facette Deines Auges in eines Mitmenschen Blick: das ist Nächstenliebe, und beide Lieben sind eins.

So sind wir wieder bei unserem Ausgangsthema angekommen. Sinn des Fastens ist nicht Verzicht um des Verzichtes willen, erst recht nicht ein Wegschieben des Materiellen, als wäre die Materie schlecht. Die Schöpfung gilt unserem Glauben als ausgesprochen gut, ausgesprochen von Gott selbst: »Siehe es war sehr gut« (1 Mos 1,31). Wenn Christen in der Fastenzeit auf erlaubte Vergnügen verzichten, dann deshalb, weil ihre kleinen NEIN sich (wie in einer bekannten Zeichnung) zum großen JA verbinden: dem Ja der göttlichen Liebe und zu ihr.

Zum einen weiß Liebe: Damit der Verzicht auf eigene Ansprüche, den die Nächstenliebe oft verlangt, nicht wieder mißlingt, wenn er nächstens dran ist, deshalb muß ein Mensch ihn bußbereit einüben. Auch die seelischen Muskeln brauchen Übung, sonst haben sie, wenns drauf ankommt, keine Kraft. Das griechische Wort »Askese« heißt Übung, Training. Dies ist der positive Sinn des Wortes »Buße«.

Zum andern hat das Fasten den Sinn schlichter Solidarität. In früheren Jahrhunderten waren gegen Winterende die meisten Vorräte aufgebraucht; die Armen hatten fast nichts mehr zu beißen, da war es nur gerecht, daß auch die Wohlhabenderen beim Essen bescheidener wurden. Dank moderner Vorratswirtschaft gilt dieses Motiv bei uns nicht mehr; wir müssen aber nur über die Grenzen unserer Insel des Reichtums hinausblicken und finden überzeugende Gründe für solidarisches Fasten.

Schließlich spürt Freundschaft manchmal, daß sie es nicht besser haben will als ihr Freund. Jesus hat für uns gelitten, hat uns seine Freundschaft aufs schmerzlichste bewiesen: Warum soll ein Herz ihm da seine Erkenntlichkeit nicht auch so zeigen wollen, daß es sich absichtlich etwas versagt, was ihm jetzt Spaß machen würde, einfach als kleines Zeichen dafür, daß es wohl weiß, was es ihm verdankt? Das sind sehr feine Gefühle, da läßt sich nichts mehr rechnen oder zwingen. Wer solchen Verzicht nur auf Lohn lauernd oder mit Zähneknirschen fertigbrächte, lasse um Himmels willen die Finger von diesem Spiel; steht es so, dann gönn dir lieber, was du dir wünschst, nur so haben deine Mitmenschen die Chance, daß du es auch mit ihnen gut meinst.

Kommt dir aber einmal die Idee, jetzt auf diese Zigarette oder Torte oder was immer zu verzichten, einfach so, weil du Lust auf ein Liebeszeichen hast: dann gönn dir auch solche Fastenfreude, laß sie dir nicht vermiesen von scheinverständigen Argumenten wie dem, daß dein Verzicht ja doch niemandem hilft. Genug, er hilft dir, mit wacherem Sinn deinem Freund nahe zu sein. Sieh aber zu, daß niemand sonst dein Fasten merkt, »nur dein Vater, der auch das Verborgene sieht; und dein Vater, der das Verborgene sieht, wird es dir vergelten« (Mt 6,18).

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