Jürgen Kuhlmann

Das Geheimnis des Facettenauges


Anlaß: Sonntag nach Himmelfahrt; Zeit nach Pfingsten
Botschaft: Jedes Selbstbewußtsein gleicht einer Facette
des göttlichen Auges, von innen ist Gott uns gegenwärtig.
Themen: Warum ist Jesu Fortgehen gut? - Weil nur so
Christus in uns sein kann - jedes Glied ist die Person des
Leibes - das Facettenauge - Demütiger Stolz
Ziel: Der Hörer ahnt seine Teilhabe an Gottes Leben, so wird
die Übermacht des kleinhaltenden Götzenbildes geschwächt.


»Es ist gut für euch, daß ich fortgehe« (Joh 16,7). Schmerzlich, stelle ich mir vor, haben Jesu Freunde einander bei diesen Worten angeschaut. Wie kann der Meister so etwas sagen? Was sind wir ohne ihn? Warum, Herr, so fragen auch wir, warum kann der Geist der Wahrheit nicht kommen, solange Du bei uns bist? Bist Du denn nicht bei uns alle Tage bis ans Ende der Welt? Wie bist Du aber bei uns in diesen Tagen, um die zweite Jahrtausendwende seit Deiner ersten Ankunft? Recht anders als noch vor fünfzig Jahren. Was die christlichen Kinder damals von ihren Eltern und Lehrern als selbstverständlich annahmen, das ist den meisten Kindern heute nur eine fremde, veraltete Seltsamkeit, die mit ihrem Leben nichts zu tun hat. Bist Du von unserer Zeit fortgegangen? Sollte das wirklich gut für uns sein? In welchem Sinn? Und wer ist der Geist der Wahrheit, wie können wir und unsere Kinder Ihn erkennen?

Ein Mensch sitzt einem andern gegenüber, sie schauen sich an. Jeder weiß: Ich bin ich, du bist du, ich bin nicht du und du bist nicht ich. Das sind, so scheint es, lauter klare Wahrheiten. Ebenso, wenn eine Frau vor dem Spiegel sitzt und sich anschaut. Sie weiß: Das Gesicht da, das bin ich. Ich bin ich, und der Rest der Welt ist nicht ich. - Anders, wenn eine Gruppe vor einem großen Spiegel sitzt. Da weiß jeder: Was wir da sehen, das sind wir, und ich bin dabei. Und ebenso stimmt: Wer uns da im Spiegel sieht, das sind wir, und ich bin dabei. Ich gehöre zum Anblick und ich gehöre zum Blick. Was wir sehen, ist mir nichts Fremdes, denn ich bin dabei. Und wer uns sieht, ist mir kein Fremder, denn ein Teil des Schauenden bin ich selbst. Nehmen wir an, es gehe um eine Gerichtsverhandlung und der Beschuldigte sei ich: Dann macht es schon einen wichtigen Unterschied, ob zu der richtenden Instanz auch ich gehöre oder nicht. Spricht ein fremder Richter oder eine Gruppe von Geschworenen mein Urteil, dann fühle ich mich schlimmer ausgeliefert, als wenn um den Wohnküchentisch herum der Familienrat über mich berät, zu dem ich aber als gleichberechtigtes Mitglied auch selbst gehöre, so daß das Urteil auch von meiner eigenen Sicht der Dinge mit bestimmt wird. Ein solches Gericht erkenne ich lieber an als einen fremden Spruch, der von außen her nach mir greift.

»Es ist gut für euch, daß ich fortgehe.« Warum? Weil Jesus auf Erden, bei aller Freundschaft, den Seinen doch ein anderer, ein Fremder war. Du bist nicht ich, ich bin nicht du, wußte auch Petrus, während er mit Jesus sprach. Durch Jesu Tod und Auferstehung aber ist diese Fremdheit verschwunden: »Ich lebe, aber nicht mehr ich, Christus lebt in mir« (Gal 2,20), so hat Paulus die selige neue Verbundenheit des Jüngers mit dem verherrlichten Meister erlebt und ausgedrückt, nichts anderes meint auch seine Rede vom Leib Christi, zu dem wir, die Glaubenden, als Glieder gehören. Denn seinen Fingern, Zehen und Ohren ist ein Mensch kein Rivale, kein gefürchteter Oberherr, sondern schlicht ihr eigenes, nicht-anderes Lebensprinzip: Ich selbst greife als Finger, schreite als Fuß, lausche als Ohr. Im Ernst so, nicht bloß irgendwie oder gleichnishaft, sondern buchstäblich und wirklich so will Christus, die gottmenschliche Person, in uns und als wir leben, wofern wir im Glauben die Seinen sind. Deshalb ist es gut für uns, daß er uns nicht sichtbar gegenübersitzt: weil wir unsere innere Selbigkeit mit Ihm sonst noch schwerer glauben könnten.

»Ihr seid Einer in Christus,« schreibt Paulus an seine Gemeinde in Galatien (3,28). Einer, heißt es klar, nicht: eines. Das göttliche Leben, zu dem wir miteinander gehören dürfen, ist unsere herzliche Gemeinschaft und zugleich eine einzige, sich ihrer selbst bewußte Person: Christus der Herr. Wie so etwas möglich sei, das ist ein tiefes, unserem Verstand undurchdringliches Geheimnis. Daß es so ist, glauben wir mit untrüglicher Gewißheit.

Hier spannt sich eine geistliche Brücke über jenen Abgrund, der den Glauben an Gott von der Überzeugung aufrichtiger Atheisten trennt. Sie lehnen oft ja nur einen solchen Gott ab, der von außen und oben über uns herrscht, ähnlich einem Diktator oder harten Chef. In einem Roman von Nabokov [Pnin, S. 113] heißt es: »Er glaubte nicht an einen Herrscher-Gott. Er glaubte vage an eine Demokratie von Geistern. Die Seelen der Toten bildeten vielleicht Komitees und diese kümmerten sich in fortdauernder Sitzung um die Geschicke der Lebenden.« Auch ein Christ darf so glauben, wenn er sich klarmacht, daß die unendliche Gemeinschaft unserer Ahnen ähnlich wie die Gemeinschaft der leiblichen Organe eines Menschen zugleich auch eine selbstbewußte Person ist: eben jener Herr-Gott, an den wir glauben, der aber kein Tyrann ist - oder bin ich ein Tyrann, weil meine Finger tun, was ich will? Ich bin doch sie! Wie gäbe es Fremdheit zwischen uns?

Unsere personhafte Selbigkeit mit Gott stimmt natürlich nur, sofern wir - in Glaube, Hoffnung, Liebe - tatsächlich zu Christus gehören, d.h. gesunde, von göttlichem Lebensblut durchpulste Glieder sind. Es gibt auch eingeschlafene Füße und trübe Augen, eitrige Finger und sonnverbrannte Haut: Wenn eines meiner Glieder aus Eigenwillen oder unter fremdem Joch krank wird, dann ist das mein Leid, nicht aber mein Wille, sondern gegen meinen Willen und führt, schlimmstenfalls, zu meiner Trennung von dem widerspenstigen Glied. Der schmerzende Zahn in meinem Munde bin ich noch selbst, mir tut er weh; der ausgerissene Zahn ist nur mehr ein lebloses Ding. Gebe Gott, daß der Vergleich hier nicht mehr stimmt, seinem extremen Ende in der Großen Wirklichkeit nichts entspricht, weil auch die scheinbar heillosesten Glieder des Gottmenschen doch zuletzt, wenigstens an der uns verborgenen Grenze ihres Lebens, noch zur Besinnung kommen und nicht in das ewige Feuer geworfen werden, sondern geheilt am göttlichen Sinnleib bleiben dürfen. Wissen können wir da nichts mehr, nur beten und hoffen.

Als besonders packendes Gleichnis kommt mir das Facettenauge der Libelle vor. Bis zu 28000 winzige Einzelaugen bilden miteinander ein Gesamtauge, mit dem das schöne Tier sich beim blitzschnellen Flug orientiert. Jede Person, auch du und ich, gleicht einer göttlichen Augenfacette. Denn nichts anderes als ein geringer Ausschnitt aus Gottes Allwissenheit ist unser waches Selbst- und Weltbewußtsein je jetzt. Wer sich das klarmacht, schwingt sich leichter zu jenem Freundschafts-Vertrauen auf, daß der Christen Gott von seinen Gläubigen erwartet. Nicht mehr Knechte nennt Christus uns, sondern Freunde (Joh 15,15); damit ist alle scheinreligiöse Selbstentfremdung prinzipiell vorbei. Nicht nur gesehen, selber blind, werden wir von Gott, sondern dürfen auch selbst, als Facetten seines Auges, mit göttlicher Sehkraft je eine ganz bestimmte Perspektive seines Blickes sein. Dies, nichts anderes, ist der tiefste Grund jener Menschenwürde, die von den modernen Verfassungen so betont wird, obwohl die moderne Wissenschaft sie immer weniger erklären kann.

Damit dieser unser höchster Stolz nicht zu Hochmut verfaule, müssen wir uns auch seiner Kehrseite bewußt werden, der allertiefsten Demut. Hören wir deshalb die liebenswürdige Mystikerin Simone Weil (+ 1943, mit 34 Jahren): »Die Notwendigkeit, daß Gott mich liebt, kann ich nicht begreifen, da ich doch so deutlich fühle, daß sogar bei den Menschen Zuneigung zu mir bloß ein Mißverständnis sein kann. Aber ich stelle mir mühelos vor, daß er diese Perspektive der Schöpfung liebt, die man nur von dem Punkt aus haben kann, wo ich bin. Doch ich verstelle diese Aussicht. Ich muß mich zurückziehen, damit er sie sehen kann. Ich muß mich zurückziehen, damit Gott mit jenen Wesen in Berührung treten kann, die der Zufall auf meinen Weg stellt und die er liebt.« (Schwerkraft und Gnade; Kap. Auslöschung)

Das heißt: Damit Gottes Blick in meinem Innersten seine Welt, vor allem meine Mitgeschöpfe, klarer erblicken kann, muß ich die Augenfacette, die ich bin, von ihren Trübheiten reinigen: von Eitelkeit und Egoismus ebenso wie von Sklaverei und Götzendienst. Weil der Schmutz der Welt die Linse immer wieder trübt, deshalb ist solche Reinigungsarbeit ein Lebensprogramm, mit ihm sind wir erst dann fertig, wenn wir überhaupt restlos fertig sind, weil wir nicht mehr können, nicht mehr werden, sondern wie damals Jesus aus der Gemeinschaft unserer Freunde scheinbar fortgehen und - so hoffen wir von Gott - DANN ganz bei ihnen sind, wenn wir endlich aufwachen dürfen ins Sein.

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