Jürgen Kuhlmann

Dreifaches Gegengift


Anlaß: Dreifaltigkeits-Sonntag; Meditations-Katechese
Botschaft: Das göttliche Leben, das sich uns schenkt, läßt
sich als Ineinander dreier Grundbeziehungen meditieren.
Themen: Das Dogma als Arznei gegen Geistesvergiftungen -
Religion gegen das Gift der Sinnlosigkeit - Menschenrechte
gegen das Gift der Unmenschlichkeit - Urvertrauen gegen das
Gift der Angst - Heilswürfel der drei Sinndimensionen
Ziel: Der Hörer erfährt an sich die erlösende Dreispannung.


Es ergeht der Christenheit wie einem Kind. Bevor es zu einer Reise aufbricht, hängt die Mutter ihm ein Brustbeutelchen um und sagt: Kind, du kommst durch gefährliche Länder mit allerlei giftigen Schlangen. Hier hast du ein Fläschchen mit Gegengift. Sobald eine Schlange dich beißt, trink davon, auf daß ich dich auch gesund wiedersehe. - Ja ja, erwidert das Kind zerstreut; gar nicht recht hingehört hat es, so sehr erfüllt die Vorfreude seinen Sinn. Tatsächlich beißt eine Viper es ins Bein. Sterbenskrank, denkt es doch nicht an das Gegengift. Zum Glück ist in dem Beutel auch ein Papier mit der Telefonnummer der Mutter; die Leute rufen sie an, flößen dem Kind daraufhin die Medizin ein, und so wird es gerettet.

An ein solches geistiges Gegengift erinnert uns das heutige Fest. Die Dreieinigkeitswahrheit ist das Heilmittel gegen die schlimmsten seelischen Vergiftungen. Vermutlich wundert Sie das; vielen Christen kommt dieses Dogma ja eher wie ein Rätsel vor, ein Denksport für theologische Spezialisten, aber ohne Lebenswert. Man hat die Medizin vergessen, kennt nicht die Kraft dessen, was einem doch so nahe ist und wunderbar helfen könnte, wollte man ihm nur vertrauen. Machen wir die Probe! Ob bei einer Vergiftung das Gegengift wirkt, das ist keine Frage abstrakter Theorie. Der Kranke spürt, wenn es ihm besser geht. Kann ich wohl meine Erfahrung des dreieinigen Heils so sagen, daß Sie davon angesteckt werden? Besser: daß Sie seine in Ihnen selbst längst wirkende Heilkraft deutlicher wahrnehmen? Sehen wir zu. Drei grundverschiedene ungeistliche Gifte bedrohen unsere seelische Gesundheit. Da Gott dreifaltig ist, d.h. eine Beziehungseinheit dreier Seinspole, macht alles krank, was einen dieser Heilspole abstreitet, uns aus den Herzen reißen will.

Beginnen wir mit der Gefahr, vor der die Kirche am deutlichsten warnt. "Ohne Gott ist alles sinnlos," mahnt ein frommer Werbespruch. Ja: Hielte Gott die Welt nicht in seiner guten Hand geborgen, was wäre sie dann? Nichts als ein blindes Feuerwerk aus Zufall und Notwendigkeit. Wir Menschen wären so etwas wie Hobelspäne der Evolution. Alles wäre erlaubt, nichts hätte einen Sinn. Ähnlich den Ziffern einer Digitaluhr würde jeder von uns aus dem Nichts auftauchen und ins Nichts verschwinden, ebenso die Menschheit als ganze. Wie ein Raumschiff, das sich verirrt hat, triebe die Erde ziel- und steuerlos durchs All, noch mit und bald ohne uns.

Machen wir uns nichts vor: Das ungefähr ist vieler Menschen Grundgefühl. Sie sind Opfer einer der drei Giftschlangen, des Nein gegen Gott. Ob sie den tief drinnen nagenden Wurm dann durch Karriere, Sex oder andere Drogen betäuben wollen, darauf kommt es nicht sehr an, solchen Mittelchen widersteht er leicht. Kyrie eleison! Heilung finden sie erst, wenn sie sich zum Glauben an die Liebe durchringen und innerlich annehmen, daß nicht leere Gleichgültigkeit Grundprinzip des Seins ist, sondern das persönliche Wohlwollen dessen, den Jesus sogar am Kreuz noch Vater genannt hat. "Im Namen des Vaters," so beginnt die Formel des seelischen Gegengiftes.

Sie geht aber weiter. Isoliert, bringt jeder Bestandteil nicht Heilung, sondern Tod! Auch das Bekenntnis zum einen Gott wird schnell giftig, wenn es nicht zugleich im Zeichen auch des Sohnes, d.h. des Menschen steht. Wozu religiöse Fanatiker im Namen Gottes fähig sind, das zeigt seit Jahren das traurige Beispiel des Iran. Wir Christen haben aber keinen Grund zum Hochmut; unsere Scheiterhaufen und Schlachtfelder, wo zur größeren Ehre Gottes die Menschen zu Tausenden hingemordet wurden, verbieten uns jedes überhebliche Wort gegen fremde Religionen.

Vielmehr müssen alle, die Gott dienen möchten, sich gemeinsam der bitteren Einsicht stellen: ebenso giftig wie die Schlange der Gottlosigkeit ist ihre Schwester, die religiöse Unmenschlichkeit. Sie leugnet die Menschenrechte, den göttlichen Anspruch des Einzelnen - auch dann, wenn sie (christlich) scheinbar "im Namen des Sohnes" auftritt. Der Sohn wird von ihr aber nicht als gleichwertiger Gegenpol Gottes des Vaters gewichtet; statt ernsthaft die Balance auszuhalten zwischen Gott dem himmlischen Du und dem irdischen Ich des Menschensohnes, das in uns allen lebt (Joh 15,5; Gal 2,20) und im scheinbar letzten Menschen geachtet sein will, statt dieses heilsnotwendigen Seiltanzes also hat die Christenheit beide Pole in den Himmel verlegt und den Sohn allzu einseitig zur Rechten des Vaters sehen wollen, hingegen seine Realpräsenz im Ich der Juden und Ketzer, Neger, Indianer usw. als ungöttlich verachtet, geschunden, umgebracht. Eben deren Würde jedoch preist das Bekenntnis zu Jesu Gottheit. Christe eleison! Nicht ohne seine Glieder will der Menschgewordene verehrt sein.

Merken Sie, wie der Dreieinigkeitsglaube gegen das Gift unmenschlicher Religion wirkt? Göttlich ist nicht Gott allein, das unendliche Du im Himmel, göttlich ist vielmehr die unendlich schwingende Beziehung zwischen DIR, Gott, und MIR dem ewig geliebten Menschenkind in jeder Evastochter und jedem Adamssohn. Das lehrt der christliche Glaube, bloßer Monotheismus ist im Vergleich dazu eine heillose Häresie. Um seine vergiftende Falschheit schärfer zu durchschauen, sollte die Kirche demütig von den Atheisten lernen; ohne ihre Kritik würde dieser Teil des Gegengiftes uns fehlen. Sobald jemand den Unnennbaren nennt, den Unschaubaren in Bilder bannt, droht Götzendienst und Aberglaube; davor schütze uns der prophetische Dienst der Gottlosen, die immer wieder das Schmutzwasser weggießen - freilich wird der Christ nicht, wie sie, mit dem Bade das Kind ausschütten.

"Und im Namen des Heiligen Geistes," so endet die Formel der geistlichen Medizin. Gegen welches Gift richtet sich ihr dritter Bestandteil? Gegen die Angst. In welchem Mangel kommen diensüchtige Religion und selbststolzer Humanismus überein? Beiden fehlt jenes Urvertrauen, das sich fraglos in der Liebe der Mutter geborgen fühlt. Der Grund des Ganzen als lebenspendender Schoß, aus dem niemand herausfällt, außer er stürzt sich selbst in Haß und Einsamkeit: das ist "der" Heilige Geist. Bedenken Sie immer (zum Glück spricht es sich mehr und mehr herum, gehört hoffentlich bald zum christlichen Allgemeinwissen): Ruach, das hebräische Wort für Geist, ist weiblich und verwandt mit den Wörtern für Mutterschoß und Barmherzigkeit. Sprach Jesus vom Heiligen Geist, dann dachte er bestimmt nicht an einen irgendwie gestaltosen Er, auch nicht an eine Taube, vielmehr an "das ewig Weibliche" (aus dem Schluß des Faust): jene umgreifende Zärtlichkeit des Universums, die jeden Menschen irgendwann anrührt. Ohne ihre Erfahrung gibt es kein Glück.

Warum ist SIE, die Göttin, in der Christenheit bislang so sehr verdrängt worden? Das hat manche Gründe, schlechte und gute. Ein guter Grund lag z.B. in den gräßlichen Formen, die der Kult der Großen Mutter in der Antike angenommen hatte; noch den heutigen Leser schaudert es, wie Augustinus die kastrierten Jünglinge beschreibt, die ihr in Karthago geweiht waren. Daß die junge Kirche von so etwas nichts wissen wollte, ist klar. Heute berechtigt uns nichts mehr, die weibliche Grundstimmung der göttlichen Liebe weiterhin zu verschweigen. Agape eleison!

Natürlich dürfen wir die ehrwürdige Sprache der Liturgie nicht eigenmächtig ändern. Doch rate ich Ihnen, beim privaten Gebet ruhig einmal Ihren Glauben an die Dreifaltigkeit genauer auszudrücken, etwa so: Im Namen des Vaters und des Kindes und der Heiligen Liebe. Ein Arzt, der in einem bayerischen Müttergenesungsheim viele depressive Frauen behandelt hat, vermutet einen Grund ihres Trübsinns im Kreuzzeichen mit seinem dreimaligen "des". Schon die kleinen Mädchen wußten: Im Himmel ist alles männlich, Maria ist bloß die Magd. Dadurch sei die Würde dieser Frauen tief verletzt worden. - Das also sind die beiden Hauptgründe für die Anbetung der Göttin: zum einen bedürfen wir alle Ihrer Huld, zum andern sollen wir wissen, daß Weibliches und Männliches absolut gleichberechtigt sind, wie auf Erden so im Himmel.

Lassen die drei Richtungen des Heils sich auch zusammen verstehen? Ja, deshalb folge hier eine christliche Meditations-Anleitung. Denn "was kein Verstand der Verständigen sieht, das übet in Einfalt ein kindlich Gemüt" (Schiller). Spüre also: Ich bin dreifach gespannt; gehalten von drei federnden Seilen, schwinge ich als lebender Punkt irgendwo im ungeheuren Würfel des Seins. Senkrecht hänge ich ganz und gar ab von DIR, Vater, während ich nach unten zu mit Christus im Geringsten seiner Geschwister verbunden bin. Von hinten her hält mich IHRE Huld, das Liebes-Wir der Heiligen Gischt, die sich durch mich nach vorn zu jeglichem Lebewesen erstreckt, das auf meine Freundlichkeit angewiesen ist. Von rechts her schließlich bejaht und zieht mich mein tief-inneres göttliches SELBST, während links mein je bestimmtes Ich sich von mir angenommen weiß. Meine Höhe ist der ältere Sohn, meine Breite der jüngere, meine Tiefe die kleine Schwester auf dem Schoß der Mutter. Im Heil lebe ich nur, sofern alle drei Spannungen mich durchschwingen.

Es kann leicht sein, daß diese Worte Ihnen seltsam vorkommen. Theoretisch klingen sie so kompliziert wie irgendeine technische Montage-Anweisung. "Wer aber die Wahrheit tut, kommt ans Licht" (Joh 3,21), fühlt begeistert, wie die zerreißenden Widersprüche von Gehorsam, Selbständigkeit und Vertrauen sich in gesunde Gegensätze wandeln: denn Höhe, Breite und Tiefe (vgl. Offb 21,16c!) sind zueinander so total anders, daß sie miteinander total eins sind: das dreieine LEBEN in uns.

Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/kuhlmann/dreigift.htm

Weitere Predigten

Kommentare bitte an Jürgen Kuhlmann