Jürgen Kuhlmann

Advent - heilsame Wartezeit


Anlaß: Adventszeit
Botschaft: Die Adventsstimmung entspricht einer tiefen Wahrheit; auch Christen sind Wartende.
Themen: Stimmung aus gegensätzlichen Gefühlen - schon erlöst oder noch nicht? - drei "innere Zeiten" - Der Mensch als werdendes Bild - vorher: einseitige Suche - jetzt: Entscheidung - nachher: ausbalancierende Vereinigung - das zentrale Jetzt: Christus - Ernst des Advents - Zeit der besonderen Solidarität mit den Juden
Ziel: Der Hörer entdeckt neu den existentiell notwendigen Sinn der Vorbereitung auf das volle Heil


Advent - welche Gefühle weckt das Wort seit unserer Kindheit? Dunkelheit draußen, Tannengrün und Kerzen drinnen, vor uns das Fest und die Ferien, alles das verbindet sich zu einer feierlichen Grundstimmung: wir warten. Jeder Tag ist kürzer als der vorige, mit jedem verkürzt sich aber auch die Wartezeit bis zum großen Tag, der uns - so hoffen wir - manches Schöne bringen wird. So ungefähr fühlt ein Kind im Advent. Ist es fromm, dann lebt mitten in solchem Warten die Freude darauf, daß der Heiland geboren wird. Nimmt es an der Liturgie der Kirche teil, so weitet sein Warten sich ins Große, ja Kosmische: Der Prophet Jesaja sagt dem verbannten Judenvolk und der ganzen Erde Gottes überquellendes Heil an; Jesus mahnt in seinen Endzeitreden an das Jüngste Gericht und die Vollendung der Welt. Das wiederholt sich Jahr für Jahr, während aus dem Kind ein Erwachsener wird; die gegensätzlichsten Eindrücke - Vorfreude und Bangnis, Trost, Schrecken und Hoffnung - fügen sich zur unverwechselbaren christlichen Adventsstimmung zusammen. Überstrahlt wird sie von der sieghaften, Himmel und Erde mitreißenden Zuversicht: "Richtet euch auf und erhebt eure Häupter! Denn es naht eure Erlösung" (Luk 21,28).

Wir vertrauen: diese Stimmung wird uns durch die Kirche von Gott ins Herz gegeben. Trotzdem dürfen wir uns fragen - denn unser Gottesdienst soll "vernünftig" sein (Röm 12,1): Wie können die widersprüchlichen Gefühle im Verlauf des Kirchenjahres alle miteinander wahr sein? Schließen sie sich, wenn wir ehrlich sind, nicht gegenseitig aus? Einmal heißt es: der Christ ist schon erlöst, dann sollen wir auf die Erlösung noch warten. Jetzt sollen wir trauern und büßen, dann jubeln. Wie reimt sich das zusammen? Gottes Wahrheit kann doch nicht in der einen Woche so sein und in der nächsten das Gegenteil! Sondern jedes wahre Grundgefühl stimmt immer. Wahrscheinlich sieht unser Herz da kein Problem. Aber der Verstand. Und weil es für das Herz und auch für die Weitergabe des Glaubens eine Hilfe ist, wenn der Verstand zu seinem Recht kommt, deshalb fragen wir uns: Wie verhält sich die Adventsstimmung zu unserem Glauben insgesamt?

Ziel der Wege Gottes ist es, daß die Schöpfung an seiner eigenen Fülle Anteil erhält. Denn aus überströmender Güte will das unendliche Licht sich in die Buntheit aller Farben und Formen hinein ergießen. Jeder von uns, überhaupt jegliches Lebewesen irgendwo im weiten All gleicht einem besonderen Bild, ist eine einmalige Kombination solcher Farben, die in der Kraft des Lichtes möglichst hell leuchten sollen. Damit das möglich werde, sind Raum und Zeit erschaffen worden. Für Gott selbst gibt es keine Zeit, ER ist das ewige JETZT, die reine Gegenwart des Seins. Wir Geschöpfe aber brauchen die Zeit, sonst könnten wir nicht werden. Und zwar leben wir, in jedem Augenblick der äußeren Zeit, in drei "inneren Zeiten" zugleich. An Gottes Gegenwart gewinnen wir Anteil, indem wir uns zuerst auf die Zukunft konzentrieren und dann die Vergangenheit durcharbeiten. Das klingt vorerst rätselhaft, ein Gleichnis möge klären, was gemeint ist.

Stell dir vor, du sollst ein riesiges Dia werden, bestehend aus vielen kleinen Dias, die Stunde um Stunde während deines Lebens entstehen. Weil das Bild dich bedeutet, soll es auch ganz dein Werk sein. Denn wohl ist Gott unser Schöpfer, nicht ohne uns aber, auch nicht irgendwo über uns oder vor uns (als Pro-grammierer). Sondern durch unsere Freiheit hindurch schafft uns der Schöpfer; wir dürfen sogar sagen: unsere Freiheit ist ein Funke im innersten kreativen Feuer.

Damit das Dia Gestalt annimmt, mußt du dreierlei tun: zum einen JETZT auf den Auslöser drücken: insofern lebst du in der Gegenwart. Zum andern mußtest du VORHER nach dem rechten Motiv suchen und dich dabei jeweils auf einen bestimmten Ausschnitt konzentrieren: insofern lebst du in der Zukunft, weil die entscheidende Tat noch auf dich zu-kommt. Zum dritten mußt du NACHHER die entwickelten Bilder vergleichen und zusammenstellen, damit aus winzigen Teilen ein Gesamtbild sich formt.

Ich hoffe, das Gleichnis ist Ihnen deutlich geworden. Fassen wir die drei Etappen zusammen: Im VORHER tummle ich mich zwar frei unter vielen möglichen Bildern herum, aus bin ich aber auf ein einziges, das beim nächsten "klick!" real werden soll. Zwar nicht genau, aber doch ungefähr weiß ich, was ich suche, und konzentriere mich auf einen Motivbereich. Dessen Gegensätze zu anderen Möglichkeiten werden nicht als Reichtum, sondern bloß als Störung bewußt, und zwar notwendigerweise! Angenommen, ich suche derzeit nach einer wunderbar roten Rose: gerät mir nun eine gelbe Tulpe vor den Sucher, dann nehme ich sie nicht in ihrer eigenen Pracht wahr, sondern verwerfe sie und suche weiter. Im JETZT wird ein durch und durch bestimmtes Motiv gewählt und für immer als Teil meiner selbst fixiert. NACHHER endlich konzentriere ich mich nicht mehr, wie vorher, auf die Widersprüche der verschiedenen Bilder, sondern auf ihre Vereinbarkeit: Rose, Tulpe und Kornblume streiten nicht mehr gegeneinander, sondern treten zu einem umfassenden Bild zusammen. Versuchen wir, den Unterschied von VORHER und NACHHER noch genauer zu begreifen. VORHER geht es um das Unterscheiden des einen vom andern: ich achte jeweils nur auf eines, während alle Gegensätze dieses einen zu Widersprüchen abgewertet, weggelassen werden müssen. NACHHER geht es um das Vereinen des einen mit dem andern; ihre Gegensätze werden nunmehr als Beziehungen, Polaritäten gewertet und zu einem reicheren Ganzen zusammengetan. Der Phasenunterschied zwischen VORHER und NACHHER bezieht sich also auf die Bewertung der Gegensätze: VORHER müssen sie einander ausschließen, NACHHER dürfen sie sich gegenseitig einschließen.

Auch die mittlere Phase, das schöpferische JETZT, wird von beiden Seiten her gegensätzlich beleuchtet. Vom VORHER aus gesehen, ist es das Ende einer "Abhackerei" (das ist der Wortsinn von lateinisch de-cisio, wie die romanischen Sprachen und das Englische die Entscheidung nennen): soviele mögliche Triebe, die auch hätten wachsen können, mußten von der Freiheit niedergehauen werden, damit einer zum wirklichen Baum werden darf. In unserem Vergleich: Soviele Ausschnitte wurden im Nichts belassen, bis es "klick" macht. Keine Schöpfung ohne Verzicht. Vom NACHHER aus gesehen, gilt eher der deutsche Name: JETZT geschieht die Ent-scheidung: die Zeit des Ausscheidens, Abtuns ist vorbei, die gültige Gestalt wird erschaffen, nicht als verschlossenes Einzelnes aber, sondern offen und aufnahmebereit: die eine Pflanze wächst aus dem Humus der vielen Möglichkeiten; der gewählte Ausschnitt verlangt nach seiner Ergänzung durch viele andere Teilbilder.

Für den christlichen Glauben vollzieht sich das zentrale JETZT der Geschichte in Leben, Tod und Auferstehung Jesu. Sein VORHER ist die Karfreitagsseite des Christus-Ereignisses: vom Urknall des Universums bis zu Jesu letztem Atemzug am Kreuz währte Gottes Suche nach dem alles zusammenfassenden Sinn der Welt, erst JETZT ist er vollbracht. Das NACHHER beginnt mit Ostern und erstreckt sich bis zum Jüngsten Tag; jede Lebensgestalt, wann und wo immer sie wirklich wurde, soll als Glied in den geheimnisvollen Leib Christi eingefügt werden.

Wie verhalten die drei inneren Zeiten sich zur äußeren Zeit, die von Uhr und Kalender gemessen wird? Zu ihr stehen sie quer. In jedem Moment unseres wachen Lebens haben wir teil am JETZT, der Auslöser macht "klick" und ein Bild steht für die Ewigkeit fest; ob ich gerade freundlich oder böse schaue, da ist nichts mehr zu ändern. Jederzeit ist es auch schon NACHHER; eine Menge von Dias, die mich bilden, liegt bereits vor, soll verglichen und kom-poniert werden. Und solange wir atmen, ist es immer auch noch VORHER: "Es ist noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden" (1 Joh 3,2), weil wir es eben noch nicht sind, sondern durch künftige Freiheitstat erst werden. Ob der Augenblick des Sterbens gar die letzte, alles zusammenfassende, größte Tat des Menschen sein wird, darüber wissen wir nichts. Unser Gott weiß es, das genügt. Jede der drei Zeiten ist immer wahr, aber nicht jede kann stets dran sein, unser Bewußtsein zu prägen; ihre Fülle bewältigt unser armer Sinn nicht auf einmal.

Damit hat sich uns der Sinn der Adventszeit im Ganzen unseres Glaubens erschlossen. Denn das Kirchenjahr ist eine wunderbare Erfindung Gottes; dank seiner können - ganz ohne Theorie - schon Kinder die Heilsstruktur der drei Zeiten erfahren, ohne die es keine Teilhabe geschöpflicher Buntheit am göttlichen Licht gäbe. Die Hohen Feste - Weihnachten und Ostern, Erstkommunion oder Konfirmation, Hochzeit oder Priesterweihe - sie bedeuten das göttliche JETZT, da das Heil sich ereignet, indem aus vielen Möglichkeiten eine erwählte Wirklichkeit aktuell und in Gott hinein gerettet wird, um dann alles Übrige erlösend in sich aufzunehmen.

Advent, Fasten- und Passionszeit betonen die Etappe des VORHER: da gilt es zu suchen, zu warten, Un-Heil zu ertragen. "Heil" bedeutet ja "ganz" (vgl. englisch "whole"); ein Ganzes kann sich aber in der Welt des Vielen nur so gestalten, daß zunächst ein bestimmtes, zu allem Übrigen widersprüchliches Motiv in all seiner abweisenden Einseitigkeit ausgehalten wird. Weil und während ich die Rose suche, muß ich auf Tulpe und Kornblume verzichten, und das tut weh, ihnen und mir. Wenn ich aber aus Wehleidigkeit die fremden Blumen nicht ausschließe, dann bleibt das Köstlichste, was die Rose nur allein bieten kann, mir versagt. Das VORHER nötige Nein muß in seiner Wahrheit angenommen und in seiner Härte eingeübt werden; wer das nicht schafft, wird nichts schaffen.

Mir scheint, von daher lassen sich auch jene schroffen Einseitigkeiten als notwendig akzeptieren, mit denen die Pioniere unentfalteter Geistesdimensionen - auch in der Kirche - behaftet sind, bis hin zu den heute umstrittenen Namen. Wer die abgeklärte Ausgewogenheit, mit der spätere Handbücher sie ins umgreifende Spannungsfeld einordnen, schon von ihnen selbst verlangt, der hat das Prinzip der Heils-Geschichte zugunsten einer unchristlich-zeitlosen Plattheit verraten. Die spätere Kirche, in der frühere Auswähler zu Kirchenlehrern avancieren, sie ist zu deren Lebzeiten keineswegs schon das gerechte Ganze, tritt vielmehr als amtlicher Gegenpol auf, in welchem die kat-holische Wahrheit des Ganzen und das einseitige Interesse zukunftsscheuer Kreise unentwirrt verquickt sind. Ist deren Position noch erwählter Jude oder schon verstockter Judaist? Ist der Gegenstandpunkt noch verworfener Heide oder schon gleichberechtigter Heidenchrist? Das ist das Geheimnis der Herzen und ihres ewigen Richters; objektiv-tatsächlich ist nicht feststellbar, welche innere Zeit einem Menschen dran ist. Finden nicht sogar die Kardinäle gegen Galilei heute wieder Sympathie? Hat nicht erst die Informationstheorie uns verstehen lassen, inwiefern die Erde, weil sie alle bekannten Himmelskörper durch ihre ungeheure Bit-Menge übertrifft, doch die - oder mindestens eine - Mitte des Kosmos ist?

Weihnachts-, Oster- und Pfingstzeit endlich bedeuten das NACHHER. Die Widersprüche, früher notwendig, sind nunmehr überwunden, da ist nicht mehr Heide noch Jude, sondern die neue Schöpfung; im Sturmbraus des Heiligen Geistes werden alle Sprachen verstanden.

Das Kirchenjahr ist aber nicht die einzige Weise Gottes, uns Menschen das innere Zeitgefüge erleben zu lassen. Nicht nur als symbolisches Nacheinander zeigt es sich, auch als Nebeneinander gegensätzlicher Glaubensweisen innerhalb der Ökumene. Da ist den Christen die Darstellung des JETZT anvertraut; an den Hochfesten kommt ihr Glaube ganz zu sich: "das ist HEUTE", weiß die katholische Liturgie. - Die Juden sind (und bleiben!) das Volk der Verheißung, des VORHER: sie warten stets auf den Messias, und wir mit ihnen. Denn Christi Ankunft hat zur Zeit Jesu erst ihre historische Mitte erreicht, vollendet wird sie am Jüngsten Tage sein. Sofern auch die Christen - wie jeder Mensch - noch im VORHER leben, ist das jüdische Warten auch ihre innerste Wahrheit. Lebt nicht in jedem von uns jene Eva und jener Adam, die voller Sehnsucht der Ankunft ihres Befreiers aus dem Kerker des drückenden Un-Heils entgegenbangen? "Advenisti desiderabilis" (hochersehnt bist du gekommen), so grüßen die beiden ihn auf einem alten Bild im Dom zu Erfurt, während die grausigen Wachtteufel zähnefletschend weichen. - Das NACHHER ist hingegen die Wahrheit der Heiden: Mit ihnen blicken wir auf das Heilsereignis zurück, das in mythischer Vorzeit geschah, ja vor aller Zeit: denn "durch ihn (Christus den Auferstandenen) ist alles geschaffen" (Kol 1,16). Wie kann das aber sein? Nun, sogar ein menschlicher Dichter kann einen Roman im Hinblick auf seine Hauptszene beginnen; wieviel mehr beseelt Gottes ewiges Nun, das sich im Christus-Ereignis offenbart, von Anfang an den Herzschlag des Alls. - Natürlich leben Heiden und Juden als Personen ebenfalls in der Spannung aller drei inneren Zeiten, irgendwie zeigt sie sich gewiß auch in ihren Glaubensformen. Doch dürfen wir auch die Ökumene insgesamt als ein wirkungsvolles Ausdrucksfeld dieser Heilsspannung ernstnehmen.

Zum Schluß rate ich deshalb den Christen: Suchen wir während der Adventszeit besonders das Gespräch mit unseren jüdischen Glaubensgeschwistern. Denn von niemandem können wir besser jenes Grundgefühl lernen, das auch uns erwartungsvoll rufen läßt: Komm!

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