Jürgen Kuhlmann

Weihnachten und Chanukka - ein Fest in zwei Festen


Vorbemerkung: Mit dem Titel »Das jüdische Baby und die Augen des Glaubens« ist dieser Beitrag erschienen in der Weihnachtsnummer (24/1997, 46-48) von Publik-Forum.

Am 19. Dezember berichtete die FAZ, daß kurz vor Weihnachten in den Gärten des Papstes das erste Chanukka-Licht entzündet wird, im Beisein des stellvertretenden israelischen Ministerpräsidenten Katzav, und zwar neben jenem Ölbaum, der 1965 gesät worden war, zur Erinnerung an die Konzilserklärung »Nostra Aetate«, durch die in der Beziehung zwischen katholischer Kirche und Judentum ein Durchbruch erzielt worden war.


Anlaß: Das Zusammenfallen des jüdischen Chanukka und des
christlichen Heiligen Abend am 24. Dezember 1997
Botschaft: Beide Feste werden ähnlich gefeiert, bedeuten
Verschiedenes, symbolisieren aber dasselbe Heil: Gottes
Gegenwart in Seinem Tempel.
Themen: Das Christkind: ein Judenbaby - vor Gott bleibt
der jüdische Glaube gültig - Ursprung des Chanukka-Festes -
drei Sinnschichten - in den Bräuchen: ähnlich
- geschichtlich: verschieden - symbolisch: eins - Jesu Leib ist für
Christen der wahre Tempel - für Juden bleibt es der Tempel
von Jerusalem - Gebet um Zukunft des Glaubens.
Ziel: Der Hörer lernt es, jenen fremden Glauben, in welchem
Jesus gelebt hat, auch in seiner heutigen Gestalt zu achten.


Wen feiert heute die Christenheit? Ein jüdisches Baby. Hätte vor sechzig Jahren ein deutscher Pfarrer seine Ansprache so begonnen, wer weiß, wie es ihm ergangen wäre. Wer es heute tut, kommt in kein KZ, spürt aber vielleicht peinliche Blicke mancher Zuhörer. Gewiß war Jesus ein jüdisches Baby - kommt es aber darauf an? Wenn Gott selbst einer von uns wird: dann ist doch genau das die ungeheure Neuigkeit. Christus hat die Mauer niedergerissen, die uns, die Heiden, von Gottes Volk ausschloß (Eph 2,14). In Christus »gibt es nicht mehr Juden noch Griechen«.

Paulus fährt jedoch fort: »Nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau, sondern ihr alle seid Einer in Christus Jesus« (Gal 3,28). »Es gibt nicht mehr Mann und Frau«, damit kann der Apostel nicht meinen, dieser Gegensatz sei verschwunden. Das ist unmöglich, auch nicht wünschenswert. Paulus kann nicht einmal meinen, daß es mit jeder Vorherrschaft des einen Geschlechts vorbei sei. Das war es damals nicht und auch heute werden vielerorts Frauen für die gleiche Arbeit schlechter entlohnt als Männer, immer noch gibt es viel mehr Chefärzte als Chefärztinnen.

Nur in einer Hinsicht stimmt der Satz: In Christus, das heißt was die innerste Würde jedes Menschen betrifft: da sind Frauen und Männer gleichberechtigt. Daß sie es kraft der deutschen Verfassung auch vor dem Gesetz sind, ist eine späte Frucht jenes urchristlichen Geistes. (Man sieht daran, daß die Rede von unserer »christlichen Kultur« doch nicht ganz falsch ist.) Männer und Frauen sind aber verschieden, nur als Spannung bleibender Gegensätze wirkt ihre tiefe Einheit sich fruchtbar aus.

Ähnlich ist es mit Juden und Heiden. Wenn frühere Christengenerationen meinten, das Judentum sei von Gott abgetan, all seine Wahrheit sei in der Kirche aufgegangen: dann war diese Meinung nicht ein Stück des unfehlbaren Glaubens, vielmehr Irrtum, ja: Lüge. Vor diesem harten Wort sollen wir uns nicht fürchten. »Die Menschen lügen alle,« klagt bereits der Psalmist (116,11). Was mögen wohl glaubende Menschen späterer Jahrhunderte einmal über uns sagen, in welchen unserer Selbstverständlichkeiten werden sie ein ähnlich wüstes Gemisch aus Irrtum und Lüge entdecken wie wir in den schlimmen Auslassungen vieler unserer Vorfahren über die Juden? Heute sind in allen Kirchen die wachsten Christen überzeugt: Der Glaube der Juden bleibt vor Gott gültig.

Erst die Schande unseres Jahrhunderts, der Mord an Millionen von Juden, den Deutsche getan und andere absichtlich nicht gehemmt haben (obwohl sie das Bahngleis nach Auschwitz leicht hätten zerstören können), erst der Holocaust hat die Herzen der Christen aufgeweckt, so daß sie endlich begreifen: »Unwiderruflich sind Gnade und Berufung, die Gott gewährt« (Röm 11,29).

Warum dieses Thema ausgerechnet an Weihnachten? Weil 1997 zwei Große Feste beider Religionsgemeinschaften auf denselben Tag treffen. Christen feiern den Heiligen Abend, Juden den Ersten Feiertag von Chanukka, dem Lichterfest.

Es erinnert das jüdische Volk an eines der vielen Ereignisse, da ihm nach schlimmen Jahren ein neuer Anfang geschenkt wurde, spürbares Zeichen dafür, daß Gott es nicht für dauernd im Unglück läßt. Es war zur Zeit des zweiten Tempels in Jerusalem, vor fast 2200 Jahren. Das Volk war aus der babylonischen Gefangenschaft ins Land Israel zurückgekehrt und hatte den Tempel wieder aufgebaut. Doch blieb es fremden Großmächten untertan, zuletzt den Königen von Syrien. Antiochus IV. wütete besonders grausam, viele Unschuldige wurden niedergemetzelt. Der König ließ eine Zeus-Statue in den Tempel stellen, verbot Sabbat und Beschneidung. Zuletzt wollte er selbst als Gott verehrt werden.

In einem Dorf brach dann der Aufstand los, der zum Makkabäerkrieg führte. Ein Priester und seine fünf Söhne verweigerten den Götzendienst, erschlugen die fremden Soldaten und zogen sich in die Berge zurück. Andere stießen zu ihnen, unter der Führung von Judas dem Makkabäer stand bald eine große Partisanenarmee. In mehreren Schlachten wurden die syrischen Truppen besiegt. Im Jahr 165 eroberten die Juden den Tempelberg zurück. Als Priester den Leuchter anzünden wollten, fand sich nur mehr ein einziges Ölfläschchen mit dem Siegel des Hohenpriesters. Es hätte höchstens für eine Nacht gereicht. Trotzdem wurde der Tempel mit großer Freude neu geweiht. Und - o Wunder - acht Tage hat das Licht gebrannt, bis frisches Öl bereitet war. Zur Erinnerung feiern die Juden bis heute Chanukka (das heißt: Weihe) als Lichterfest, indem sie acht Tage lang jeden Abend ein weiteres Licht des Chanukka-Leuchters anzünden.

Ein jüdischer Aufsatz im Internet trägt die Überschrift: »Nein! Chanukka ist nicht der jüdische Name für Weihnachten«. Das stimmt schon deshalb, weil Jesus selbst das Fest gekannt und vermutlich mitgefeiert hat (Joh 10,22), längst bevor es ein Christentum gab. Dessen Stifter war Jude, nicht Christ. Wie verhalten Chanukka und Weihnachten sich zueinander?

Mir scheint, es lassen sich drei »Sinnschichten« unterscheiden. An der Oberfläche sind die Feste ähnlich. Beide sind Familien- und Lichtfest in dunkler Winterzeit, an beiden werden die Kinder reich beschenkt (das war bei den Juden ursprünglich nicht so, sie übernahmen diesen Brauch aber, damit die jüdischen Kinder nicht auf die christlichen neidisch werden). An beiden Festen verzehrt man bestimmte traditionelle Speisen, so daß ein Kind sich an die besondere Weihnachts- oder Chanukka-Stimmung sein Leben lang gern erinnert.

Eine zweite Sinnschicht ist der geschichtliche Ursprung des Festes, jenes längstvergangene Ereignis, dessen die Gemeinde gedenkt. Insofern sind beide Feste verschieden. Die Juden erinnern sich der Tempelweihe um 165 v.Chr., die Christen der Geburt Jesu. Deren Datum ist freilich unbekannt; am 25. Dezember wird Weihnachten etwa seit dem Anfang des vierten Jahrhunderts gefeiert, am damaligen Reichsfeiertag zu Ehren des »Sol Invictus«, des unbesiegbaren Sonnengottes, der auch unter dem Namen Mithras in römischen Militärkreisen hochverehrt war. Da für Christen die wahre Sonne Christus ist, bot dieser gewohnte Feiertag sich für Jesu Geburtsfest an. Historisch gesehen haben Weihnachten und Chanukka also nichts miteinander zu tun.

Anders sehen die Augen des Glaubens. Sie erblicken die innerste Sinnschicht der Feste, ihr göttliches Geheimnis. Es kann in vielen gegensätzlichen Farben strahlen und ist doch in sich eins! Stellen Sie sich die Mysterien-Lampe vor, eine große, bunt bemalte Glaskugel mit einer 500-Watt-Birne (Abbild der wahren Sonne) in der Mitte. Je nachdem von wo aus Sie dieses Licht anschauen, wird es rot oder blau oder golden oder grün oder sonstwie leuchten, kein Betrachter sieht das gleiche Licht - und doch jeder dasselbe. Das ist ebenso seltsam wie selbstverständlich. So ähnlich ist es auch mit den Glaubenswahrheiten der verschiedenen Religionen.

Wie die Juden das Verhältnis von Chanukka und Weihnachten erklären, darein dürfen wir Christen uns nicht mischen; wahrscheinlich finden sich bei ihnen alle möglichen Einstellungen, vom totalen Desinteresse an der Frage bis zum heimlichen Mitfeiern von Jesu Geburtstag in der Hoffnung, dieser wirkmächtigste aller Juden habe bei seinem Sieg über den Tod doch auch den eigenen Leuten das Ewige Leben erworben - warum eigentlich nicht? So könnte, meine ich, ein nichtchristlicher Jude denken; ob es einer tut, wissen wir nicht.

Läßt der Zusammenhang beider Feste sich christlich verstehen? Ja, aber nicht ohne theologische Mühe, zu ihr lade ich die Leser(innen) ein. Wie die Propheten vor ihm stand Jesus dem organisierten Religionsbetrieb kritisch gegenüber. Als er mit einer Geißel die Händler aus dem Tempel gejagt hatte, wurde er von der Tempelbehörde verhört. Wir lesen: »Jesus antwortete ihnen: Reißt diesen Tempel nieder, und in drei Tagen richte ich ihn wieder auf« (Joh 2,19). Dieses Rätsel war Juden wie Christen zu schwer. Die Juden damals hatten keine Chance, es zu lösen: »Da sagten die Juden: 46 Jahre wurde an diesem Tempel gebaut, und du willst ihn in drei Tagen wiederaufrichten? Er aber meinte den Tempel seines Leibes.« - Wie hätten sie das wissen können! Zu einfach macht es sich aber anderseits eine christliche Tradition, die uns folgende Erklärung zumutet: »Diesen Tempel, das heißt meinen Leib, den Christus hier bezeichnet, indem er mit der Hand auf seine Brust weist« [so der Jesuit Cornelius a Lapide (+ 1637); Bultmann nennt das »eine komische Auskunft der Verlegenheit«].

Die Juden dachten nur an den Tempel aus Stein, diese christlichen Theologen sehen nur im Leib Christi den wahren Tempel, der am Karfreitag abgerissen und nach drei Tagen neu aufgerichtet wurde. Ich glaube, Jesus hat es anders verstanden. »Reißt diesen Tempel nieder, und in drei Tagen richte ich ihn wieder auf.« Im Wörtlein ihn steckt das Geheimnis. Zerstört wird dieses Gebäude da, aufgerichtet mein österlich verklärter Leib. Je in diesem besonderen Stück Welt will Gott anwesend sein und sich von uns finden lassen. In der innersten Sinnschicht beider Feste feiern die Juden an Chanukka und die Christen an Weihnachten dasselbe leuchtende Geheimnis: Gottes Gegenwart in seinem Tempel. Für die Christen ist das der auferstandene Leib des Erlösers, zu dem alle Glaubenden als lebendige Glieder gehören. Für die Juden ist es immer noch der Tempel in Jerusalem, der damals geweiht worden ist. In der Zeit wurde er seither zerstört, für den Ewigen gibt es aber kein Gestern; wo und wann immer ein Jude Chanukka feiert, ist er bei der Tempelweihe damals dabei, läßt sich von ihrem Wunderlicht erleuchten und tut das Seine, daß dieses Licht weiterstrahle: deshalb soll der Chanukkaleuchter hinter einem Fenster oder im Hausgang entzündet werden, damit alle ihn von draußen sehen.

Auch Jesus ist für alle geboren worden. Sogar den Kaufhaus-Weihnachtsrummel im »heidnischen« Japan darf gläubige Hoffnung als symbolisch gelten lassen: Inmitten der wahren Mysterienlampe leuchtet dieselbe Sonne des Heils nicht nur Juden und Christen in je ihrer Farbe, sondern allen Völkern auf Gottes Erde, die als ganze zu Seinem Tempel bestimmt ist.

So wie Frauen und Männer in ihrer Menschenwürde gleich sind, obwohl fast kein Mann wirklich verstehen kann, wie eine Frau sich fühlt, so sind auch Juden und Nichtjuden (obwohl sie einander nicht begreifen) für Gott - in verschiedenen Etappen einer Liebesgeschichte - dieselbe auserwählte Partnerin Menschheit. Es ist genug, wenn alle ahnen: »Gott ist größer als unser Herz, und er weiß alles« (1 Joh 3,20).

Zünden wir die Lichter an, am Chanukka-Leuchter oder am Christbaum, und lassen wir sie hinausstrahlen auf die Straßen der dunklen Welt, am dunkelsten dort, wo vor lauter Geglitzer die Lichter jedes Glaubens verblassen. Fürchten wir uns nicht: Ein Krüglein mit geweihtem Öl hat sich trotz allem Wüten der Feinde erhalten. Gebe Gott, daß bei Juden wie Christen sein milder Schein auch noch unsere Enkel erreicht!

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