Jürgen Kuhlmann

Für ein Neues Pfingsten


Anlaß: Pfingsten, Pfingstzeit
Botschaft: Kraft des Heiligen Geistes können Christen
den wahren Kern andersgläubiger Denkweisen hoch achten.
Themen: Feurige Zungen auch heute - Schwieriges Ver-
hältnis zu Andersgläubigen - das Kinderfest - die Sym-
phonie - seelische Balance - Christenheit je ein Pol -
drei Sinnbrücken - Verheißung gegen Technik-Wahn
Ziel: Der Hörer nimmt sich vor, die geistlichen Fremd-
sprachen seiner Mitmenschen achtsamer wahr-zu-nehmen.


»Und es erschienen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen in fremden Sprachen zu reden, wie der Geist es ihnen eingab« (Apg 2,3 f). Ein wunderschönes Bild. Fragen wir nicht, was an jenem Pfingsttag äußerlich geschah, was also - hätte es damals schon Kameras gegeben - die Zuschauer des Jerusalemer Regionalprogramms erblickt hätten. Die Wahrheit, die uns angeht, steckt nicht im äußeren Geschehen sondern eben in dem Bild, das Gottes Wort uns vor die Seele malt.

Und zwar vor unsere Seele, die von Menschen der Wende zum dritten Jahrtausend nach Christus: wo Milliarden dieselbe Totenfeier einer Prinzessin miterleben und dennoch in jeder Stadt zahlreiche Widersprüche zwischen Glaube und Glaube die Menschen gegeneinander aufstacheln. Um den halben Globus herum können wir miteinander sprechen, in derselben Wohnung aber oft nicht, weil die geistigen Welten allzu gegensätzlich sind. In dieser Situation trifft uns Christen das Pfingstbild. Was ist seine Botschaft?

Sie ist ganz einfach, und trotzdem aufregend neu. Sie heißt: Es gehört zum Christen, daß er neben seiner eigenen Sprache auch fremde versteht, wie der Geist es ihm eingibt. Damit sind natürlich nicht Fremdsprachen im üblichen Sinn gemeint, Englisch oder Japanisch oder Kalmückisch. Solche zu können ist zwar ratsam, wird aber nicht vom Glauben verlangt. Selbst wer nur seinen Dialekt beherrscht und sich mit der Hochsprache schwertut, auch ein solcher Christ muß dem Heiligen Geist vertrauen, wenn der ihm den Sinn für eine geistliche Fremdsprache öffnet, wie sie von Andersgläubigen um ihn her gesprochen wird. Denn - das ist das Neue, was wir alle irgendwie wissen aber meist noch nicht mit dem Herzen begriffen haben - auch in anderen Denkweisen läßt sich Wahres sagen, sogar wenn sie der unseren widersprechen!

Wie läßt sich das aber verstehen? Wie sollen wir unserer christlichen Wahrheit treu sein, und doch auch die fremden Glaubensweisen gelten lassen, in denen unsere Mitmenschen den Sinn ihres Lebens finden - obwohl Buddhisten oder Hindus, religionslose Humanisten oder strenge Moslems unserem Glauben scharf widersprechen? Unser Ja und das fremde Nein kann doch nicht beides wahr sein, wäre es sonst nicht mit aller Wahrheit vorbei? Entweder ich habe ein Fünfmarkstück in der Tasche oder nicht. Entweder Jesus ist Gottes einziggeborener Sohn (wie die Christen bekennen) oder er ist es nicht (wie die anderen sagen) - wie soll beides wahr sein?

Es scheint demnach, als könnten wir die Andersgläubigen zwar persönlich respektieren, weil sie gleichfalls von Gott geliebt sind, nicht aber ihre Überzeugungen achten. Wer das versuchen wollte - müßte er nicht über kurz oder lang in abgebrühter Sinnlosigkeit enden und mit Pilatus »was ist Wahrheit?« fragen? Müde Resignation aber kann doch nicht die Bedeutung von Pfingsten sein! Das verletzende Pochen auf unser christliches Wahrheitsmonopol allerdings auch nicht! - Diese Zwickmühle kann der gute Schöpfer nicht wollen. Ist in Wahrheit alles ganz anders?

Mit dem Himmelreich ist es wie bei einem Kinderfest. Ein Saftkrug steht auf dem Tisch, um ihn sitzen Kinder, jedem reicht der Vater ein Glas, in das er aus einer seiner Taschen ein besonderes Gewürz getan hat. Die meisten freuen sich, nur zwei sind allzu gierig. Das eine möchte die fremden Gläser vom Tisch stoßen; weil es das nicht kann, legt es sich Scheuklappen an, bis es nur mehr den eigenen Becher sieht. Ein anderes Kind schmettert zornig sein Glas zu Boden und will aus dem Krug trinken, der ist ihm aber zu schwer, zudem enthält er nicht das besondere Gewürz.

Wandeln wir das Gleichnis ab: Orchestermusiker spielen, je nach ihrem Instrument, ihren Noten und des Dirigenten Zeichen, verschiedene Klänge. Plötzlich ein Krach. Ein Geiger trampelt auf seiner Violine herum. Ich mag nicht bloß einen Teil spielen, schreit er, alles oder nichts. Dann nichts, versetzt der Dirigent, und man spielt weiter. Bald darauf klingt es falsch, wieder unterbricht der Maestro und fragt eine Flötistin, was los sei. Erst versteht sie nicht, dann holt sie das Wachs aus den Ohren und erklärt, sie ertrage nicht die fremden Töne um sie her, die lenkten sie ab. Dann spielst du künftig lieber im Wald, antwortet der Dirigent, bei unserem Konzert gehören zu jedem Ton seine Beziehungen zu allen übrigen. Laß das Wachs weg, und du merkst, wie deine Melodie die anderen braucht. Mal mit ihnen zusammen und mal dank der Reibung gegen sie, erst so ergibt sich der Gesamtklang, den der Komponist schaffen will. Erkenne an, daß du weder das Ganze noch die Einzige bist, nur so erfüllst du deinen Auftrag und bist du selbst.

Gut und recht, mag jetzt mancher denken, bei musikalischer Schönheit ist das so. Bei der Wahrheit aber? Da scheint das Gleichnis schief: Zwei mal zwei ist nicht in der einen Ecke drei und in der anderen fünf. - Gewiß; so simpel geht es aber auch in der Wissenschaft dann nicht zu, wenn sie es mit Lebendigem zu tun hat. Im Speisesaal der Kurklinik sollen hier die Molligen mit kargen tausend Kalorien auskommen, dort wird den allzu Mageren viel Leckeres vorgesetzt. Den Unterschied von Gift und Arznei macht oft nur die Dosis; Unterzuckerung wie Überzuckerung führen beide zum Koma!

Feiner noch als das Zusammenspiel der Hormone und Vitamine im Körper ist die geistliche Balance in unseren Seelen. Wenn schon für unseren Leib das Salz zugleich lebensnotwendig und gefährlich ist: kein Wunder dann, daß die seelische Gesundheit Selbstvertrauen fordert aber ohne Selbstsucht, Nächstenliebe ohne Helferzwang, Herzensfrieden der vor Problemen nicht flieht, Sendungsbewußtsein ohne Weltretterwahn, meditative Ruhe und politischen Kampf, Schlangenklugheit und Taubeneinfalt usw.

Das alles weiß man längst; jede Glaubensweise bejaht eine Fülle solcher Polaritäten. Neu am heutigen Weltzustand ist, daß wir begreifen, wie auch im Großen die gegensätzlichen Geisteswelten zu unserem Wohl zusammenwirken, so daß ihre äußere Gegnerschaft nur Schein ist, der eine wache Seele nicht täuscht. Während sie sich - dialogbereit - für den ihr anvertrauten Wahrheitspol einsetzt, gleicht sie der Braut auf einer Wippe. Sollten sie und ihr Freund den Gegensatz, Gegen-Sitz nicht aushalten, müßte ihr Projekt scheitern.

Oder stellen Sie sich das Zirkuskind Anima vor, wie sie ihre Freunde ruft, die Clowns Christian und Anders: »Bitte spannt mir ein Seil aus, ich möchte tanzen.« Die beiden lachen und spielen eine Posse: Jeder packt ein Ende des Seils, zieht daran und schreit scheinbar wütend: Laß los, das ist mein Seil! Anima springt aufs Seil, aber noch hängt es durch. Fester! ruft sie, und beide ziehen aus Leibeskräften, straff zittert zwischen ihnen das Seil. Und selig tanzt Anima. Denn sie weiß: Beide lieben mich, keiner läßt los, jeder strengt sich gegen den anderen an, weil wir drei miteinander dasselbe wollen: meine Freude.

Jeder Christ gleicht in jeder Lebensphase einem Brückenpfeiler, an dem Hängebrücken verankert sind, in alle Richtungen und in verschiedener Höhe. Ausdrücklich verkörpern kann er bei jeder nur eine bestimmte Position, die aber kein Sinn-Klotz ist, vielmehr fester Pol einer vibrierenden Spannung hin zu anderen Polen, christlichen wie fremden. Wahr ist nicht die Position als solche sondern allein die ganze Spannung! Das muß so sein, ist doch Gott selbst, der SINN in Person, nicht Seinsklotz vielmehr unendlich drei-einige Beziehung.

Die Christenheit als Realität der Weltgeschichte ist gleichfalls nicht die Wahrheit, sondern ihrer je ein Pol, während der andere von einer fremden Glaubensweise dargestellt wird. Das Christentum als göttlich offenbarte Wahrheit enthält in sich auch jene fremden Pole, nicht geschichtsmächtig ausgeführt freilich, nur als Hinweise, die das glaubende Gemüt für den fremden Wahrheitspol öffnen können:

Ist Jesus Gott? Ja, bekennt der rechtgläubige Christ. Nein, bezeugen Juden und Moslems. Und Jesus stimmt ihnen zu: »Warum nennst du mich gut? Niemand ist gut außer Gott dem Einen« (Mk 10,18). Insofern a) das Wort »Gott« den Vater meint und b) der Name »Jesus« die menschliche Natur bezeichnet, ist Jesus nicht Gott. Diesen Sprachgebrauch darf das innerchristliche Dogma den anderen nicht verbieten, also soll ein Christ ihr Zeugnis als heilsam achten, weil es ihm gegen die Versuchung hilft, Endliches zu vergötzen.

Darf ein glaubendes Ich sich als Selbstvollzug des göttlichen ICH fühlen? Nein, erschrickt der Normalchrist, ihm bleibt Gott stets das hohe DU. Ja, glauben Hindu-Mystiker und auch unser Meister Eckhart. Und irren nicht; denn »ehe Abraham ward, bin ICH« sagt Christus (Joh 8,58) und »nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir« (Gal 2,20), bezeugt Paulus und fährt fort: »Ihr alle seid Einer in Jesus Christus« (3,28): Einer, nicht bloß irgendwie eins, sondern in Person das Ur-Ich selbst, ähnlich wie in jedem winzigen Haaransatz du selbst, deine Gesamtperson, es spürt, wenn an dem Haar gezupft wird.

Sollen wir nach Gott fragen? Gewiß, weiß der Christ. Nein, erwidern Humanisten und Atheisten. Und gibt Jesus (Joh 14,9) ihnen nicht recht? »Wer mich sieht, sieht den Vater. Wie kannst du sagen: zeig uns den Vater?« Das sagt ein Mensch, der eben noch seinen Freunden die Füße wusch. Dürfen wir demnach solchen, die von Gott absehen, nicht widersprechen? Doch, wir sollen es. Denn wir sind ein anderer Wahrheitspfeiler als sie. Wir sollen aber nicht so tun, als hätten sie unrecht. Sondern wir seien wie ein Trompetenstoß ins Geflirre der Streicher, weil ohne ihn der gemeinsamen Musik Entscheidendes abginge. Recht kann ein Atheist aber auch haben; denn wie sagte so schön ein berühmter Theologe: »Gibt es Gott? Nein, so wie den Bodensee gibt es Gott nicht.« Wohl ist Gott wirklicher als alles was es gibt.

Wem jetzt schwindlig wird, weil jede Sinnbrücke mit den anderen unverträglich scheint, der findet festen Stand, sobald er sich erinnert, daß uns kein Wissen rettet, sondern der Glaube: an Gott, der größer ist als unser Herz. Eins sehen wir ein: daß wir nichts ganz einsehen. Solch »gelehrtes Nichtwissen« (das Nikolaus von Kues vor über einem halben Jahrtausend entdeckt hat) wird der zusammenwachsenden Menschheit zum Überlebensprinzip. Es erlaubt uns, die anderen - obwohl wir sie nie ganz verstehen - trotzdem zu achten. In dem Maße, wie das überall auf Erden gelingt, erwartet uns ein Neues Pfingsten.

Stellen wir uns eine künftige Menschheit vor, wo jedes Kind schon weiß: Meine Tradition ist wahr, aber nur solange sie sich auf ihre Gegensätze bezieht und die größere Wahrheit achtet, die in der Gesamtheit unserer Spannungen besteht. Diese Menschheit hätte beide Geistesseuchen überwunden: Fundamentalismus wie Relativismus. Nicht würde jede Gruppe allein recht haben wollen, doch wäre jeder ihr überkommenes Sinn-Organ verbindlich wahr. Ist dieses so wünschbare öffentliche Bewußtsein etwa der wahre Kern gewisser irrer Träume von »planetarem Nervensystem«, die durch die Netzgemeinde geistern? Demnach gingen »wir in die nächste Phase über, in der der Geist von Milliarden von Menschen zu einem einzigen integrierten Netzwerk zusammenwächst ... Wir werden uns nicht mehr als isolierte Individuen wahrnehmen, sondern wissen, daß wir Teile eines schnell zusammenwachsenden Netzes sind, die Nervenzellen des erwachenden globalen Gehirns.« [Peter Russel, zitiert in der ZEIT v. 31.10.97, S. 58]

Zweideutiger geht's nimmer. Kein Individuum mehr sein? Wie gräßlich! Nein: Mozart soll von Brahms schon klar abgegrenzt bleiben, von Hitler erst recht. Isoliert sollten wir uns allerdings schon jetzt nicht mehr vorkommen, vielmehr pfingstlich verbunden, weil alle Zungen=Sprachen, die uns trennen, ein Gottesfeuer beseelt.

Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/kuhlmann/bruecken.htm

Weitere Predigten

Andere Texte des Verfassers (z.B. Abschiedspredigt 1972, Kinderbuch für Erwachsene, Kleines Credo für Zeitgenossen, Heiße Eisen, Simone Weil)

Kommentare bitte an Jürgen Kuhlmann