Jürgen Kuhlmann

Himmelfahrt? Ich fahr mit!


Anlaß: Christi Himmelfahrt
Botschaft: Der sichtbare Himmel ist Bild des eigentlichen,
wo wir, mit und in Christus, bereits sind.
Themen: Der äußere und der wahre Himmel - Gleichnis des
Wandteppichs - entzauberter Himmel - innerer Sinn der äuße-
ren Sache - Menschlichkeit ist der Sinn des Ganzen - auto-
ritäres Mißverständnis - unsere tägliche Himmelfahrt
Ziel: Der Hörer versucht, Christus in beiden Richtungen
nachzufolgen: zu den Menschen wie auch in den Himmel.


Alexandra war drei oder vier. Wann gehen wir in die Kirche, überlegte die Familie, morgen ist Himmelfahrt. Das hörte die Kleine und kam erwartungsvoll angerannt. Himmelfahrt? Ich fahr mit. Sie verstand nicht, warum die Großen lachten. Aber auch die Großen tun sich nicht so leicht mit dem heutigen Fest. Daß es nichts mit Astronautik zu tun hat, so viel wissen wir. Nicht in den Weltraum ist Jesus aufgefahren, nicht in den Himmel, den wir sehen können, der ist vielmehr bloß das Bild des echten, eigentlichen, wahren Himmels. Auf Englisch hat man sogar zwei Wörter dafür: sky heißt der sichtbare Himmel, heaven der wirkliche. Wie verhalten beide sich zueinander? Machen wir uns das durch ein Gleichnis klar.

Ein Kind hat über seinem Bettchen einen Wandteppich hängen, auf dem das Stadtbild von München gestickt ist. Als das Kind "was ist das?" fragte, erwiderte die Mutter: München. Und das Kind glaubte es. Bis es eines Tages von einem älteren Kind aufgeklärt wird: München? Bist du aber dumm, das ist doch bloß ein Teppich. Siehst du nicht die Fäden? Eine Stadt ist doch nicht aus Fäden! Das Kind ist enttäuscht und schaut seinen Teppich nicht mehr an. Die Mutter merkt es und klärt die trübe Aufklärung: Gewiß ist das ein Teppich. Der ist aber ein Bild, und auf dem Bild ist München, verstehst du? So sieht München aus. Das echte München ist freilich noch viel schöner als auf dem Bild. Und wenn du groß bist, fährst du hin. Da gefiel dem Kind sein Teppich wieder, oft schaute es das Bild an und freute sich auf München.

Ähnlich ist es den Christen mit dem Himmel ergangen. Zu der Zeit, als das Neue Testament geschrieben wurde, waren die Menschen überzeugt: Da oben, im Himmel über allen Himmeln, da wohnt Gott. Noch heute sprechen wir vom siebten Himmel; vor 2000 Jahren klang das nicht poetisch, sondern wissenschaftlich. Dann kam die neue Wissenschaft und hat Gott aus dem Himmel vertrieben. Seither ist der Himmel entzaubert, die Menschen müssen ohne Himmel leben. So geht es heute den meisten. Sie meinen: Der Himmel ist nichts weiter als ein leerer, kalter Raum mit hie und da einem glühenden Staubkorn drin.
Erlauben Sie mir nach dem niedlichen ein böses Gleichnis. Zwei blicken auf ein schlafendes Kind. Ist sie nicht süß? strahlt die Mutter. Ach was, erwidert ihr neuer Freund, ein Chemiker, das ist nichts weiter als eine Menge hochkomplexer Kohlenstoff- und anderer Verbindungen. - Natürlich ist das eine Unsinnsgeschichte, so dumm ist kein Wissenschaftler, sonst müßte er ja auch sich selbst für nichts anderes als eine Molekülkombination halten; er weiß aber: ich bin mehr. Denn er kennt Sehnsucht, Angst und Hoffnung seiner Seele. Sieht er im Spiegel die Moleküle seines Gesichts, so ist er des tiefen inneren Sinns des äußeren Bildes gewiß, obwohl bis heute keine Wissenschaft erklärt, wie Körper und Seele mit-ein-ander eins sind.

Denselben Sprung nun, von der sichtbaren Sache zum unsichtbar Wirklichen, dessen Bild sie ist, diesen Sprung tut im Großen unser Glaube, wenn wir jeden Sonntag von Christus bekennen: Aufgefahren in den Himmel. Warum wird unser Herz unter den blitzenden Sternen dermaßen von Ehrfurcht erfüllt und von Glück, wenn wir auf einer Frühlingswiese ins strahlende Himmelsblau blicken? Warum? Weil wir - denken Sie wieder an das Kind in seinem Bettchen - eben nicht bloß die Teppichfäden sehen, sondern das herrliche Bild. Es zeigt eine unendlich erhabene Reinheit, eine grenzenlose Fülle. Und doch, obwohl das Universum so maßlos riesig ist und wir selbst derart winzig, fühlen wir uns von ihm dennoch nicht erschlagen. Warum? Weil im Himmel Jesus ist, einer von uns. Ein Mensch aus Fleisch und Blut ist der Herr des Alls. Und nicht irgendeiner. Gerade kein Cäsar oder Napoleon. Sondern Jesus, der in der Runde der Seinen wie der Diener war. Der den scheinbar letzten Menschen gelten läßt, überhaupt nicht herrschsüchtig ist, den glimmenden Docht nicht löscht, das geknickte Rohr nicht bricht und uns nicht mehr Knechte nennt, sondern Freunde: Ein solcher Mensch thront im Himmel und bestimmt von "dort" aus die Wahrheit des Ganzen, den Sinn der Welt. Schauen Sie eines Nachts in den Sternenhimmel und sehen Sie dabei, wie Jesus seinen wandermüden Freunden die Füße wäscht. Blicken Sie ins Frühlingsblau und sehen Sie seinen Blick, während er den Blindgeborenen heilt oder die ertappte Ehebrecherin aus der Gewalt der Schergen befreit. Erst wenn wir beides zusammendenken: den ungeheuren Himmel, der alles umfaßt, und den Menschenfreundlichsten aller Menschen, erst dann ahnen wir, was wir mit dem schlichten Satz "aufgefahren in den Himmel" eigentlich bekennen.

Es ist - das sei nicht verschwiegen - das Gegenteil dessen, was maßgebliche Kreise der Christenheit aus dem Christentum gemacht haben. Seit es im vierten Jahrhundert zur Staatsreligion des Römischen Reiches wurde, sahen viele nicht mehr den wirklichen Jesus im echten Himmel, sondern eher eine Art Oberkaiser mit weltpolitischem Anspruch auf dem Thron der Welt. "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben," das bezogen die christlichen Mächte keineswegs auf die Weise, wie Jesus Mensch war (so ist es gemeint), sondern auf die Projektion ihrer eigenen Herrschsucht an den Himmel. Wehe, die Indios in Amerika und die afrikanischen Schwarzen unterwarfen sich nicht dem himmlischen Oberherrn (wie die Christenheit ihn predigte): dann erwartete sie, zusätzlich zur irdischen Ausrottung oder Sklaverei, auch noch nach dem Tod die Hölle. Solche Mission hat nichts Christliches an sich, rührt vielmehr von einem teuflischen Mißverständnis der Himmelfahrt her. Wahre Mission ist nichts anderes als Dialog: Wir Christen sagen den anderen unseren Glauben weiter und hören ihnen, nach Jesu Vorbild, aufmerksam zu. Wohl ist die christliche Wahrheit heilsnotwendig: denn wer sich nicht bemüht, im Geiste Jesu zu leben, der widersteht dem Sinn seines Lebens und wird unglücklich. Es kann aber sein, daß ein Mensch in Jesu Geist lebt, ohne sich ausdrücklich jenem Himmelskaiser der Christen zu unterwerfen; umgekehrt leben manche, die sich für Superchristen halten, sehr wenig nach Jesu Geist. Es gibt, wußte schon Augustinus, Schafe draußen und Wölfe drinnen. Christus ist im Himmel, vonm dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten, das sollen wir ihm überlassen und nicht an seiner Stelle tun.

Die Himmelfahrt ist noch nicht zu Ende. In uns soll sie weitergehen, Tag für Tag. Sind wir doch Glieder Christi, die auch dort sein wollen, wo unser Haupt schon ist. Der echte Himmel ist ja ewig, zeitlos, umfängt uns nicht erst dann, nach dem Tod, sondern immer auch jeweils jetzt. Wie fahren wir jetzt in ihn auf? Indem wir tiefer erfassen, daß die Rebe zum Weinstock gehört und darum unser innerstes Herz schon im Himmel ist (vgl. Eph 2,6). Wer diese Einsicht im Alltag festhalten könnte, dem wäre sein Schreibtisch, Gabelstapler oder sonstiger Arbeitsplatz innerlich verwandelt und aus seinen Augen würde hie und da ein himmlisches Morgenrot zu seinen Kollegen und Kunden hinüberleuchten, so daß sich auch ihnen die Hoffnung auf den endgültigen Sonnenaufgang belebt, der keinen Untergang kennt. Ach, liebe Alexandra, wie recht hast du! Himmelfahrt? Ich fahr mit!

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