Jürgen Kuhlmann

Erde im Himmel


Anlaß: Christi Himmelfahrt. Oder (zur Abgrenzung) ein aktuelles Weltraumereignis
Botschaft: Wir feiern unsere Befreiung sowohl von irdischer Enge als auch von der Leere des Himmels.
Themen: Das Fest hat nichts mit Astronautik zu tun -
symbolische Sprache nötig - von irdischer Enge (Chaos oder Routine)
- wie auch vor der Angst vor einem unmenschlichen Himmel befreit dieser Glaube -
erklärt die Nähe der Toten - und siegt über Sinnlärm.
Ziel:Das nur scheinbar an ein veraltetes Weltbild geknüpfte Fest
meint unsere Wirklichkeit.

Früher, als es noch keine Weltraumfahrten gab, hatten die Christen es leichter mit diesem Fest. Heute drängt sich sofort die Vorstellung eines Raketenstarts auf, und der Spott der anderen bleibt nicht aus; so stand gegen Ende der 50er Jahre in einer ostdeutschen Zeitung folgender Vers: "Vor mehr als neunzehnhundert Jahren fuhr, meldet Luther, himmelwärts Herr Christ. Jetzt, meldet Tass, ist Sputnik 3 gefahren, und hier ist klar, daß das kein Märchen ist."

Warum sagen die Christen aber so seltsame Sätze, die sie doch offenkundig nicht meinen können? Nun, wie haben wir deutsch gelernt? Wir haben gehört, wie die Erwachsenen z.B. "Kartoffel" sagten, und das, was sie meinten, zugleich gesehen und geschmeckt. Alle Wörter stammen von Dingen her, die man mit seinen fünf Sinnen wahrnimmt. Nun erlebt der Mensch aber mehr, als er sehen und hören kann. Manches ist ungeheuer wirklich, und doch nimmt keine Kamera und kein Mikrophon es auf. Jemand singt: Ich hab mein Herz in Heidelberg verloren. Wäre er jedoch bei einer Herzverpflanzung in der dortigen Uni-Klinik zum Organspender geworden, dann fiele ihm das Singen schwer. Nein, die Blutpumpe ist noch da. Trotzdem irrt oder lügt der Sänger nicht. Und jetzt geht jemand her, legt ihm die Hand aufs Herz und sagt: Fühl doch selbst, du hast dein Herz noch. Was soll der Unsinn, du habest es verloren? Angenommen, jener trällere nicht bloß, sondern stecke wirklich in Liebeskummer, dann lächelt er den Spötter wehmütig an: Lieber, du hast recht, hier schlägt mein Herz, und dennoch hab ich es verloren, und du - du begreifst überhaupt nichts, weil die Worte für dich bloß eine Oberfläche haben und keine Tiefe.

Ähnlich ergeht es den Christen mit dem Fest der Himmelfahrt. Hinter diesem Wort steht eine gewaltige Erfahrung; die hat aber hoffentlich jeder von Ihnen auch schon gemacht. Wie geht es auf der Erde zu? Oft recht eng, schäbig, verworren. Man ist eingesperrt in seine kleinen Interessen, die stoßen sehr bald gegen andere Interessen, in das entstehende Durcheinander rasen weitere hinein; deshalb sieht es auf manchem Schreibtisch und auch in vielen Seelen schließlich aus wie auf der Autobahn nach einer Unfallserie.

Oder aber man wird des Chaos Herr, zwingt die widerstrebenden Interessen in eine Ordnung, und eines Tages wacht der Mensch auf und merkt: ich bin ein Rädchen geworden und schnurre neben anderen Rädchen mein Programm herunter, Stunde um Stunde, von einem Urlaub zum nächsten. Seien wir ehrlich: eben dies ist vielfach die Atmosphäre unseres Alltags, sei es im Griff des Apparats oder in chaotischem Durcheinander, gar nicht selten sogar in beidem!

Wenn dann zwischen zwei Telefonaten der gestreßte Blick sich vom Terminkalender erhebt und durchs Fenster weit hinauf in den Frühlingshimmel steigt, dann mag es geschehen, daß der Krampf sich löst und der Mensch erfährt: der Druck all dieser Realitäten ist schon nicht mehr das Wirklichste. "Es gibt ein Reich, wo alles rein ist." Sehen Sie: ohne daß er es wußte, ist ihm die Himmelfahrt aufgegangen. Denn wo wir heute von der Atmosphäre reden, die ein Betriebs- oder Meinungsklima bestimmt, da sprach man zur Zeit der ersten Christen von "Mächten, die in der Luft herrschen" (Eph 2,2); gemeint ist beide Male dasselbe.

Und diese giftige Atmosphäre, die wie eine tödliche Schicht auf uns lastet, die hat Jesus bei seiner Himmelfahrt siegreich gesprengt, durchstoßen, so daß "die Fürsten und Gewalten entwaffnet und öffentlich blamiert" worden sind (Kol 2,15). Dank solchem Sieg kann wieder frei die frische Himmelsluft in die Lungen unseres Gemütes strömen und die Schwaden von Chaos und Apparat verjagen, so belebend, daß die Kühnheit der Bibel buchstäblich stimmt: "Gott hat uns mit auferweckt und mit ins Himmlische versetzt" (Eph 2,6).

Das Gleichnis läßt sich noch verschärfen, zu Recht; denn es geht wirklich um Leben oder (lebenslangen) Tod. Wer mit diesem Glauben Ernst macht, dessen innere Situation gleicht dem ausgestiegenen U-Boot-Fahrer. Nicht länger beengt ihn der Apparat, nicht ersäuft ihn die gurgelnde Flut. Sondern heilsam birgt ihn die himmlische Luftblase, tief darf er durchatmen und vertrauen: Droben werde ich liebevoll erwartet.

Denn nicht nur erlöst der Himmel die Erde von ihrer Enge; umgekehrt löst allein die Erde das Rätsel des Himmels. Seit Hunderttausenden von Jahren blickt immer wieder ein Mensch in den Sternenhimmel hinauf und fragt bang: Was soll das Ganze? Wer bin ich? Was wird aus mir - dann? Die Sterne aber antworten nicht. Christi Himmelfahrt ist die Antwort. Denn Jesus hat das Unsrige in den Himmel mitgenommen. Dort regiert nicht ein gleichgültiges Schicksal, auch nicht jener KZ-Kommandant, dessen grausiges Bild mancher angstgeschüttelte Sinn an den Himmel projiziert. Nein: Christen bekennen die real existierende Ewigkeit mit menschlichem Antlitz.

Jesus Christus ist der Himmelsherr - wen diese Botschaft ärgert (weil er sich auf Erden schon genug ducken muß und wenigstens den Himmel rein und herrschaftslos will), der hat sie mißverstanden. Ein kleines Erlebnis hat mir die Augen geöffnet. In alten Trambahnen gibt es noch den Schaffnersitz, obwohl längst schon kein Schaffner mehr mitfährt. Eines Tages saß dort ein Ausländerbub und markierte den großen Herrn, lachend, weil ja jeder wußte, es ist ein Spiel. Die Kameraden verneigten sich, voller Freude, daß einer der Ihren dort oben saß und dadurch offenbarte, daß es mit der obrigkeitlichen Gewalt vorbei ist. Ja, so löst der scheinbare Widerspruch zwischen Jesu Freundlichkeit und Christi Herrschaft sich auf: die Freundlichkeit herrscht ewig.

Solange zwei Menschen noch im Fleische sind, können sie einander nie ganz nahe sein. Mag auch Haut sich an Haut und Seele an Seele drängen - ob nicht Händedruck und Kuß "doch nur zur Kategorie der Klopfzeichen gehören, mit denen die Gefangenen von Zelle zu Zelle ihre versperrte Einsamkeit morsen" (K.Rahner)? Aufgehoben wird diese Trennung erst, wenn der eine Partner in den Himmel kommt, denn der ist jedem von innen her ganz nahe. Ein Physiker erzählt, seit der Auferstehung seiner Frau habe eine tiefe urchristliche Freude ihn nicht mehr verlassen. Einen anderen Menschen kenne ich, der betet seit Jahren gern zu einer in Gott lebendigen Freundin, die schon 68 war, als sie einander kennenlernten, und die ihm vom Himmel aus unsagbar nahe ist.

Wenn jemand Ähnliches erfährt, soll er sich nicht von Negativ-Etiketten wie "Ahnenkult" und "Animismus" entmutigen lassen. Wer durch den Tod hindurch "heute noch" (Lk 23,43) zu Christus in den Himmel gelangt ist, warum sollte der nicht zu dir sagen dürfen, was Jesus seinen Freunden versprach: "Ich bin bei euch alle Tage" (Mt 28,20)? Eines ist es, einen kommerziellen Rummel um allerlei Heilige abzustellen (was Luther tat), ein anderes, Gott durch Lostrennung von seinen Erlösten zu einem abstrakten Wesen zu entleeren, statt ihm zu danken, daß sein Blick ewig auch durch unsere Augen schauen will.

Ein letzter Gedanke: Die Aegidienkirche zu Hannover, im Krieg zerbombt, wurde nicht wieder mit einem Dach versehen, sondern als Mahnmal stehen gelassen. Ringsum an den alten Wänden leuchten hoch hinauf grüne, gelbe, rote Blätter. Über uns aber ist nichts - nur der Himmel mit seinen Wolken. Ist es nicht ein Grundgefühl vieler Menschen heute, daß ihnen ihr geistiges Haus wie zerstört worden ist? Früher hat es für sie klar umgrenzte Gewißheiten gegeben. Jetzt dagegen fühlt ihr Verlangen nach Sinn sich ungeschützt dem schneidenden Wind des Pluralismus ausgesetzt.

Zwei Methoden bieten sich da an: entweder man versucht, wieder ein geschlossenes Gebäude aufzurichten, versteckt sich in irgendeiner Ideologie, mag die rot, schwarz, grün, weiß-blau oder sonstwie gefärbt sein. Oder man reißt auch die noch stehengebliebenen Wände vollends ein, erklärt jegliche tiefe Gewißheit für Trug und läßt den Geist nur mehr in den Tag hinein leben, von der Hand in den Mund.

Müssen wir aber wirklich wählen zwischen Wiederaufbau nach den alten Plänen oder der radikalen Planierung des Geländes? Jene oben offene Kirche sei uns ein tröstliches Gleichnis dafür, daß es jenseits dieser Unmöglichkeiten das wahre Leben gibt: innerhalb klarer Sinnstrukturen - dem einen so, dem andern anders überkommen - ohne sie aber mit dem großen Ganzen zu verwechseln. Vielmehr zeigt der Blick in den unbegrenzten und allen gemeinsamen Himmel hinein, daß die Mauern um mich her zwar ein sinnvolles Ganzes sind, keineswegs aber das Ganze. Andere Menschen können anderswo, in anders geformten Räumen, sich daheim wissen und sind doch nicht ganz von mir getrennt; sobald auch sie die Augen erheben, zielen unsere Blicke in dieselbe Höhe, aus der Jesus uns zuruft: Selig die Friedenstifter!

Gehen wir also weiter unsere irdischen Wege, vergessen wir aber nie: Christus, das Herz der Erde, ist schon im Himmel. Und, wenn wir im Glauben zu Ihm gehören, auch wir.

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