Jürgen Kuhlmann

Was heißt "allmächtig" ?


Anlaß: Wie können wir an Gottes Güte glauben und Ihn dennoch
trotz aller Greuel im Credo den Allmächtigen nennen ?
Botschaft: Die bessere Übersetzung ist "Allherrscher":
jede zur Freiheit geschaffene Macht muß sich - in
Dank oder Schande - zuletzt vor dem Guten beugen.
Themen: Christliches Bekenntnis zum Allmächtigen - Die
Rede von Hans Jonas 1984 - Unpolare All-Macht ist ein
Selbstwiderspruch - Gott kann nicht gut, verstehbar und
allmächtig sein - totalitäres und bürokratisches Miß-
verständnis - Allherrschend ist zuletzt die Liebe
Ziel: Dem Hörer wird es wieder möglich, den Anfang des
Glaubensbekenntnisses in ehrlicher Hoffnung zu beten.


"Ich glaube an Gott den Vater den Allmächtigen," so bekennen die Christen seit den ersten Jahrhunderten, in ihre lange Reihe fügen auch wir uns beim Sonntagsgottesdienst ein. Wissen wir aber überhaupt, was wir da sagen, oder schleppen wir gedankenlos eine Redeweise mit?

"Der Gottesbegriff nach Auschwitz" war das Thema einer unvergeßlichen Rede, die Hans Jonas im Juli 1984 beim Katholikentag in München hielt.

[Zusatz 2008: Ich habe sie damals gehört. Inzwischen weiß ich genauer, wie sie entstand. Hans Jonas bekam 1984 von der Evangelisch-theologischen Fakultät der Eberhard-Karls-Universität Tübingen den Dr. Leopold-Lucas-Preis verliehen. Er wählte als Thema seines Festvortrages "Der Gottesbegriff nach Auschwitz. Eine jüdische Stimme“, als er erfuhr, dass der Namensträger des Preises in Theresienstadt starb und dessen Frau ebenso wie Jonas´ Mutter in Auschwitz ermordet wurde. In München hielt er uns diesen Vortrag ein weiteres Mal. Was mag er dabei gefühlt haben - in der früheren "Hauptstadt der Bewegung" ?]

Als Jude - seine Mutter ist dort ermordet worden - hat er vor den Christen seinen Glauben bekannt, den Glauben eines alten Mannes aus einem alten Volk. In diesem Glauben hat der Begriff "Gottes Allmacht" keinen Platz mehr. Jonas ist überzeugt, daß Allmacht erstens in sich widersprüchlich und zweitens nach Auschwitz nicht mehr haltbar ist. Deshalb müssen wir uns von der althergebrachten Lehre absoluter göttlicher Macht verabschieden:

Allmacht widerspricht sich selbst. Denn totale Macht bedeutet Macht, die durch nichts begrenzt ist, nicht einmal durch die Existenz von etwas Anderem überhaupt. Die bloße Existenz von etwas Anderem würde schon eine Begrenzung darstellen, und die eine Macht müßte dies Andere vernichten, um ihre Absolutheit zu bewahren. Absolute Macht hat keinen Gegenstand, auf den sie wirken könnte. Als gegenstandslose Macht aber ist sie machtlose Macht, die sich selbst aufhebt. Macht ist ein Verhältnisbegriff und erfordert ein mehrpoliges Verhältnis. Macht, die keinem Widerstand begegnet, ist dasselbe wie überhaupt keine Macht. Macht kommt zur Ausübung nur im Verhältnis zu etwas, das selber Macht hat. Sie besteht in der Fähigkeit, etwas zu überwinden. Macht muß geteilt sein, damit es überhaupt Macht gibt.

Drei Attribute Gottes - absolute Güte, absolute Macht und Verstehbarkeit - stehen in einem solchen Verhältnis, daß jede Verbindung von zweien das dritte aussschließt. Welches muß weichen? Das Wollen des Guten ist untrennbar von unserem Gottesbild. Die Verstehbarkeit kann eingeschränkt, darf aber nicht total verneint werden; nicht alles, aber etwas von seinen Absichten und seinem Wesen hat Gott uns kundgetan. Nach Auschwitz müssen wir entschiedener als je zuvor behaupten, daß eine allmächtige Gottheit entweder nicht allgütig oder in ihrem Weltregiment total unverständlich wäre. Also muß das - in sich unsinnige - Attribut Allmacht weichen.

Das ist von unwiderleglicher Wahrheit. Was also denken? Hat das Wort "Allmächtiger", wie die Glaubenszeugnisse es meinen, vielleicht einen anderen Sinn, der von Jonas' Kritik nicht getroffen wird? So ist es, und an diesen ursprünglichen Sinn müssen wir uns erinnern, wenn wir das Credo aufrichtig beten wollen. - Zuerst machen wir uns aber, als dunklen Hintergund, zwei falsche Deutungen möglichst klar.

Die totalitäre Deutung fürchtet - unter Gottes Maske - den Teufel. Sie versteht "Macht" im äußeren Sinn und "all-" als total. Solche Allmacht ist, wie Jonas zeigt, unmöglich, hebt sich selber auf. Und doch hat dieser Unsinn eine beklemmende Macht. Denn er ist das Gottesbild der "Gottvergifteten". Jener total Andere, von dem ich trotzdem total abhänge; der mit mir machen kann, was er mag; der meine geheimsten Gedanken eher kennt als ich selber; dessen Blick, selbst unsichtbar, meine Seele zum schändlichen Objekt erniedrigt, grausamer als je ein Sultan seine nackte Sklavin; der allmächtige Sadist, der sich an den Leiden seiner Geschöpfe ergötzt: er ist freilich nichts Irdisches, kein Geschöpf kann so total böse sein. Er ist jedoch nicht der Gott des Glaubens, sondern "der Gott dieser Welt", wie Paulus (2 Kor 4,4) den Teufel nennt. Egal ob es den (als gefallenes Geistgeschöpf) gibt oder nicht, er ist jedenfalls wirklicher als alles, was es gibt, weil er nämlich wirkt: als Total-Lügen-Prinzip, als gewähntes Riesen-Du gegen uns, während DU doch für uns bist.

Die bürokratische Deutung faßt "allmächtig" als "allzuständige Oberinstanz" auf. Das Universum wird nach Art einer gewaltigen, perfekt durchorganisierten Verwaltung eingeschätzt, an deren Spitze Gott als Oberwaltungsdirektor waltet. Ihm ist letztlich alles zuzurechnen, was irgendwo geschieht. In der Demokratie muß ein Minister gehen, wenn seine Untergebenen - selbst ohne sein Wissen - es gar zu arg treiben; wieviel mehr ist, wo Gott doch alles weiß, der Atheismus die logische Folge dieses allzu irdischen Gottesbildes. Wer bei seiner Frage, wie Gott dies oder jenes nur habe zulassen können, immer wieder in leerer Finsternis dasteht, wird schließlich leicht (wie Stendhal) sagen: Gottes einzige Entschuldigung ist, daß es ihn nicht gibt. In der Tat: Beim "ideal" durchorganisierten Apparat gäbe es Freiheit nur an der Spitze, alle übrigen Ebenen hätten sich an Weisungen zu halten. Des Schöpfergottes wäre solch eine sture Erlaßwelt aber unwürdig. Sie zu schaffen lohnt nicht, ihre Wirklichkeit brächte zur ewig durchschauten Möglichkeit nichts Neues hinzu. Nein, keine Institution ist das Universum, viel eher ein Organismus aus zahllosen Freiheiten.

Was heißt "Allmacht" aber dann? Ein Blick auf den griechischen Credo-Text weist die Richtung. Bei "Pantokrator" bietet sich als Übersetzung eher "Allherrscher" an. Gegen diesen Begriff ist nichts einzuwenden. Unpolare All-Macht ist unsinnig; ein Herrscher über alle läßt sich denken: Gute Herrscher sorgen für ihr Volk, schlechte für Bauch und Tresor, Gottes Interesse ist allein das Ganze. Schwache Herrscher lassen die Zügel schleifen, sind den Unteren unerreichbar, so daß ihr Reich in Unrecht versinkt; starke Herrscher strafen arrogante Büttel, neigen dem Flehen des Geschundenen ihr Ohr und schaffen ihm Recht.

Was wir im Credo feierlich rezitieren, war ursprünglich ein Schrei, der Aufschrei des versklavten, gemarterten Einzelnen zu seinem Gott hoch über all den Mächten böser Willkür, vom Pausehof bis zum SS-Staat. In der Hellsicht seiner letzten Lebensmonate notierte der Schweizer Jurist Peter Noll: "Gott als oberste Berufungsinstanz, die den einzelnen frei und stark machen kann, auch wenn die ganze übrige Gesellschaft gegen ihn ist ... Dafür braucht es einen einigermaßen definierten und inhaltlich strukturierten Gott, einen Gott, der sich solidarisiert mit menschlichen Anliegen und unterscheidet zwischen Gut und Böse."

Das ist der Kern des jüdischen, christlichen und muslimischen Glaubens an den Allherrscher. Gott ist Liebe, kann uns darum nur als freie Geschöpfe wollen. Deshalb darf seine Herrschaft erst zuletzt unsere Taten richten, nicht von vornherein alles allein bestimmen. Griffe er in jedes böse Geschehen unmittelbar ein, dann wäre die Welt kein Ort der Freiheit, sondern ein Marionettentheater. So hat Gott die Welt nicht gewollt.

Aber auch nicht als ein Experiment, dem der Schöpfer nur kühl von außen zusähe. Nein, Gott ist erbarmende Liebe, fühlt mit uns und brennt darauf, die Freiheitstaten seiner Geschöpfe allherrscherlich zu besiegeln. Unser winzigstes Gutes läßt er zuletzt im ewigen Licht erstrahlen, jede Bosheit aber - in uns wie um uns - wird er am Ende beschämen. Was man auf Erden heute über die Nazis denkt, ist nur ein schwaches Zeichen des Abgrunds an Schande, in den jede angemaßte Macht stürzen muß.

Allerdings ist dies eine Zuversicht des Glaubens. Zu wissen gibt es hier nichts. Wie damals im KZ, wie vor bald zweitausend Jahren auf Golgotha, spricht auch heute vielerorts der Anschein gegen das Gute. Und doch! Und doch bäumt die Hoffnung mit Recht sich auf. Jesu Todesstunden am Kreuz haben bei seinem Osterdurchbruch einen Raum eröffnet, wo auch die Millionen Auschwitzstunden und alles Gräßliche überhaupt Platz finden. Kein Seinskorn geht der Allmacht verloren, nicht für immer verwirft Gott die Seinen.

"Allmächtig" heißt also nicht, daß Gott alle Macht hätte und wir gar keine, sondern es bedeutet, daß alle irdische Macht sich - in Jubel oder Schande - der göttlichen Güte zuletzt beugen wird. Beten wir darum den Beginn des Credo mit christlichem Freimut. Nicht vor einem Allmächtigen uns ducken sollen wir, sondern eben weil zuletzt die Liebe herrscht, brauchen wir uns vor keinem zu ducken: "Gott steht auf, seine Feinde zerstieben, seine Hasser entfliehen vor seinem Angesicht. Wie Rauch verweht, da es weht, wie Wachs angesichts des Feuers zerfließt, schwinden die Frevler angesichts Gottes, die Bewährten aber freun sich, ergötzen sich vorm Angesicht Gottes, entzücken sich in der Freude."

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