Jürgen Kuhlmann

Nicht weg sind die Toten, nein: näher als je


Anlaß: Allerseelen; Totensonntag
Botschaft: Die Verstorbenen sind uns nicht fern, sondern
- als Glieder Gottes - uns näher als wir uns selbst.
Themen: Trauer über das Fortsein der Toten - wo sind
sie? - heidnische Angst vor ihnen - Streit um Ahnenkult -
er richtet sich aber an Gott selbst - Gebet zur Mutter?
Ziel: Der Hörer verdrängt nicht seinen Schmerz, hält ihm
aber vertrauensvoll stand.


"Diese Frau soll nicht mehr da sein? Ich kann es nicht begreifen, ich komme darüber nicht hinweg." Der so klagt, hat mit seiner Frau zusammen sechzig Jahre verbracht; in schönen wie in schweren Zeiten haben beide Menschen sich miteinander wie zu einem einzigen Wesen verbunden. Herzzerreißende Abschiede im Krieg - werden wir uns jemals wiedersehen? Lange Ungewißheit: während der Kriegsgefangene im Lager knapp dem Verhungern entgeht, schlägt die Flüchtlingsfrau sich mit zwei Kindern aus dem Osten nach Bayern durch, woher sie stammt. Wieder vereint, geht die Familie ihren Weg durch Höhen und Tiefen. Bis die Mutter stirbt und ihr Mann nicht glauben kann, daß es sie nicht mehr geben soll. Wie auch? Er ist doch am Leben, und sie war zu einem anderen Teil seiner selbst geworden, die bessere Hälfte, sagen die Leute und haben so recht, erst jetzt weiß er, wie tief wahr die scherzhafte Redewendung ist. Kann denn jemand, der so wirklich ist wie die geliebte Frau, auf einmal unwirklich sein? Das geht nicht, das wäre ein unbegreiflicher Widerspruch!

Viele fühlen wie dieser alte Mann, alle fühlen wir irgendwann so, deshalb gibt es den Tag Allerseelen. Die einen gehen auf den Friedhof, stellen Blumen und Kerzen aufs Grab. Andere, deren Tote weit weg ruhen, schauen Sterbebildchen an. Alle lassen ihre verstorbenen Freunde kraft der Erinnerung wieder lebendig sein, so wie sie damals bei ihnen waren. Waren ... geheimnisvolles Wort, sagen wir lieber: so wie sie gewesen sind. Denn sie sind ja, könnte ich ihrer freundschaftlichen Gegenwart damals sonst so deutlich inne sein? Wie aber sind sie? Gewesen. Was heißt das? Die Frage verbindet alle Menschen. Wer sie überhaupt nicht stellt, ist entweder noch ein Kind oder hat sich zurückentwickelt, dämmert vor sich hin in irgendeinem Stall des modernen Weltdorfes als wohlangepaßtes Haustier, dem bloß die Oberfläche der Gegenwart als wirklich gilt und der jeweilige Zeitgeist als wahr. Alle Menschen aber sind eins in der Großen Frage: Was ist mit unseren Toten? Ihr Gewesen-Sein, was ist es jetzt? Und unser eigenes Jetzt-Sein, was wird aus ihm dann, wenn es ebenfalls gewesen sein wird? Das ist die Frage aller Fragen überhaupt.

Die Antworten sind verschieden, jeder Glaube gibt eine andere. Auf den ersten Blick widersprechen sie sich gegenseitig, vielleicht liegt das aber an der Schwäche unseres Verstandes, der das Geheimnis von Zeit und Ewigkeit nicht auf einmal begreifen kann, nur nacheinander, von gegensätzlichen Seiten aus, so ähnlich wie Tante Ritas klobige Tasse von der Seite gesehen viereckig ist, von oben gesehen aber rund, und ist doch, obwohl kein Kreis zugleich viereckig sein kann, eine ganz normale Tasse. Wer sie schräg von oben anschaut, erblickt - leicht verzerrt - beide Figuren und sieht ein, warum die scheinbar unvereinbaren Gegensätze doch beide stimmen. Gibt es beim Geheimnis von Allerseelen auch so einen schrägen Blick, der die christliche Denkweise mit einem ihrer Gegensätze zusammenschaut, so daß sich uns eine aufregend neue Wahrheit zeigt, weiter und spannender, als fromme Kinder sie lernen?

Die Welt der Toten ist unheimlich. Um Mitternacht allein zwischen Gräbern, da wird es dem abgebrühtesten Sinn mulmig zumute. Was gibt es zu fürchten? Neid der Toten auf die Lebenden, die noch im Licht sein dürfen? Rache der Verstorbenen für schlechte Taten und Gedanken, die ihnen jetzt offenkundig sind? Oder der eigene Tod, dessen stets drohende Übermacht die zitternden Nerven mit Grauen überschwemmt? Auf jeden Fall hat die menschliche Urangst vor den Verstorbenen bei vielen heidnischen Völkern zum Ahnenkult geführt: Man verehrt die Toten, betet zu ihnen, bringt ihnen, sie freundlich zu stimmen, Opfer dar, stürzt sich in Unkosten, um in prächtigen Gräbern die Toten mit allem zu versorgen, was sie brauchen könnten, denken wir an die ungeheuerlichsten Grabstätten, die ägyptischen Pyramiden.

Im christlichen Glauben ist der Bann des Todes und der Toten gebrochen. "Der Gerechten Seelen sind in Gottes Hand," jubelt der Chor im Deutschen Requiem von Brahms. Christus der Gekreuzigte ist "hinabgestiegen in das Reich des Todes", hat dessen unheimliche Gewalt überwunden, erlöst die Gestorbenen aller Jahrtausende kraft seines Ostersieges und verspricht jedem, der treu zu ihm hält, dasselbe wie damals dem Leidensgefährten am Nebenkreuz: Heute noch wirst du bei mir im Paradiese sein. Weil wir das gläubig hoffen, deshalb ist Allerseelen nicht nur ein trüber Gedenktag, sondern ein echtes Fest. Gibt es für Christen demnach keinen Ahnenkult?

Im Abendland wurde dies bisher kaum gefragt, wohl in manchen Missionsländern. Bei den Papuas in Neuguinea z.B. kam es zu einem Gespräch zwischen Missionar und neuchristlichem Häuptling: Die Ahnen zu verehren sei gegen das erste Gebot, meinte der Missionar, Gott allein stehe Verehrung zu. Im Gegenteil, erwiderte der Häuptling, die Ahnen nicht zu ehren ist eine Sünde gegen das vierte Gebot! - Verletzend scharf war der Ritenstreit der Chinamissionare im 17. und 18. Jahrhundert, er ist bis heute unversöhnt. Bekanntlich ist beim chinesischen Volk der Familiensinn sehr stark. Weil er über den Tod hinausreicht, deshalb stehen den Vorfahren mancherlei Ehrungen zu; unter anderem hat man ihnen Speisen an die Gräber gebracht. Können Tote essen und trinken? fragten spöttisch die einen Missionare und verboten solchen Aberglauben - können Tote riechen? fragten andere, tolerantere Christen dagegen und erinnerten an die Blumen auf christlichen Gräbern. Nach über einem Jahrhundert des bittersten Streits hat der Papst 1742 den chinesischen Ahnenkult untersagt - so daß die Chinamission scheitern mußte; welches Volk läßt sich seine uralten Totenbräuche von einer fremden Macht verbieten? Zwar wurden sie, fast zweihundert Jahre später, 1939 wieder erlaubt, da war es aber schon zu spät. Und die neue Begründung, inzwischen seien jene Sitten rein zivil geworden, hätten keinerlei religiöse Bedeutung mehr, sie wird bestimmt nicht dem Sinn aller frommen Chinesen gerecht.

Schroff widersprechen sich beide Sichten. Ahnenkult wäre unchristlich, würde Gott die Ehre rauben - nein, er ist eine fromme Pflicht. Kann es Versöhnung geben? Schauen wir wieder auf Tante Ritas Tasse. Von oben ist sie rund, von der Seite eckig, von schräg oben beides. Könnte ein solch schräger Blick auch den Streit um die Ahnenverehrung schlichten - und so unser Verhältnis zu unseren eigenen Toten bereichern und vertiefen? Ich glaube, ja. Wie kann es sein, daß diese Frau weg ist? fragen trostlos der Witwer, traurig Tochter und Sohn. Mit der Auskunft "sie ist in Gottes Hand" sind sie nicht zufrieden; denn der Himmel scheint weit weg.

Doch nicht nur in Gottes Hand sind unsere Verstorbenen, diese Vorstellung ist viel zu äußerlich. Was ich in die Hand nehme, ist mir fremd; Tod und Verklärung sind aber das Ende der scheinbaren Fremdheit zwischen Mensch und Gott. Wer durch die Taufe ein Glied am Leibe Christi geworden ist, sie oder er stirbt nicht ins Nichts, auch nicht in einen fernen Himmel. Ein solches Gottesglied erwacht sterbend zu seiner vollen Wahrheit. Im irdischen Leben sind wir oft wie eingeschlafene Finger: die gehören zum Leib, wissen es aber nicht. Unsere Toten dagegen sind hellwach, gleichen den Lippen deines Mundes, mit dem du deinem Kind zärtlich einen Kuß gibst. Darf das Kind deine Lippen nicht ehren, weil Ehre nur dir gebührt? Welche Torheit! Als wären deine Lippen und du - zweierlei! Das sind sie zwar mitunter beim Zahnarzt, da staunst du, wie fremd deine fühllosen Lippen dir selber doch sind.

Könnte es sein, daß so ähnlich Gott uns irdisch Gesinnte empfindet, wenn unsere betäubte Seele ihr eigentliches Leben immer wieder vergißt? Solche Selbstnarkose ist aber spätestens mit dem Tod vorbei. In diesem innigen, lebendigen Sinn also sind die Toten "in Gott": nicht wie Früchte in einer Hand nur, sondern wie wache Finger und Lippen im selbstbewußten, uns Hinterbliebene zart streichelnden und küssenden Gottesleib. Insofern sind Anbetung Gottes und Ahnenkult keine Gegensätze, sondern dasselbe! Und das folgende Gebet eines "Heidenchristen" zu seiner verstorbenen Mutter mag nicht nach jedermanns geistlichem Geschmack sein; ein traditioneller Angehöriger des "Neuen Israel" kann es - für sich - mit Recht ablehnen. Er darf es aber keinem Mitchristen verbieten; denn "weder Beschneidung gilt etwas noch Unbeschnittenheit, sondern: Neue Schöpfung" (Gal 6,15).

Wenige Wochen nachdem seine Mutter gestorben ist, schwimmt ein Priester im Meer und denkt: Die Gischt fühlt sich anders an als im vergangenen Jahr. Sie braust und schäumt wie immer, sooft eine Welle sich am Felsen bricht, und weiche Freundlichkeit hüllt mich ein, nicht mehr namenlos aber wie im letzten Sommer oder im ersten meines Lebens in den Wochen vor meiner Geburt. Damals kannte ich nur, von innen, deinen Bauch, seither bist du mir Antlitz und Stimme geworden, Lachen und Weinen mir gegenüber, aber mit den Jahren immer fremder, anderswo. Dann, vor sieben Wochen, bist du gestorben. Seitdem bist du, wie im Anfang, wieder liebevoll um mich her, wenn der Sommerwind mich streichelt, oder eben in der perlenden Gischt. Wieder bist du alles und ich bin dabei, ein personhaftes Alles jetzt. Mit Recht ist denen, die dich kannten, der Gedanke unfaßbar, daß du tot sein sollst. Tot bist du nicht, sondern das Leben hat Farbe und Klang deiner Gegenwart angenommen, weil SIE, die Ewige Liebe selbst, dich als ihre zeitliche Erscheinung und in dir mich erschaffen hat. Seit sieben Wochen bist du nicht mehr anderswo, sondern wieder überall um mich her, und nie mehr wirst du von mir entbunden, bis auch ich einst endgültig geboren werde und dich in der Wirklichkeit schauen darf, wie nach der ersten Geburt im zeitlichen Traum. -

Herr, gib allen Verstorbenen die ewige Ruhe. Und das ewige Licht leuchte ihnen, und durch ihr liebes Dabeisein auch uns hier im Nebel der Zeit.

Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/kuhlmann/ahnen.htm

Weitere Predigten

Andere Texte des Verfassers (z.B. Abschiedspredigt 1972, Kinderbuch für Erwachsene, Kleines Credo für Zeitgenossen, Heiße Eisen, Simone Weil)

Kommentare bitte an Jürgen Kuhlmann