Jürgen Kuhlmann

Himmel und Hölle, am Computer geahnt


Anlaß: Allerheiligen / Allerseelen; Ende des Kirchenjahres;
Glaubensgespräch mit Computer-Erfahrenen
Botschaft: Ein Programmabsturz ist ein erschütterndes
Symbol des ewigen Verderbens.
Themen: Verbrauchte Bilder von Himmel und Hölle - das
Erlebnis des Absturzes - macht den Ernst des Höllensturzes
spürbar - und hilft zu erlösender Erleuchtung.
Ziel: Der Hörer nimmt das oft Erlebte als Gleichnis ernst.


Jahr für Jahr denken wir in diesen Herbsttagen an unsere Toten und stimmen uns darauf ein, daß wir selber sterbllich sind, nicht anders als alle Menschen, die vor uns über die Erde gewandert sind. Seit Jahrzehntausenden hat sich hier, im Kern unseres Daseins, nichts geändert. Und doch fühlen wir anders als die Menschen noch vor wenigen Jahrhunderten. Irgendwo in den Tiefen der Menschenseele muß so etwas wie eine ungeheure Umschaltung passiert sein. Sollte ich es schaffen, eine Gruppe von Informatikstudenten von ihren Bildschirmen loszureißen und vor echte Bilder im Museum zu führen, etwa vor einen mittelalterlilchen Höllensturz, der Verdammte darstellt, die von teuflischen Monstern mit Zangen gequält und in die Flammen gestoßen werden: Wie würden die modernen jungen Leute reagieren? Mehr belustigt die einen, eher angewidert andere, kaum einer jedoch erschüttert, in der Seele getroffen. Ernstnehmen, als sich selbst drohende Gefahr empfinden kann ein Zeitgenosse diese höllische Szene nicht mehr. Gäbe es am Ende einen solchen Foltergott wirklich, dann wäre man ihm zwar schlimmstenfalls hilflos ausgeliefert wie ein KZ-Häftling seinem sadistischen Kommandanten, geistig zu achten wäre der aber nicht, ebensowenig wie der Chef des langweiligen himmlischen Freizeitparks, in dem Ludwig Thoma seinen Bayern verdrossen "Halleluja sag i" brummeln läßt, obwohl ihm anders zumute ist. Höllen- wie Himmelsbild gehen aber auf die Offenbarung Jesu zurück, an die wir doch glauben, von der unser Herz erfüllt ist. Gibt es bessere Bilder? Wie ließe sich jenen Studenten klar machen, was unsere Vorfahren bei Ausdrücken wie Höllensturz und himmlischer Seligkeit empfanden, so daß ein Computer-geprägtes Gemüt ebenso total von der Heilsbotschaft ergriffen würde wie eine mittelalterliche Seele?

Ein mir bekannter Christ weiß, daß solche Übersetzung möglich ist, denn er hat sie erlebt. Ein ebenso banales wie gefürchtetes Ereignis, das jeder Computer-Nutzer kennt, hat sich ihm plötzlich als erschreckendes Symbol der Gefährdung seiner Lebenswelt offenbart. Er berichtet: Ich will diesen Text jetzt fertig tippen, vorher fühle ich mich nicht frei. Allerdings bohrt in mir ein ungutes Gefühl. Denn eigentlich - das weiß ich - sollte ich jetzt etwas anderes tun. Da mahnt eine unangenehme Pflicht, ehrlicherweise müßte ich sie zuerst erledigen. Ich will aber nicht. Zwar darf ich das niemandem sagen; kein vernünftiger Mensch hätte Verständnis für meine verbohrte Priorität - aber sei es! Ich will. Es braucht ja niemand zu wissen.

Verstockt tippe ich also weiter, bin fast schon fertig. Doch was ist das? Plötzlich erscheinen verkehrte Zeichen auf dem Bildschirm. Alles, was ich geschrieben habe, ist nicht mehr zu lesen. Was ist mit meiner Datei? Ist sie noch da? Aber natürlich, wo soll sie sein? Ich bewege das Gerät etwas, ah, Gott sei Dank, die Zeichen verwandeln sich zurück, sind wieder mein Text. Beruhigt will ich weitertippen - aber es geht nicht. In der Zeile rührt sich nichts, so aufgeregt ich auch auf alle möglichen Tasten hämmere. Das darf doch nicht wahr sein, ein Absturz! Ist alles verloren? Der ganze Inhalt meiner vergangenen Lebensstunden? Ja. So sehr ich schüttele und klopfe, komme ich an meine Datei nicht mehr heran. Anscheinend habe gewisse Macken, die das Gerät schon länger plagten, sich ausgerechnet jetzt zum Total-Ausfall verschärft. Wie zum Hohn steht mein Text weiterhin klar auf dem Bildschirm, alles ist da. Und doch für immer verloren. Das Programm ist abgestürzt.

Abgestürzt? Mein Gott, und ich? Ich bin doch selbst zwei Stunden lang dieses Programm gewesen, auf es hat sich all meine Lebensenergie konzentriert. Der ich gewesen bin, ist mit abgestürzt, »in letzte Verlorenheit gestürzt« - woher kenn' ich den Ausdruck? Ja natürlich, das ist die Hölle. Das also ist die Hölle! Wenn mein »Text«, wörtlich: meines Sinnes Gewebe trotz klarster Existenz dennoch unrettbar verloren ist. Unrettbar! Wie genau stimmt die Fachsprache der Informatiker, auch beim Gegenteil. Alles geht darum, die Datei, die ich bin, zu der ich mich Tag für Tag mache, am Ende zu retten, englisch: to save, dabei klingt das Wort »Saviour« an, Heiland. Auf deutsch sagt man »Speichern«, plötzlich sehe ich einen großen, wohlgefüllten Kornspeicher vor mir, jedes Byte ein Korn, und höre Christi Wort an die Ackerknechte: »Das Korn sammelt in meine Scheune« (Mt 13,30).

So ist das also mit Himmel und Hölle! In den Himmel kommt meine persönliche Datei, falls sie permanent speicherbar ist, d.h. sich ins Große Heilsprogramm einfügen läßt, mit anderen Dateien kommunizieren, halt einfach: ewig dabei sein kann. In die sinnlose totale Verlorenheit stürzt sie hingegen ab, wenn sie hilflos in sich selbst eingesperrt bleibt, zwar da ist, aber nur für sich selbst, von jeder Gemeinschaft mit anderen Dateien abgeschnitten, für immer fruchtlos isoliert. Verwirrt schaue ich auf meinen armen, eben noch so lebendigen und jetzt toten Text. Wenn er Bewußtsein hätte - aber in mir hat er es ja! Jeder Tastendruck, der ihn erzeugte, war meine bewußte Tat, und seine jetzige Vergeblichkeit, Wut, Enttäuschung, Reue, Verzweiflung ist bittere Wirklichkeit in mir.Als ich mit Dante durch die Hölle wanderte, waren zwar die Farben des Verderbens kräftiger, die Wucht des Eindrucks aber schwächer. Zermalmt fühle ich mich erst jetzt. Hätte ich doch nur jene andere Pflicht erfüllt, wäre ich doch gemäß Gottes Willen demütig-aktiv mit dem Ganzen verbunden gewesen, statt bloß meinen dummen Eigenwillen zu tun, dann wären diese zwei Stunden nicht unrettbar abgestürzt, sondern würden jetzt schon im Speicher des Ewigen Lebens auf mich warten.

Doch Gott sei Dank! Ich lebe. Auch jetzt arbeitet der Schöpfer mit seiner Weltmaschine an meinem Sinntext. Deshalb ist die tote Datei, soweit an ihr liegt, zwar in der Hölle - dank Gottes Gnade stellt die sich aber nun als Fegefeuer heraus, wo der Mensch, der ich in jenen zwei Stunden war, sich in schmerzlicher Krise zu neuem Heil läutert. Sei ich deshalb jetzt, wer ich sein soll, und mache ich mich endlich an die schlichte Aufgabe, die gerade dran ist. Und fühle auf einmal, was bei den Zen-Leuten wohl Erleuchtung heißt: den Blitz der klaren Gewißheit, daß meine gegenwärtige Daseinsminute nicht mehr abstürzen kann, sondern sofort permanent gespeichert, für immer gerettet wird und so dem grausamen Einerlei ständiger Neutipperei entkommen ist. »Was ist es mit Buddha? Zwei Pfund Hanf.« Was ist der Sinn des Lebens? Schäl die Kartoffeln. Soll mit der Welt und auch mit mir später passieren was mag: Dieser Augenblick jetzt gehört unverlierbar zum Ewigen Totalprogramm und steht Gott allein weiß welchen anderen Anwendungen zur Verfügung.

»Himmel oder Hölle?« Wenn ein Kind mit seinem kunstvoll gefalteten Papier dich lächelnd um deine Entscheidung bittet, dann mach das Spiel mit, wähle, und laß dich überraschen. Das Leben aber ist kein Spiel. Und wenn doch, dann ein ernstes um alles oder nichts. Willst du verspüren, was Himmel und Hölle wirklich bedeuten, dann geh statt ins Museum an deinen Computer und wisse: Jene Datei, um die es dir eigentlich geht, bist du selbst. Speichern oder Absturz, nur das ist die Frage. Ewig sind beide, denn ausschaltbar ist keines der zahllosen Peripheriegeräte im ewigen Netzwerk. Deine Lebenswelt überlebt, wie die WORD-Welt auf deinem Schreibtisch, nur, dank »save«, im permanenten Speicher. Sieh dich also vor, daß du keine Tastenkombination wählst, die dich höllisch abstürzen läßt, sondern füge jeden Augenblick als speicherbares Himmels-Byte jener einmaligen Datei an, die du bist. Damit nicht gerade sie beim endgültigen DIR-Aufruf fehlt!

Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/kuhlmann/absturz.htm

Weitere Predigten

Andere Texte des Verfassers (z.B. Abschiedspredigt 1972, Kinderbuch für Erwachsene, Kleines Credo für Zeitgenossen, Heiße Eisen, Simone Weil)

Kommentare bitte an Jürgen Kuhlmann