Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr B

Arzneien gegen Glaubensmißmut

Gedanken zum neunzehnten Sonntag im Jahreskreis


"Jede Art von Bitterkeit ... und alles Böse verbannt aus eurer Mitte!" Das ist, fühlen viele, leichter gesagt als getan. Wie soll man nicht bitter werden in einer Zeit, wo so vieles, was an unserer Kirche früher köstlich war, weggebrochen ist? Aus frohen Glaubensgewißheiten sind öffentliche Streitereien geworden, deutsche Kardinäle liefern sich Pressegefechte, und das nicht nur bei Nebenthemen. Was kann man überhaupt noch glauben? Und wie kann man, was einem an Glauben geblieben ist, den künftigen Generationen weitergeben? Wenn ein katholischer Vater berichten muß, daß von seinen fünf Kindern nur einer sonntags in die Kirche geht, weil er dort Orgel spielt, dann zeichnet die Hochrechnung ein düsteres Zukunftsbild. Gibt es gegen diese geistliche Blutverbitterung eine Medizin? - Das heutige Evangelium stellt sie bereit. Bei Anfällen von Glaubensmißmut eingenommen, sollten diese beiden Arzneien uns stärken.

I. Was kann man überhaupt noch glauben?

Das ist im Kern dieselbe Frage, wie die empörten Leute sie damals an Jesus richteten: "Sie sagten: Ist das nicht Jesus, der Sohn Josefs, dessen Vater und Mutter wir kennen? Wie kann er jetzt sagen: Ich bin vom Himmel herabgekommen?" Der Evangelist Johannes weist diese Frage ab. Sie beruht auf einem fundamentalen Mißverständnis: als könne Jesus, weil seine irdischen Eltern bekannt sind, nicht vom Himmel stammen. Um seine himmlische Abkunft mit einem deutlichen Bild zu symbolisieren, haben andere urchristliche Gemeinden die tiefsinnige Erzählung von der Geburt des Gottessohnes aus der Jungfrau aufgegriffen, die in der Antike seit langem bekannt war. So lesen wir bei Matthäus und Lukas, und bekennen es jeden Sonntag im Glaubensbekenntnis. Johannes drückt denselben Glauben an Jesu himmlische Abkunft anders aus ("der [ewige] SINN ist Fleisch geworden") und kommentiert auf seine Weise das Glaubenssymbol der Jungfrauengeburt, indem er es nicht abweist aber verallgemeinert, auf alle Glaubenden ausweitet. Frische Glaubensluft zieht durch unser Herz, sobald wir diese überraschende Botschaft der Bibel begreifen: Wir alle sind - hoffentlich! - Jungfrauenkinder. Das klingt wie ein schlechter Scherz, steht aber genau so im Evangelium.

Als ich zu meinem Vater sagte, daß auch wir beide Jungfrauenkinder sind, hat er protestiert: mindestens bei mir wisse er genau, dem sei nicht so. Es stimmt aber doch, jeder Christ muß es für sich und seine Freunde hoffen: "Die Ihn angenommen, ihnen hat er Vollmacht gegeben, Kinder Gottes zu werden - den an Seinen Namen Glaubenden: Die nicht aus dem Geblüt und nicht aus Fleisches Willen und nicht aus Mannes Willen, sondern aus Gott gezeugt sind" (Joh 1,12 f).

Bei diesen Sätzen des Johannes-Prologs ist klar, daß sie nicht biologisch, sondern geistlich gemeint sind: Zwar stammen unsere irdischen Leiber aus der Gier des Fleisches und dem Begehren des Mannes; das aber, was wir im Innersten sind, nämlich Töchter und Söhne Gottes, das verdankt sich keiner irdischen Fruchtbarkeit. Stellen Sie es sich vielleicht mit Hilfe jener russischen Puppen vor, wo eine in der anderen steckt. Ähnlich besteht auch eines Menschen Ich aus mancherlei Schichten. Das äußere Ich wird vom Vater gezeugt und der Mutter geboren, das innerste Ich jedoch kann nur deshalb nach Gott verlangen, an Gott glauben, aus Gottes Kraft wirken, weil es von vorneherein nichts Irdisches ist, vielmehr ein Funke des göttlichen Feuers, geboren aus dem Heiligen Geist. Wenn nun schon dein und mein erlöstes Ich nicht von einem irdischen Vater gezeugt ist, wieviel mehr gilt das von der göttlichen Person des Erlösers selbst!

Weichen wir der schweren Frage nicht aus, die sich da stellt. Welchem Evangelisten soll ein Christ glauben: Matthäus und Lukas, nach denen Jesus von einer Jungfrau geboren wurde, oder Johannes, laut dem alle Glaubenden Jungfrauenkinder sind und der heute den Leuten nicht widerspricht, die Josef Jesu leiblichen Vater nennen?

Klar ist, daß wir allen Evangelisten glauben sollen. Traditionell gibt die Kirche Matthäus und Lukas den Vorzug, weil Johannes die Frage der leiblichen Jungfräulichkeit ja nicht ausdrücklich behandle. Mir scheint, so leicht dürfen wir es uns nicht mehr machen. Denn erstens ist die kritische Denklinie des Johannesprologs deutlich genug. Zweitens sind wir Christen nicht nur solchen verantwortlich, die den alten Wundergeschichten problemlos zustimmen, sondern auch den vielen Zeitgenossen, die sie beim besten Willen nicht mehr glauben können. Wie kann die Kirche für sie offen sein und zugleich ihrer alten Botschaft treu?

Die Lösung scheint mir umwerfend einfach. Der Schöpfer der Realität ist zugleich der Verfasser der Heiligen Schrift. Bibel und Welt haben einen und denselben Urheber; dessen Idee wird in beiden Wahrheitsweisen mitgeteilt. Wenn eine Idee allzu reich und sinn-voll ist, als daß sie in einem Mono-Ausdruck enthalten sein könnte: warum soll sie dann nicht sozusagen stereo aufgefächert werden? So daß dieselbe überreich wirkliche Gestalt in der realen Welt der Geschichte anders auftritt als in der virtuellen Welt des Buches, ohne daß eine dieser Erscheinungsweisen weniger echt wäre als die andere? Weil es stimmt, daß "alles nichts anderes ist, als das Wissen davon im göttlichen Geist", deshalb ist die in der Bibel bezeugte, in zahllosen Kunstwerken dargestellte und Jahrhunderte hindurch von Millionen fest geglaubte Jungfräulichkeit Mariens nicht minder "wahr" als die vermutlich historisch reale Vaterschaft Josefs.

Verständlich ist es schon, wenn man sich (außen rechts) belustigt, daß an Mariens Jungfräulichkeit im biologischen Sinn zwar die Muslime glauben, viele "fortschrittliche" Christen hingegen nicht. Trotzdem scheint es mir für die Zukunft des Glaubens (auf die Dauer auch der Muslime!) entscheidend, daß der Gegensatz zwischen von Gott historisch realisierter und autorisiert geschriebener Wahrheit als Spannung gleichberechtigter Pole eingesehen und auf die überlieferten Inhalte klug angewandt wird.

Folglich irrt im Gottesdienst keiner, weder wer beim Credo das "Geboren von der Jungfrau Maria" kritiklos mitspricht noch wer bei diesen Worten ratlos verstummt, beide beziehen sich auf gegensätzliche Erscheinungsweisen derselben Wirklichkeit. Falsch ist allein die Bitterkeit des Streits, der in vielen Gemeinden auch wegen dieser Frage die Herzen trennt. Was in einer Zeitungsredaktion als zynische Erfahrungsweisheit belacht wird: "Mustn't let the facts get in the way of a story", ist in der Kirche ein gültiges Programm. Schöpfer und Autor gehören nicht auseinandergerissen sondern als derselbe anerkannt. Wenn zwei, statt im Wohnzimmer - nebeneinander aber einträchtig - einem Stereo-Konzert zu lauschen, dem andern je einen Lautsprecher ins Gesicht werfen, tun sie der Musik und dem Tonmeister Unrecht.

Was also kann man überhaupt noch glauben? Alles, was man immer geglaubt hat. Vieles nicht mehr so unkritisch wie ehedem, als man jeglichen Glauben an einen bedeutsamen SINN des Ganzen zugleich für ein Wissen historischer Realität hielt. Das war falsch, kein Irr-Glaube aber sondern bloß eine unrichtige theologische Meinung über das Verhältnis von Wirklichkeit, Wahrheit, Hl. Schrift und Realität. Solcher Irrtümer ist die Theologiegeschichte aller Religionen voll, ohne daß sie dem unfehlbaren Glauben ihrer Anhänger geschadet hätten. Wer weiß, wie die Theologen in tausend Jahren über viele unserer heutigen Selbstverständlichkeiten urteilen werden ...

II. Wie ertrage ich es, daß ich meinen Glauben so schlecht weitergeben kann?

Indem ich mir von Jesus klarmachen lasse: "Es kann niemand zu mir kommen, wenn nicht der Vater, der mich gesandt hat, ihn zieht" (Joh 6,44). Ein Christ gleicht einem Elektromagneten, der versucht, auf allerlei Eisengestalten "attraktiv" zu wirken. Ob er eine bestimmte Nadel aber tatsächlich ergreift, liegt nicht an ihm sondern an Gott, der den Schalter betätigt, wie ER will. Für meine Drähte bin ich verantwortlich, nicht für den Strom. Mit der Mühe, daß sie nicht reißen noch verrosten, habe ich genug zu tun; die nötigen Energien darf ich nicht damit verschwenden, mir über meine Erfolglosigkeit Sorgen zu machen. "Erfolg ist keiner der Namen Gottes", heißt ein berühmter Satz des weisen Juden Martin Buber. Für Kammerdiener gibt es keine Helden, Familien-Intimität schafft nicht die besten Bedingungen für Mission. Auf welchen abenteuerlichen Wegen Menschen zu strahlendem Glauben kamen, berichtet ein neues Buch über Konvertiten.

"Beleidigt nicht Gottes Heiligen Geist!", mahnt die zweite Lesung. Lernen wir von einem Heiligen, den viele von uns noch selbst erlebt haben. Nach seiner Wahl 1958 wälzte der gute Papst Johannes XXIII. sich schlaflos im Bett herum, bis der Heilige Geist ihn fragte: Was ist los, Angelo, warum schläfst du nicht? - Ach Herr, wie soll ich schlafen, mit dieser schrecklichen Verantwortung? - Sag mal: wer leitet die Kirche, du oder ich? - Natürlich du, Herr. - Siehst du? Also dreh dich um und schlaf.


Zum Weiterdenken:

Jungfrauengeburt: Am schönsten hat dies Geheimnis vor einem Dritteljahrhundert der Holländische Katechismus erklärt: "Das ist der tiefe Sinn des Glaubensartikels 'geboren aus einer Jungfrau'. Es gibt nichts im Schoß der Menschheit, nichts in der menschlichen Fruchtbarkeit, das ihn erwecken kann, ihn, von dem die ganze menschliche Fruchtbarkeit und der ganze Werdegang unseres Geschlechtes abhängt: In ihm ist alles geschaffen. Diesen Verheißenen hat die Menschheit letzten Endes niemand anderem zu verdanken als dem Geist Gottes. Sein Ursprung ist weder aus dem Blut noch aus dem Willen des Fleisches noch aus dem Willen eines Mannes, sondern aus Gott; aus unendlicher Höhe, aus unendlicher Ferne" (S.85).

Wahrheit stereo aufgefächert: Könnte dies eine neue, kirchlich annehmbare Fassung der mittelalterlichen Lehre der "doppelten Wahrheit" sein? Sie wurde im 13. Jahrhundert von islamischen, jüdischen und christlichen Denkern entwickelt, fand bei der Kirche damals zwar keine Gnade, hat sich inzwischen aber z.B. in den Fällen Galilei und Darwin faktisch durchgesetzt. Erst wenn die Kirche sie - verfeinert und allgemeinverständlich durchgearbeitet - ausdrücklich gelten läßt, kommt auch bei diesen Themen die Wahrheit der biblischen Symbolwelt wieder zu ihrer ursprünglichen Kraft.
Diese Arbeit ist im Gange. Thomas Söding schreibt (im CiG 31/03, S.262) über Ulrich Wilckens, den Autor einer neuerschienenen "Theologie des Neuen Testaments": Er "spricht sich für eine 'kritische Revision der historischen Bibelkritik' aus. Die historisch-kritische Exegese sei von einem Verständnis der Wirklichkeit und der Geschichte beherrscht, das in einen unlösbaren Widerspruch zum Geschichts- und Wirklichkeitsverständnis der Bibel gerät, weil es den Gott, den Jesus verkündet, methodisch ausklammert. Vor allem aber habe sie den Anschluß an die philosophische und historische Diskussion über die Möglichkeiten geschichtlichen Erkennens und vernünftiger Wirklichkeitsauffassung verloren."

"Alles ist nichts anderes als das Wissen davon im göttlichen Geist": Johannes Scotus Eriugena (810-877), De divisione Naturae V,27

Konvertiten: Hier eine Besprechung des Buches von Christian Heidrich.


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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