Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr C

Zwischen Bangnis und Vorfreude

Gedanken zum dritten Adventssonntag


"Der Herr hat das Urteil gegen dich aufgehoben und deine Feinde zur Umkehr gezwungen. Der König Israels, der Herr, ist in deiner Mitte; du hast kein Unheil mehr zu fürchten."

Der Prophet Zefanja lebte um 630 vor Christus, damals war gerade eine religiöse und soziale Verfallszeit in Jerusalem zu Ende gegangen, der junge König Joschija versuchte es mit Reformen. Stammt unser Vers aus dieser Zeit? Wurde er später hinzugefügt? An derlei Fragen knobeln die Exegeten herum, für uns heutige Hörer des Wortes Gottes sind ihre Antworten interessant aber nicht wichtig. Mich bewegt eine andere Frage. Wenn der ewige Gott ein Strafurteil erst ausspricht und dann wieder aufhebt, wenn ferner dieser geschichtliche Sachverhalt von vor zweieinhalbtausend Jahren uns heute als Glaubenswort vorgelesen wird: in welche Sinn-Spannung läßt der zeitliche Gegensatz von damals sich für uns heute übersetzen?

Gleichnisse, auch die der Heiligen Schrift, machen das Geheimnis des Ganzen nicht begreiflich, bieten unserem Verstand aber Anhaltspunkte; sie von Mißverständnissen immer wieder zu reinigen ist Aufgabe eines reifenden Glaubens. Durch das Wort "Urteil" wird in unsrem Vers Gott mit einer richtenden Instanz verglichen, der allerhöchsten. Seine Beziehung zu ihr kann jemand auf zwei total gegensätzliche Weisen erleben: als Verurteilter und als Freigesprochener. Daß aber derselbe Gott einen Angeklagten zuerst verurteilt und das Urteil dann aufhebt, wie paßt solcher Wechsel zum zeitüberlegenen Ewigen Gott?

Christen glauben, daß "Gott Licht ist und keine Finsternis in ihm" (1 Joh 1,5), daß es in ihm "keine Veränderung und keine Verfinsterung gibt" (Jak 1,17). Damit begründet Jesus sein Gebot der Feindesliebe: "Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet; denn er läßt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er läßt regnen über Gerechte und Ungerechte" (Mt 5,44 f).

Stellen wir uns beide Landschaften vor: einen strahlenden Sonnenaufgang bei klarem Himmel, und eine graue Wolkendecke, aus der herab es nur so schüttet. Was Realität und Stimmung betrifft, zeigt sich ein Gegensatz. Freilich ist darüber, wie die Vorzeichen verteilt sind, noch nicht entschieden! Auf diese Einsicht, scheint mir, kommt es bei unserer Ausgangsfrage an. Im winterlichen Mitteleuropa ordnen wir eher dem Sonnenschein das Plus- und trübem Dauerregen ein Minuszeichen zu. Denken wir aber an den vergangenen Sommer zurück oder machen wir uns klar, daß Jesus in einem südlichen Land und zu Bauern sprach, so kippt das Bild: Regenwasser ist lebensnotwendiger Segen, der glühende Sonnenball wird zum Fluch.

Aus dieser Zweideutigkeit der Glaubensbilder scheint mir eine Antwort auf unsere Frage zu folgen. Obwohl wir den Wechsel zwischen Gottes Strafurteil und Freispruch als Widerspruch erfahren, wird von ihm doch die reine, unwandelbare Helle des Ewigen Wohlwollens nicht gestört, sondern von Gott aus - und also in Wahrheit auch für uns - sind beide Seiten unserer Lebensspannung dem Glauben positiv, so negativ die eine Seite auch unserem unmittelbaren Gefühl vorkommt.

Insofern ein erlöster Mensch am göttlichen Leben Anteil hat, kann er in jedem scheinbar zerstörenden Urteil dessen Aufhebung mitglauben, ja umrißhaft schon die andere, gute Seite wahrnehmen: das Niederreißen der Trennmauern, die der Mensch in seiner Ängstlichkeit aufgerichtet hat, zwischen sich und den anderen wie zwischen sich und der Wirklichkeit überhaupt. Zu baldigem Krebstod Verurteilte berichten, wie ihnen plötzlich der Wert jeder Stunde aufging, über den sie zuvor hinweggeglitten waren. Ein alter Mann fand zu spätem Frieden, indem er seine Gebrechen als Sühne für manche frühere Lieblosigkeit innerlich annahm; körperlich verfallend, wurde er seelisch ganz.

Deshalb: "Tochter Zion, freue dich!" Mit dem Text zu Händels Jubellied beginnt die heutige erste Lesung. Dank der Ankunft (das heißt Advent) Gottes als Mensch konnte er uns in verständlicher Sprache das Entscheidende mitteilen: daß des Allherrschers Urteil gegen uns in Wahrheit aufgehoben ist, auch wenn es scheinbar gerade erst ergeht oder vollstreckt wird. Denn wer ich wirklich bin, lebt schon im Friedensglanz des Regenbogens, der Himmelslicht und Himmelswasser zum einen Heil auch dort dem Glauben verbindet, wo Kummer vor Hitze vertrocknet oder in Fluten ertrinkt. "Glaubst du das?" fragte der Herr. "Marta antwortete ihm: Ja, Herr, ich glaube, daß du der Messias bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll" (Joh 11,27).


Eine ausführlichere Fassung dieser Predigt

Zum Weiterdenken:
Zweideutigkeit der Glaubensbilder: Eine solche ist auch Thema einer anderen Adventsbetrachtung von 1971.
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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

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