Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr C

Der Rhythmus des Heils

Gedanken zum fünften Sonntag im Jahreskreis


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Drei Berufungen verdeutlichen die Menschenwürde

Die Wissenschaft weiß nichts von ihr

aber der Schöpfer

Jesajas Berufung

Der Rhythmus des Heils

Berufung des Paulus

Christus Du unser ICH

Petrus

auf Neuem Weg

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Drei Berufungen verdeutlichen die Menschenwürde

Heute erfahren wir von drei dramatischen Berufungen: des Propheten Jesaja sowie der Apostel Paulus und Petrus. Diese biblischen Geschichten weisen alle auf dieselbe Mitte hin: die uns von Gott sowohl geschenkte als auch aufgetragene Menschenwürde. Laut dem deutschen Grundgesetz sollte sie unantastbar sein, in der globalen Realität wird sie jeden Tag millionenfach geschändet. Was heißt Menschenwürde?

Die Wissenschaft weiß nichts von ihr

Fragen wir zuerst, ob die Wissenschaft von ihr weiß. Einerseits ja: In jeder Unibibliothek gibt es reihenweise Bücher zu diesem Thema. Freilich in den juristischen und philosophischen Regalen, im Gebiet "weicher" Wissenschaft, wo von jeher Vieldeutigkeit den Ton bestimmt. Die harte Naturwissenschaft weiß von Menschenwürde nichts. Ihr gilt als erwiesen, daß ein Mensch zu einer besonderen Tierart gehört, aus den und den Molekülen besteht und jeweils tut, was seine "wetware", das feuchte, chemisch-elektrisch programmierte Gebilde in seinem Schädel, ihn tun läßt. So wenig der freisinnige Dr. Virchow im 19. Jahrhundert mit seinem Skalpell je auf so etwas wie eine Seele stieß, so wenig weiß die exakte Wissenschaft von der Würde des Menschen.

Kummer müßte diese Ignoranz nur jemandem machen, der die Wissenschaft für allzuständig hielte - aus Aberglauben, nicht aus Wissenschaft. Wie gut wird ein Liebesbrief durch die chemische Analyse von Papier und Tinte erklärt? Wenn Maria Callas als Lucia "al fin son tua" singt - was verstünde davon, wer bloß das Frequenzdiagramm der Schallwellen kennte?

aber der Schöpfer

Halten wir uns deshalb, um über Menschenwürde Näheres zu erfahren, lieber an die Bibel als an die Wissenschaft. Niemand weiß von einer Sache mehr als ihr Schöpfer. Zu einem Drehorgelspieler, der den Nabucco-Gefangenenchor stets flott herunterkurbelte, trat eines Tages ein Herr und sagte lächelnd: Sie spielen das viel zu schnell. - Wieso? Woher wollen Sie das wissen? - Ich bin Verdi. - Oh! Ja dann ... Danke für die Belehrung. - Als der Maestro Tags darauf wieder vorbeikam, prangte vor der Drehorgel ein großes Schild: "Schüler von Giuseppe Verdi".

Jesajas Berufung

"Im Todesjahr des Königs Usija sah ich den Herrn. Er saß auf einem hohen und erhabenen Thron. Der Saum seines Gewandes füllte den Tempel aus. Serafim standen über ihm. Jeder hatte sechs Flügel: Mit zwei Flügeln bedeckten sie ihr Gesicht, mit zwei bedeckten sie ihre Füße, und mit zwei flogen sie. Sie riefen einander zu: Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heere. Von seiner Herrlichkeit ist die ganze Erde erfüllt. Die Türschwellen bebten bei ihrem lauten Ruf, und der Tempel füllte sich mit Rauch. Da sagte ich: Weh mir, ich bin verloren. Denn ich bin ein Mann mit unreinen Lippen und lebe mitten in einem Volk mit unreinen Lippen, und meine Augen haben den König, den Herrn der Heere, gesehen. Da flog einer der Serafim zu mir; er trug in seiner Hand eine glühende Kohle, die er mit einer Zange vom Altar genommen hatte. Er berührte damit meinen Mund und sagte: Das hier hat deine Lippen berührt: Deine Schuld ist getilgt, deine Sünde gesühnt. Danach hörte ich die Stimme des Herrn, der sagte: Wen soll ich senden? Wer wird für uns gehen? Ich antwortete: Hier bin ich, sende mich!"

Im Jahr 739 v.Chr. erlebt Jesaja seine Berufungsvision. Bei der Begegnung mit der alles übersteigenden Wirklichkeit überhaupt wird ihm der Schleier alltäglicher Selbstsicherheit vom Herzen gerissen und er begreift: Ich bin verloren. Gemessen an dem Ungeheuren, was allein letztlich gilt, bin ich unrein, darf den Mund nicht auftun. Dann geschieht das Wunderbare: Die MACHT offenbart sich, als verzeihend und berufend. Im Gottesfeuer verbrennt sein Mund nicht, wird so sehr gereinigt, daß Jesaja (anders als [vor einer Woche] der schüchterne Jeremia) sich mutig entschließt: "Hier bin ich. Sende mich!"

Daraufhin wird er zum Sprachrohr Gottes. "Da sagte er: Geh und sag diesem Volk ..." Jesaja ist seiner Würde bewußt geworden. Sie stammt weder von unten (aus den Elementen, Zellen, Vorgängen seines Körpers) noch von außen (aus seiner Sozialisation) noch von innen (seinen Wünschen und Illusionen). Sondern von woher? Unsere weltlichen Koordinaten versagen. Wohin wir uns auch richten, stoßen wir immer nur auf Welt. Unsere Würde kommt uns aber von jenseits der Welt. Kein Wissen wird ihrer gewahr, allein der Glaube. Der aber unfehlbar.

Der Rhythmus des Heils

Achten wir auf die Reihenfolge. Es gilt ein Rhythmus des Heils. Vor der Offenbarung erschrickt Jesaja über Gottes total erschütternde Fremdheit jenseits der Welt. Erst dank der offenbarenden Berufung erfährt er die göttliche Macht als den vertrauten Grund seiner eigenen Würde tief inseits seiner selbst und der gesamten Welt. Diesen Rhythmus dürfen wir nicht verkehren.

Wer mit Gottes Bekanntheit anfinge - weil er etwa als guter Philosoph aus der Widersprüchlichkeit alles Weltlichen auf dessen Schöpfer schließt, von dem die Welt total verschieden ist und total abhängt - ein solcher hat zwar Wahres erkannt, läuft jedoch Gefahr, statt des wahren Gottes, der sich in Israel und Jesus offenbart hat, irgendeinem falschen Gott einer herrschenden Religion zu verfallen und aus ihr für die Lebenspraxis fatale Schlüsse zu ziehen, denken wir an die verlogene Mischehe von Staat und Kirche in den Kaiserreichen deutscher Zunge oder jene "Deutschen Christen", die sich den Nazis anbiederten und wegschauten, als die das auserwählte Volk Gottes vernichten wollten. Vor allem an den heute gewaltig herrschenden und so viele erdrückenden Gott Mammon, der auch seine Theo-Logik hat - sollte der Schöpfer nicht wollen, daß ich, sein Geschöpf, alle Chancen, die seine Schöpfung mir bietet, kräftig ergreife? ... Würde dieser Wahrheitspol nicht vom biblischen Liebesgebot ausbalanciert, und zwar ebenso öffentlich und im großen Stil, wie die globale Geldreligion sich aufspreizt, dann wäre es bald keine Redensart sondern scheußliche Wahrheit, daß unsere Welt zum Teufel geht. Nein: erst nach der uns durchschauernden Fremdheit des allherrschenden Schützers der Schwachen offenbart Gott seine Nähe von innen her und zeigt sich als das, was er schon immer ist: sprudelnder Quell unserer ungeschaffenen, unendlichen Würde als Gottes Bundespartner, ja als Teilhaber an der einzigen Gotteskindschaft Jesu.

Berufung des Paulus

Mit dieser Verdeutlichung sind wir beim Neuen Bund, klarer: der neuen Gestalt des einzigen Bundes. Der Rhythmus ist hier kein anderer. In der zweiten Lesung berichtet Paulus seiner Gemeinde in Korinth vom österlichen Ursprung des neuen Glaubens: "Vor allem habe ich euch überliefert, was auch ich empfangen habe: Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift, und ist begraben worden. Er ist am dritten Tag auferweckt worden, gemäß der Schrift, und erschien dem Kephas, dann den Zwölf. Danach erschien er mehr als fünfhundert Brüdern zugleich; die meisten von ihnen sind noch am Leben, einige sind entschlafen. Danach erschien er dem Jakobus, dann allen Aposteln. Als letztem von allen erschien er auch mir, dem Unerwarteten, der "Mißgeburt". Denn ich bin der geringste von den Aposteln; ich bin nicht wert, Apostel genannt zu werden, weil ich die Kirche Gottes verfolgt habe. Doch durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin, und sein gnädiges Handeln an mir ist nicht ohne Wirkung geblieben."

Christus Du unser ICH

Auf dem Weg nach Damaskus wird der stolze Pharisäer und Christenverfolger total in Frage gestellt. Es wirft ihn zu Boden (vom Pferd, weiß die christliche Kunst - woher? Nicht aus der Bibel). "Was soll ich tun, Herr?" kann er nur mehr stammeln (Apg 22,10). Was er für Glaubensgehorsam gehalten hat, durchschaut er plötzlich als Wahn irregeleiteter Religiosität. Christus weist ihn an die dortige Gemeinde der Seinen, die werde es ihm sagen. Jahre später ist aus überwältigender Fremdheit sein allervertrautestes Eigenes geworden: "Ich lebe, nicht mehr ich, es lebt aber in mir Christus" (Gal 2,20). "Bitte sagen Sie mir", so legte einmal ein Japaner christlichen Theologen ein Rätsel vor: "Wer spricht da?" Finden Sie eine Antwort? Kann ein Gestorbener reden? Ja, als auferstandenes selbstbewußtes Organ seines jetzt innersten SELBST. Fassen Sie mit zwei Fingern ein Ohr und werden Sie sich klar: Die Finger spüren das Ohr. Das Ohr spürt die Finger. Alle drei bin ich, ohne Vermischung und ohne Fremdheit. Wohl erinnere ich mich an Zeiten der Fremdheit: wenn die Finger pelzig waren, eingeschlafen, mir entfremdet. Das ist vorbei, jetzt sind sie ich und ich bin sie.

Petrus

Denselben Rhythmus erlebt, im Evangelium, Simon der spätere Petrus: "Als er seine Rede beendet hatte, sagte er zu Simon: Fahr hinaus auf den See! Dort werft eure Netze zum Fang aus! Simon antwortete ihm: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen. Doch wenn du es sagst, werde ich die Netze auswerfen. Das taten sie, und sie fingen eine so große Menge Fische, daß ihre Netze zu reißen drohten. Deshalb winkten sie ihren Gefährten im anderen Boot, sie sollten kommen und ihnen helfen. Sie kamen, und gemeinsam füllten sie beide Boote bis zum Rand, so daß sie fast untergingen. Als Simon Petrus das sah, fiel er Jesus zu Füßen und sagte: Herr, geh weg von mir; ich bin ein Sünder ... Da sagte Jesus zu Simon: Fürchte dich nicht! Von jetzt an wirst du Menschen fangen."

auf Neuem Weg

Überwältigt von dieser ganz anderen guten Macht, konnten die jungen Fischer sich von ihren gewohnten Selbstbildern verabschieden und zusammen mit ihm, der sich ihnen geoffenbart hatte, einen neuen Weg einschlagen. Ihm folgten sie, wurden seine vertrauten Jünger. Mußten freilich, weil jeder Mensch immer wieder von einem Wahngott bedroht ist, den Bruch mit diesem noch oft schmerzhaft erfahren, Petrus am schärfsten, als nach seiner Verleugnung Jesu der Hahn krähte. "Und er ging hinaus und weinte bitterlich." Zuletzt, kopfunter gekreuzigt, ist er ganz in seinen Freund hineingestorben, um ohne Ende mit ihm zu leben.


Zum Weiterdenken:

Gott Mammon: Der grausame Götze wird entlarvt in dem aufregenden Buch "Der verwechselbare Gott" von Thomas Ruster (Freiburg 2000).

Japaner: Der japanische Philosoph Keiji Nishitani (geb 1900) ... legte Theologen die Frage vor: "Bei Paulus finde ich einen Ausspruch, den ich - vom Zen-Buddhismus her - nur allzugut zu verstehen glaube; er sagt da, er habe den Tod erlitten ... 'nicht ich lebe, Christus lebt in mir'! Das leuchtet mir unmittelbar ein - nur, darf ich Sie fragen: Wer spricht da?" [Johannes Kopp, Schneeflocken fallen in die Sonne. Christuserfahrungen auf dem Zen-Weg (Anweiler 1994), 45]



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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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