Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb ab Dezember 2001

"Niemand kommt zum Vater außer durch mich" - WER sagt das?

Gedanken zum fünften Sonntag der Osterzeit


I.

"Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater außer durch mich." Wie viele Generationen von Christen sind es jetzt schon, denen dieser Glaube Lebenssinn, Mut und Hoffnung geschenkt hat - sechzig, achtzig? Viele Millionen Menschen jedenfalls, in fast zweitausend Jahren. Das ist das erste, was es über diesen Satz des Evangeliums zu sagen gibt. Als Ausdruck des christlichen Glaubens ist er wahr und heilbringend. Jene zahlreichen Christen, die darüber hinaus auch noch ein falsches Verständnis in ihm fanden und daraus schlimme Schlüsse zogen: sie hatten, so laßt uns hoffen, trotzdem Anteil an Ihm, der in Person die Wahrheit und das Leben ist. Dürften wir das von unseren irrenden Vorfahren nicht hoffen, welche Gewißheit hätten wir dann für uns selbst? Nur Gott weiß, in welchen fatalen Irrtümern wir uns herumtreiben, was nach weiteren tausend Jahren über unsere Epoche in den Geschichtsbüchern stehen wird. Kyrie, eleison!

Zweitens müssen wir aber auch feststellen: Daß außer durch Christus niemand zum Vater kommt, diesem Satz ist es schlecht ergangen. Vom Offenbarer als Heilsbotschaft gemeint, hat er nicht nur bei den einen Glauben erweckt und bei anderen Zweifel gefunden. Er schien sich zudem beim Kampf der Mächte bestens als Waffe zu eignen und hat, so mißbraucht, furchtbares Leid über unzählige Menschen gebracht. Christus allein ist der Weg und die Wahrheit? Wohlan, schloß hochoffiziell die Christenheit, dann müssen wir dafür sorgen, daß möglichst alle diesen Weg gehen und diese Wahrheit bekennen. Und wehe, jemand weigert sich! "Compelle intrare, nötige sie herein, damit mein Haus voll werde" (Lk 14,23), auf diese lustige Anordnung des Hausherrn in Jesu Gleichnis, zugunsten von Bettlern und Vagabunden, hat sich der Bischof Augustinus bekanntlich gestützt, als er den weltlichen Arm des Staates zur Härte gegen Andersgläubige antrieb, mit blutigsten Folgen für anderthalb Jahrtausende.

Man stelle sich den Gegensatz lebhaft vor. Auf der einen Seite ein Haufen hungriger, abgerissener Gestalten, von der Dienerschaft eines reichen Herrn mit sanfter Gewalt in den Festsaal gedrängt, wo köstlichste Speisen und feinster Wein auf sie warten - und dann Prozessionen verurteilter Ketzer, mit spitzen Hüten unterwegs zum Scheiterhaufen, im Interesse sowohl ihrer Seelen (die sich ja vielleicht vom Unglück doch noch ergreifen lassen) als vor allem der vielen anderen Seelen, die sich so hoffentlich abschrecken lassen, dem Beispiel der Ungläubigen zu folgen.

Seien wir ehrlich: Haben die Führer der Christenheit nicht logisch korrekt gedacht und gehandelt? Wenn niemand zum Vater kommt außer durch Christus, mußten sie dann nicht alles unternehmen, damit in ihrem Einflußbereich jeder diesen einzigen Weg zu Wahrheit und Leben beschreite? Wenn das Ergebnis so falsch wurde, daß in unseren Tagen der Papst Gott und die Menschen feierlich um Verzeihung für die Gewaltverbrechen bat, die von der Kirche angestiftet wurden: wo steckte (und steckt vielfach immer noch) der Fehler? Wie anders hätte man jenen Satz des Evangeliums denn auffassen sollen?

Die Antwort klingt überraschend. Die Christenheit hätte das Evangelium nur gemäß ihrem eigenen Dogma verstehen müssen, statt an der Oberfläche der Geschichte hängen zu bleiben. Wer ist es denn, der da sagt: keiner kommt zum Vater außer durch mich? Ist es, wie jeder von uns, eine umgrenzte Person, irgendwann aus dem Nichts ins zeitliche Sein geschaffen? Nein. Der so spricht, ist der "Logos", das heißt der Sinn der Welt, in Person. Derselbe, der den Juden ein andermal zurief: "Ehe Abraham ward, bin ich." (Jo 8, 58) Es geht also nicht darum, dem Satz etwas einzufügen oder wegzunehmen - wohl aber braucht, wer ihn recht verstehen will, dazu einige Denkmühe.

Denn das Wort "mich" ist schon im Alltag überaus zweideutig. Heute erzählt das Mädchen: eine Biene hat mich in die Backe gestochen - und gestern hatte sie den Freund gefragt: liebst du nur mein Gesicht, oder wirklich mich? Ich könnte mir eine tiefsinnige Sprache denken, wo es für unser Wort "mich" zwei Ausdrücke gäbe, je nachdem, ob irgendein Teil der Natur gemeint ist oder der Kern der Person. Eine solche Sprache ist aber weder unsere deutsche noch das Griechisch der Bibel.

Folglich müssen wir, wo das Wort "mich" vorkommt, zum rechten Verständnis erst fragen, ob es hier um eine bestimmte Natur gehe oder um die Person selbst. Wenn nun Jesus sagt: Keiner kommt zum Vater außer durch mich, dann bin ich überzeugt: er meint mit "mich" hier eindeutig sich selbst als (göttliche!) Person, nicht aber notwendig seine bestimmte menschliche Natur von damals, jene jüdische Individualität um das Jahr 30 herum. Denn die haben auch Abraham und Moses nicht gekannt und lebten doch gewiß in Gottes Heil.

So verstanden, wird Jesu Ausspruch zwar den glaubenden Christen tief berühren und zur Mission ermuntern. Ist es nicht wundervoll, daß der ewige Sinn des Ganzen in einem bestimmten Menschen, Jesus unserem Bruder und Herrn, Fleisch angenommen hat und einer von uns geworden ist? Diese ungeheure Geschichte muß ich doch einfach weitererzählen. Doch kann aus dem recht verstandenen Absolutheitsanspruch Christi keiner mehr etwas gegen die Heilsmöglichkeit derer folgern, die ihn (im Fleisch) nicht kennen oder falsch kennengelernt haben (zum Beispiel heißen westliche Sexfilme in Indien "christian pictures"; "christliche" Filme). Denn daß keiner zu Gott kommt, ohne sich nach dem Sinn des Ganzen zu richten, so wie sein Gewissen ihm den Sinn zeigt, das ist sonnenklar.

Dies ist allerdings immer und überall so, stimmte schon für die Höhlenmenschen vor 50000 Jahren. Wieso ist Christi Satz trotzdem keine Selbstverständlichkeit sondern eine christliche Wahrheit, die es zu glauben und zu verkünden gilt? Weil er mit "mich" seine all-umfassende göttliche Person meint, nicht getrennt jedoch von seiner Menschheit. Auch die Milliarden Menschen, denen der Nazarener entweder überhaupt nicht oder doch nicht als ihr Heilsmittler bekannt war oder ist oder sein wird: sie alle sind nicht durch eine Gottheit ohne Menschlichkeit erlöst (eine solche hat es nie gegeben) sondern durch den wirklichen SINN des Ganzen, der "für uns und um unseres Heiles willen vom Himmel herabgestiegen und Mensch geworden ist". Insofern ist Gottes Mensch-Werdung für jeden Menschen ausschlaggebend. Weil der Sinn des Ganzen einer von uns geworden ist, deshalb kann Jesus die Gebote der Gottes- und Nächstenliebe gleich nennen (Mt 22,39); zwar stehen beide auch schon im Ersten Testament, ihre ausdrückliche Gleichheit ist aber christliche Sonderbotschaft. Nicht zufällig war Mutter Teresa Christin.

In anderen Religionen wird zwar von göttlichen Spaziergängen auf Erden erzählt; daß der Unendliche jedoch wirklich einer von uns geworden ist, in vollem Ernst, bis zum schrecklichen Tod, das bekennt allein der christliche Glaube. Wer diese Tatsache aller Tatsachen nicht glaubt, ist (in einem bestimmten kirchlichen Sinn, auf den der neue Papst Benedikt XVI. mit Recht Wert legt) kein Christ. (In anderem Sinn kann er es dennoch sein:) Wenn er seinen Mitmenschen wirklich liebt, bejaht er allerdings durch die Tat des Herzens doch jene Einheit von Mensch und Unbedingtheit, die nur dank dem Christus-Ereignis wahr ist. Deshalb sprach Karl Rahner nicht zu Unrecht von "anonymen Christen". Weil diese Redeweise allzuleicht als Vereinnahmung der anderen und Verwässerung des Eigenen wirken kann, darum scheint sie mir aber nicht ratsam. Bleiben wir lieber dabei: Christ ist, wer an Jesus als den Immanuel, Gott-mit-uns glaubt. Durch Ihn können (wie die undogmatischen Jesuaner, so) auch die Nicht-Christen zum Vater kommen, wenn sie sich an Jesu Programm der Liebe halten ohne zu wissen, daß sie das tun ("Herr, wann?").

II.

Denn "im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen", versichert Jesus seinen Freunden. Dieser Glaube macht uns froh und bescheiden zugleich. Froh darfst du sein, weil auch deine geistliche Wohnung zum Haus des Vaters gehört. Genau das Fenster (hoffentlich lichtdurchlässig weil sauber geputzt), aus dem du in die Welt schaust, gehört zur prachtvollen Ansicht des Palastes deines Vaters. Ist es das elfte Fenster von links im vierten Stock der Hauptfassade? Oder liegt dein Appartement in einem Seitenflügel des katholischen Trakts? Oder im Hinterhaus? Bekanntlich gibt es außerhalb des katholischen Haupthauses eine Menge von Nebenwohnungen in des Vaters Haus, wo die teil-identifizierten Katholiken untergebracht sind.

Das Beruhigende ist: Wir sind nur für die eigene Wohnung verantwortlich. Als Besuch merken wir oft, wie vielfältig die Stilmöglichkeiten sind, wie unbegreiflich bunt die Summe an Phantasie, die sich im Haus des Vaters betätigt. Manches, was in unserer Wohnung stören würde, ist woanders anscheinend gut am Platz. Lassen wir uns nur von den anderen Möglichkeiten nicht den eigenen Stil madig machen! Das einzige Universalrezept ist, daß es kein Universalrezept gibt außer dem Dreifach-Gebot: Glaube, hoffe, liebe! Wie aber - das steht in keinem spirituellen "Schöner Wohnen" zu lesen. Solche Anweisungen können helfen - hoffentlich auch diese - den Ausschlag gibt stets die innere Stimme in der jeweiligen Situation. Die ganz innere, mir innerlicher als ich selbst, bei genauem Hinhören unverwechselbar sei es mit Ego-Gier sei es mit dem Zwang eines einsozialisierten und nie bewältigten Über-Ich.

Prägen wir uns deshalb den ersten Satz des Evangeliums tief ins Bewußtsein, so daß er aus ihm aufsteigt, wann immer es nötig ist. "Euer Herz lasse sich nicht verwirren." Wer mag und etwas Spanisch kann, lerne die herrlichen Verse der heiligen Teresa auswendig, die ebenso beginnen: "Nada te turbe."


Zum Weiterdenken:

Weltlicher Arm des Staates: Der heilige Alphons Maria de' Liguori (1696-1787) gilt als vorbildlich gütiger Moraltheologe. Um so erschreckender ist, wie "strukturell unchristlich" er sich als Bischof verhalten zu sollen meinte. Wir lesen: Auch was über Liguori's Thätigkeit als Bischof berichtet wird, lässt den Zustand, in welchem er seine Diöcese vorfand, als nichts weniger als erfreulich erscheinen, und dieser verwahrloste Zustand und Liguori's Scrupulosität dienen zur Erklärung oder Entschuldigung mancher Eigenthümlichkeiten seiner bischöflichen Verwaltung ... [Er] liess gleich anfangs fleissig Missionen halten, und zwar zunächst nicht durch seine eigenen Patres, sondern durch andere Ordensleute. Die "zähen Aergernisse", welche durch die Missionen nicht gehoben wurden, suchte er durch strengere Mittel zu beseitigen. "Er versuchte zuerst noch einmal die Mahnung; hierauf liess er durch die betreffenden Seelsorger bekannt machen, dass er, im Falle die Aergernisse kein Ende nehmen sollten, die Hülfe des weltlichen Armes in Anspruch nehmen werde. Blieb diese Drohung unbeachtet, so zögerte er nicht, sie auszuführen; er liess die Aergernissgeber verhaften und in die Gefängnisse bringen, nach Umständen aus bestimmten Orten oder aus der Diöcese verbannen. Ob die Schuldigen Edelleute waren oder nicht, kümmerte ihn nicht." Die Biographen berichten über zahlreiche Fälle der Art, unter andern von einem, in welchem es, als die Soldaten den Menschen, gegen welchen Liguori bei dem Governatore wegen Concubinates einen Verhaftbefehl erwirkt hatte, festnehmen wollten, zu einem Kampfe kam, in welchem der Unglückliche todt am Platze blieb. "Liguori beweinte den Untergang der Seele, wollte aber die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, seinem Volke eine ernste Warnung zu geben. Das Begräbniss des Unbussfertigen, welcher unter dem Fluche der Kirche gestorben war, sollte in aller Form das eines Gebannten sein. Der Leichnam wurde auf ein Lastthier gebunden, unter Begleitung von vier Fackeln zum Flusse Martorano gebracht und dort einfach versenkt." [Geschichte der Moralstreitigkeiten in der römisch-katholischen Kirche ... bearbeitet und herausgegeben v. Ignaz von Döllinger und Fr. Heinrich Reusch (Nördlingen 1889), 382 ff]

Keine Gottheit ohne Menschlichkeit: Der theologische Hintergrund dieses Predigt-Abschnittes ist folgender: Am 26. Februar 2001 erließ die römische Glaubenskongregation eine "notificatio" zum englischen Buch des Jesuiten Jacques Dupuis "Unterwegs zu einer christlichen Theologie des religiösen Pluralismus". Damit katholische Leser gewisse "zweideutige Behauptungen" nicht irrig verstehen, warnte unser neuer Papst, noch als Kardinal Ratzinger:
Hier geht's zur Vorstellung meines neuen Buches

"Deshalb ist es gegen den katholischen Glauben nicht nur, eine Trennung zwischen dem WORT und Jesus oder zwischen des WORTes und Jesu Heilshandeln anzusetzen, sondern auch, zu behaupten, es gebe ein Heilshandeln des WORTes als solchen in seiner Gottheit, unabhängig von der Menschheit des inkarnierten WORTes."

Im Anhang des Buches zeige ich, wie Anerkennung der möglichen Wahrheit anderer Religionen sich mit dieser römischen Glaubensstrenge zusammendenken läßt. So wurde es am 22. November 2001 in der Nürnberger Zeitung vorgestellt.

Christliche Sonderbotschaft

Nebenwohnungen: Näheres siehe im Auszug aus meinem Katechismus-Kommentar von 1993

Auswendig: Man muß eine Sprache nicht "können", um doch aus dem einen oder anderen Gedicht reiche Frucht zu ziehen. Unvergeßlich der Rat zweier Männer, die viele Jahre in einem sowjetischen Straflager im sibirischen Norden verbracht hatten und uns satte römische Studenten beschworen: Lernt Gedichte! Die öden Stunden sinnloser Märsche hätten sie nur überlebt, weil sie einander Gedichte aufsagten, allein der Klang habe heilend gewirkt. Weiß denn von meinen jungen Lesern jemand, was ihm noch alles blüht?

"Nada te turbe:"
Teresas wunderschönes Gedicht fand sich nach ihrem Tod im Notizheft:

Nada te turbe,
nada te espante,
todo se pasa,

Dios no se muda,
la paciencia
todo lo alcanza;

quien a Dios tiene
nada le falta:
solo Dios basta.

Nichts soll dich verwirren,
nichts dich erschrecken,
alles vergeht,

Gott ändert sich nicht.
Geduld
erlangt alles;

wer Gott hat,
dem fehlt nichts:
Gott nur genügt.

 

Jesuaner

Die Spannung zwischen ihnen und den "Christen" im dogmatisch vollen Sinn ist der Kirche notwendig, siehe jetzt hier.


Hier ist ein Angebot für Freunde meiner Internet-Gedanken: Auf einer CD habe ich unter dem Titel "Christliches Stereo-Denken" alles, was auf verschiedenen Servern veröffentlicht ist, zusammengestellt und intern verknüpft sowie mit Bildern und Liedern angereichert. Außerdem sind sechs Bücher im WORD-Format dort zu lesen (die elektronischen Bücher Nr. 2,5,6,7,10 der Liste). Im Ganzen meldet der Rechner fast tausend Dateien. Ein Teil der Ernte von über vierzig Jahren Theologie steht zur Verfügung und kostet nur 8,50 Euro + Porto, insgesamt unter zehn Euro. Für Religionslehrer, Pfarrer und andere Profis eine Fundgrube, für deren Freunde eine sinnige Geschenk-Idee. Bestellungen bitte direkt an mich, um Verwechslung mit dem Müll zu vermeiden bitte mit klarem Betreff: CD-Bestellung. Seit Anfang Dezember 2004 ist die neue Auflage mit allem bisher im Netz Veröffentlichten verfügbar.


Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/wohnung.htm

Zurück zur Leitseite des neuen Predigtkorbes.

Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

Kommentare bitte an Jürgen Kuhlmann