Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr C

Unerhörtes Beten?

Gedanken zum neunundzwanzigsten Sonntag im Jahreskreis


Haben wir überhaupt schon bemerkt, wie erschreckend dieses Evangelium ist? Brachte Jesus es wirklich fertig, Gott mit einem faulen und arroganten Justizbeamten zu vergleichen?

"Jesus sagte ihnen durch ein Gleichnis, daß sie allezeit beten und darin nicht nachlassen sollten: In einer Stadt lebte ein Richter, der Gott nicht fürchtete und auf keinen Menschen Rücksicht nahm. In der gleichen Stadt lebte auch eine Witwe, die immer wieder zu ihm kam und sagte: Verschaff mir Recht gegen meinen Feind! Lange wollte er nichts davon wissen. Dann aber sagte er sich: Ich fürchte zwar Gott nicht und nehme auch auf keinen Menschen Rücksicht; trotzdem will ich dieser Witwe zu ihrem Recht verhelfen, denn sie läßt mich nicht in Ruhe. Sonst kommt sie am Ende noch und schlägt mich ins Gesicht. Und der Herr fügte hinzu: Bedenkt, was der ungerechte Richter sagt. Sollte Gott seinen Auserwählten, die Tag und Nacht zu ihm schreien, nicht zu ihrem Recht verhelfen, sondern zögern? Ich sage euch: Er wird ihnen unverzüglich ihr Recht verschaffen" (Lk 18,1-8).

I. Eine entschärfende Auskunft der Bibelwissenschaft

Nein, wird der erschrockene Gläubige von Fachexegeten beruhigt, natürlich vergleicht Jesus nicht Gott mit diesem widerlichen Funktionär, sondern nur unseren Einsatz beim Beten mit der zunächst unerhörten, zuletzt aber doch erfolgreichen Ausdauer jener Witwe. Bekanntlich muß man bei jedem Gleichnis exakt den gemeinten Punkt treffen, sonst kommt es zu Mißverständnissen. Sagt er begeistert "o du meine Rose!" und erwidert sie "so dornig bin ich doch gar nicht!", dann ist die Kommunikation wahrscheinlich mißlungen. Oder nicht? Hat sie die Zweischneidigkeit des Kompliments am Ton gemerkt?

Tatsächlich ist auch Jesu Gleichnis nicht so harmlos, wie die methodische Auskunft vermuten läßt. Zwar ist der Vergleich formal schlicht ein Analogieschluß vom Kleineren aufs Größere, wie er bei jüdischen Lehrern damals beliebt war: Wenn schon ein solch fieser Bürokrat drängenden Bitten zuletzt nachgibt, wie dann erst recht der unendlich gute und gerechte Gott! So einleuchtend und richtig das ist, dürfen wir trotzdem fragen: Warum greift Jesus ausgerechnet zu dieser Idee?

II. Ein Blick in Jesu Herz

Von dieser Frage umgetrieben, stößt ein christlicher Forscher auf überraschende Einsichten. Indem er die Gleichnisse unterschiedlichen Stationen auf Jesu Lebensweg zuordnet, erhalten sie einen ergreifenderen Sinn, weitaus lebendiger als im üblichen zeitlosen Verständnis. Drei Hauptgruppen lassen sich unterscheiden:
1) Die Weckgleichnisse des Anfangs rufen die anbrechende Gottesherrschaft aus.
2) Die Kampfgleichnisse rühren von Jesu Auseinandersetzung mit seinen Gegnern her.
3) Die Passionsgleichnisse zeugen davon, wie Jesus sein drohendes Todesgeschick seelisch bewältigt. Zu ihnen gehört der heutige Text. Georg Baudler schreibt:

Die Kampfgleichnisse Jesu sind durchdrungen von dem engagierten Bemühen, seine Gegner für die Botschaft vom anbrechenden Gottesreich zu gewinnen und auch sie hineinzutauchen in den Gottesatem, der in der Jordantaufe auf ihn herabgeströmt war. Es ist ein zutiefst ehrliches und unentwegtes Bemühen. Allmählich geht ihm jedoch auf, daß er dieses Ziel nicht erreichen wird. Der Zeitpunkt ist nicht historisch festzumachen, weil es sich hier um eine Einsicht und Erkenntnis handelt, die sich langsam anbahnt und sich gegen den unmittelbaren Lebens- und Schaffenswillen Jesu durchsetzen muß ...

In den Passionsgleichnissen öffnet sich am deutlichsten und klarsten der Weg zur inneren Biographie Jesu. Wer diesen Gleichnissen nachsinnt und sich in die existentielle Situation einfühlt, aus der heraus ihr Schöpfer sie geformt hat, dem kann sich hier ein Zugang zum christlichen Glaubensfundament erschließen, der einerseits Jesus seiner menschlichen Natur nach nahebringt, ihn verinnerlicht, ihn mit den "Augen des Herzens" sehen lehrt, und andererseits eben dadurch das göttliche Heil, das dieser Jesus nach christlichem Glauben ist, unmittelbar als Kraft der Heilung, der Befriedung und Befreiung des eigenen Menschseins, als Heilung der "Krankheit zum Tode" (Kierkegaard) erfahrbar macht ...

Die Stimme, die ihn am Jordan als den "geliebten Sohn" berief, verstummt auch angesichts der schrecklichen Bedrohung nicht. Sie sagt ihm, daß seine Sache gerecht ist und wahr und deshalb letztendlich ihr Ziel erreichen wird ...

Auch die arme Frau im Gleichnis vom Richter und der unbeirrt fordernden Witwe ist erfüllt vom Wissen um ihr Recht und geht deshalb immer wieder zu ihrem Richter, damit er ihr Recht verschaffe. Als Witwe ist die Frau hilflos, hat keinerlei Macht, um ihr Recht durchzusetzen. Petzoldt weist darauf hin, daß man konkret an das gesetzlich zugesicherte Recht einer Witwe denken müsse, nach dem Tod ihres Mannes für die Dauer ihrer Witwenschaft in dessen Haus leben und von dessen Vermögen zehren zu dürfen. Wurde dieses Recht von den Angehörigen des verstorbenen Mannes nicht eingeräumt, stand die Frau auf der Straße. Diese Situation vorausgesetzt, geht es um das Daseinsrecht der Frau, um ihr Recht, zu leben, das ihr von neidischen und mißgünstigen Verwandten bestritten wird.

Die Instanz, in deren Hand es liegt, dieses selbstverständliche Recht durchzusetzen, wird ... als blind, stumpf und rücksichtslos erzählt: "Er fürchtete Gott nicht und nahm auf keinen Menschen Rücksicht". Darin liegt eine Verstärkung der Infragestellung Gottes als einer "höchsten", schicksalhaften Instanz.

Doch in ihrem unzerstörbaren Rechtsbewußtsein ist die wehrlose Witwe stärker als der herzlose Richter. Ihre beharrliche Forderung, immer wieder vorgebracht in dem "langen Atem" des Rechts, der Wahrheit und des Willens zum Leben, führt schließlich doch zum Ziel. Eines Tages beschließt der Richter doch, ihr zu ihrem Recht zu verhelfen, weil sie ihm lästig wird und er sich sagt: "Sonst kommt sie am Ende noch und schlägt mich ins Gesicht" In dieser Haltung gleicht die Witwe der Gestalt des Ijob, der im unerschütterlichen Bewußtsein seines Rechts nach Gott als seinem Richter ruft, um mit ihm zu streiten und sein "Recht vor ihm auszubreiten" (vgl. Ijob 23,4ff).

So verstanden ist das Gleichnis nicht in erster Linie eine pastorale und moralische Ermahnung zum beharrlichen Gebet, sondern ein Wort des Trostes und der Ermutigung, das Jesus im Bewußtsein des Rechts und der Wahrheit seiner Erfahrung von der anbrechenden "malkût Jahwe" [Gottesherrschaft] und angesichts seiner Feinde, die ihm das Recht, zu leben und zu wirken, bestreiten, sich selbst und seinen Jüngern zusagt. Gleichzeitig drückt es, an seine Gegner gerichtet, die Entschlossenheit Jesu aus, seinen Weg weiterzugehen, und enthält die Aufforderung, einzusehen, daß ihn letztendlich keine Macht der Welt daran hindern kann, diesen seinen Weg zu gehen ... Entscheidend ist, daß der Bittende um die Güte und Wahrheit seines Anliegens weiß und, zutiefst davon durchdrungen, es unentwegt und beharrlich vorträgt. Dann erreicht er sein Ziel, auch wenn es (zunächst) so aussieht, als habe die Instanz, an die er sich wendet, taube Ohren ...

Der Form nach handelt es sich bei den Vergleichen um einen Schluß vom Kleineren auf das Größere: Wenn schon ein solcher Mensch die ihm vorgetragene Bitte letztendlich erfüllt, "um wieviel mehr" wird Gott dasselbe tun. Dennoch ist es vielleicht nicht zufällig, daß in dieser Phase seines Wirkens das Gottesverhältnis Jesu in solch fraglichen Gestalten gespiegelt wird. Gott als "höhere Instanz", die über dem Schicksal der Menschen thront und auf die sich seine Gegner berufen, wird für Jesus in dieser Phase tatsächlich fragwürdig. Die Krise des Lebens und Wirkens ist für Jesus auch eine Krise seines Gottesverhältnisses.

Doch dieses ist auf Erfahrungen gegründet, die ihn auch über diese Krise hinausführen: Seitdem am Jordan der Lebens- und Liebesatem Gottes unmittelbar vom geöffneten Himmel her in ihn hineingezogen ist und er gelernt hat, in der Unmittelbarkeit seines Sohnseins "abba" zu ihm zu sagen, weiß er, daß es auf den Gott ankommt, der in ihm, in der Treue zu seiner Sendung, im Gehorsam zu seinem Auftrag und im beharrlichen Voranschreiten auf dem von ihm als gut erkannten Weg wirkt und lebt. Wie immer sein Weg endet, diese Kraft wird ihn bestehen lassen. Mag jenseits und über diesem erfahrenen Gott noch der Gott der Gerechten und Frommen thronen, der Gott des Schicksals mit seiner Todesdrohung und der Gott der Überlieferung, auf den sich seine Gegner berufen und in dessen Namen sie ihm mit dem Tod drohen; wie immer dieser Gott auch beschaffen sein mag, der geliebte Sohn und die geliebte Tochter, die im Recht und in der Wahrheit sind und die das Anbrechen des Gottesreiches schon erfahren haben, werden am Ende die Wohnungen finden, in denen die "malkût Jahwe" sich entfalten und zur Vollendung kommen kann.

Es ist erstaunlich, aber wohl für Jesus charakteristisch, daß in ihm schon in der Phase der Todesdrohung ein Stück jener inneren Freiheit aufbricht, die sonst der letzten Phase des Lebens- und Sterbeprozesses vorbehalten ist ... Hier sind ein Vertrauen und eine Hoffnung wirksam, die, das wissen Christen von Ostern her, nicht wie die blinde Auflehnung des unheilbar Kranken (als das letzte Aufbäumen seines natürlichen Lebenswillens) letztlich zum Scheitern verurteilt ist und vom Sterbenden aufgegeben werden muß. Jesu Sache gelangt tatsächlich zum Sieg und zur göttlichen Bestätigung, freilich auf einem Weg, der durch den Tod und das Ende des Wirkens hindurchführt."

III. Beten macht hellhörig

Als Lukas dieses Gleichnis in sein Evangelium aufnahm, stellte er ihm einen einleitenden Satz voran: "Jesus sagte ihnen durch ein Gleichnis, daß sie allezeit beten und darin nicht nachlassen sollten." Dadurch ändert sich der Sinn! Aus der Herzenswahrheit des Gottesboten, der trotz drohenden Scheiterns und Sterbens an seinem unmöglichen Auftrag festhält und, weil er sich im Recht weiß, den Vater gerade so bestürmt wie die Witwe den Richter: aus dieser urpersönlichen Flamme - lodert sie auch in uns? - wird im üblichen Verständnis eine unpersönliche Regel: wer fest genug betet, wird erhört. Leider zeigt lange Erfahrung: so simpel stimmt das nicht. Es gibt zahllose unerhörte Gebete. Wieviel mögen die Freunde jenes unglücklichen Briten für ihn gebetet haben, ehe er nach wochenlangem Zittern schließlich doch geköpft wurde.

Sollen wir also nur mehr mit den Worten des Vater Unser um das allerinnerste, brennendste Herzensanliegen beten, nicht auch um Gesundheit, Ehefrieden, Kinderwohl und all die anderen Facetten des Glücks? Das scheint doch eine mehr logische als menschliche Lösung. Im jüngsten Brief von Christa Bing finde ich eine bessere. Sie bedenkt die Frage am Schluss des Evangeliums "Wird jedoch der Menschensohn, wenn er kommt, auf der Erde Glauben vorfinden?" und erklärt von hier aus den Sinn des Betens: Er kommt täglich in den verschiedensten Ereignissen und Begegnungen. Doch um ihn zu erkennen, braucht es unsere Glaubensbereitschaft, geweckt durch unser Gebet, das uns ansprechbar macht, hellhörig und sensibel für seine Stimme. Schalten wir auf Empfang. Doch bringen wir auch alles, was unsern Weg gekreuzt hat, ja auch gerade das, wovon wir uns angegriffen und bedroht fühlen, zu dem, der größer ist als wir und sagen: "Dein Reich komme, Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden"!

Ja: Unabhängig von seinem Inhalt, ist jegliches Gebet sinnvoll, wenn es das Herz auf Gott hin spannt [und nicht auf den Teufel, versteht sich. An den wendet sich, wer gegen andere - nicht betet sondern abergläubisch manipuliert.] Wer betet, lebt in Beziehung, d.h. wahrer, als schwänge er allein um sich selber oder hinge schlaff vom Allmächtigen ab. Weil solche heilige Beziehung an Christi innergöttlichem Verhältnis zum Vater im Heiligen Atem teilhat und uns wahrhaft vergottet, deshalb ist sie schon hier und jetzt der beseligende Kern aller Facetten des Glücks, um die wir beten mögen: gewiß, erhört zu werden, weil wir es im Tiefsten beim Beten schon sind. Wenn Gott sieht, daß ich nichts und niemand habe als ihn, dann kann er mir mein "Recht" nicht versagen. Mein Recht: seine Liebe.


Zum Weiterdenken:

Georg Baudler, Jesus im Spiegel seiner Gleichnisse (Stuttgart-München 1988), 199f, 203, 209-214

Mein Recht: seine Liebe: Meßbüchlein von 1971, S. 134


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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