Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr C

Eine Heils-Wippe: Gegeneinander zusammen

Gedanken zum Sonntag acht Jahre nach dem "Augsburger Frieden"


Am heutigen Sonntag ist es etwa acht Jahre her, seit am 31. Oktober 1999 in Augsburg ein wichtiger Schritt der Versöhnung zwischen evangelischen und katholischen Christen geschah: Feierlich nahmen der Lutherische Weltbund und die katholische Kirche die "Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre" an und stellten klar, daß diese Frage die Christen nicht mehr trennt.

An jenem Tag war ich, auf Chorreise, bei einer kleinen evangelischen Gemeinde in Polen zu Gast und vergesse nie, wie glücklich die Christen dort über diesen Friedensschluß waren. Auf einmal hatte ihre Beziehung zur übermächtigen Mehrheitskirche sich wesentlich gebessert.

Anders in Deutschland. Vor allem der Eifer einer FAZ-Redakteurin (die auch dafür einen Tübinger Doktorhut erhielt) hat erreicht, daß die offiziell gefundene Harmonie vielen Evangelischen als fauler Friede gilt: Man müsse sich hüten, eine entscheidend wichtige reformatorische Einsicht durch amtliche Kungelei verunklären zu lassen. Genauer hingeschaut, seien beide Seiten sich überhaupt nicht einig, unüberbrückt klaffe der alte Abgrund.

Kann mein Vorschlag den Knoten lösen? Können zwei Christengruppen sich im Glauben eins wissen, obwohl einer jeden das Zeugnis für einen anderen Glaubens-Pol aufgetragen ist und beide Pole sich nie zusammendenken lassen? Die Kirchengeschichte lehrt: ja.

Im August 1607 erging ein päpstliches Dekret besonderer Art. Von Papst Paul V., seit zwei Jahren im Amt, wurde allen Katholiken feierlich verboten - was? Dieses oder jenes über Gott, Christus, Maria zu sagen? (Immerhin war erst vor sieben Jahren der unglückliche Giordano Bruno wegen seiner Äußerungen nach harter Haft verbrannt worden.) Nein. Nicht gegen eine Häresie trat der Vatikan jetzt auf. Sondern verteidigte, im Gegenteil, die Gläubigen gegen den Häresievorwurf. Die hatten sich damals zerstritten über der Frage: Freiheit oder Gnade? Geschaffene Freiheit kommt unserem Verstand als Widerspruch vor, als hölzernes Eisen - bis gläubige Vernunft die Grenzen des Verstandes einsieht. Luther verglich unseren Willen mit einem Maultier, das - unfrei - bald von Gott bald vom Teufel geritten wird. Das Gegenextrem verkündeten die Freimaurer: Gott sei der Weltbaumeister, greife aber fernerhin in sein Werk nicht mehr ein. Gegen beide Einseitigkeiten hält die Kirche sowohl an Gottes All-Ursächlichkeit wie an der menschlichen Freiheit fest. Das kann unser Verstand freilich nur, solange er sich nicht in die Tiefe des Problems verbeißt. Tut er das, gelangt er bald zu Sätzen, die einander glatt widersprechen.

So war es damals zwei mächtigen Orden ergangen. Der spanische Dominikaner Domingo Bañez verteidigte die Macht der göttlichen Gnade so, daß für die menschliche Freiheit scheinbar kein Raum mehr blieb; umgekehrt trat der gleichfalls spanische Jesuit Luis de Molina derart für diese Freiheit ein, daß die Gegenseite Gottes Ehre verkürzt sah. Beide Orden setzten sich auf Lehrstühlen und in Schriften so heftig für den eigenen und gegen den fremden Gelehrten ein, daß einem äußeren Beobachter so gut wie die ganze katholische Christenheit irrgläubig vorkommen mußte; denn natürlich beschoß man einander mit dem Vorwurf der Ketzerei. Natürlich? Allerdings. Wer sich mit seinem natürlichen Verstand in den einen Pol einer übernatürlichen, unendlichen Spannung vertieft, kann gar nicht anders als den Gegenpol "logischerweise" zu verfehlen. Nur eine unendliche Einsicht könnte beider Seiten Besonderheit und dennoch Vereinbarkeit begreifen.

Was tat in dieser aussichtslosen Lage der Papst? Kann ein organisatorischer Apparat den zerstörerischen Leerlauf logischer Apparate abstellen? Paul V. konnte es. Nicht auf der logischen Ebene freilich. Da ist die Schlacht der Argumente Jahrhunderte lang weitergegangen. Noch Ende der fünfziger Jahre hörte ich einen römischen Jesuiten gestehen, daß er durchaus nicht einsehen könne, wieso die Bañezianer die Freiheit nicht leugnen; vermutlich hörte man an Dominikanerfakultäten Ähnliches über die Unfähigkeit der Molinisten, Gott die gebührende Ehre zu geben. Sich gegenseitig des Irrglaubens anklagen aber dürfen die Streithähne seit 1607 nicht mehr, das hat ihnen der Papst in jenem Sommer mit apostolischer Autorität verboten. Zu diesem Beschluß des höchsten Hirtenamtes führte die Einsicht: Weil der menschliche Verstand die göttlichen Geheimnisse nicht voll begreifen kann, deshalb dürfen wir aus unvermeidbaren theoretischen Widersprüchen nicht die praktisch lieblose Folgerung ziehen, uns gegenseitig das Sein in der Wahrheit abzusprechen.

Beim Streit um die Rechtfertigung, scheint mir, sollten wir ebenso denken. Katholisches wie evangelisches Hirtenamt haben vor fünf Jahren erklärt: Im Glauben sind wir eins. Daraus folgt aber nicht, wir könnten diese Einheit begreifen. Nein: Sobald eine christliche Seele sich denkend in ihr Heil vertieft, stößt sie auf Widersprüche, die ihr Wissen nicht lösen kann. Schlösse ein Evangelischer aus der gemeinsam dekretierten Glaubenseinheit, sein traditionelles Bekenntnis (im Gegensatz zum Bekenntnis der anderen!) sei nun überflüssig geworden, würde er Glauben mit Wissen verwechseln und die von seinen reformatorischen Vätern aufgedeckte Glaubenstiefe wieder verschütten. Beides gilt es festzuhalten: den Frieden der einen Jüngerschar Jesu Christi und die notwendige Spannung zwischen der Augsburger und der römischen Konfession der Kirche (diese Begrifflichkeit sei der Kürze halber hier gestattet; sie ist freilich mehr protestantisch als katholisch, eine katholische Entsprechung zu suchen, würde aber jetzt den Rahmen sprengen).

Nur an einem Ende der Wippe kann ich sitzen - oder, sie auszubalancieren, mitten auf ihr stehen. Wollte ich aber dich, meinen "Gegner" drüben, hinunterwerfen - dann wäre das heilige Spiel jäh aus.


Zum Weiterdenken:

Päpstliches Dekret: Denzinger (alt) 1090

Widersprüche: Ausführlicher siehe dazu hier.


Hier ist ein Angebot für Freunde meiner Internet-Gedanken: Auf einer CD habe ich unter dem Titel "Christliches Stereo-Denken" alles, was auf verschiedenen Servern veröffentlicht ist, zusammengestellt und intern verknüpft sowie mit Bildern und Liedern angereichert. Außerdem sind sechs Bücher im WORD-Format dort zu lesen (die elektronischen Bücher Nr. 2,5,6,7,10 der Liste). Im Ganzen meldet der Rechner fast tausend Dateien. Ein Teil der Ernte von über vierzig Jahren Theologie steht zur Verfügung und kostet nur 8,50 Euro + Porto, insgesamt unter zehn Euro. Für Religionslehrer, Pfarrer und andere Profis eine Fundgrube, für deren Freunde eine sinnige Geschenk-Idee. Bestellungen bitte direkt an mich, um Verwechslung mit dem Müll zu vermeiden bitte mit klarem Betreff: CD-Bestellung. Seit Anfang Dezember 2004 ist die neue Auflage mit allem bisher im Netz Veröffentlichten verfügbar, jetzt samt Nachtrag Mai 2006.


Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/wippe.htm

Zurück zur Leitseite des neuen Predigtkorbes.

Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

Kommentare bitte an Jürgen Kuhlmann