Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr B

Die Wende vom Tod zum Leben -
klarer verstehbar dank Albert Camus

Gedanken zum vierten Fastensonntag


Die Sätze aus dem Epheserbrief klingen salbungsvoll, blumig. Wörtlich nehmen kann sie doch wohl niemand, verstehen lassen sie sich anscheinend nicht, höchstens mit erhebenden Gefühlen anhören. Oder?

"Gott aber, der voll Erbarmen ist, hat uns, die wir infolge unserer Sünden tot waren, in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, zusammen mit Christus wieder lebendig gemacht. Aus Gnade seid ihr gerettet. Er hat uns mit Christus Jesus auferweckt und uns zusammen mit ihm einen Platz im Himmel gegeben."

Was wird uns hier zu glauben zugemutet?
a) Daß wir schon tot waren, und zwar durch unsere Sünden.
b) Daß wir aus diesem Tod mit Christus zusammen auferweckt und wieder lebendig gemacht worden sind, und zwar aus Gnade.
c) Daß wir mit ihm schon im Himmel sind.

Zu all dem hat der sogenannte gesunde Menschenverstand seine respektlose Meinung.

a) Niemand, der solche Worte mit lebendigen Ohren hören kann, war schon einmal tot. Und was die Sünden angeht, so ist dem Schrecken vor ihnen in den letzten Jahrzehnten der Christenheit etwas Erstaunliches widerfahren:

"der Schwund des Sündenbewusstseins und der damit einhergehende Verfall der von den Kirchen seit Jahrhunderten praktizierten Pädagogik der Angst und Einschüchterung. Zum Entsetzen der Verteidiger der Rechtfertigungslehre gestehen Geistliche freimütig, dass sie diese so wenig wie die von ihnen betreuten Gemeinden verstehen. Ihre Befürworter sehen darin die Symptome eines gravierenden Glaubensverlustes. Niemand fragt sich jedoch, ob sich in diesen Geständnissen am Ende nicht die instinktive Fühlung einer Wahrheit bekundet, die sich nach einer jahrhundertelangen Engführung gerade jetzt, beim Eintritt ins heraufziehende Jahrtausend, Bahn bricht. Denn wer könnte im Ernst bestreiten, dass sich in der von Paulus als Abgrenzungsstrategie entwickelten Rechtfertigungslehre ebenso wie in der dazu komplementären Satisfaktionsvorstellung das Bild eines Gottes verbirgt, der sich des Sünders erbarmt, nachdem er ihn zuvor mit seinem Zornesgericht bedrohte? Und wer könnte noch länger verkennen, dass gerade das der ambivalente Gott der unvordenklichen Menschheitstradition ist, den Jesus als die aus Angst und Hoffnung hervorgegangene Selbstprojektion des Menschen entlarvte, um statt dessen den von ihm entdeckten Gott der bedingungslosen Liebe zum Vorschein zu bringen? In der Abkehr von der Rechtfertigungs- und Satisfaktionsvorstellung bekundete sich zweifellos mehr als Theologieferne und Glaubensverlust; vieles spricht vielmehr dafür, dass ihr das Aufdämmern eines neuen Glaubensbewusstseins zugrunde liegt, so diffus sich dieses derzeit noch darstellen mag."

b) Wer noch nicht tot war, kann nicht vom Tod auferweckt worden sein. Und auch die Gnade verstehen wir schwer.

Camus illustriert den Protest gegen die gnadenhafte Erwählung der einen und die Verwerfung der anderen durch Gott in einer Tagebuchnotiz: "Ein Mann (ein Franzose?), ein heiliger Mann, der sein Leben lang in der Sünde lebte (nie an den Tisch des Herrn trat, die Frau nicht heiratete, mit der er zusammenlebte), denn er wollte, weil er die Vorstellung nicht ertrug, daß auch nur eine einzige Seele verdammt werde, auch verdammt werden. /'Es handelte sich um jene Liebe, die größer ist als jede andere: die des Mannes, der sein Leben (âme) für einen Freund hin gibt'". Der gewiß bewußt gesuchte Anklang an die biblische Formulierung (Joh 15,13) spitzt die christentumskritische Intention dieses Textes noch zu. Der wahre Liebende ist der, der Gerechtigkeit als Gleichheit aller Menschen nicht nur fordert, sondern auch selbst zu verwirklichen sucht, indem er die Bevorzugung durch die Gnade zurückweist ... In Camus' Replik auf einen Satz Gertrud von le Forts aus ihrem Roman 'Der Papst aus dem Ghetto' (von 1930) kommt das bei aller Kürze deutlich genug zum Ausdruck. Die Autorin läßt den Papst zum jungen Petrus Pier Leone sagen: "Mein Sohn, Gerechtigkeit ist nur in der Hölle, im Himmel ist Gnade, und auf Erden ist das Kreuz." Camus darauf: "Also wähle ich die Hölle".

c) Wie schließlich die Opfer gegenwärtiger Metzeleien und aller anderen Greuel sich schon im Himmel fühlen sollen, leuchtet nicht ein.

Müssen wir den Epheserbrief demnach als unverständlich auf sich beruhen lassen? Ich glaube, nein. Dieses Wort des lebendigen Gottes ist heute ebenso aufregend wahr wie um das Jahr 90, als es verfaßt wurde, vermutlich nicht von Paulus selbst sondern von einem namenlosen Späteren, der sowohl des Paulus Schriften kannte als auch den Kolosserbrief, aus dem er vieles wörtlich übernahm. So mitreißend sprachen diese Worte den Glauben der Christen damals aus, daß der Brief in jene Gruppe maßgeblicher Texte aufgenommen wurde, die "Neues Testament" heißen und den Christen als Gottes eigenes Wort gelten. Wollen wir Christen sein, dann lohnt sich jede Mühe, die abweisende Nußschale zu knacken und uns ihren Kern "einzuverseelen". Der erwachsene Beginn unseres Glaubens war ziemlich anders als der Kinderbrei im Religionsunterricht, den für das Christentum zu halten man sich angewöhnt hat. Seien Sie auf Überraschungen gefaßt.

a) "Ihr wart tot." Und seid es, ab wann, nicht mehr? Die Exegeten belehren uns mit einsichtigen Gründen (vgl. Kol 2,12), daß für den Schreiber die entscheidende Wende bei der Taufe geschah. Solche Auskunft muß uns vielen, die als Täuflinge die Windeln trugen (und deshalb Spätberufenen schlecht antworten können auf die Frage: was zieht man da an?), das Problem eher erschweren als lösen. Wie kann ein Ereignis, dessen ich nicht bewußt war, mich fast zu Beginn meines Daseins vom Tod zum Leben gebracht haben? Zwei Wörter von Albert Camus (von mir hervorgehoben) stellen uns auf den Weg zur Antwort:

"Manchmal stürzen die Kulissen ein. Aufstehen, Straßenbahn, vier Stunden Büro oder Fabrik, Essen, Straßenbahn, vier Stunden Arbeit, Essen, Schlafen, Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag, immer derselbe Rhythmus - das ist meist ein bequemer Weg. Eines Tages aber erhebt sich das "Warum", und mit diesem Überdruß, in den sich Erstaunen mischt, fängt alles an. "Fängt an" - das ist wichtig. Der Überdruß steht am Ende der Handlungen eines mechanischen Lebens, gleichzeitig leitet er aber auch eine Bewußtseinsregung ein. Er weckt das Bewußtsein und fordert den nächsten Schritt heraus. Der nächste Schritt ist die unbewußte Rückkehr in die Kette oder das endgültige Erwachen. Schließlich führt dieses Erwachen mit der Zeit zur Entscheidung: Selbstmord oder Wiederherstellung. An sich hat der Überdruß etwas Widerwärtiges. Hier jedoch muß ich den Schluß ziehen, daß er gut ist. Denn mit dem Bewußtsein fängt alles an, und nur durch das Bewußtsein hat etwas Wert."

Der dies als noch nicht Dreißigjähriger schrieb, empfand sich nicht als Christ. Seine Taufe hatte für ihn keinerlei Bedeutung; das dem Kind aufgedrängte Christentum war für ihn ein Bestandteil jener "Kette ... der Handlungen eines mechanischen Lebens" vor dem Erwachen, der (im Epheserbrief) die Zeit des Sündentodes vor demselben Erwachen entspricht:

"Erwach, Schläfer,
und steh auf von den Toten,
und aufstrahlen wird dir Christus" (5,14)
die Sonne der Auferstehung,
vor dem Morgenstern gezeugt,
Leben spendend mit eigenen Strahlen.

In seinem letzten, erst 34 Jahre nach dem Unfalltod veröffentlichten Werk erzählt Camus von den Wochen seiner Kommunionvorbereitung in Algerien. "Diese Wörter bedeuteten den jungen Katechumenen rein gar nichts" und der Neunjährige, "der ein ausgezeichnetes Gedächtnis hatte, sagte sie unerschütterlich auf, ohne sie je zu verstehen." Nach einer katechetischen Ohrfeige schluckte er sein Blut. Ergreifend, wie im Rückblick Wachen und Traum den Platz tauschen. Nein, die Wörter machen es nicht. Achten wir auf ihren Sinn, dann erkennen wir, wie derselbe innere Ruck, der in der Bibel "aus dem Tod Aufwachen" und "in den Himmel Versetztwerden" heißt und den Camus "endgültiges Erwachen" nannte, nunmehr umgekehrt beschrieben wird: als Versetztwerden in den tieferen Traum des namenlosen Mysteriums.

Er "sagte ohne einen Fehler die Fragen und Antworten zur Göttlichkeit und zum Opfer Christi auf und träumte, hundert Meilen von dem Ort entfernt, wo er aufsagte, von jener doppelten Prüfung [Kommunion, Stipendium], die letzten Endes nur eine war. In die Arbeit versunken wie in denselben Traum, der weiterging, aus dem ihn nur, aber verschwommen, die Abendmessen rüttelten, die immer häufiger in der scheußlichen kalten Kirche stattfanden, wo aber die Orgel ihn eine Musik vernehmen ließ, die er zum erstenmal hörte, da er bis dahin immer nur dumme Gassenhauer gehört hatte, und die ihn dann in einen noch intensiveren, tieferen Traum versetzte, der erfüllt war vom Schillern des Goldes im Halbdunkel der priesterlichen Gegenstände und Gewänder, endlich dem Mysterium begegnend, aber einem namenlosen Mysterium, in dem die vom Katechismus genannten und streng festgelegten Gottheiten, eine bloße Verlängerung der nackten Welt, in der er lebte, nichts zu tun und nichts zu suchen hatten; das innere und ungenaue herzerwärmende Mysterium, in das er dann eingetaucht war, vergrößerte nur das tägliche Mysterium des zurückhaltenden Lächelns oder Schweigens seiner Mutter, wenn er abends das Eßzimmer betrat und sie, allein im Haus, die Petroleumlampe nicht angezündet hatte und die Nacht allmählich in das Zimmer eindringen ließ, sie selbst gleichsam eine noch dunklere, noch dichtere Gestalt, die nachdenklich durch das Fenster auf die lebhaften, für sie aber lautlosen Bewegungen auf der Straße schaute; dann blieb das Kind beklommen auf der Türschwelle stehen, erfüllt von einer verzweifelten Liebe für seine Mutter und für das, was in seiner Mutter nicht oder nicht mehr der Welt und der Gewöhnlichkeit der Tage angehörte."

Um genau diesen inneren Ruck geht es, egal wie jemand ihn nennt. Daß die Urchristen ihn beim Ereignis ihrer Taufe erlebten und von daher verstanden, ist klar. Nach langer Vorbereitungszeit mitten in der Gemeinde untergetaucht, vernehme ich die heiligen Worte des Sakraments und weiß: Jetzt sterbe ich, mein alter Mensch, der in Wahrheit immer schon tote Sklave von Welt und Ichsucht, und JETZT werde ich mit und in Christus, meinem wahren ICH, von jenem Tod zum eigentlichen LEBEN auferweckt und im Himmel bei ihm verankert, egal, was meiner auf Erden an Leid und Verfolgung noch wartet. Mag ich um dieses Glaubens willen später zu Tode gequält werden oder anders sterben: immer wird mein leiblicher Tod nichts als der entmachtete Schatten jenes echten Todes sein, aus dem ich soeben gerettet werde. Der ist zwar das allerwirklichste Sterben, "nicht ein Tod 'im übertragenen Sinn', denn die eigentliche Wirklichkeit ist die durch das Verhältnis zu Gott bestimmte", er wäre aber nur der eigentliche Tod, wird es für mich nie mehr sein, solange ich in Christus dem Auferstandenen lebe.

Diese totale Wende haben die Urchristen neu vollzogen, sooft sie sich ihrer Taufe erinnerten, still für sich oder liturgisch in der Osternacht. Sind wir Objekte der Säuglingstaufe schlechter dran? Keineswegs. Nicht in der Zeit sondern aus der Zeit in die Ewigkeit geschieht das Erwachen vom Tod zum Leben; wem es nicht im offiziellen Ritus kund wurde, schaffe sich seinen persönlichen. Mir hilft zum wöchentlich spürbaren Ruck das Tauchbad der Sauna. Überzeugt, daß jeglicher Takt jedes irdischen Lebensliedes im Himmel ewig lebendig klingt, höre ich untertauchend im Wasser und Geiste meinen Taufpriester damals = JETZT die mich in Christi Leib eingliedernden Worte sprechen, während um uns meine Eltern stehen und in weiten Kreisen alle meine Ahnen, die Getauften mit ihrer Kerze, die Ungetauften ohne, aber ebenso lachend, und die Muslime unter den Vorfahren meiner Kinder antworten auf die Taufworte "Allahu akbar". Und ich weiß, während ich die Nase aus der Flut hebe und das lebenspendende Pneuma einsauge, daß die vorgestellte Szene sich zwar nicht innerhalb der Kulissen dieser Welt begibt, im Festsaal um ihre Bühne her jedoch ebensoviel wirklicher als dieses Becken ist, wie die bunte Frühlingswiese, wo ein Schläfer bald aufwacht, die graue Kammer seines gegenwärtigen Albtraums an Wirklichkeit überragt.

Eines Morgens grübelt jemand: Wer bin ich? Ein Mandarin dem es träumte er sei ein selig flatternder Schmetterling - oder der Schmetterling dem es eben träumt er sei ein alter Mandarin? Die fernöstliche Feinheit hat ihre biblische Entsprechung in dem ungeheuren Psalmvers, den ich seit Jahrzehnten rezitiere und erst neulich begriff:

"Eifersüchtig war ich auf die Prahler,
da den Frieden der Frevler ich sah.
Denn keine Beklemmungen gibt es für sie,
heil und feist ist ihr Wanst.
Sie grinsen und reden im Bösen,
Bedrückung reden sie von oben her.
*
Wie einen Traum nach dem Erwachen, mein Herr,
verlachst du, wann du dich regst, ihr Schattengebild.
"

Hier steht Camus' "endgültiges Erwachen" schon in der Bibel -scheinbar sehr anders, als er es gemeint hat, und doch dieselbe unsagbare Wirklichkeit meinend. So erklärt Augustinus seinen Fischern den Vers aus Psalm 73: "Stellt euch einen Mann vor, der im Traum sieht, wie er einen Schatz findet, er ist ein reicher Mann, aber bloß bis er aufwacht ... Da ist nichts in den Händen, nichts im Bett. Arm ist er eingeschlafen, ein Reicher wurde er im Schlaf; wäre er nicht aufgewacht, wäre er ein Reicher; er wachte auf und fand die Sorge, die er schlafend verloren hatte."

Jetzt können wir die Frage scharf stellen. Wie läßt der innere Ruck des vom Tod zum Leben Erwachenden sich schon während dieses Lebenstraums einüben, darstellen, vorwegnehmen? Auf unendlich verschiedene Weisen, eindeutig beschreibbar ist keine. "Schlaft nicht, schlaft nicht, es gibt keinen Frieden auf Erden," ruft die große heilige Teresa von Avila. Ihre kleine Schwester Thérčse von Lisieux sah das anders: "Es sollte mich entsetzen, daß ich (seit 7 Jahren) während meiner Gebete und meiner Danksagungen schlafe; eh bien, es entsetzt mich nicht, ich denke, daß die kleinen Kinder ihren Eltern ebenso gefallen, wenn sie schlafen, wie wenn sie wach sind." Beide Karmelitinnen drückten auf gegensätzliche Weisen denselben Sprung nach innen aus, die Kastilierin als Widerstand gegen alltägliche Schläfrigkeit, die Normannin als kindliches Vertrauen wider die Routine des religiösen Betriebs.

Entscheidend ist die tiefinnere Achtsamkeit auf die unendliche Spannung zwischen der nicht begreifbaren Welt und der Sehnsucht unseres Herzens nach eindeutigem Glück. Sooft ein Bewußtsein sich von seiner Ausgeliefertheit an die Welt auf diese Achtsamkeit "umschaltet", vollzieht es existentiell im Kleinen denselben Sprung vom Tod zum Leben, den im Großen der sterbend auferstehende Jesus verwirklicht und so für uns alle ermöglicht hat - von Adam bis zum letzten Menschen wer weiß wann.

Wer sich so versteht, ist ein christlicher Mystiker und kann, was in seiner eigenen Tradition unterbelichtet ist, von Albert Camus lernen. Dessen Botschaft heißt: Drück dich durch keine ideologische Ausflucht vor der Dauerspannung zwischen der unbegreifbaren, wegen ihrer mörderischen Ungerechtigkeiten "absurden" Welt und deiner tiefen Sehnsucht nach dem voll vernünftigen Glück, das dir zwar dank Sonne und Meer, Freundschaft, Solidarität und gelingendem Werk zuweilen aufblitzt, von dem du aber nicht wissen kannst, ob es im Ganzen existiert.

"Wäre ich Baum unter Bäumen, Katze inmitten der Tiere, dann hätte dieses Leben einen Sinn oder dieses Problem hätte vielmehr keinen, denn ich wäre Teil dieser Welt. Ich wäre diese Welt, gegen die ich mich jetzt mit meinem ganzen Bewußtsein und mit meinem ganzen Anspruch auf Vertrautheit stemme. Ebendiese so lächerliche Vernunft setzt mich in Widerspruch zur ganzen Schöpfung. Ich kann sie nicht mit einem Federstrich abtun. Was ich für wahr halte, daran muß ich festhalten. Was mir so evident erscheint, auch gegen mich selbst, muß ich aufrechterhalten. Und was ist der Kern dieses Konflikts, dieses Bruchs zwischen der Welt und meinem Geist, wenn nicht das Bewußtsein, das ich von ihm habe? Wenn ich also an ihm festhalten will, dann nur durch ein beständiges, immer wieder neues, stets angespanntes Bewußtsein. Daran muß ich mich zunächst halten. Mit diesem Augenblick tritt das Absurde, das so evident und gleichzeitig so schwer faßbar ist, ein in das Leben eines Menschen und wird dort heimisch. In diesem gleichen Augenblick kann der Geist den trockenen, ausgedörrten Weg scharf abgegrenzter Anstrengung verlassen. Der mündet jetzt ins tägliche Leben ein. Er führt in die Welt des anonymen "man", aber der Mensch begeht ihn von nun an mit seiner Auflehnung und mit seinem Scharfblick."

Manche von Alberts Freunden waren Christen, von antiklerikalen Priestern hielt er nichts. Der zu seinem Stein absteigende Sisyphos und Jesu Jünger auf dem Rückweg vom Berg der Verklärung winken einander brüderlich zu. Konzentration aufs unerlöste Jetzt und erlöste Hoffnung auf DANN ergeben nur stereo miteinander das einzig ganz wahre mutige Ja zum Großen JETZT.

In dieser zukunftstauglichen Perspektive des Christentums sind die obigen Einwände leicht gelöst. Weil Karfreitag und Ostern alle Jahrtausende überall ins Heil einbeziehen, deshalb sind die Vorstellungen, als wäre ein Sündenbewußtsein üblichen Stils verlangt, als wäre Gnade die willkürliche Gunst eines hohen Herrn, als wäre der Himmel weit weg vom irdischen Leid, allesamt Fälschungen der Botschaft Jesu.

a) "Sünde" kommt von "sondern". Wer auch nur ein bißchen aus Selbst-Absonderung zu Solidarität bekehrt worden ist, weiß gut, daß seine früher naive, egoistische oder servile Enge im Vergleich zu wirklichem Leben nur Tod war; in Camus' Licht verstanden, verliert unsere Bibelstelle alle ranzige Bigotterie.

b) "Aus Gnade seid ihr gerettet." Von Charis leiten sich Charisma und auch Charme und charmant her. Daran ist zu denken, nicht an die fiesen Gunsterweise eines Nero und anderer "gnädiger Herren" ehedem und - anders genannt - auch jetzt. IHRer, der göttlich-huldreichen Lebendigkeit Freundschaft zu allen, nämlich zu jedem so als gäbe es niemanden sonst, das ist Gnade.

c) Im Himmel schließlich leuchten "rubinengleich die Wunden all", wie wir im Osterlied singen. Daß ein Platz im Himmel nicht der blutigen Erde entfremdet, zeigen wie Jesus auch seine Heiligen, z.B. der flämische Missionar Damian de Veuster, der sich 1873 auf der Leprainsel Molokai internieren ließ und 1889 dort am Aussatz starb.

Es braucht die Wende. Welche Seele den grimmigen jüdischen Witz als "Gespräch im Himmel" zu deuten vermag, wird seinen Vollzug an ihr selbst vielleicht nicht leichter aber doch verständiger dulden. "Warum mußtest du dieses Scheusal heiraten?" - "Weißt du, innerlich ist sie schön." - "Nu, laß sie wenden!"


Zum Weiterdenken:

Schwund des Sündenbewusstseins: Eugen Biser, Die Entdeckung des Christentums (Freiburg 2000), 11.

Camus illustriert: Michael Lauble, Sinnverlangen und Welterfahrung. Albert Camus' Philosophie der Endlichkeit (Düsseldorf 1984), 186 f. "Also wähle ich die Hölle": Essais (Pl), 1625.

Das endgültige Erwachen: "Der Mythos des Sisyphos" (Reinbek 1999), 22f. Dort auf S. 70 auch das Schlußzitat ("Wäre ich Baum ...").

Sonne der Auferstehung: Laut Schlier ist dies eine von Clemens Alex. überlieferte Fortsetzung des Kultspruchs (5,14), großartige Verchristlichung der altägyptischen Sonnen-Anbetung. Diese Strahlen sind wir! Christus unsere Sonne ist auferstanden und wir gehören zu ihm, tagsüber als seine Strahlen hier auf Erden, abends zu ihm heimkehrend und nachts für immer bei ihm. Im antiken "Brief an Rheginos"[Kap.4] lesen wir: "Der Heiland hat den Tod verschluckt, denn er hat die vergehende Welt abgetan. Er hat sich in eine unvergängliche Überwelt gewandelt und ist auferstanden, nachdem er das Sichtbare durch das Unsichtbare verschluckt hat, und er gab uns den Weg unserer Unsterblichkeit. In der Tat (wie der Apostel sagt): Wir haben mit ihm gelitten, sind mit ihm auferstanden, und mit ihm in den Himmel aufgefahren. Wenn wir nun, ihn anhabend, in dieser Welt erscheinen, sind wir seine Strahlen, von ihm bis zu unserem Versinken umfaßt, das heißt unserem Tod in diesem Leben. Wir werden durch ihn zum Himmel gezogen wie Strahlen von der Sonne, nichts hält uns mehr zurück."

Kommunionvorbereitung: "Der erste Mensch" (Reinbek 1995), 192 ff.

Nicht ein Tod 'im übertragenen Sinn': Schlier zu Eph 2,1.

Teresa: Letzte Strophe des Gedichts "Ya no durmáis":

"Ofrezcámonos de veras
A morir por Cristo todas,
Y en las celestiales bodas
Estaremos placenteras;
Sigamos estas banderas,
Pues Cristo va en delantera;
No hay que temer, no durmáis,
Pues que no hay paz en la tierra."

Thérčse : Geschichte einer Seele, Anfang des 8. Kapitels; dort betulich übersetzt. Original: manuscrits autobiographiques, Lisieux 1957,189.

Camus' Licht: Im vierten "Brief an einen deutschen Freund" höhnt er den Nazi: "Ja, wir waren gezwungen, Euch zu folgen. Aber unsere schwer zu vollbringende Heldentat bestand darin, Euch in den Krieg zu folgen, ohne das Glück zu vergessen. Und durch das Getümmel und die Gewalt hindurch versuchten wir, die Erinnerung an ein glückhaftes Meer, einen nie vergessenen Hügel, das Lächeln eines geliebten Gesichts im Herzen zu bewahren. Gleichzeitig war dies unsere stärkste Waffe, die Waffe, die wir nie niederlegen werden. Denn an dem Tag, da wir sie aufgäben, wären wir ebenso tot wie Ihr."

Gnade: Im Grunde SIE selbst, die innergöttliche Huld. Wie ein männisches Komitee sie aus einem Kirchenlied warf, steht hier.


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

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