Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb

I. Gedanken zum Fest des Ordensgründers Benedikt am 11. Juli


Warum wohl hat unser neuer Papst sich Benedikt genannt?

Hier ist, ganz neu im Netz, eine abenteuerliche Vermutung
für denkbereite Christen und andere.

II. Gedanken zum fünfzehnten Sonntag im Jahreskreis

Die Geburtswehen der Schöpfung


"Die ganze Schöpfung wartet sehnsüchtig auf das Offenbarwerden der Söhne Gottes ... Auch die Schöpfung soll von der Sklaverei und Verlorenheit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, daß die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt."

Weil die gewaltigen Sätze des Apostels Paulus das "Wort des lebendigen Gottes" sind, darum ist den Christen eine Wahrheit über das Ganze anvertraut, die einer Grundannahme des heutigen Zeitgeistes glatt widerspricht. Ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist hell, sagt der Bibelleser zum SPIEGEL-Leser. Der erfuhr im Januar 2002: "Auch die Erde wird es in dieser weit entfernten Zukunft wahrscheinlich noch geben - allerdings treibt unser Planet dann längst als tiefgefrorener, öder Gesteinsbrocken einsam durch düstere interstellare Weiten [überraschend; hieß es bislang nicht, in ca 5 Milliarden Jahre werde die Erde von der sich ausdehnenden Sonne verdampft?] ... Dutzende von Jahrmilliarden vergehen in zunehmender Dunkelheit; gelegentlich durchdringt ein Lichtschimmer die sinkende kosmische Nacht und verzögert noch einmal den Untergang eines Universums, das zu einer Existenz als galaktischer Friedhof verurteilt ist."

Das ist nichts Neues. Ähnlich denkt "die Wissenschaft" schon lange. Am 15. November 1942 hielt der Jesuit Pierre Teilhard de Chardin in Peking einen Vortrag über den "Ort des Menschen im Universum". Dabei zitierte er zwei berühmte Astronomen: "Durch ein für die Evolution des Universums ohne Folgen bleibendes Mißgeschick sind einige Materieblöcke dem reinigenden Schutz der Sternenhitze oder der interplanetarischen Kälte entgangen. Der Mensch ist ein Ergebnis dieses zufälligen Mangels an antiseptischen Vorsichtsmaßregeln ... Was ist letztlich das Leben? Sozusagen irrtümlich in ein Universum fallend, das ganz offensichtlich nicht für es gemacht war; an einen Sandkornsplitter geklammert bleiben, bis die Kälte des Todes uns der rohen Materie zurückgegeben hat; und während einer ganz kleinen Stunde auf einer ganz kleinen Bühne aufspielen, während wir sehr wohl wissen, daß alle unsere Bestrebungen zum schließlichen Scheitern verurteilt sind und daß alles, was wir geschaffen haben, mit unserem Geschlecht zugrunde gehen wird, während wir das Universum zurücklassen, als hätten wir nicht existiert ... Das Universum steht jeder Art von Leben gleichgültig [oder sogar aktiv feindlich] gegenüber."

Was sollen wir denken? Heißt es immer wieder dasselbe Spiel spielen - und zuletzt verlieren? Galilei, Darwin, Freud - jedes Mal haben gläubige Christen den Pionieren einer neuen Wissenschaft leidenschaftlich widersprochen und mußten später ihren Irrtum eingestehen. Hat der Apostel Paulus gegen die moderne Astronomie eine Chance?

Die Wahrheit ist spannender. Jener SPIEGEL-Artikel beginnt so: "Es war ein Mann Gottes, der auf die Idee mit dem Urknall kam." Der belgische Priester Georges Lemaître (1894-1966) ist auf einem Foto neben Albert Einstein zu sehen. Später wurde er Präsident der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften. Vermutlich sah er zwar die Spannung aber keinen Widerspruch zwischen der Hoffnung des Paulus und seinem eigenen Weltbild: "Die Entwicklung der Welt könnte man mit dem Ende eines Feuerwerks vergleichen, wir stehen auf einer gut gekühlten Schlacke und sehen das langsame Verschwinden der Sonnen."

Was sollen wir denken? Ich schlage vor: Der Glaube hat es mit der Wahrheit der Wirklichkeit als ganzer zu tun, die Wissenschaft mit der Richtigkeit je einer Realitätsstruktur innerhalb dieser Wirklichkeit. Was die Wissenschaft weiß, ist nicht falsch, wird aber zur Lüge, sobald eine Teil-Richtigkeit zur ganzen oder auch nur Haupt-Wahrheit erklärt wird. Z.B. kann es wissenschaftlich richtig sein, daß eine bestimmte Violinsonate durch ein Kratzen von Pferdehaaren über Katzendärme entsteht. Wer aber behaupten wollte, sie sei "nichts als" das, hätte nicht einmal als Physiker recht; denn sie ist auch das, was sich in den Fingern des Künstlers und den Ohren der Zuhörer bewegt. Und dies ist weiterhin nur Materie für die sie überformenden Sinngestalten, die nicht mehr physikalisch verstehbar sind, vielmehr chemisch, biologisch-medizinisch und schließlich, innerhalb des Bewußtseins, psychisch-musikalisch.

Angenommen, die Musik ertöne bei der christlichen Totenfeier für die Frau des Geigers, dann wird diese Reihe von Sinngestalten von einer nochmals umfassenderen überformt: von der Hoffnung gläubiger Menschen, die innige Melodie sei nach ihrem Verklingen ebensowenig vorbei wie das Leben der geliebten Toten. Auf Ostern sich stützend, sind die Trauernden gewiß, daß Melodie wie Leben als die zeitlichen Ganzheiten, die sie jetzt gewesen sind, im ewigen göttlichen NUN Gegenwart sind und bleiben. Erst diese Zuversicht erfaßt die ganze Wirklichkeit jener Sonate. Daß sie dank Haaren und Därmen zustande kommt, bleibt richtig. Und wichtig - schade, wenn einer der Därme reißt! Wer aber darauf bestehen wollte, das Stück sei nichts als solches Kratzen, hätte von der Physik des Vorgangs wenig und von seiner ganzen Wirklichkeit fast nichts verstanden.

Soweit, so klar. Dürfen wir das im Kleinen erkannte Muster auch auf das große Thema anwenden, auf die Schöpfung im Ganzen, unser heimatliches und doch so fremdes Universum? Worauf wartet das All? Wie die Sklaverei seiner Vergänglichkeit aussieht, erfahren wir von den Astronomen. Was wird aber seine herrliche Freiheit der Gotteskinder sein? Von ihr weiß die Wissenschaft nichts. Beim Ende des Einzelmenschen kann sie höchstens analysieren, wie geschwind welche Würmer welche Leichenteile umwandeln; zum Thema seines Ewigen Lebens schweigt sie total. Ebenso über die Hoffnung des Weltalls. Damit dieses Schweigen aber hörbar wird, damit das Mediengerassel über Verdampfen oder Erstarren der Planeten uns nicht zu dem Irrtum verführt, wir wüßten dank astronomischer Hypothesen die Wahrheit über das All, deshalb muß es Gegenstimmen geben. Woher können die aber kommen? Wie verschafft unsere unwißbare Hoffnung sich Ausdruck?

Durch Erinnerung an Augenblicke, da die kosmische Hoffnung in bestimmten Menschen so glühend lebte, daß sie zu Versen, Bildern, Theorien, Gleichnissen wurde. Wer sich auf solche einläßt, weiß freilich nicht, was mit dem All DANN geschehen wird; dessen Ewigkeit bleibt einem zeitverhafteten Bewußtsein so unfaßbar wie einer Raupe die Flatterlust des Schmetterlings. Er weiß aber das Wichtigste: daß er den trostlosen Bildern der Wissenschaft nicht glauben darf, weil die von der Wahrheit keine Ahnung hat. An einige Offenbarungen kosmischer Hoffnung sei deshalb erinnert.

Da ist zuerst der Schlußvers von Dantes "Göttlicher Komödie" über "l'amor che muove il sole e le altre stelle". Wie bewegt die Liebe die Sonne und die anderen Sterne? Von außen, wie seine Bälle ein Jongleur? Dann bliebe das Universum in sich selbst ein toter Mechanismus. Lieber stelle ich mir die Bewegungen einer Tänzerin vor. In sternklarer Nacht schaue ich zum Himmel empor oder in die Tiefen des Weltraums hinab und ahne, wie dieses Gefunkel DANN als IHR Tanz mit IHM offenbar wird, als Ewiger Walzer der in Sophia-Maria personhaft geeinten Schöpfung mit ihrem geliebten Schöpfer und Sohn.

Oder freuen Sie sich an den letzten beiden Strophen eines hinreißenden Liedes von Novalis:

Getrost, das Leben schreitet
zum ewgen Leben hin;
von innrer Glut geweitet
verklärt sich unser Sinn.
Die Sternwelt wird zerfließen
zum goldnen Lebenswein
,
wir werden sie genießen
und lichte Sterne sein.

Die Lieb ist freigegeben,
und keine Trennung mehr.
Es wogt das volle Leben
wie ein unendlich Meer.
Nur e i n e Nacht der Wonne
e i n ewiges Gedicht
und unser aller Sonne
ist Gottes Angesicht.

Zur Melodie von "La Blonde" gesungen, hält dieses Hoffnungslied dem Erschrecken vor den leeren Räumen allemal die Waage.

Ehrliche Wissenschaftler gestehen ein, daß ihre Theoriegebäude ebenfalls auf Glaubensfundamenten ruhen. Wer nicht an die Rationalität der Realität glaubt, wie soll der sich auf irgendein Ergebnis menschlicher Forschung verlassen? Auf Treibsand errichtet man kein Hochhaus. Insofern darf auch jene Theorie als Wissenschaft gelten, die Pater Teilhard de Chardin 1942 in Peking dargestellt hat. Der Mensch nimmt zwischen zwei Abgründen die Mitte ein, die Milchstraße ist ungefähr um ebensoviel größer als er, wie ein Atom kleiner:

"Diese beiden Abgründe bilden nicht nur als zwei Extreme der Welt an Größe und an Kleinheit quantitativ unter einander Gegensätze, sondern auch qualitativ in dem Sinne, daß die grundlegendsten Eigenschaften des Universums im Unermeßlichen und im Winzigen anders werden, als sie uns im mittleren Bereich erscheinen."

Das zeigt er an den verwirrenden Behauptungen der Relativitäts- wie der Quantentheorie und formuliert dann seine These: "Ich schlage Ihnen heute vor, im Universum außer der unendlichen Größe und der unendlichen Kleinheit einen dritten Abgrund in Betracht zu ziehen: den der Komplexität ... Da der Mensch annähernd aus tausend Billionen Zellen besteht, wird die Zahl der zur Bildung unseres Körpers gruppierten Atome etwas wie 10 hoch 22, das heißt, wir befinden uns bereits in der numerischen Größenordnung der Galaxien! ... Es wird sichtbar, daß man, um das Universum darzustellen, nicht nur zwei, sondern [zumindest] drei Unendliche in Betracht ziehen muß. Die bloße Prüfung der Zahlen zeigt das an. Die in zurückhaltendster Weise geschätzte "Komplexität" ist ein ebenso tiefer Abgrund wie das Winzige und das Unermeßliche. In einem Universum mit nur zwei Unendlichen können die höheren Lebewesen [der Mensch z. B.] als "Mittelwerte" betrachtet werden. In einem Universum mit drei Unendlichen jedoch heben sie sich von den anderen nicht komplexen mittleren Größen ab; sie erhalten die Spitzenstellung eines besonderen Zweiges; und in dieser Endstellung [in der sie unmittelbar die Abstammungslinie der Atome und Moleküle verlängern] bilden sie mit demselben Recht wie eine Milchstraße oder ein Elektron ein Extrem ...

An den Extremen, so habe ich Ihnen oben erklärt, wechselt das Universum die Gestalt. Sein Stoff wird zum Sitz neuer Effekte. Sagen, die Tiere, die Menschen stellen auf ihrer Linie ein Ende der Welt dar, heißt also implizite aussagen, daß sie, hierin dem Winzigen und dem Unermeßlichen gleich, irgendeine besondere Eigenschaft besitzen müssen, die ihrer besonderen Form des Unendlichen spezifisch ist. Im Unermeßlichen die Effekte der Relativität, im Winzigen die Quanteneffekte. In den sehr großen Komplexen, was? ...
Aber warum denn nicht das Bewußtsein und die Freiheit?
Und das ist wirklich die Perspektive, die sich auftut. Jedermann weiß seit jeher, daß die belebte Materie mit Spontaneität, verstärkt durch psychische Innerlichkeit, begabt ist. Jedermann weiß heute auch, daß diese organische Materie irrsinnig kompliziert ist. - Weshalb sollte man im Lichte der großen Entdeckungen der modernen Physik nicht ganz einfach setzen, daß zwei und zwei vier ist?
Mit anderen Worten, weshalb sollte man nicht, das Problem zur Lösung umwandelnd, folgendes sagen:
Die ganz träge Materie, die völlig rohe Materie gibt es nicht. Vielmehr enthält jedes Element des Universums in einem zumindest infinitesimalen Grad irgendeinen Keim der Innerlichkeit und der Spontaneität, das heißt des Bewußtseins. In den sehr einfachen und maßlos zahlreichen Korpuskeln [die sich uns nur durch ihre statistischen Effekte kundtun] bleibt diese Eigenschaft für uns so unwahrnehmbar, als wäre sie nicht vorhanden. Andererseits wächst ihre Bedeutung mit der Komplexität - oder, was auf dasselbe hinausläuft, mit dem Grad der "Zentrierung" der Korpuskel auf sich selbst. Von einer atomaren Komplexität in der Größenordnung der Millionen [Virus] an beginnt sie für unsere Erfahrung zu emergieren. Weiter oben wird sie durch aufeinanderfolgende Stoßwellen [durch eine Reihe psychischer "Quanten"] evident. Im Menschen schließlich erreicht sie infolge des kritischen Punktes der "Reflexion" die denkende Form und wird von da an dominierend. - Ebenso wie die großen Zahlen im Winzigen den Determinismus der physikalischen Gesetze erklären; und ebenso wie die Raumkrümmung im Unermeßlichen die Gravitationskräfte erklärt; - so läßt in dem dritten Unendlichen die Komplexität [und die "Zentriertheit", die sie zur Folge hat] die Phänomene der Freiheit hervortreten.
Wird nicht in dem uns umgebenden Universum auf diese Weise alles klarer?"

Als bisheriges Extrem der Komplexität ist der Mensch die Pfeilspitze der Evolutions-Achse. Das ist noch eine wissenschaftliche Aussage. Jetzt fragen wir weiter: Was ist das Ziel der Evolution? Wohin entwickelt sich die Schöpfung als ganze? Teilhard hielt seine Antwort auch auf diese Frage für eine wissenschaftliche Hypothese, ähnlich wie Sigmund Freud seine Psychoanalyse. An beiden Urteilen darf man heute zweifeln. Daraus folgt nicht, beide Sichten seien falsch. Freuds Sinngefüge kann als eine Lebenskunst weiterhin hilfreich sein, Teilhards Vision als moderne Kosmos-Mystik unsere Römerbrief-Sätze dem dritten Jahrtausend erschließen. In einem späteren Pekinger Vortrag über "Leben und Planeten" sagte Teilhard am 10. März 1945:

"Mit den auf ihrer Oberfläche aufgebrochenen Bewußtseinskeimen läßt die Erde, unsere vergängliche Erde, der der absolute Nullpunkt auflauert, im Universum ein von nun an ununterdrückbares Bedürfnis aufsteigen, nicht nur nicht ganz zu sterben, sondern zu retten, was sich in der Welt an Komplexerem, Zentrierterem, Besserem entwickelt hat. Im genetisch an einen Stern, dessen Jahrtausende gezählt sind, gebundenen menschlichen Bewußtsein offenbart die Evolution ihren Anspruch, entweder nicht zu existieren oder irreversibel zu sein. Der Mensch als Individuum tröstet sich mit dem Gedanken an seine Kinder oder an seine Werke, die bleiben, über sein Verschwinden hinweg. Was wird aber eines Tages von der Menschheit übrigbleiben?
So stellt sich unausweichlich am Ende allen Bemühens, den Menschen und die Erde in den Rahmen des Universums wieder hineinzustellen, das gewichtige Problem des Todes, nicht mehr des individuellen, sondern des Todes im planetaren Maßstab - eines Todes, dessen ernsthaft vorweggenommene bloße Möglichkeit genügen würde, augenblicklich, hic et nunc, jeden Schwung der Erde zu lähmen ...
Um den inneren Konflikt zu lösen, der die angeborene Hinfälligkeit der Planeten dem auf ihrer Oberfläche durch das planetisierte Leben entwickelten Irreversibilitätsbedürfnis entgegenstellt, genügt es nicht, das Gespenst des Todes zu verhüllen oder zurückzuschieben, es geht vielmehr darum, es von der Wurzel her aus unserem Gesichtsfeld zu vertreiben.
Wird uns nicht gerade das durch die Idee ermöglicht [eine Folgerung, wie wir gesehen haben, aus der Mechanik der Planetisation], daß es nach vorn oder, genauer, im Herzen des entlang seiner Achse der Komplexität verlängerten Universums ein göttliches Zentrum der Konvergenz gibt: bezeichnen wir es, um nichts zu präjudizieren und um seine synthetisierende und personalisierende Funktion zu betonen, als den Punkt Omega. Nehmen wir an, daß von diesem universellen Zentrum, von diesem Punkt Omega, dauernd Strahlen ausgehen, die bisher nur von denen wahrgenommen wurden, die wir die mystischen Menschen nennen. Stellen wir uns nun vor: da die mystische Empfänglichkeit oder Durchlässigkeit der menschlichen Schicht mit der Planetisation zunimmt, werde die Wahrnehmung des Punktes Omega allgemein, so daß sie die Erde zur selben Zeit psychisch erwärmt, wie letztere physisch erkaltet. Wird es so nicht denkbar, daß die Menschheit am Zielpunkt ihrer Zusammenziehung und Totalisation in sich selbst einen kritischen Punkt der Reifung erreicht, an deren Ende sie, während sie die Erde und die Sterne langsam zu der verblassenden Masse der ursprünglichen Energie zurückkehren läßt, sich psychisch von dem Planeten löst, um sich mit dem Punkt Omega, der einzigen irreversiblen Essenz der Dinge, zu verbinden? Ein äußerlich einem Tod gleichendes Phänomen, vielleicht: in Wirklichkeit aber eine einfache Metamorphose und Zugang zur höchsten Synthese. Ein Ausbruch aus dem Planeten, aber kein räumlicher und von außen, sondern ein geistiger und von innen kommender, das heißt so, wie er von einer Hyperzentrierung des kosmischen Stoffes in sich selbst ermöglicht wird?
Diese Hypothese einer menschlichen Reifung und Ekstase, letzte Konsequenzen der Theorie der Komplexität, mag ebenso gewagt oder noch gewagter als die Idee einer Planetisation des Lebens [die sie verlängert] erscheinen. Und doch steht und festigt sich diese Hypothese, je mehr man sie bedenkt. Mit ihr steht in Übereinstimmung die wachsende Bedeutung, die die besten Denker aller Richtungen dem mystischen Phänomen beizumessen beginnen. Und auf jeden Fall ist sie, unter allen anderen, die uns über das Ende der Erde möglich sind, die einzige, die uns eine kohärente Perspektive eröffnet, in der in der Zukunft die beiden grundlegendsten und mächtigsten Strömungen des menschlichen Bewußtseins konvergieren und kulminieren: der Strom der Intelligenz und der des Tuns, der der Wissenschaft und der der Religion."

Der Christ kennt den Namen des Punktes Omega: Es ist Jesus Christus, der Auferstandene. In Ihm, durch Ihn, auf Ihn hin ist alles geschaffen (Kol 1,16). Was das Häuflein der Urchristen in Bezug auf die Erde inmitten ihrer himmlischen Kugelschalen verkündigt hat, darf heute die "Weltkirche", lies: Erdkirche, im Hinblick auf das unermeßliche Universum aus Milliarden Milchstraßen wiederholen: Das All ist kein Mechanismus, auch kein Leichnam, vielmehr ein lebendiger Leib, zentriert im unendlichen Gott selbst. Ist Christus die ICH-Person des von ihm angenommenen Welt-Ganzen, so darf uns der Heilige Geist als die BELEBENDE Seele gelten, die es einend durchströmt. Nicht nur der Wissenschaftler Galilei, auch der Prophet Giordano Bruno gehört kirchlich rehabilitiert. Hatte er doch geschrieben:

"Wir leben in einer Welt, in der immer Ding an Ding sich reiht, ohne einen letzten Abgrund, in dem sie ins Nichts entschwänden. Da sind keine Grenzen, Schranken, Mauern, die uns um die unendliche Fülle des Seins betrögen ... Dieses Unendliche und Ewige ist ein beseeltes Wesen, obwohl es keine bestimmte und begrenzte Form und keine Sinne hat, die zu äußeren Dingen Bezug haben; denn es hat alle Seele in sich selbst und ist alles Beseelte, das All. Und die Welt ist sein beseelter Körper. Darin bewegen sich Weltkugeln, Erden und Sonnen, von denen unzählige wir mit den Augen wahrnehmen können, unendliche andere müssen von der Vernunft angenommen werden."

So steht es in einem Buch, 1584 zu Venedig gedruckt. Für die Akten der Inquisition erklärt er später gar: "Auch den Heiligen Geist habe ich nicht so verstehen können, wie man ihn glauben soll, sondern als die Seele der Welt, die dem Universum innewohnt. Von diesem Geist, der die Weltseele ist, leite ich das Leben und die Seele jedes Wesens ab."

"Vielleicht verkündet ihr das Urteil mit größerer Furcht, als ich es entgegennehme," soll Bruno zu seinen Richtern gesagt haben. Zurückgenommen hat er nichts. Am 17. Februar 1600 brannte sein Scheiterhaufen auf dem Blumenmarkt in der heiligen Stadt. Tun wir das Unsere, daß der (inner!)kirchliche Dialog mit der Wahrheit des All-Lebens in Zukunft weniger mißlingt als damals. Nur so kann die Kirche von morgen dem grandiosen Satz unserer Lesung gerecht werden: "Auch die Schöpfung soll von der Sklaverei und Verlorenheit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes."

Erst DANN ist die Arbeit des Schöpfers und seiner mitschaffenden Geschöpfe getan und es erfüllt sich, was am Anfang der Bibel steht (Gen 2,3) - man bedenke, daß die hebräische Sprache keine Verbzeiten in unserem Sinne kennt, sie unterscheidet zwischen unvollendeter und vollendeter Handlung: "Und Gott segnet den siebten Tag und erklärt ihn für heilig; denn an ihm ruht Gott, nachdem er das ganze Werk der Schöpfung vollendet hat." So interessant die Werktagsreportagen der Astronomen sind, das kosmische Sonntagsfest kommt in ihnen nicht vor. Wer nimmt seine Arbeit am Mittwoch ernster: der Zwangsarbeiter im Dauereinsatz bis zum Erschöpfungstod, oder der freie Handwerksgeselle, der zwischendurch schon mal an seinen Sonntag mit der Freundin denkt?


Zum Weiterdenken:

Zwei berühmte Astronomen: Arthur Eddington und James Jeans

Sophia-Maria: Über das Geheimnis der reinen Schöpfung in Person gibt es einen Vortrag von 1963/64 und eine Predigt von 1989.

Gesungen: Auch auf meiner CD. Dazu eine neue Besprechung.

"Göttliches Zentrum der Konvergenz: In "Comment je vois" [dt. "Mein Weltbild", Olten o.J. (39-43)] macht Teilhard 1948 darauf aufmerksam, "daß jede natürliche, von der kosmischen Einrollung erzeugte Einheit sich symbolisch als eine über zwei miteinander verbundenen Brennpunkten konstruierte Ellipse darstellen läßt: der eine, F1, der materiellen oder technischen Anordnung; der andere, F2, des Bewußtseins (letzterer wird erst sichtbar auf der Stufe des Lebens). Im Falle des Menschen kommt es darauf an einzusehen, daß man den biologischen Prozeß der Evolution, hat er einmal die Stufe der Reflexion überschritten, offenbar immer mehr darauf zurückführen und reduzieren kann, daß er (dank den Effekten der kollektiven Super-Einrollung) F2 über F1 prädominieren läßt ...

Der gleichzeitig zur Vorausschau des Zukünftigen und zu seinem Erfindungsvermögen erwachte Mensch erkennt immer klarer, daß er ein Narr sein müßte, wenn er sich zur Weiterführung, und mehr noch zum Neuaufbruch der Evolution durch ihn hindurch hergäbe, falls die unersetzliche und unmitteilbare Essenz entweder jeder individuellen Person oder auch der planetisierten Menschheit nicht letzten Endes gesammelt und in eine Erfüllung integriert würde - für immer. - Mit anderen Worten, in einem einer Zukunft bewußt gewordenen Universum würde die kosmische Einrollung unmittelbar, von innen her, stehenbleiben angesichts des verzweifelten schließlichen Endereignisses eines totalen Todes. - Was heißt das, wenn nicht, daß in dem unausweichlichen Augenblick, da früher oder später in jedem denkenden Wesen oder System der Brennpunkt F1 der Komplexität sich anschickt, auseinanderzufallen, dort ein gemeinsames und höchstes Zentrum fertig vorgefunden werden muß, auf das sich die F2 des Bewußtseins aufstützen und in dem sie sich verbinden, damit sich - dieses Mal ohne Möglichkeit des Auseinanderfallens - die menschliche Ellipse neu bildet?"

Das ist, in der Sprache der Physik, dasselbe leidenschaftliche Vertrauen, das Gottes Anrede in Teresa erweckt [Gedicht "De tal suerte"]. Wenn wir uns draußen verlieren, finden wir uns DRINNEN:

Fuiste por amor criada
Hermosa, bella, y así
En mis entrańas pintada,
Si te perdieres, mi amada,
Alma, buscarte has en Mí.


Que Yo sé que te hallarás
En mi pecho retratada
Y tan al vivo sacada
Que si te ves te holgarás
Viéndote tan bien pintada.

Du wardst durch Liebe geschaffen
anmutig, schön und so
in meinem Innern gemalt.
Wenn du dich verlierst, meine Geliebte,
Seele, mußt du dich suchen in Mir.


Denn ich weiß, du wirst dich finden
in meiner Brust abgebildet
und so lebendig getroffen,daß wenn
du dich siehst, du dich freuen wirst,
sehend dich so wohl gemalt.

 

Gottes lebendiger Leib: Daß Gottes Beziehung zur Welt sich auch so denken läßt wie im Menschen das Verhältnis der Seele zum Leib, ist im Christentum ein alter Gedanke, auch wenn man ihn eher selten vernimmt. Sich als winziges Fühl- und Wirk-Organ des unendlichen SELBST und LEBENs zu wissen ist nicht nur indisch, auch christlich. Hüten wir uns vor Krebs und Aussatz!

Einige Beispiele: "In der Seele sind einförmiglich die Kräfte zusammenbeschlossen, welche im Einzelnen für all die verschiedenen Teile des ganzen Leibes sorgen. Es ist nun durchaus sinnvoll, von dunklen Bildern zur Allursache aufzusteigen und mit überweltlichen Augen alles - auch das einander Entgegengesetzte - einförmig und geeint im Allverursacher zu erschauen" (Dionysios Areopagita [vermutlich 6. Jh.], De Divinis Nominibus V 7, PG 3,821 B).

Der Athos-Heilige Gregor Palamas (1296-1359) führt diesen Vergleich aus: "Wie die Seele trotz ausgerissener Augen oder ertaubter Ohren dennoch in sich selbst die leibfürsorglichen Kräfte hat, so hatte auch Gott schon vor dem Bestand der Welt die weltfürsorglichen Kräfte; und wie die Seele nicht schlechthin die fürsorglichen Kräfte ist, sondern die Kräfte hat, so eben auch Gott; und wie die Seele eine, unzusammengesetzt und einfach ist - keineswegs wegen der Kräfte in ihr vermannigfacht oder zusammengesetzt, so geht auch Gott, der nicht bloß vielvermögend, sondern allmächtig ist, wegen der Kräfte in Ihm nicht aus dem Einiglichen und der Einfachheit heraus" (Triaden III 2 22,681).

"Wie die Seele ganz in jedem Teil des Leibes ist, so ist Gott ganz in allem und jedem", vermerkt knapp Thomas von Aquin (S.Th. I q8 a2 ad 3).

Hans Urs von Balthasar [Herrlichkeit, Band 1, S. 653]: "Wenn der ganze Kosmos nach dem Bild des unsichtbaren Gottes geschaffen wurde, im Erstgeborenen der Schöpfung, durch Ihn und für Ihn, und wenn dieser durch die Kirche, deren Haupt er ist, in der Welt seinen Wohnsitz hat, dann ist die Welt letzten Endes ein ‚Leib' Gottes, der sich in diesem Leib selbst darstellt und ausdrückt, auf Grund eines nicht pantheistischen, sondern hypostatischen Einheitsprinzipes."

Und noch eine Notiz aus "Christ in der Gegenwart" v. 30.06.2002, S.216: Welche Bedeutung die Leiblichkeit Gottes für einen gewissenhaften ökologischen und nachhaltigen Umgang des Menschen mit dem Kosmos haben könnte, entfaltet die Theologin Sallie Mc Fague aus Vancouver. Sie schlägt vor, Schöpfung und Welt als "Gottes Leib" zu verstehen. Dies sei ein der heutigen Zeit angemesseneres Denkmodell als die Vorstellung von "Gott als Uhrmacher, der das Uhrwerk aufzieht, als König des Reiches, als Vater mit ungeratenen Kindern, als persönlich Handelnder, der in der Welt wirkt, und so weiter." In diesem ökologisch-evolutiven Modell, das die Theologin ausdrücklich nur als eines unter anderen verstanden wissen will, "ist der Leib Gottes das ganze Universum, er ist die gesamte Materie in ihren unzähligen, großartigen, uralten und modernen Formen von Quarks bis zu Galaxien. Näherhin ist der Leib Gottes, der unsere Fürsorge verlangt, der Planet Erde, ein winziges Stückchen göttlicher Inkarnation, das unser Zuhause und unser Garten ist." Dem Vorwurf, dieses Modell sei pantheistisch, entgegnet sie: "Ich glaube nicht, daß das stimmt. Wenn Gott sich zum Universum verhält, wie sich jede und jeder von uns zu unserem Körper verhält, dann sind Gott und Welt nicht identisch. Sie sind sich jedoch vertraut, nah und innerlich sehr verbunden."

Wie man den Heiligen Geist glauben soll: nämlich als einen Herrn ("Dominum" singt der Chor im Credo), also ein Du-Gegenüber, entsprechend dem Herr-Gott, den die Herren-Kirche als Oberinstanz zu glauben vorstellt. Zu Recht; die innergöttliche LIEBE aber wird so um ihre eigene, besondere SINN-Dimension gebracht. Vgl. die Pfingstpredigt und die Kritik an der Liedfälschung seitens eines männischen Liturgie-Komitees.

Weltseele, Geschichte und Hermeneutik ist der Titel eines so klugen wie gelehrten Buches von Heinz Robert Schlette (Frankfurt/M 1993). Sein Nachwort beschließt er so: "Man kann es auch so sagen: Soll wirklich Frieden im Sinne des ‚guten Lebens für alle' zustandekommen (vorausgesetzt natürlich, Leben überhaupt sei affirmativ zu deuten), ist eine Praxis unabdingbar, die wenn schon nicht die leise Stimme der Weltseele (in welcher Variante der Tradition auch immer), dann wenigstens die Erinnerung an die Weltseele in sich aufnimmt."


Hier ist ein Angebot für Freunde meiner Internet-Gedanken: Auf einer CD habe ich unter dem Titel "Christliches Stereo-Denken" alles, was auf verschiedenen Servern veröffentlicht ist, zusammengestellt und intern verknüpft sowie mit Bildern und Liedern angereichert. Außerdem sind sechs Bücher im WORD-Format dort zu lesen (die elektronischen Bücher Nr. 2,5,6,7,10 der Liste). Im Ganzen meldet der Rechner fast tausend Dateien. Ein Teil der Ernte von über vierzig Jahren Theologie steht zur Verfügung und kostet nur 8,50 Euro + Porto, insgesamt unter zehn Euro. Für Religionslehrer, Pfarrer und andere Profis eine Fundgrube, für deren Freunde eine sinnige Geschenk-Idee. Bestellungen bitte direkt an mich, um Verwechslung mit dem Müll zu vermeiden bitte mit klarem Betreff: CD-Bestellung. Seit Anfang Dezember 2004 ist die neue Auflage mit allem bisher im Netz Veröffentlichten verfügbar.


Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/weltall.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

Kommentare bitte an Jürgen Kuhlmann

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