Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr C

Heißt der abgesetzte Verwalter Jesus?

Gedanken zum fünfundzwanzigsten Sonntag im Jahreskreis


So sehr überstrahlt wird im Bewußtsein der Christen Jesu Menschlichkeit von seiner geglaubten Gottheit, daß in den vergangenen zweitausend Jahren nur wenige fragten, welche eigenen Erlebnisse Jesus wohl zu seinen Gleichnissen angeregt hätten. Auch mir war das nie eine Frage, bis ich auf Georg Baudlers Erklärung des heutigen Evangeliums stieß. Wer ist jener Verwalter, den man beschuldigt, er verschleudere das Vermögen seines Herrn? Kein anderer als Jesus selbst! Er ist Lehrer in Israel, mit verantwortlich dafür, daß der Schatz der in langer Zeit angesammelten göttlichen Offenbarungen und Gebote unversehrt bewahrt und kommenden Generationen überliefert wird. Und was tut er?

Er bricht aus der Solidarität dieser Gruppe aus, "lehrt sie wie einer, der Vollmacht hat, und nicht wie ihre Schriftgelehrten" (Mt 7,29); statt den von Gott eingesetzten und von der Tradition sorgsam umgrenzten wöchentlichen Ruhetag vorbildlich zu hegen, heilt er gern ausgerechnet am Sabbat. Angeblich führt er lose Reden gegen den heiligen Tempel des Herrn, verbrüdert sich mit Zöllnern und Sündern, während er die Anständigen im Lande, die gesetzestreuen Frommen, als heuchlerische "Pharisäer" hinstellt (das Wort im heutigen Sinn genommen, damals war es ein Ehrenname). Der Mann muß weg, beschloß die hohe Geistlichkeit. Wer unser Gottesvermögen derart verschleudert, gehört als Verwalter abgesetzt.

Das war die feindselige Stimmung, die Jesus mehr und mehr um sich her spürte. Was sollte er tun? Er hätte aufgeben können, Schluß machen mit seinen Wanderungen als Verkünder des Gottesreiches, und zurückkehren zu Hammer und Säge. Oder sollte der religiös "Ausgeflippte" sozusagen wieder einflippen, die irdische Undurchführbarkeit seiner radikalen Botschaft eingestehen und sich der Autorität der Hohenpriester demütig unterwerfen? So hat es zwölfhundert Jahre später der Jesus Ähnlichste aller Christen gemacht und ist zum großen katholischen Heiligen und Ordensstifter Franziskus geworden. Franziskaner? Franz is kaner, sagt man in Bayern. Zuletzt nicht einmal er selbst ...

Jesus macht es anders, das heutige Gleichnis ist überdeutlich. Der Verwalter tut den entscheidenden Schritt. Hatte man ihn bisher verklagt - mag sein, verleumderisch - so gibt er dieser Anklage nun in der Tat recht. "Und er ließ die Schuldner seines Herrn, einen nach dem andern, zu sich kommen und fragte den ersten: Wieviel bist du meinem Herrn schuldig? Er antwortete: Hundert Faß Öl. Da sagte er zu ihm: Nimm deinen Schuldschein, setz dich gleich hin, und schreib: fünfzig. Dann fragte er einen andern: Wieviel bist du schuldig? Der antwortete: Hundert Sack Weizen. Da sagte er zu ihm: Nimm deinen Schuldschein, und schreib: achtzig" (Lk 16,5-7).

Ebenso verfährt Jesus. Er mindert die Schuld der einfachen Leute gegen Gott. Die Hunderte komplizierter Vorschriften, auf welche die religiöse Obrigkeit so riesigen Wert legt, wischt er beiseite: das macht es nicht. Ja was macht es denn? Das wißt ihr doch: Glauben, Hoffen, Lieben. Wie jener Zöllner müßt ihr es machen, der sich im Gotteshaus nicht nach vorn traute aber gerechtfertigt heimging. Wie jener Fremde aus Samarien, der sich von keinem Tempeldienst abhalten ließ, dem Zug seines guten Herzens zu folgen. Seht endlich ein, worauf es nicht ankommt, wenn wir dem PAPA gefallen wollen. Ihr seid doch selbst Papa und Mama, wißt Bescheid, was ihr von euren Kleinen erwartet und was nicht.

"Und der Herr lobte die Klugheit des unehrlichen Verwalters." Die exegetische Streitfrage, ob "der Herr" innerhalb des Gleichnisses den Verwalter als klug lobt oder ob der Erzähler, Jesus der Herr, das tut, ist für den Christenglauben belanglos; er hält sich an Jesus als in Wahrheit nicht abgesetzten sondern von Gott gültig und unwiderrufen bevollmächtigten Mittler seines Willens an uns.

Eine andere Frage ist unbeantwortbar, muß aber gestellt werden, damit wir uns in klugem Nichtwissen halten und nicht auf eine angebliche Gewißheit hereinfallen, die vielleicht gar nicht stimmt. Wie steht es mit dem Motiv des ungetreuen Verwalters? "Ich weiß, was ich tun muß, damit mich die Leute in ihre Häuser aufnehmen, wenn ich als Verwalter abgesetzt bin." Stammt auch diese Überlegung aus Jesu eigener Erfahrung oder hat er sie erfunden, damit das Gleichnis stimmig sei? Christen scheint zunächst die zweite Annahme selbstverständlich. Der einzige Sohn muß sich um seinen Platz beim Vater ja wohl keine Sorgen machen, er scheint auf die Freundlichkeit der Schuldner seines Herrn nicht angewiesen.

Vorsicht jedoch! Rückt, wer so denkt, Jesus nicht allzuweit von uns anderen Menschen weg? Mensch sein heißt: auf andere Menschen angewiesen sein, nicht nur bei Gütern des Leibes, auch bei denen der Seele. "Der Glaube kommt vom Hören", dieser wichtige Grundsatz des heiligen Paulus (Röm 10,17) gilt - so meint der Jesuit Peter Knauer - für jeden Menschen, deshalb auf einmalige Weise auch für Jesus. Zwar ist der Offenbarer in Person, was den Inhalt seiner Gottesgewißheit angeht, auf niemanden angewiesen, ihn schöpft er aus dem tiefen Bewußtsein, der Sohn zu sein. Anders, wenn es um die Angemessenheit der Worte geht, mit denen er seine Gewißheit ausdrückt. Was ich fühle, ist klar - ist aber auch wahr, was ich sage? Solche Unruhe bestimmt den reifen Menschen, auch Jesus hat sie gekannt. Und wenn er spürte, wie seine Hörer ihm zustimmten, wie ihre Augen leuchteten, ihr Kummer sich löste, dann erfuhr Gottes Sohn in seinem menschlichen Gemüt jene friedliche Gewißheit, die auch uns manchmal zuteil wird: Mensch, ihr seid ja einverstanden, dann stimmt anscheinend wirklich, was ich euch sage! Dann dürfen die Oberverwaltungsdirektoren des von ihnen beschlagnahmten Gottes mich ruhig absetzen. Solange ihr mir freundlich zunickt, wenn ich euch in göttlicher Vollmacht eure Himmelsschuld ermäßige, so lange weiß ich mich sicher. Aus euren Augen schaut der wahre Gott mich an, nicht aus den eisigen Blicken der Offiziellen.

War es so, ist das Gleichnis aus einer ähnlichen Erfahrung Jesu entstanden? Das kann niemand wissen. Es könnte aber so gewesen sein. Auf jeden Fall bekommt das Gleichnis, aufgefaßt als Blick nicht nur in die pädagogische Trickkiste des Herrn sondern in sein Herz, einen überraschend lebendigen Ton, wird zum Rettungsanker für Leute wie jene zwei Homosexuellen-Seelsorger, die vor Jahren von Rom abgesetzt wurden, und für andere von einer Autorität als Verschleuderer kostbarer Güter aus der Bahn Geworfene.

Wobei wir uns vor falscher Eindeutigkeit hüten müssen: Es gibt auch falsche Propheten und Wölfe im Schafspelz, denen ihr Handwerk entzogen gehört. Und, tiefer gefragt: Müßte eine Folgerung aus der gegenwärtig sich ereignenden Versöhnung von Kirche und Judentum nicht sein, daß wir Christen ernsthaft damit rechnen, die Juden hätten damals mit ihrem Recht Jesu Revolution abgelehnt und seien gemäß Gottes Willen an sie unchristliche Juden geblieben? "Du kannst nicht länger mein Verwalter sein." In Jesu Gleichnis wehrt der Beschuldigte sich nicht gegen dieses Urteil, erklärt es nicht für rechtswidrig, trifft lediglich seine Maßnahmen, um den üblen Folgen zu entgehen. Als jüdischer Rabbi wird Jesus zurecht abgesetzt, um uns, den Völkern, zu Israels Gott den Zugang zu öffnen - sollte dies der tiefste Sinn des Gleichnisses sein?

Wie es heute bei einem Karriereknick auszulegen sei, wenn ein Rabbi des Neuen Israel, der Kirche, der Verschleuderung geistlicher Güter beschuldigt wird und daraufhin allerlei unternimmt, um die Herzen der ihm Anbefohlenen und in deren Mitte das wahre Heil zu finden - das läßt sich nicht in abstrakter Allgemeinheit klären. Goethe war kein Kirchenchrist, aber etwas Wichtiges hat er gut begriffen und vortrefflich gesagt:

"Eines schickt sich nicht für alle!
Sehe jeder, wie er's treibe,
Sehe jeder, wo er bleibe,
Und wer steht, daß er nicht falle!"


Zum Weiterdenken:

Georg Baudler: Jesus im Spiegel seiner Gleichnisse (Stuttgart & München 1986)

Am Sabbat enthalten fromme Juden sich bis heute möglichst jeder weltlichen Tätigkeit. Ein Rabbi möchte trotzdem unbedingt am Sabbat Golf spielen. Er sagt bei sich: Ich gehe ganz früh, niemand wird mich sehen. Er geht ganz früh. Niemand ist da. Niemand sieht ihn. Gott aber sieht ihn. Ich werde ihn strafen, denkt Gott. Der Rabbi nimmt den Schläger und schlägt den Ball 200 m weit - direkt ins Loch. Und er kann es niemandem ERZÄHLEN.

Ist aber auch wahr, was ich sage? Solche Bestätigungskraft fremder Zustimmung erlebte ich 1980, als die Redaktion der angesehenen katholischen Zeitschrift ORIENTIERUNG in Zürich meinen Artikel abdruckte, der eine neue These dazu enthielt, wie der indische Seelenwanderungsglaube doch mit dem christlichen vereinbar sein könnte. Als ich meine Gedanken dann in der neuesten Nummer las, dachte ich: Donnerwetter, sollte das etwa wirklich stimmen?

Den Völkern zu Israels Gott den Zugang zu öffnen: Franz Rosenzweig, Partner Martin Bubers bei der Übersetzung der Schrift und für Christen einer der wichtigsten Juden des vergangenen Jahrhunderts, sagte 1920 in einem Vortrag über "Jüdische Geschichte im Rahmen der Weltgeschichte" über Jesus: "Ein Mann geht über die jüdische Erde, ... kaum bemerkt, kein Historiker nennt ihn, in seinem Leben nichts Besonderes. Er nimmt Jes.53 auf sich, in ihm selber entsteht der Mythos, durch den er sich aus seinem Volk herausstellt: daß auf ihm die Last der Welt liegt und der Weg aller Welt durch ihn führe. Ihm geschieht was er durch die Verleugnung seines Volks verdient hat [nämlich die Kreuzigung - aber] ... Gott macht den Frevler an seinem Volk zu seinem unmittelbaren Werkzeug. Er erweckt den Glauben an seine ‚Auferstehung' d.h. den Glauben, daß hier ein Mensch als einzelner das ewige Leben gehabt habe ... Es ist nur ein Glauben. Aber aus jedem Glauben wird ein Haben. Den Völkern, die beginnen, an das ewige Leben zu glauben, wird es in diesem Auenblick verliehen und verliehen sowie sie es glauben" (zitiert von Inken Rühe, Gott spricht die Sprache der Menschen. Franz Rosenzweig als jüdischer Theologe - eine Einführung [Tübingen 2004], 411).


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

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