Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb ab Dezember 2001

Richtig Verzeihen ist lebensnotwendig.

Gedanken zum vierundzwanzigsten Sonntag im Jahreskreis


Seit wir die Geschichte des unbarmherzigen Knechtes zum ersten Mal hörten, sind wir empört über diesen gemeinen Kerl. Millionen von Euro hat sein König ihm geschenkt, und er läßt einen armen Schlucker einsperren, der ihm hundert Euro nicht zurückzahlen kann. So etwas würden wir doch bestimmt nie tun! Wirklich nicht?

So massiv natürlich nicht. Darum geht es aber gar nicht. Als kluger Lehrer zeichnet Jesus seine Gleichnisse mit überdeutlichen Strichen, damit auch das stumpfste Gemüt begreift, was er meint. Wie radikal seine Forderung aber in unsere Gewohnheiten einschneidet, zeigen Anfang und Schluß des Evangeliums. Nicht siebenmal sondern siebenundsiebzigmal, das heißt immer wieder, müssen wir verzeihen, und nicht bloß so irgendwie sondern "von Herzen". Machen wir uns nichts vor. Das geht uns gegen den Strich. Nicht nur weil wir Egoisten sind, es stört unseren moralischen Sinn für Gerechtigkeit. Da ist jemand, der mir dauernd absichtlich auf die Nerven geht, mir vielleicht schlimmen Schaden tut - und dem soll ich verzeihen, so tun als wäre nichts gewesen, ihn ebenso freundlich behandeln wie andere, die gut zu mir sind? Wäre ich vor einem Jahr in einem der Mordflugzeuge von New York gesessen und ein Entführer hätte mich in der letzten halben Minute angesprochen "sei mir nicht böse, Gott will es", hätte ich dann verzeihend seine Hand drücken sollen, statt ihm nach "fahr zur Hölle!" ins Gesicht zu spucken?

Auf diese Frage kommen wir zurück. Vorher wollen wir überlegen, wer alles nicht von Herzen verzeiht.

- Das sind zum einen die Unversöhnlichen. Sie weigern sich überhaupt, zu verzeihen. Wozu jemand sich ihnen gegenüber gemacht hat, das bleibt er und so wird er behandelt. Rachsucht kennt wilde Extreme, auch ihre zivilisierteren Formen widersprechen unserem Evangelium, sind für den Rächer riskanter als für sein Opfer.

- Vergebung ist eine Beziehung zwischen Personen, deshalb verzeiht nicht von Herzen, wer den andern nicht als gleichberechtigte Person achtet. Bist du mir noch böse? - Ist schon gut, von einem Wurm wie dir lass' ich mich doch nicht beleidigen. Das wäre keine Verzeihung im Sinn des Evangeliums. Wer vergibt, stellt Gleichheit her, nicht Ungleichheit fest.

- Zweischneidig ist der Rat des Apostels Paulus im Römerbrief: "Rächt euch nicht selber, liebe Brüder, sondern laßt Raum für den Zorn (Gottes); denn in der Schrift steht: Mein ist die Rache, ich werde vergelten, spricht der Herr. Vielmehr: Wenn dein Feind Hunger hat, gib ihm zu essen, wenn er Durst hat, gib ihm zu trinken; tust du das, dann sammelst du glühende Kohlen auf sein Haupt. Laß dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute!" (12,19-21). Wie fies dieses Wort Gottes mißbraucht werden kann, zeigt die bissige Bemerkung von Nietzsche: "Den Vernichter der Moral heißen mich die Guten und Gerechten: meine Geschichte ist unmoralisch. So ihr aber einen Feind habt, so vergeltet ihm nicht Böses mit Gutem: denn das würde beschämen. Sondern beweist, daß er euch etwas Gutes angetan hat. Und lieber zürnt noch, als daß ihr beschämt! Und wenn euch geflucht wird, so gefällt es mir nicht, daß ihr dann segnen wollt. Lieber ein wenig mitfluchen! Und geschah euch ein großes Unrecht, so tut mir geschwind fünf kleine dazu! Gräßlich ist der anzusehn, den allein das Unrecht drückt. Wußtet ihr dies schon? Geteiltes Unrecht ist halbes Recht. Und der soll das Unrecht auf sich nehmen, der es tragen kann! Eine kleine Rache ist menschlicher als gar keine Rache." [Die Reden Zarathustras, vom Biß der Natter] Soviel ist klar: Wer von hohem moralischem Roß herab den andern beschämen will, verzeiht nicht von Herzen. Glühende Kohlen auf fremdem Haupt sammeln ist schon recht, nur so aber, daß der andere sie auch auf meinem Haupt glimmen sieht. Ja, ich verzeihe dir; du weißt ja so gut wie ich: wenn alle Welt wüßte, was sie zum Glück nicht weiß, müßte ich mich auch schämen. Beim Verzeihen die fundamentale Gleichheit auszudrücken, kann Nietzsches Tip - eine kleine Rache - manchmal gerade das Richtige sein.

Wie schaffen wir es, von Herzen zu verzeihen? Indem wir uns so klar wie möglich machen, daß sich Gottes Schöpfertat jetzt ereignet. Die Theologie spricht von "creatio continua", andauerndem Schaffen. Die Welt gleicht weniger einer Kiste, die der Schreiner "am Anfang" gemacht hat, seither ist sie da. Sondern in jedem Augenblick wird die Welt erschaffen: wie ein Strom, der unaufhörlich aus geheimnisvollem Innern quillt, oder wie eine Kantate, von Bach komponiert, dirigiert und an der Orgel begleitet. Das bedeutet: der Mensch, der dich um Verzeihung bittet, den hat es, als seine Untat geschah, genau genommen noch gar nicht gegeben, wird er doch eben erst erschaffen. Und auch du bist einerseits zwar dieselbe Person wie damals (denn jedes Menschenleben soll einen Gesamtsinn haben), anderseits aber nicht die gleiche sondern ein neuer Ursprung. In gewisser Hinsicht - genau auf die kommt es beim Verzeihen an - quellt ihr beide eben erst jetzt, unbelastet von früheren Verhängnissen, aus der Güte des Schöpfers.

Anschaulich wird dieses Glaubensverständnis beim Blick auf eine Digitaluhr. Während der Zeiger unserer traditionellen Uhren als immer der gleiche über das Zifferblatt wandert und so die Einheitlichkeit eines Menschenlebens darstellt, gibt es bei der Digitaluhr keinerlei Bewegung eines Selben. In jeder Sekunde entsteht (woher? Aus dem Nichts? Aus der Fülle des Seins? Beides stimmt) und vergeht (wohin?) eine einmalige Ziffernkombination, die es so noch nie gegeben hat und nie wieder geben wird. Wenn ich meine Mitmenschen und mich nicht als Uhrzeiger betrachte, die starr an sich festhalten egal welche Zeit sie jetzt durchleben, sondern als Reihen solcher Ziffernkombinationen der Digitaluhr, wo nicht eine aus der anderen wird sondern jede unmittelbar aus nichts/Allem: dann ist Verzeihen nicht mehr so schwer, ja wird fast selbstverständlich. Wer um Vergebung bittet und wer sie gewährt, beide wissen: Das Gewesene macht es jetzt nicht. Wir beginnen unsere Beziehung neu, insofern jedes von uns in diesem Augenblick entsteht.

Freilich mit den Prägungen der Vergangenheit. Sonst bräuchte es kein Verzeihen. Adam und Eva im Paradies beginnen ihre Beziehung beiderseits bei Null; falls eine Beziehung durch ein Unrecht gestört ist, fängt sie jetzt nicht bei Null an sondern bei minus x, von dort bis Null braucht es einen Sprung, sonst gibt es keine Neuschöpfung. Genauer: Gott der Schöpfer beginnt stets bei nichts/Allem, sein Werk hängt von unseren Taten nicht ab, die Vater-unser-Bitte "vergib uns unsere Schuld" wird im Himmel stets erfüllt. Auf Erden aber nur, wenn "auch wir vergeben unseren Schuldigern", d.h. den Sprung von minus x bis Null tun und so zu Mitschöpfern der Neuschöpfung werden. Weil das so ist, halten manche das Verzeihen für das Allergrößte, was wir Menschen überhaupt vollbringen können.

Auf der anderen Seite der Beziehung braucht es denselben Sprung. Ohne Reue keine Verzeihung. Angeboten werden kann sie bedingungslos, wer sie annimmt, sagt damit aber auch ein Nein zu seiner Tat. Nicht notwendig zu dem, was er getan hat (solche Reue ist z.B. manchem unmöglich, der mit fremdem Feuer spielte), wohl aber tut ihm leid, daß es in dieser Schicksals-Konstellation geschah, mit diesen negativen Folgen für den, der verzeihen soll. Wenn sogar in der Heiligen Schrift dieselbe Statistik - eine von David befohlene Volkszählung - erst dem Zorn Gottes, dann dem Satan zugeschrieben wird (2 Sam 24,1 / 1 Chron 21,1), dann ist der Versuch meist aussichtslos, die Unterscheidung der Geister nachträglich voll zu klären. Lassen wir Engel und Teufel in ihrem Gewölk, bis Gottes Gericht sie scheidet, gewähren wir Amnestie. Besser wir verzeihen einander ohne detaillierte Reuebekundungen als daß, wenn sich in die eine Unehrlichkeit einschleicht, aus mißlungener Versöhnung neues Unheil sprießt. Jene minimale Reue, die in jeder aufrichtigen Bitte um Vergebung enthalten ist, sei genug.

Verzeihen heißt somit nicht, das Üble von gestern gut sein zu lassen. Das wäre eine Lüge. Auf jede Schuld wartet ihr Gericht. Nicht irgendwann, sondern zur selben Zeit, da sie geschieht, jetzt = DANN. Insofern ist "Fahr zur Hölle!" keine falsche Antwort an den Mörder. Der er jetzt ist, verdient ewige Schande. Ist er aber etwa kurz darauf schon ein anderer? Lebende wissen nicht, was sich beim Sterben ereignet. Einer betrübten Mutter, deren Sohn sich von einer Brücke gestürzt hatte, soll der heilige Don Bosco versichert haben, daß zwischen Brückenrand und Fluß Gott sehr viel Zeit hat. Ob jene Selbstmordattentäter, wenn sie ins erwartete Paradies wollen, erst jedes einzelne ihrer Opfer um Verzeihung bitten müssen? Hoffentlich läßt ein aufgeklärter Islam diese Auffassung (eines Tages?) zu.

"'Mein ist die Rache!' redet Gott." Weil sie, als öffentliche Schande beim Jüngsten Gericht, unfehlbar eintritt, brauchen wir uns um sie nicht zu kümmern sondern können - ohne Schaden für die Gerechtigkeit - von Herzen verzeihen, indem wir die jetzige Beziehung von der gestörten Vergangenheit abkoppeln, ähnlich wie nach einer Gewitternacht die Sonne so neu aufgeht, als wäre nichts gewesen.

"... wie auch wir vergeben unseren Schuldigern", sagen wir auf deutsch und denken an solche, die sich moralisch schuldig gemacht haben. Auf lateinisch ist hier, ebenso wie in Jesu Gleichnis, ungeniert von finanziellen Vorgängen die Rede. "Debitoribus nostris", unseren Schuldnern erlassen wir ihre Schulden, solchen, deren Konto im Soll steht (lat. debere = sollen, müssen). Befreiungstheologen werfen den Kirchen vor, schon durch die offiziellen Vater-unser-Übersetzungen die realistische Härte von Jesu Forderung zu verschleiern. Wenn die ärmsten Länder in Form von Zinsen und Rohstoffen mehr in die reiche Welt schaufeln müssen als sie je an Hilfe bekamen, ist das ein Skandal. Müßten anderseits sämtliche Schulden grundsätzlich erlassen werden, gäbe niemand je einen Kredit und unser Wirtschaftssystem bräche zusammen. Eines ist jedenfalls klar: Wir dürfen das Gebot, den Mitmenschen ihre Schulden zu erlassen, nicht willkürlich auf die moralische Dimension verkürzen. Wenn nach Bert Brecht der tüchtige Räuber eine Bank nicht ausraubt sondern gründet - wie erst jüngst im großen Stil in den USA - so mag umgekehrt ein Christ beim Vater Unser in der Sonntagsmesse plötzlich merken, daß er jetzt höchst riskant lügen würde, wenn er morgen tatsächlich, wie er es vorhatte, einen bestimmten Schuldner ins Elend stieße. Kyrie eleison!

Am morgigen Montag feiern Juden in Israel und bei uns das Hochfest Jom Kippur, den Versöhnungstag. Seien wir ihnen in Geist und Gebet verbunden.


Zum Weiterdenken:

Gott will es? Nein, weiß (jetzt) der christliche Glaube an den Mensch gewordenen Gott. Und auch der ägyptische Scheich Jussuf-al-Qaradawi, Leiter einer religiösen Sendereihe im panarabischen Fernsehen Al-Dschazira, hat in einer Erklärung die Selbstmord-Attentate verdammt (berichtet Gilles Kepel am 10. September 2002 in EL PAIS).

Wilde Extreme: Z.B. die Blutrache, die ganze Familien ausgerottet hat, oder die theologisch scharfe Unterscheidung zwischen kleiner und großer Rache im mittelalterlichen Sizilien: Bei der kleinen Rache wurde gewartet, bis der Betroffene gebeichtet und kommuniziert hatte, dann stach man zu. Bei der vendetta maggiore hingegen wurde das Opfer kurz vor dem Mord zu einer Todsünde verlockt, damit es gewiß zur Hölle fahre. Die Kultur, in der man auf eine so grausame Idee kommen konnte, nannte sich christlich und wir sind ihre Erben ...

Quillt: Siehe die erste Strophe des Gedichts von Gerard M. Hopkins.

Digitaluhr: Dieser Vergleich wird ausgeführt in einem Artikel von 1979, damals nicht nur von "Christ in der Gegenwart" abgedruckt sondern auch in einer Uhrmacher-Zeitschrift.

"Vergib uns unsere Schuld": Vgl. die entsprechende Predigt der Vater-Unser-Reihe.

Stets erfüllt: Sogar ehe wir die Sünden überhaupt begangen haben, heißt es kühn im spanischen "Vater-Unser Gottes".

Ohne Reue keine Verzeihung: Hier mein Fazit aus einem geistlichen Rundgespräch auf Burg Feuerstein anläßlich eines Wir-sind-Kirche-Treffens kurz nach den Terroranschlägen in den USA.

Aufrichtige Bitte: Aufrichtig, persönlich verantwortet muß sie allerdings sein, nicht wie wenn die Henne "der Unterste war meiner" schluchzt und der Elefant "Tschuldigung" brummt.

Zwischen Brückenrand und Fluß: Zu diesem Thema gibt es zwei großartige Kurzgeschichten von Ambrose Bierce ("... Owl Creek") und Jorge L. Borges: ein tschechischer Dichter darf, weil während seiner Exekution durch die Nazis die Zeit stehen bleibt, sein angefangenes Drama noch fertig dichten.

"'Mein ist die Rache!' redet Gott." So schließt das machtvolle Gedicht "Die Füße im Feuer" von Conrad Ferdinand Meyer. Lernen heutige Schüler es irgendwo noch auswendig? Als ich es einem Söhnlein in der Badewanne aufsagte, hat er sich den Satz "Ich werde wild." gemerkt und daraufhin aufs Drolligste verwendet, seinen Zorn auszudrücken, wodurch schlimmere Bekundungen überflüssig wurden. So nützlich ist Dichtung.

Gericht: Essay von 1973.


Hier ist ein Angebot für Freunde meiner Internet-Gedanken: Auf einer CD habe ich unter dem Titel "Christliches Stereo-Denken" alles, was auf verschiedenen Servern veröffentlicht ist, zusammengestellt und intern verknüpft sowie mit Bildern und Liedern angereichert. Außerdem sind sechs Bücher im WORD-Format dort zu lesen (die elektronischen Bücher Nr. 2,5,6,7,10 der Liste). Im Ganzen meldet der Rechner fast tausend Dateien. Ein Teil der Ernte von über vierzig Jahren Theologie steht zur Verfügung und kostet nur 8,50 Euro + Porto, insgesamt unter zehn Euro. Für Religionslehrer, Pfarrer und andere Profis eine Fundgrube, für deren Freunde eine sinnige Geschenk-Idee. Bestellungen bitte direkt an mich, um Verwechslung mit dem Müll zu vermeiden bitte mit klarem Betreff: CD-Bestellung. Seit Anfang Dezember 2004 ist die neue Auflage mit allem bisher im Netz Veröffentlichten verfügbar.


Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/vergib.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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