Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb ab Dezember 2001

Laßt das Unkraut wachsen bis zur Ernte!

Gedanken zum sechzehnten Sonntag im Jahreskreis


"Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher kommt dann das Unkraut? Er antwortete: Das hat ein Feind von mir getan. Da sagten die Knechte zu ihm: Sollen wir gehen und es ausreißen? Er entgegnete: Nein, sonst reißt ihr zusammen mit dem Unkraut auch den Weizen aus. Laßt beides wachsen bis zur Ernte."

"Unkraut gibt's nicht, das sind Wildkräuter", betont der eine. Die andere möchte am liebsten jedes Gänseblümchen aus ihrem Rasen zupfen. Jesus spricht vom Taumellolch, auch Tollkraut genannt; seine Wurzeln sind nach einiger Zeit mit denen des Weizens derart verfilzt, daß man nicht mehr jäten könnte, ohne auch das Korn auszureißen. Wenn Jesus aus diesem Zusammenhang, den damals jeder Zuhörer kannte, sein Gleichnis machte, ist der Sinn klar: Seid vorsichtig, greift in eurem Eifer für das Gute nicht zur Gewalt, sonst macht ihr mit dem Bösen auch das Gute kaputt, um das es euch geht.

Wir alle wissen, wie wenig sich die Kirche später an diese Mahnung ihres Herrn gehalten hat. Die Wendung zum Schlimmen geschah um das Jahr 400. Der griechische Kirchenvater Johannes Chrysostomos († 407) hat den Sinn der Stelle noch so erklärt:

"Dies sagt Jesus, weil er Kriege, Blutvergießen und Tötungen verhindern will: denn einen Ketzer soll man nicht töten, weil dann ein unversöhnlicher Krieg in der ganzen Welt entzündet würde. Durch zwei Erwägungen hält er sie davon ab, erstens durch diejenige, daß die Ketzer dem Weizen nicht schaden, zweitens durch die andere, daß dieselben, weil sie hartnäckig in ihrer Krankheit verharren, jedenfalls Strafe empfangen werden, so daß, wenn man will, daß sie gestraft werden sollen, man die geeignete Zeit abwarten muß ... Christus verbietet also nicht, die Häretiker niederzuhalten und zum Schweigen zu bringen, ihrer Kühnheit ein Ende zu machen, ihre Zusammenkünfte und Bündnisse zu trennen, sondern nur, sie wegzuräumen und zu töten. Du aber beherzige seine Milde, wie er nicht bloß ein Urteil ausspricht und Befehle erteilt, sondern auch die Gründe angibt."

Etwa zur selben Zeit begann im Westen des Reiches die unselige Serie von Morden im Namen Gottes und der christlichen Wahrheit. Im Jahr 386 wurde Priscillianus, Bischof von Avila, auf Befehl eines Gegenkaisers in Trier als Magier hingerichtet. Damals hat der Papst noch protestiert, später wurden mit seiner Zustimmung ganze Felder leergejätet. Wie konnte das geschehen, haben jene Christen unser Evangelium nicht gekannt? Doch, aber sie meinten, das Unkraut ihrer Zeit sei anders als das von Jesus erwähnte: mit klar abgegrenzten eigenen Wurzeln, so daß seine Entwurzelung dem Korn der Wahrheit nicht schadet.

In seinem Evangelienkommentar mit Imprimatur von 1636 schreibt der Jesuit Cornelius a Lapide: "Irrtümlich schließen die Neuerer aus der Stelle Vers 29, wo Christus dieses Unkraut auszureißen verbietet und statt dessen (V. 30) ‚Laßt beides wachsen!' sagt, man dürfe die Häretiker nicht bestrafen und ausrotten. Denn sie könnten daraus ebenso schließen, Mörder und Diebe seien nicht zu bestrafen: denn die sind auch Unkraut. Ich sage also, daß Christus hier nicht absolut verbietet, dieses Unkraut auszureißen, sondern nur, daß man nicht überhaupt alles auszureißen versuchen soll, nämlich dann nicht, wenn es vom Weizen ununterscheidbar ist und also Gefahr besteht, daß mit ihm zusammen auch der Weizen ausgerissen wird, wie Christus selbst in Vers 29 erklärt. Das trifft nicht zu, wenn jemand ein offenkundiger Häretiker ist, erst recht, wenn er Werbung macht und andere mit seiner Häresie ansteckt: Ein solcher verletzt die Gläubigen und die Kirche schwerer als ein Mörder; denn der tötet den Leib, jener die Seele."

Dreihundert Jahre älter ist das für mich erstaunlichste kirchliche Dokument über Unkraut, der Anfang der Bulle des Papstes Johannes XXII. vom 27. März 1329, in welcher 28 Sätze des deutschen Dominikaners Meister Eckhart verdammt werden. Der war damals wahrscheinlich schon gestorben, der Zugriff der jätenden Hand hat nur seine Schriften erreicht.

"Johannes, Bischof, Knecht der Knechte Gottes, zum ewigen Gedächtnis. Auf dem Acker des Herrn, dessen Hüter und Arbeiter Wir nach himmlischer Verfügung, wenn auch unverdientermaßen, sind, müssen Wir die geistliche Pflege so wachsam und besonnen ausüben, daß, wenn irgendwann ein Feind auf ihm über den Samen der Wahrheit Unkräuter sät, sie im Entstehen erstickt werden, bevor sie zu Schößlingen verderblichen Keimens aufwachsen, damit, nachdem der Same der Laster abgetötet und die Dornen der Irrtümer herausgerissen sind, die Saat der katholischen Wahrheit fröhlich aufgehe.

Fürwahr, mit Schmerz tun Wir kund, daß in dieser Zeit einer aus deutschen Landen, Eckhart mit Namen, und, wie es heißt, Doktor und Professor der Heiligen Schrift, aus dem Orden der Predigerbrüder, mehr wissen wollte als nötig war, und nicht entsprechend der Besonnenheit und nach der Richtschnur des Glaubens, weil er sein Ohr von der Wahrheit abkehrte und sich Erdichtungen zuwandte. Verführt nämlich durch jenen Vater der Lüge, der sich oft in den Engel des Lichtes verwandelt, um das finstere und häßliche Dunkel der Sinne statt des Lichtes der Wahrheit zu verbreiten, hat dieser irregeleitete Mensch, gegen die helleuchtende Wahrheit des Glaubens auf dem Acker der Kirche Dornen und Unkraut hervorbringend und emsig beflissen, schädliche Disteln und giftige Dornsträucher zu erzeugen, zahlreiche Lehrsätze vorgetragen, die den wahren Glauben in vieler Herzen vernebeln, die er hauptsächlich vor dem einfachen Volke in seinen Predigten lehrte und die er auch in Schriften niedergelegt hat."

Was trieb die kurialen Verfasser dazu, sich der Worte Jesu zu bedienen, um hochoffiziell exakt das Gegenteil seiner Weisung zu tun? Wähnten sie sich - wie vor zehn Jahren F.Fukuyama - am "Ende der Geschichte", hielten sie sich schon mehr für Ernte-Engel als für Zeitgenossen einer erst reifenden Saat? Oder meinten sie sich mit Jesus darin einig, daß man das Unkraut solange jäten kann, wie die Wurzeln sich noch nicht verfilzt haben?

Überlassen wir dieses Rätsel künftigen Forschern und wenden uns der eigenen existentiellen Frage zu: Wie weiß ich, was auszureißen und was geduldig zu schonen ist? In der Bergpredigt findet Jesus scharfe Worte: "Wenn dich dein rechtes Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus und wirf es weg! Denn es ist besser für dich, daß eines deiner Glieder verlorengeht, als daß dein ganzer Leib in die Hölle geworfen wird" (Mt 5,29). Mein Auge und ich: wir sind noch enger ineinander als die Wurzeln von Lolch und Korn. Reiß es aus - reiß es nicht aus, laß es wachsen! Jede Weisung für sich allein klingt deutlich. Wie kann ich aber beide so hören, daß sie einander nicht auslöschen sondern gegenseitig stärken? Läßt sich aus der Kirchengeschichte - von der urchristlichen Gewaltlosigkeit über die folgenden Gewalttätigkeiten bis hin zur Vergebungsbitte des Papstes für diese am Auftakt des neuen Jahrtausends - so etwas wie eine Gesamtsicht entnehmen, wie wir im Sinn Christi Lebendiges ausreißen und nicht ausreißen sollen? "Selig, die keine Gewalt anwenden; denn sie werden das Land erben" (Mt 5,5), aber "seit den Tagen Johannes' des Täufers bis heute wird dem Himmelreich Gewalt angetan; die Gewalttätigen reißen es an sich" (Mt 11,12) - anscheinend ist es gar nicht so leicht, das Evangelium recht zu verstehen.

Solche Widersprüche haben ihren Grund in undurchschaubarer Tiefe. Gott hat sich uns Menschen nicht so geoffenbart, daß seine Wahrheit uns voll begreifbar würde. Nicht erst beim Auftreten Jesu ist Gottes Bild unscharf geworden; schon innerhalb seiner Geschichte mit dem auserwählten Volk Israel haben sich fast zweitausend Jahre hindurch - wenn wir von der Zeit seit Jesus absehen - äußerst gegensätzliche Gesichter des einen Herrn gezeigt. Davon berichtet eins der spannendsten religiösen Bücher der letzten Jahre. Ein Bibel-Experte aus Chicago (gegen Konzilsende studierte er kurz an der Gregoriana in Rom) schrieb, indem er das Alte Testament rein als Literatur betrachtete, "GOTT - Eine Biographie". Auf fast 500 Seiten legt der Ex-Jesuit Jack Miles dar, wie Gott in den verschiedenen Teilen der jüdischen Bibel als ganz verschiedene Gestalten auftritt. Ihre letzte Selbigkeit ist weder historisch noch literarisch zu begreifen, wird nur - von Juden und Christen - mit wagemutigem Glauben festgehalten. Unsere Frage - ausreißen oder nicht ausreißen? - ist ein Unterthema dieser Spannungen. Warum zerplatzt solcher Glaube trotzdem nicht in feindliche Fragmente? Weil er nicht als theoretisches System lebt sondern als lebendige Beziehung eines Herzens zum Grund des Seins, die dank Gottes Güte und des Herzens Ja zu ihr im jeweiligen Vollzug eindeutig ist.

Bei - nachträglich oder planend - systematischen Verständnisbemühungen verschwindet die Klarheit und muß ersetzt werden durch dialogbereite Offenheit sowohl fremden Glaubensweisen gegenüber als auch eigenen anderen Sinn-Etappen damals oder dann. Nur in diesem lockeren Sinn sind die nachfolgenden "Prinzipien" aufzufassen. Sie bilden kein formal ausgewogenes System, sollen nur Faustregeln sein, mittels derer die existentielle Frage deutlicher wird. Ihre Antwort stammt nie aus einem allgemeinen Prinzip, läßt sich erspüren nur im jeweiligen Gespräch des Gewissens: mit Gott, den Nächsten, dem eigenen Herzen, und innerhalb einer Gesamtstimmigkeit, die manchmal sogar besondere Zeichen enthält. Die muß man freilich überaus kritisch beachten.

Einen ersten Fingerzeig gibt uns ein anderer Doppelsinn. Gott "kommt, die Erde zu richten" (Ps 96,13). In einer Übersetzung steht: "die Erde herzurichten". Bedeutet "Richten" dasselbe oder Gegensätzliches, wenn der Henker den Verurteilten richtet und der Mechaniker das Fahrrad? Viele Inquisitoren dürften überzeugt gewesen sein, daß sie einen Ketzer durch die Hinrichtung seines Körpers in Wahrheit herrichteten, weil seine Seele so hoffentlich gerettet wurde. Seit dem letzten Konzil weiß die katholische Kirche endgültig, daß diese Praxis gegen die von Gott gewollte Würde und Freiheit des Gewissens verstieß. Die Gewalt, mit der das Himmelreich ergriffen, ein widerspenstiges Organ ausgerissen wird, diese Gewalt darf sich nie über eine Freiheit hinwegsetzen, weder fremde noch eigene. Vielmehr muß der Appell zu solch heilsamer Gewalt sich immer an die Freiheit richten: Wenn dein rechtes Auge dich verführt, dann reiß es heraus. Darauf kommt es an. Wenn in dir selbst Unkraut wuchert: das gilt es auszureißen. Außer, du beschädigst dadurch für immer etwas, worüber erst deine spätere Freiheit entscheiden soll. Sich um des Himmelreiches willen selbst verschneiden (Mt 19,12) sollte niemand im buchstäblichen Sinn; als Origenes († ca 254) es in mystischer Begeisterung tat, gab er kein gutes Beispiel.

Als Faustregel kann also gelten: Bei dir selbst sei eher bereit, störendes - vor allem: andere störendes - Unkraut auszujäten; bei anderen hingegen laß es lieber wachsen (außer, du bist zugunsten vieler für die Ordnung eines Feldes verantwortlich), auch wenn es dich stört. Vielleicht wirst du es durch Appell an die Freiheit der anderen los. Misch diesem Appell aber keine Erpressung bei! Z.B. halte ich es nicht für klug von einem Vater, wenn seine erwachsenen Kinder zu Hause lange Gebete mitsprechen müssen; um des lieben Friedens willen tun sie es zwar, doch wird ihr Widerwille gegen das Beten so nicht ausgerissen sondern gedüngt.

Anderseits muß man Samenkörner, die einem Unkraut sind, nicht aufs eigene Feld lassen, wenn man es hindern kann. Dem Kölner Kardinal ist es nicht zuzumuten, eine der jüngst geweihten Priesterinnen im Dom ein Hochamt halten zu lassen. Hätte aber im Stil von früher eine Passauer bischöfliche Kriegsbarke jenes Donauschiff während der Weihe versenkt: das wäre gegen das Evangelium gewesen. Auch der radikale Vorschlag eines Inquisitors, die priesterliche Pädophilie dadurch auszurotten, daß man die betroffenen Buben verbrennt, falls sie ihre Verführer nicht anzeigen, stieß in Rom nicht auf Zustimmung, zeigt aber, daß es ein altes Problem ist, was heute die breite Öffentlichkeit erreicht.

Sowohl für die seelische Balance der einzelnen wie für das offizielle Gleichgewicht der Christenheit ist es entscheidend, die christliche Spannung zwischen dem Nicht-Ausreißen des Unkrauts und dem Ausreißen des Auges in höchster Konzentration zu leben, im geistlichen Ringen eines Gewissens mit Gott hier, im kirchenpolitischen Ringen zwischen Zentrum und Peripherie dort. Formale Patentlösungen kann es nicht geben. Eben indem Christen die überverständige Spannung vernünftig bewältigen, geben sie ihrer Umwelt einen (wenngleich rätselhaften) Hinweis auf die Wahrheit des Glaubens.


Zum Weiterdenken:

Priscillianus: "Der Spanier Priscillian, Bischof von Avila, vertritt eine apokalyptisch-asketisch-dualistische Lehre im Bereich eines starken Glaubens an die Prophetie. Im Wesentlichen seiner Geisteshaltung und Lehre bildet er die Brücke von Novatian und dem Manichäismus zum mittelalterlichen Katharertum. Der Priscillianismus hält sich bis ins 6. Jahrhundert. Bedeutsam ist das Schicksal Priscillians im Blick auf die damalige Kirche. Er wird 386 in Trier durch den damaligen Gegenkaiser Magnus Maximus mit Hilfe einiger Bischöfe auf Grund der Anschuldigung, Magier zu sein, hingerichtet. Mit ihm sterben seine reichsten Anhänger, so daß aller Tod, gesehen im Zusammenhang mit den finanziellen Bedürfnissen des Gegenkaisers, eine ganz andere Erklärung findet, wenn auch nach außen vom Tode eines Häretikers die Rede ist. Gegen diesen Mord protestieren laut Papst Siricius, die meisten Bischöfe des Westens mit ihren angesehensten Häuptern an der Spitze - Ambrosius von Mailand und Martin von Tours. Noch ist die Hinrichtung eines Häretikers, der erste Fall in der Geschichte, etwas Furchtbares, Unmögliches, das die Kirche verurteilt. Als Jahrhunderte später das Umbringen von wirklichen oder angeblichen Häretikern längst in Übung und dabei auch die finanzielle Seite umfassend geregelt ist, verweisen die Gegner des Häretikertodes immer neu auf das große, singuläre Beispiel der gegen den Tod Priscillians protestierenden Bischöfe" [Hans Kühner, Gezeiten der Kirche (Würzburg 1970),111 f].

Zeichen kritisch beachten: Selbst wenn deren Tatsache festzustehen scheint, ist ihre Botschaft oft zweideutig, ähnlich einer Lichthupe: Achtung! Laß mich vorbei? - Bitte schön, ich warte? Zeichen verlangen das eigene Urteil.

Andere störendes Unkraut ausjäten: In diesem Sinn scheint mir die Kurzpredigt im neuen Heft von "Kirche In" (7/2002 S. 11) zu ergänzen. "Laßt beides wachsen bis zur Ernte ". Wie erschreckend ist dagegen die Haltung von Menschen, die meinen, "das Böse" lokalisieren zu können. "Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet." Wir tragen alle Gutes und Böses in uns selbst, es lässt sich nicht voneinander trennen, noch viel weniger lässt es sich "ausreißen". Alle Versuche, ein "vollkommener" Mensch zu werden, die ideale Gesellschaft aufzurichten, die "reine" Kirche zu verwirklichen, kippten ins Gegenteil - ins Unmenschliche - um. - In Demut erkennen, dass wir Sünder sind, gehalten von Gott.
Ich stimme zu, mit einer Präzisierung: Das Böse läßt sich nicht orten, es ist zu umgreifend. Ein Böses aber schon. Wer an Flasche oder Nadel hängt, kennt meist sein auszureißendes Unkraut, weiß dessen Wurzel von der des Weizens zu trennen. Auch in äußerlich zweideutigen Fällen kann es dem Gewissen klar sein, was es auszureißen gilt. Während meiner Wende vom Zölibat zur Familie wurde es mir eines Abends deutlich, daß jetzt nicht die Sexualität entwurzelt gehörte aber die kindische Fixierung auf die sie verbietende Stiefmutter. Dieser Entschluß war damals "dran", Jahre zuvor hatte der entgegengesetzte seinen kairós des Heils. Bei der kanonischen Vernehmung im Ordinariat konnte und wollte ich keine Gründe finden, die mein Priestertum als Irrtum hätten erscheinen lassen. Im Gegenteil, gab ich amtlich zu Protokoll, ich käme mir vor wie ein halb ins Wasser getauchter Bleistift: Alle Welt spricht von gebrochener Existenz, täuscht sich aber; er selbst weiß, daß er ganz und gerade ist. Ein Freund beschimpft mich ob dieses Vergleichs: ich solle den Bruch nicht wegleugnen. Wird unsere Stereo-Wahrheit DANN seinen Tadel und meine Zuversicht umfassen? Dietrich Bonhoeffer wußte es:
"Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!"

Radikaler Vorschlag eines Inquisitors: Julio Caro Baroja [El Señor Inquisidor, Madrid 1994,43] läßt Don Diego de Simancas berichten: "Man sagte mir in Rom, es sei in Italien schon unmöglich, die schändliche Sünde abzustellen oder zu bestrafen. Ich erwiderte ihnen, daß es mir nicht so scheint, sondern sie würde eingedämmt, wollte man anordnen und durchführen, daß der verführte Junge, falls eer nicht wenige Tage nach seiner Vergewaltigung es anzeigen sollte, deshalb verbrannt würde, und das müßten sie von Kind auf wissen und Angst davor haben (denn jetzt geht man locker darüber hinweg) und das Vorgefallene nicht durchgehen lassen ..." [Der Historiker kommentiert:] Dieser und ähnliche Pläne mußten viele italienische Prälaten schockieren, und der spanische Bischof (denn seit 1564 war Simancas Bischof) mußte in der römischen Kurie mit einer Mischung aus Ironie und Vorsicht betrachtet werden, ohne daß man an seiner Bildung zweifelte.

[Original:] "Decíanme en Roma que ya era imposible en Italia remediarse ni castigarse el pecado nefando. Yo les respondí que no me parecía así a mí, sino que se atajaba si se ordenase y ejecutase que el muchacho corrompido que no le denunciase dentro de algún día después de violentado lo quemasen por ello, y desde niños lo supiesen y cobrasen aquel miedo (que ahora pasan ligeramente por ello) y no perdonar lo pasado ... " Esta y otras concepciones semejantes debían chocar a muchos prelados italianos, y el obispo español (pues Simancas era obispo desde 1564) debía ser visto con una mezcla de ironía y de prevención en la curia romana, sin que se dejara de reconocer que era erudito.

Das Gleichgewicht der Christenheit ist auch beim Gewalt-Thema drei-einig. Die hier behandelte Spannung Ausreißen / Wachsen Lassen hat teil an der göttlichen Polarität DU / EINS. Die andere Polarität ICH / EINS erlebte ich beim Abenteuer mit dem Polizisten. Die Polarität ICH / DU schließlich wird anschaulich in Jesus mit der Peitsche in der Hand / auf dem Rücken. Wie sie einen jungen Zweifler die Wahrheit des Christentums ahnen ließ, beschreibt Gilbert Chesterton:
"I felt that a strong case against Christianity lay in the charge that there is something timid, monkish, and unmanly about all that is called " Christian, especially in its attitude towards resistance and fighting. The great sceptics of the nineteenth century were largely virile. Bradlaugh in an expansive way, Huxley in a reticent way, were decidedly men. In comparison, it did seem tenable that there was something weak and over patient about Christian counsels. The Gospel paradox about the other cheek, the fact that priests never fought, a hundred things made plausible the accusation that Christianity was an attempt to make a man too like a sheep. I read it and believed it, and if I had read nothing different, I should have gone on believing it. But I read something very different. I turned the next page in my agnostic manual, and my brain turned up-side down. Now I found that I was to hate Christianity not for fighting too little, but for fighting too much. Christianity, it seemed, was the mother of wars. Christianity had deluged the world with blood. I had got thoroughly angry with the Christian, because he never was angry. And now I was told to be angry with him because his anger had been the most huge and horrible thing in human history; because his anger had soaked the earth and smoked to the sun. The very people who reproached Christianity with the meekness and non-resistance of the monastries were the very people who reproached it also with the violence and valour of the Crusades. It was the fault of poor old Christianity (somehow or other) both that Edward the Confessor did not fight and that Richard Coeur de Lion did. The Quakers (we were told) were the only characteristic Christians; and yet the massacres of Cromwell and Alva were characteristic Christian crimes. What could it all mean? What was this Christianity which always forbade war and always produced wars? What could be the nature of the thing which one could abuse first because it would not fight, and second because it was always fighting? In what world of riddles was born this monstrous murder and this monstrous meekness ? The shape of Christianity grew a queerer shape every instant." [Orthodoxy, ch. 6, 3. edition, 156-158]

Nicht-Ausreißen des Unkrauts / Ausreißen des Auges: Diese Spannung tritt im Urtext nicht so deutlich hervor: da wird das Unkraut entwurzelt, das Auge herausgenommen. Zum "sensus plenior" der Heiligen Schrift gehören auch neue Sinnbezüge späterer Übersetzungen.


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Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/unkraut.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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