Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr B

Christliche Ahnenverehrung?

Gedanken zum Allerseelen-Sonntag


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I. In der Frage nach den Toten sind alle Menschen eins.

1) Christliche Antwort: Die Verstorbenen sind nicht tot.

2) Von den Papuas christliche Ahnenverehrung lernen?

3) Eine Erweiterung des vierten Gebots

II. Die Toten in Gott

1) Die Glaubenden sind Glieder Christi

2) Unsere Hoffnung: Die Toten sind in Gottes Blick versammelt ...

3) ... und inniger bei uns als je.

4) Vorschlag eines persönlichen Allerseelen-Ritus

5) Zu den Toten beten?

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I. In der Frage nach den Toten sind alle Menschen eins.

Allerseelen ist der Tag uneingeschränkter Verbundenheit mit allen Menschen um uns her. Denn ausnahmslos jeder hat seine Toten. Egal, was jemand glaubt, wie er oder sie das Große Rätsel nennt, zu lösen meint, als unlösbar verehrt - oder verlacht: Alle miteinander stammen wir von anderen Menschen ab. Und die sind zum größten Teil schon tot.

1) Christliche Antwort: Die Verstorbenen sind nicht tot.

Wir Christen sollen den "anderen, die keine Hoffnung haben" (1 Thess 4,13), unseren frohmachenden Glauben weitersagen. Das Gedenken der Toten ist dazu eine wunderbare Gelegenheit, denn hier sitzen wir tatsächlich alle in einem Boot, weil jede Person mit verstorbenen Großeltern, Eltern, Lehrern, Freunden innerlich verbunden ist und deshalb ein grundsätzlich offenes Ohr für die Botschaft hat, daß die Verstorbenen in Wahrheit nicht tot sind. Leider vertun wir oft diese Chance, unseren Auftrag gut zu erfüllen, indem wir den Inhalt der Botschaft in eine Hülle packen, die jene anderen so abstößt, daß sie den Brief ungeöffnet wegwerfen.

2) Von den Papuas christliche Ahnenverehrung lernen?

Darum wähle ich heute eine andere Verpackung. Keineswegs, um die traditionellen Vorstellungen als ungültig zu bezeichnen - das liegt mir fern. Wem sie helfen - nicht nur für sich sondern im Gespräch mit den anderen! - bleibe bei ihnen. Was unsere Ahnen geglaubt haben, ist nicht falsch. Doch glaube ich, es geht auch anders. Warum sollen europäische Christen, um die Nichtchristen zu erreichen, nicht auch von christlichen "Wilden" lernen? Die Grundidee der folgenden Überlegungen verdanke ich einem Papua-Häuptling in Neu-Guinea. Als ein evangelischer Missionar ihn schimpfte: Euer Ahnenkult sündigt gegen das erste Gebot! erwiderte der Häuptling, Erbe eines Jahrtausende alten geistlichen Brauchtums: Im Gegenteil, Herr Pfarrer, Ihr Verbot der Ahnenverehrung ist eine Sünde gegen das vierte Gebot.

3) Eine Erweiterung des vierten Gebots

Sie erinnern sich. Das erste Gebot mahnt: Du sollst keine anderen Götter neben MIR haben. Das vierte Gebot befiehlt: Du sollst Vater und Mutter ehren. Diese Vorschrift hatte ursprünglich einen anderen Sinn, als wir in der Kindheit lernten. Sie heißt nicht, daß kleine Kinder brav den Eltern folgen sollen. Das erreichen Eltern, mehr oder minder, auch ohne Gottes Gebot. Es wendet sich vielmehr an erwachsene Kinder, deren Eltern gealtert und jetzt, umgekehrt, auf das Wohlwollen ihrer Kinder angewiesen sind. Der Häuptling - das sei von vornherein zugestanden - überschreitet mit seiner Deutung gleichfalls den ursprünglichen Sinn des Gebotes. Auf längst verstorbene Eltern und fernere Vorfahren hat es sich im alten Israel nicht erstreckt. Versuchen wir dennoch, uns in den Glauben dieses tropischen Christen einzufühlen, das Ergebnis könnte ebenso überraschend wie segensreich sein.

Um christliche Ahnenverehrung geht es uns. Bei heidnischen Formen mag es vielerlei Ansichten und Praktiken geben, die sich für Christen nicht eignen; das ist für Religionskundler ein interessantes, war für Missionare und Kirchenbehörden ein brennendes Thema, denken wir an den erbitterten Ritenstreit in Indien und China vor dreihundert Jahren. Diese Einzelheiten kümmern uns nicht, nur die Frage: Wie können wir uns zu unseren Toten so verhalten, daß die todüberwindende Kraft der Osterhoffnung auch denen unserer Freunde deutlich wird, die gegen alles Religiöse mißtrauisch sind?

II. Die Toten in Gott

1) Die Glaubenden sind Glieder Christi

So könnte der Häuptling zum Pfarrer sprechen: Es stimmt schon, daß wir unsere Ahnen verehren, zu ihnen beten, ihnen vertrauen, uns von ihnen beschützt glauben. Doch haben wir keine fremden Götter neben Gott. Sondern wir sind überzeugt: Die Toten sind in Gott, gehören zu ihm - wie? Eben nicht nur wie Angeklagte zu ihrem Richter oder wie Kinder zu ihrem Vater. Das auch, als Christen lernen wir vom Apostel Paulus aber eine noch viel innigere Verbundenheit: "Denn wie der Leib eine Einheit ist, doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obgleich es viele sind, einen einzigen Leib bilden: so ist es auch mit Christus" (1 Kor 12,12). Und das ist nicht nur eine biologisch-organische Einheit, sie ist im vollen Sinn personhaft: "Ihr alle seid einer in Christus Jesus" (Gal 3,28). Einer, sagt er ausdrücklich, nicht bloß: eins. In jedem erlösten Christen lebt, als in einem seiner Glieder, der unsterbliche Gott selbst, wie ein Mensch im Blick seines Auges, im Druck seiner Hand. Wer den Mund seiner Liebsten küßt, begegnet ihr selbst; wer sich seiner verstorbenen Mutter anvertraut, weil er sie in Gottes Leben aufgenommen hofft, verstößt also nicht gegen das erste Gebot, wenn er das vierte erfüllt.

2) Unsere Hoffnung: Die Toten sind in Gottes Blick versammelt ...

Fürchtet ihr euch vor dem Blick des Allmächtigen? Fürchtet euch nicht! Die Liebe treibt die Angst aus. "Wißt ihr nicht, daß die Heiligen die Welt richten werden?" (1 Kor 6,2) Warum? Weil das ewige Richter-Auge aus lebendigen Zellen bestehen will, und einige davon sind jene Menschen, die dich kennen und mögen, und nicht verdammen werden. In Gottes Blick, der deine Zukunft bestimmt, sind auch deine Toten da und wirksam. Stell dir, wenn du willst, das Auge des Richters als Facettenauge vor, jede Facette ist ein erlöster, geheiligter Mensch, der einst wie du über die Erde gegangen ist und weiß, was Menschsein heißt. Ähnlich, wie dein Blick sich nicht allein aus der Summe deiner Augenzellen erklärt sondern aus deiner - sie übersteigenden - Person-Einheit, so ist auch Gott unendlich mehr als die Summe der Toten, und enthält sie doch alle in SICH. Nicht wie das Meer die Regentropfen, sie verschwinden, sind im Ozean nichts Besonderes mehr. So unpersönlich »pantheistisch« kann ein Christ nicht denken. Was unseren Auferstehungsglauben unterscheidet, ist gerade die Verheißung der personhaften, leiblichen Auferstehung eines und einer jeden von uns! Doch sind wir als Zellen im Leib des verherrlichten Christus nicht weniger sondern mehr eins mit IHM unserem Haupt, als Tropfen eins mit dem Meere sind. Jede Facette des Ewigen Auges ist ganz sie selbst, und zugleich »wird DANN nicht allein durch unsere Seele, sondern auch, o Wunder, durch unseren Leib Gott der Schauende sein,« jubelt ein Heiliger der Ostkirche. Also hab keine Angst. Herbstblätter trudeln zu Boden und lösen sich auf, die vergangenen Menschengeschlechter aber gehören so, wie sie geworden sind, unzerstörbar zum Weltleib des Auferstandenen. In Patagonien feiert man Ostern im Herbst, dieselbe Gefühlskombination bestimmt in diesem Jahr am Allerseelen-Sonntag auch uns.

3) ... und inniger bei uns als je.

Will ich einem "gottvergifteten" Freund in unbelasteter Sprache Hoffnung für seine Toten machen, kann ich etwa sagen: Hoffen wir fest, daß sie jenseits von Raum und Zeit - oder inseits davon, Worte versagen - das Ziel des Werdens erreicht haben und endgültig sind, nämlich lebendige Zellen jener eigentlichen, unzerstörbaren Wirklichkeit, von der alles ausgeht und zuletzt wieder aufgenommen wird. Deshalb sind sie von uns nicht getrennt sondern inniger uns verbunden als während ihrer Werdezeit. Streift eine solche Ahnung unser Herz, müssen wir sie nicht unter Illusionsverdacht stellen; wissenschaftliche Wahrscheinlichkeitsregeln gelten ja nur innerhalb der Raum-Zeit-Oberfläche, für unsere göttliche Tiefe ist nicht die Wissenschaft zuständig sondern Glaube und Hoffung.

Unabhängig davon, welche Verbrechen die offizielle Christenheit begangen hat, welches Mißtrauen die real-existierende Kirche verdient, behält die Osterbotschaft ihre innere Glaubwürdigkeit. Bert Brechts Trompetenstoß "Ihr sterbt mit allen Tieren, und es kommt nichts nachher" stimmt insofern, als es für uns - wie kein zeitliches Vorher, so - kein zeithaftes Nachher geben wird: auf den letzten Takt deines Lebensliedes folgt kein weiterer. Das ist nur logisch. Aber dein ganzes Lied bleibt! Als Bestandteil der ewigen Sinfonie klingt es unvergänglich auf der Neuen Erde. Patzer zu meiden lohnt sich.

4) Vorschlag eines persönlichen Allerseelen-Ritus

Auf dem Festteppich im Reich Gottes offenbart jeder Punkt sich als Mitte eines wunderbar sinnvollen Musters. Aus dieser Idee läßt sich ein aufmunternder Privatritus machen. Versammle im Geist all deine Toten um dich, dir zunächst jene, die du selbst gekannt hast, in stets weiteren Kreisen dann deren Eltern, Großeltern und fernere Vorfahren, ins Unabsehbare, die Jahrzehntausende zurück. Sie alle sind wirklich da. Für den Schöpfer gibt es keine Zeit, kein Vorbei. Sei ihrer aller bewußt und trau: auch sie sind deiner bewußt. Nicht als gäbe es nach dem Ende eines Lebensliedes weitere Takte, doch gibt es Beziehungen früherer Lieder zu späteren, zum Inhalt des Festes gehören auch sie; im Himmel wie auf Erden wird unser Gemüt von unendlich mehr erfüllt, als wir in uns selber sind.

5) Zu den Toten beten?

Die Kritik eines Steinzeitforschers kommt mir in den Sinn: Als die Kirche den Menschen das normalste, menschlichste Gebet verbot, das Beten zu ihren eigenen Toten, da habe sie die Wurzel des Betens ausgerissen, Gott aus der Fülle des Seins (wohin die Toten heimgekehrt sind) zu einer Abstraktion entwirklicht; die jetzige Gottlosigkeit sei die logische Folge. Tatsächlich: "Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt" - warum sollen diesen Schlußsatz des ersten Evangeliums nicht auch, in Christus, solche Menschen als Abschiedsgruß zu ihren Freunden und Kindern sagen dürfen, die als Glieder doch ewig zum auferstandenen Leib Christi gehören? Ob die Kirche, dank einem gelingenden Dialog mit der Stammesreligion jener Papuas, irgendwann auch die Eingeborenen von Mitteleuropa diese Art des Betens wieder deutlich lehren wird? Das können und müssen wir nicht wissen. Ob wir sie uns trauen, das entscheide, auf den Heiligen Geist lauschend, unser gläubiges Herz.


Zum Weiterdenken:

Facettenauge

»Pantheistisch« denkt irrig, wer es vorpersönlich, verschmelzend tut. Wahr ist aber die »überpersonhafte« Hoffnung des Apostels Paulus »damit Gott sei alles in allem« (1 Kor 15,28). Was ängstliche deutsche Übersetzer aus diesem Jubel gemacht haben, zeigt ein Blick in die Einheitsübersetzung.

Heiliger der Ostkirche: Gregor Palamas [1296-1359], Triaden I 3 36, ed. Meyendorff [Louvain 1959] 191

"Gottvergiftet": Tilmann Moser, Gottesvergiftung, Frankfurt/M 1976

Bert Brechts Trompetenstoß: Hier findet sich das ganze Gedicht und meine Antwort von 1971.

Dein ganzes Lied bleibt

Festteppich : Die Idee habe ich bei C.S.Lewis gelesen, vermutlich ist sie alt.

Steinzeitforscher: Günter Lüling, mündlich


Frühere Predigten zum Thema:

In Gott sind unsere Toten bei uns.

Nicht weg sind die Toten, nein: näher als je.


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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