Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr B

Nicht von der Welt ?

Gedanken zum siebten Ostersonntag


"Sie sind nicht von der Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin" (Joh 17,16). Über wen sagt Christus das, im letzten feierlichen Gebet vor dem Aufbruch zum Ölberg, wo die Todesangst ihn überfallen wird? Er meint seine Jünger, und wenn wir gläubig zuhören, sind wir mitgemeint. Was aber heißt dieser erstaunliche Satz? Wir sind nicht von der Welt, wie auch Christus nicht von der Welt ist - in welchem Sinn kann das wahr sein?

Das Gegenteil scheint selbstverständlich. Natürlich sind wir von der Welt. Wie hat jeder von uns angefangen? Genau genommen, lange bevor eine Samen- und eine Eizelle sich im Mutterleib zusammentaten und miteinander auf den einmaligen Weg begaben, den wir inzwischen unseren Lebenslauf nennen. Damals begann zwar unser individuelles Dasein, aber nicht unser Leben. Das kommt von weiter her, hat Millionen Jahre hindurch eine Unmenge nützlicher Fähigkeiten gelernt, längst ehe es Menschen gab. Zum Beispiel: Wie man einen Apfel verdaut. Oder sich von der Morgensonne wärmen läßt. Oder durch komplizierte unbewußte Rechnerei ermittelt, aus welcher Richtung ein drohendes Geräusch kommt. Eine unermeßlich riesige Summe gelungener Lernprogramme: das ist, auf je besondere Weise, jeder einzelne Mensch. All das ist von der Welt. Vom ersten Eiweißmolekül in einem Urmeer bis zu den Atomen, die gestern noch ein Stück Brot bildeten und heute mit ich sind, bin ich ganz und gar von der Welt. Wie kann Jesus seinem himmlischen Vater da beteuern, seine Freunde seien nicht von der Welt?

Weil das, was die Welt uns mitgibt, wir zwar haben aber nicht sind. Freilich neigen Menschen dazu, sich mit dem zu identifizieren, was sie haben. Mit welch kritischem Stolz betrachtet eine Dame, vom Boutiquenstreifzug erfolgreich heimgekehrt, zu Hause im Spiegel - sich! Was sie sieht, ist das neue Kleid, fühlen tut sie nicht eine Sache sondern sich selbst. Grotesk wirkt derselbe Mechanismus bei deutschen Kraftfahrern. A fragt B: Wo stehst du? C (zu Besuch aus Kamerun) wundert sich. Drüben im Parkhaus, antwortet B. C staunt noch mehr. Und ist froh. Endlich weiß er das langgesuchte Thema seiner völkerkundlichen Doktorarbeit: "Dingvermenschlichung oder Menschverdinglichung? Magische Praktiken bei den Eingeborenen von Mittelfranken."

Wir sind nicht von der Welt, weil, was die Welt uns gibt, wir nur haben, nicht sind - diese Lösung scheint elegant. Aber gleich meldet sich Zweifel: Das klingt doch sehr nach jener lebensfeindlich dürren Lehre, gegen die aufgeklärter Glaube neuerdings mit dem Motto protestiert: Der Mensch hat nicht seinen Leib, er ist sein Leib! Tatsächlich: Als Bruder des Leib gewordenen Gottes will ich wahrlich nicht bloß eine Geistseele sein, die sich ihres Körpers wie sonst eines Dinges da draußen bedient. Nein: ich selbst bin Zunge und Kehle, die den Wein verkosten, sei er irdisch oder sakramental-himmlisch, und himmlisch ist dem Erlösten auch der irdische.

Wie also sind wir nicht von der Welt, obwohl wir all das Leibliche, das wir der Welt verdanken, keineswegs bloß haben sondern wirklich sind? Anscheinend ist die Sache - die wir sind - nicht so einfach. Heute erzählt das Mädchen: eine Biene hat mich ins Gesicht gestochen - und gestern hatte sie den Freund gefragt: liebst du nur meinen Körper, oder wirklich mich? - Seltsames Geheimnis, das Ich. Der eine steht, während er mit Freunden unterwegs ist, zugleich vierrädrig im kalten Parkhaus, sein Ich erstreckt sich bis zum fernen Ding. Die andere siedelt ihr Ich so weit innen an, daß es sich von ihrem eigenen Körper unterscheidet. Jede dieser Redeweisen hat ihr Recht, keine ist falsch. In einer tiefsinnigen Sprache könnte es für unsere Wörter "ich" und "mich" verschiedene Ausdrücke geben, je nachdem, ob irgendein Teil der Natur gemeint ist oder die freie Person. Oder, zuinnerst, deren göttlicher Kern.

In jenem letzten Sinn darf ein gläubiger Mensch vertrauen: Ich bin nicht von der Welt. Im Apostel Paulus brach dieses paradox-demütige SELBST-Bewußtsein durch, während er seinen ungeheuren Satz formulierte (Gal 2,20): "Ich lebe, aber nicht mehr ich, sondern es lebt in mir Christus". Bei jeder Heiligen Kommunion geschieht diese Wandlung. Während auf der virtuellen Weltbühne die Materie des Sakraments nicht Ding bleibt sondern in den lebendigen Leib meiner Person eingeht, geschieht in Wirklichkeit das Umgekehrte: Ich, dieser winzige und bald tote Mensch, werde wahrhaft zum Organ jenes göttlichen Leibes, dessen ICH die ungeschaffene Person ist, die immer schon bei Gott lebt, als Jesus auf der Weltbühne einer von uns wurde und mit uns zusammen unser Drama ewig feiern wird.

Die vom Sakrament bedeutete Wandlung meiner weltlichen Virtualität in Gott-menschliche Wirklichkeit wird in der Zeit zwar dargestellt, re-präsentiert, ihr eigentliches Präsens ist aber ebenso ewig wie ihr Ergebnis. "Denn in ihm wurde alles erschaffen im Himmel und auf Erden ... alles ist durch ihn und auf ihn hin geschaffen" (Kol 1,16). Das heißt: Es gibt uns Weltliche überhaupt nur, weil Gott "uns in ihm vor der Erschaffung der Welt erwählt hat .., im voraus dazu bestimmt, seine Söhne zu werden durch Jesus Christus" (Eph 1,4 f).

Das ist der erste Grund und tiefe Sinn dessen, daß wir "nicht von der Welt sind". Daraus folgt z.B. auch, daß all die Guru-Missionare alt- und neuindischer Mystik, die sich bei uns herumtreiben, eine Lücke nicht des Evangeliums sondern höchstens der real existierenden Christenheit stopfen. Was sie ihren staunenden Jüngern vom ungeschaffenen SELBST tief in jedem Lebewesen verkünden, das könnten die Christen auch bei ihren eigenen Mystikern finden, doch ach, mit denen ist es eben "nicht weit her" ...

Zum Schluß ein Blick ins Herz der Mystikerin Simone Weil:

"Eine Frau, die sich im Spiegel anschaut und sich schmückt, fühlt nicht die Schande, sich - dieses unendliche Wesen, das alle Dinge anschaut - auf einen kleinen Raum einzuschränken. Eine sehr schöne Frau, die ihr Bild im Spiegel anschaut, mag recht wohl glauben, daß sie das ist. Eine häßliche Frau weiß, daß sie das nicht ist." (Simone Weil, Schwerkraft u. Gnade, München 1954, S. 102 f; Zeichnung: Peter Koenig, ehedem in Maidenhead)

 


Zum Weiterdenken:

Ich lebe, aber nicht mehr ich: Der japanische Philosoph Keiji Nishitani (geb 1900) ... legte Theologen die Frage vor: "Bei Paulus finde ich einen Ausspruch, den ich - vom Zen-Buddhismus her - nur allzugut zu verstehen glaube; er sagt da, er habe den Tod erlitten ... ‚nicht ich lebe, Christus lebt in mir'! Das leuchtet mir unmittelbar ein - nur, darf ich Sie fragen: Wer spricht da?" (Johannes Kopp, Schneeflocken fallen in die Sonne [Annweiler 1994], 45). Als einmal beim Gospel-Konzert das Publikum "Jesus is living in my soul" mitsingen durfte, fiel mir darauf plötzlich eine Antwort ein und ich sang begeistert "Jesus am living in my soul". Warum soll die Heilssprache nicht, wie das Himmelreich (Mt 11,12), Gewalt leiden? Christus bin lebendig - danke, mein Gott!

Guru-Missionare: Acht Tage vor der jüngsten Papstwahl bin ich einem solchen quasi-offiziell begegnet, als einem von vier weißen Gestalten.

Bei ihren eigenen Mystikern: Etwa beim vielverkannten Meister Eckhart. Wer sich auf ihn einläßt, lernt fühlen aber auch denken bis ihm schwindlig wird.

Eine Frau, die ihr Bild im Spiegel anschaut, war auch Königin Isabella von Kastilien. Ihr Handspiegel wurde später zu einer Monstranz!


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Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/tiefen.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

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