Jürgen Kuhlmann:

Der Blick ins Geheimnis

"Offenbarung" im Familienkreis


"Thomas hat das Reh gesehn!" Na endlich - war aber auch Zeit. Alle anderen, Geschwister und Freunde, hatten die erleuchtende Schau schon genossen und waren in die entzückten Rufe der Eingeweihten ausgebrochen: Unglaublich, das gibts doch nicht, obergeil! Nur Thomas hatte, finster und finsterer, das Blatt vor die Augen gehalten und - nichts gesehen. Nichts außer dem sinnlosen Liniengewirr, auf jeden Fall aber kein Reh. Da war kein Reh, wo sollte es sein? Und ein rabenschwarzer Verdacht stieg in ihm hoch: Tun die alle bloß so? Haben sie sich verschworen wie im Märchen von des Kaisers neuen Kleidern? Gibt es in Wirklichkeit gar kein Reh zu sehen auf diesem blöden Blatt? Doch dann, kurz bevor er sich solchem Unglauben ganz überließ, hat das Reh sich seiner erbarmt und schaut ihn an. Und die Stimme der kleinen Schwester jubelt durchs Haus: "Thomas hat das Reh gesehn!"

Nach den USA und Japan läßt sich auch Deutschland vom magischen Auge faszinieren. Zwei Mono-Bilder werden von einem Computerprogramm so übereinandergelegt, daß scheinbar bloß ein Durcheinander von Linien und Mustern zu erkennen ist. Erst wenn der Blick verschwimmt, sich auf eine Ebene weit hinter dem Bild einstellt und bereit ist, längere Zeit nichts Bestimmtes zu sehen, erst dann zeigt sich allmählich immer deutlicher hinten eine hübsch gemusterte Wand. Und vor ihr steht, tatsächlich! das Reh. Unbezweifelbar steht es auf stacksigen Beinen da und schaut dich an, im freien Raum zwischen der Wand und dir. Irgendwie hat dein Gehirn es geschafft, die beiden fast gleichen flächigen Mono-Bilder voneinander zu sondern und zu einem einzigen räumlichen Stereo-Bild zu vereinen, ähnlich wie es das seit jeher in jedem "Augenblick" mit den von beiden Augen gelieferten Signalen auch schon macht.

"Wenn Gott eine Tür schließt, öffnet Er ein Fenster" (Chesterton); wem er den alleinseligmachenden Standpunkt erschüttert, dem schenkt Er zum Trost die geheimnisvoll leuchtende Sinngestalt. Die Ideologiekritik will den Glauben als neurotische Illusion oder Ausbeutertrick entlarven; die klaren Linien seines Gebäudes, an deren Klärung so viele Jahrhunderte so fleißig gearbeitet haben, verwirren sich. Bleibt nur widersprüchlicher Unsinn übrig? Ja: dem weltlichen Mono-Blick. Nein: dem gläubigen Stereo-Blick.

Können wir anderen, die das Reh (echt!) gesehen haben, dem ungläubigen Thomas helfen? Nicht direkt. Keine der Linien macht es, auf die der Finger deuten könnte wie bei den simplen Vexierbildern unserer Kindheit ("wo steckt der Jäger?"). Nur eines können wir tun: Das Reh immer wieder selber schauen, unser Entzücken bei seinem Anblick kundtun und ihn, der es noch nicht sieht, mit unserer Gemeinschaft so herzlich umgeben, daß er in gelassener Ruhe warten kann, bis die Offenbarung sich ihm ereignet. Und sollte - das lernen wir vom Zen - die Erleuchtung ihm ganz ausbleiben: Seine geduldige Mühe um das Loslassen der Dinge, um die Ent-haftung des inneren Blicks, sie hat sich auf jeden Fall gelohnt; selig, die nicht sehen und doch glauben, daß es im Prinzip sehr wohl etwas zu sehen gibt - mindestens das Antlitz des Mitmenschen neben dir, in welchem der geheimnisvolle Sinn des Ganzen (so hat er es selbst gesagt) jederzeit jedem unmittelbar nahe ist. Sobald er dich braucht, lege deshalb, ob du siehst oder nicht, alle Wirrlinien beiseite und wende dich ihm zu, dann erblickst du den Sinn der Welt in Person. Sein kunstvolles Gleichnis, nicht weniger, nicht mehr, wollen alle Dogmen und Rehe sein.

August 1994

Sehen Sie den verborgenen Sinn dieses Bildes?


Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/thomas/rehsicht.htm

Zurück zur Leitseite des neuen Predigtkorbes.

Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an,

seine kat-holische Theorie-Baustelle

sowie seinen Internet-Auftritt Stereo-Denken
samt Geschichte dieses Begriffs und lustigem Stereo-Portrait

Schriftenverzeichnis

Kommentare bitte an Jürgen Kuhlmann