Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb

"Selig
die nicht sehen
und doch glauben."

Gedanken zum zweiten Ostersonntag


Der "ungläubige Thomas" ist sprichwörtlich geworden, und für viele der liebste aller Apostel. Vielleicht sind sie vor langer Zeit am Weißen Sonntag zur Erstkommunion gegangen, geführt worden, sagen wir besser. Und die Wege, die sie später selber gingen, brachten sie weit weg von der Gemeinschaft des Osterglaubens. Auch jener "Thomas war nicht bei ihnen, als Jesus kam." Er hatte sich eingekapselt in Eigensinn, als die wunderbare Zeit mit Jesus plötzlich so furchtbar vorbei war. "Einer der Zwölf" hatte er sein dürfen, immer in der Nähe des Meisters, all seine Worte hatte er vernommen, freundliche wie scharfe, und miterlebt seine heilenden Taten. Und als spürbar wurde: die Gegner machen ernst, da hatte er zu seinen Mitaposteln gesagt (Joh 11,16): "Kommt, wir wollen mit ihm sterben!"

In den Passionsberichten aber hören wir von Thomas nichts. Und als es für andere schon Ostern geworden war, hatte er gefehlt. Ostersonntag und Osterwoche gingen vorüber, für den einsamen Jünger war immer noch Karfreitag. Nichts hatte sich geändert, seit seine Hoffnung jäh erloschen war. Das Zusammensein mit den anderen hatte er gemieden - wozu sich erinnern lassen an den Einen, der sie verband? Mit Jesus war es aus. So kommt der Sonntag. Gibt es für den Ex-Jünger Hoffnung?

"Acht Tage darauf waren die Jünger wieder in dem Raum, und Thomas war bei ihnen." Darauf kommt es an. Er wollte nicht länger allein sein. [Das Folgende sagte P. Wilhelm Klein SJ am Vorabend des Weißen Sonntags 1961 zu uns Studenten im römischen Priesterseminar Germanikum.]
"Das erste, was das Johannes-Evangelium uns morgen ans Herz legt, ist: Bleib bei deinen Mitmenschen, die du siehst. Lauf ihnen nicht fort. Thomas, so steht im Evangelium, war am weißen Sonntag mit den andern zusammen.
Es ist unmöglich, zu Osterglauben und Liebe zu kommen als für sich Alleinstehender, dieser Einzelne, der sich in das Grab eines von der Brüdergemeinschaft abgetrennten Fürsichseins vergräbt. Jesus hat uns gesagt: Das ist mein Gebot: daß ihr einander liebet, wie ich euch geliebt habe.
Wenn wir uns da schon wehren würden gegen das bloße Zusammensein, sozusagen das allerwenigste der Bruderliebe, wie können wir dann uns lieben, und erwarten, daß der Herr in uns ist und bleibt, wie er versprochen hat? Wenn wir uns selber von den Mitmenschen lostrennen, von einzelnen, oder vielen, oder allen, wie soll es da zur Gemeinschaft des Glaubens, Hoffens und Liebens kommen?
Das also ist das Erste.
Es ist keineswegs etwas Selbstverständliches. Es ist noch nicht damit von selbst gegeben, daß man in einem Haus zusammenwohnt. In einem Gasthaus können tausend Einzelzimmer bewohnt sein, und diese Bewohner können doch genau so gegeneinander verschlossen sein in Gleichgültigkeit oder sogar Haß, wie wenn jeder für sich wohnte, in einer Kartäuserzelle. Das gilt auch von geistlichen Häusern."
[Soweit P. Klein.]

Zur Gemeinschaft seiner Freunde also kommt der Auferstandene. "Da trat Jesus in ihre Mitte." Wie er es versprochen hat: "Wo zwei oder drei in meinem Namen beisammen sind, da bin ich mitten unter ihnen" (Mt 18,20). Wie verhalten beide Weisen seiner Gegenwart sich zueinander: die Erscheinung damals in der Osterzeit und seine Anwesenheit heute bei uns, wo immer eine Gruppe sich in seinem Namen trifft? Thomas hat ihn so erlebt, daß der Zweifler überwältigt rief: "Mein Herr und mein Gott!" Derart massiv konnte der Auferstandene nur denen erscheinen, die ihn zuvor als Menschen in Raum und Zeit kannten. Können wir deren Vorsprung je einholen, sind wir nicht nur "Jünger zweiter Hand", oder eher sechzigster Hand, wenn wir seit damals so viele Generationen annehmen? Was bei Thomas und seinen Freunden noch Gewißheit sein mochte, ist das in unseren Tagen nicht bereits so unendlich verdünnt, daß niemand etwas sicher wissen kann? Läßt sich aus der Flut dummer Jesus-Reißer (über Jesus in Kaschmir oder es habe ihn gar überhaupt nicht gegeben) anderes entnehmen als daß unser Osterglaube total im Leeren hängt? Das ist eine Sorge nicht weniger, und nicht der oberflächlichsten Christen.

Unterscheiden wir zwischen dem Glauben selbst und seiner Gestalt. Der Glaube selbst ist das Ja des Menschenherzens zum Ganzen der Wirklichkeit, wenn die sich ihm als letztlich wahr und gut offenbart. Dieses Ja folgt aus nichts Irdischem, hängt tatsächlich im Leeren - wie unsere Erde. Die uns doch zwischen Wiege und Grab so fest vorkommt. Im leeren Raum rollt sie dahin, gehalten von keiner Unterlage sondern allein vom Kraftfeld der Sonne. Ähnlich hält Christus, Aufgang aus der Höhe und Sonne der Gerechtigkeit, den Glauben der Seinen stabil, tut seine göttliche Wahrheit ihren Herzen unmittelbar kund.

Anders ist es bei den Gestalten des Glaubens, d.h. den Weisen, wie das innerste Ja sich ausdrückt. Sie hängen miteinander zusammen oder widersprechen sich scheinbar, je nachdem. Eine Glaubensgestalt richtet sich nach dem, was ein Mensch weiß. Gewußt haben auch Kaiphas, Judas, Pilatus und die Soldaten, die Jesus verspottet und gekreuzigt haben. Das Wissen macht es nicht. Auch die Gestalt des Glaubens macht es nicht. Wohl dienen alle seine gegensätzlichen Gestalten dem einen Ziel: daß wir Menschen, glaubend, das Leben haben und es in Fülle haben. Aus der unüberschaubaren Buntheit von Glaubensgestalten greife ich die heraus, die zum Verständnis unseres Evangeliums notwendig sind, je nach ihrer Beziehung zum Gottmenschen Jesus.

a) Die Zeugen des Auferstandenen. Ihre innere Gewißheit seines Sieges über den Tod wurde durch solche Zeichen bestätigt, daß sie an diesem Sieg nicht zweifeln konnten. An den Computer-erzeugten Stereobildern für das "magische Auge", die vor einigen Jahren Mode waren, wurde deutlich: Zwei können äußerlich dasselbe sehen, doch nur einer nimmt dessen innere Wahrheit wahr, kann die aber dem andern nicht beweisen. Was den Osterzeugen im einzelnen geschah, ist für uns Spätere weder wißbar noch wichtig. Auch das Aufklärungsbuch des übernächsten Anti-Ostern-Professors kann bloß zum xten Mal die Wißbarkeit der Auferstehung widerlegen, nicht ihre Glaubwürdigkeit erschüttern.

b) Die auf das verkündete und aufgeschriebene Zeugnis der ersten Jünger hin an Ostern Glaubenden, nennen wir sie die Christen aller Jahrtausende (wie viele auf die ersten beiden noch folgen, weiß niemand). Ihnen in erster Linie gilt Christi Satz zu Thomas: "Selig, die nicht sehen und doch glauben." Insofern diese Glaubensgestalt b) von a) abhängt, stimmt - aber nur was die Gestalt angeht! - die Rede von den "Jüngern zweiter Hand". Zweiter, nicht sechzigster: Denn es gibt das Neue Testament. Am [ersten] Schluß des Evangeliums wird uns gesagt: Dies ist geschrieben worden, warum, wozu, für wen? Für Thomas? für die andern Apostel? Nein, für uns, die Leser des vierten Evangeliums, daß ihr zum Glauben kommt: zum Glauben, Jesus ist der verheißene Erlöser, der Sohn Gottes, auf daß ihr glaubend das Leben habet in seinem Namen. Wer die Osterberichte der Evangelien auf sich wirken läßt, taucht unmittelbar ein in die Stimmung jenes Glaubensfrühlings, ebenso geheimnisvoll-wunderbar wie menschlich-normal. Nichts Närrisches, Sektenhaftes hat sie an sich. Kein späterer Kirchenfrust zerstört diese Erinnerung. Denn alle Naivität und Illusion war am Karfreitag zu Ende, "wir aber hatten gehofft," klagen die Wanderer nach Emmaus: die Zukunft selbst war vorbei. Ostern erneuert nicht den alten Traum, sondern erweckt aus Glücks- wie Albträumen, stellt auf unvergänglichen Grund.

Sobald wir nicht von der Glaubensgestalt sprechen sondern vom Glauben selbst, trifft die Unterscheidung zwischen Jüngern erster und zweiter Hand nicht zu. Wer selig ist, muß sich vor niemandem verstecken. Zum Herzen Gottes führt keine Vermittlung. Deshalb sagte (in der Nachfolge Kierkegaards) P. Klein uns damals auch:

"Es geht nicht um bloße Erinnerung an längst Vergangenes, mit Jesus Christus und Thomas.
Es geht um den gegenwärtigen, auferstandenen Herrn und um jeden aus uns persönlich an diesem unserm weißen Sonntag, wo wir unsere österliche Erneuerung halten für die kommenden vier Osterwochen: Es war für Thomas nicht zu spät an seinem weißen Sonntag.
Es ist uns morgen die gleiche Gnade angeboten wie damals dem Thomas und wir wollen uns auch öffnen, wie er ...
Derselbe Christus, gestern, heute, morgen, für immer, ist in unserer Mitte wie damals unter den Jüngern: Es gibt nichts, worin wir Thomas nachständen. Denn wir brauchen nicht zu trauern, daß wir nicht zur gleichen Zeit sind, wie er, wie Thomas mit Jesus, daß wir nur Jünger zweiter Hand sind, oder wie immer solche zweideutigen Ausdrücke lauten.
Jesus sagt ausdrücklich morgen im Evangelium: Selig sind, die nicht sehen und glauben.
Da sind wir gemeint, wir, wie wir hier sitzen und morgen früh beten und Messe feiern und in den weißen Sonntag gehen."

c) Jesuaner nenne ich die dritte Gruppe: Menschen, die von Jesu Programm ergriffen sind und überzeugt, seine Sache geht weiter. Von welcher Religion oder Philosophie sie sonst geprägt sind, ist insofern unerheblich. Gandhi, der Hindu, hat Jesu Gewaltlosigkeit genauer verstanden und radikaler praktiziert als fast alle Christen. Daß die Jesuaner Auferstehung und Hoffnung über den Tod hinaus nicht mitbekennen, unterscheidet ihre Glaubensgestalt von der christlichen, mindert aber nicht ihren Glauben. Selig, die nicht sehen (daß der Totgewesene lebt) und doch glauben: "daß wir aus dem Tod hinübergeschritten sind ins Leben, weil wir die Brüder lieben" (1 Joh 3,14). Solches Schon des Heils fehlt im Glaubensbewußtsein vieler traditionell frommer Christen, sie erwarten erst als zukünftig, was doch schon jetzt in ihnen jubeln will: Ewiges Leben.

Insofern ist der Jesuaner Glaubensgestalt wahrer als eine diesseits-entfremdete christliche. Laut dieser bringt erst der Tod das ewige Leben, jene glauben ans eigentliche Leben vor dem Tod - beide Wahrheiten ineinander enthält die ehrwürdige Präfation der Totenmesse: "Denn deinen Gläubigen, Herr, wird das Leben verwandelt, nicht genommen." Verwandelt wird dasselbe Leben vom hoffenden Glauben in klare Fülle, wie der Sängerin dieselbe Melodie aus mühsam-winzigem Übungsthema ins begeistert strahlende Konzert. Die Umstände sind beide Male gegensätzlich, ihr eigener Beitrag jedoch ist jetzt und DANN exakt derselbe, deshalb tut sie gut daran, sich beim Üben mehr auf ihr armes Jetzt zu konzentrieren als schon vom Dann zu träumen, sonst macht sie am Ende eine Milchmädchen-Rechnung. Der Armen ist ja, während sie beim Warten auf Käufer ihren Gewinn und künftige Investitionen bedachte, der Krug zersprungen. Ähnliches droht Jenseits-Fixierten. "Was man von der Minute ausgeschlagen, gibt keine Ewigkeit zurück." In dieser Gefahr sind die Jesuaner nicht.

d) Zur vierten Gruppe können wir die Glaubensgestalten aller übrigen Menschen zusammenfassen, ob sie vor Jesus lebten, oder seither ohne ihm begegnet zu sein - oder sie kennen ihn sogar, nicht als Gottes Wahrheit jedoch sondern nur als armen Menschen wie wir selber, schließlich gar als Gegner, den sie bekämpfen, wie die Hohenpriester damals oder viele Kommunisten und Humanisten im 20. Jahrhundert, "denn sie wissen nicht was sie tun". Können auch sie selig sein weil sie nicht sehen und doch glauben?

Ja, wenn sie die Liebe tun und glauben, daß dies dem SINN des Ganzen entspricht. Wie P. Klein es uns sagte: "Sehen wir denn nicht die Mitmenschen? Können wir sie nicht greifen? Legen wir nicht oft genug unsere Finger in die Wunden, die wir ihnen schlagen? Wir sehen die Mitmenschen wirklich ... Hier ist gerade die Entscheidung: entweder zu glauben und zu lieben, oder im Unglauben und Hassen hart zu bleiben: Jesus sagt: Im Mitmenschen mußt du mich sehn, mich lieben. Mir Gutes tun. Was du ihm tust, tust du mir. Was du ihm nicht tust, tust du mir nicht."

Zwar wissen diese Menschen nicht, daß sie ihre Liebe Jesus erweisen, tun es aber gerade deshalb wirklich, anders als die Berliner Dame, die den Bettler, als der sich für ein Fünfmarkstück überschwänglich bedankte, unwillig anfuhr: "Nu hamse sich mal nich so, ick hab das ja für Gott jetan, nich für Sie." Es steht zu befürchten, daß sie es auch für Gott nicht getan hat, denn nicht am Mitmenschen vorbei eine vorgestellte Figur heißt Er uns lieben, sondern unser Fleisch und Blut auf dieser schlimmen Erde, die doch dank der Liebe zuweilen von innen her aufleuchtet. Schelmisch nannte Karl Rahner die Gerichtsszene von Mt 25 ein Evangelium speziell für Nichtchristen; die Christen, meinte er, könnten gar nicht überrascht "Herr, wann ...?" fragen - weil wir die Pointe ja schon kennen, daß im Geringsten seiner Brüder Gott selbst unsere Freundlichkeit empfängt - oder nicht.

"Selig, die nicht sehen und doch glauben", das kann mithin sogar solchen gelten, die von Jesus nur wissen, daß die ausbeuterischen Kirchen ihn Herr nennen, und deshalb (mit subjektivem Recht) von ihm nichts wissen wollen. O Freude und Glück: Der Osterglaube ist für alle da, mag seine christliche Gestalt in der Welt auch immer unansehnlicher werden. Damit ein Rundfunkprogramm alle erreicht, muß nicht die ganze Bevölkerung beim Sender arbeiten. Wohl braucht der immer wieder neues Personal. Es zu rekrutieren ist beim Christentum Chefsache und geschieht heute wieder ähnlich wie in den ersten Jahrzehnten, indem z.B. Gläubige ihre Partner mit zur Gemeinde bringen. So hat in der Osternacht 2002 die Berliner katholische Studentengemeinde die junge Polizistin Anja durch feierliche Taufe in die uralte Schar der Gläubigen offiziell eingereiht, deren Mitglied sie auch während des Katechumenats schon war, im Gegensatz zu Millionen Getaufter, die zu keiner Gemeinde gehören - was wiederum nichts gegen ihren lebendigen, nicht-sehenden Glauben besagen muß. Richte nicht. Aber freu dich im Herrn an der Buntheit der Glaubensgestalten und laß die dir anvertraute Heilsflamme hell leuchten.

Und reiche sie weiter wo du kannst und es nötig ist. Während am 27. Januar 2002 Nürnberger Juden, Christen vieler Konfessionen, Muslime, Aleviten und Bahais - im Gedenken an ihren gemeinsamen Ursprung Abraham - als Prozession von St. Martha zur Frauenkirche zogen, ereignete sich eine ermutigende Symbolik. Der stattliche Zug wurde von jenem Wind geleitet, der da weht wo er will. Er blies, trotz des Windschutzes um jede Kerze, immer wieder eine aus. Die ließ man sich stets sogleich neu entzünden - ohne auf die Glaubensfarbe des Spenders zu achten. Auf die kam es überhaupt nicht an.

"Mein Herr und mein Gott" sagen zu Christus nur Christen. Damit sprechen sie die Wahrheit. Nicht die ganze aber, das kann niemand. "Mein Bruder und Freund" stimmt auch, wird freilich vom Gottesglanz leicht total überblendet. Weil Juden und Muslime Jesus nicht anbeten, erinnern sie uns an diese andere Wahrheit: daß er wie wir sein will. Der seinen Freunden die Füße wäscht und nicht - weil "Gott allein gut ist - guter Meister" heißen mag (Mk 10,18), dürfte wohl wissen, warum Er - dem (Mt 28,18) "alle Macht gegeben ist im Himmel und auf Erden" - dem Christentum so nachdrücklich widersprechen läßt. Zu Zeiten und in Ländern, da dies öffentlich nicht geschah, möchte da jemand lieber leben als in unserer offenen Welt?


Zum Weiterdenken:

Soweit P. Klein: Manche halten ihn für den bedeutendsten katholischen Theologen des 20. Jahrhunderts. Wie sehr die echte christliche Botschaft jedem Menschen gilt, keineswegs nur solchen, die sich Christen nennen, zeigen die radikalen Sätze, mit denen er damals fortfuhr.
"Zweitens: Jesus kam und stand mitten unter ihnen und sagte: Friede sei mit euch. Jesus kommt, steht in unserer Mitte, spricht zu uns.
Wir sind versucht zu sagen: da ist der große Unterschied jener Gleichzeitigen von uns!
Jesus kommt nicht zu uns.
Jesus steht nicht in unserer Mitte,
Jesus spricht nicht.
Wir sehen ja nichts, wir merken nichts, wir hören ihn nicht sprechen.

Wieso sehen wir nichts?
Sehen wir denn nicht die Mitmenschen?
Können wir sie nicht greifen:
Legen wir nicht oft genug unsere Finger in die Wunden, die wir ihnen schlagen?
Wir sehen die Mitmenschen wirklich

Aber, sagen wir, diese Menschen sind doch nicht Jesus. Wir wollen Jesus v. Nazareth sehen, den Sohn Gottes, aber nicht diese elenden Kinder Evas. Die sind uns gleichgültig.
Aber hier ist gerade die Entscheidung: entweder zu glauben und zu lieben, oder im Unglauben und Hassen hart zu bleiben: Jesus sagt: Im Mitmenschen mußt du mich sehn, mich lieben. Mir Gutes tun. Was du ihm tust, tust du mir. Was du ihm nicht tust, tust du mir nicht. Wir sagen: es ist zu schwer.
Es ist unmöglich, in jedem langweiligen, gleichgültigen, oder gar verhaßten, oder mich hassenden Mitmenschen Jesus Christus zu erkennen, Jesus Christus zu glauben, zu lieben.

In der Tat ist das schwer.
In der Tat ist das unmöglich,
wenn wir es aus uns unternehmen; dazu sind wir allzu oft in unsern sog. guten Vorsätzen versucht. Und darum führen die uns auch zu beständigen Mißerfolgen und Enttäuschungen.

Im sturen, bloß weltlichen "Hinsehn", "Hinstarren" auf den Mitmenschen Jesus sehn zu wollen ist Torheit und Unverständnis; ob es sich um einen sog. sympathischen oder unsympathischen oder uns gleichgültigen Mitmenschen oder einen Verhaßten, uns Hassenden handelt.
Dann sagen: Ich will Jesus in ihm sehen. Ich werde das schon fertigbekommen mit eigenem guten Willen. -
So sehn wir Jesus nie. So, bloß hinschauend, wie auf unsern Tisch, haben auch die Gleichzeitigen, auch seine Zeitgenossen wie Pilatus, Kaiphas und Judas und auch die Apostel, die sog. "Jünger erster Hand" ihn nicht gesehn und auch gar nicht sehn können. So waren sie gänzlich nicht sehend und nicht glaubend.

Aber Jesus preist selig die nicht sehen und glauben.
Und das ist nun das Dritte morgen im Evangelium.
Jesus sagt dem Thomas: sei nicht ungläubig, sondern sei gläubig.
Sei gläubig.
Das ist das gewaltige, wunderwirkende Wort des auferstandenen Herrn, das auch an uns ergeht, das Wort Christi, von dem der Apostel mit dem Psalmisten uns sagte: In alle Welt ist es ergangen, bis an die Enden der Welt. Also wahrhaftig auch an uns.

Wenn aber dies Wort des auferstandenen Herrn nicht von uns aufgenommen wird, liegt die Schuld dafür nicht an Christus, und dem Wort Christi, sondern an uns.
Wenn der Prophet Klage erheben muß: wer glaubt an das, was wir hören? liegt es nicht am auferstandenen Herrn, als ob er nicht wahrhaft auferstanden wäre, als ob er nicht wirklich da wäre, als ob er nicht wirklich zu uns spräche.
Sondern es liegt an uns.
Der Herr kann von sich sagen: Ich ward sogar gefunden von denen, die mich nicht suchten, bin erschienen denen, die nicht nach mir gefragt haben.
Wir müssen also, wenn wir uns morgen nicht bekehren, wie Thomas an unsere Brust klopfen und unsere Sünde bekennen, wenn wir zu denen gehören, von denen der Herr sagt: den ganzen Tag habe ich meine Hände ausgestreckt zu dem Volk das sich nichts sagen lässt und widerspricht.
Hier, sagt Jesus, sind meine Hände!
Reiche deinen Finger her,
und sieh meine Hände,
und reiche deine Hand her
und lege sie in meine Seite,
und sei nicht mehr ungläubig,
sondern gläubig.

Geschieht das Wunder in uns?
Jesus konnte in seiner eigenen Vaterstadt das Wunder nicht wirken, weil die Seinen ihn nicht aufnehmen wollten.
Das ist das Vierte im morgigen Evangelium: Damals, am ersten Weißen Sonntag geschieht das Wunder. Das Unbegreifliche, hier ist es getan: Thomas antwortete Jesus und sprach: Mein Herr und mein Gott!
Ihm kann Jesus sagen:
Selig bist du, Thomas, daß du glaubst. Nicht Fleisch und Blut hat dir das offenbart, sondern mein Vater, der im Himmel ist.
Um dieses Wunder wollen denn auch wir alle beten am Weißen Sonntag, jeder für sich, jeder für alle,
um das Wunder des Glaubens, ja
um das Wunder der Liebe,
nur in der wunderbaren Bruderliebe, in der wir im Nächsten, in unserm Mitmenschen, Jesus sehn und verstehn und lieben, sind wir wirkliche Christen.
Wenn das Wunder des Glaubens gewirkt, vollendet ist, im gewirkten Glauben, im liebenden Christen.

Als solcher steht Thomas vor uns, morgen, und als solche hoffen auch wir alle dazustehn am morgigen Weißen Sonntag, und schon heute, in Christus, gestern und heute und morgen und immer.
In der hl. Messe, in der hl. Kommunion, wird in uns im Essen des wunderbaren verwandelten Zeichens des Brotes dieses Wunder der Gemeinschaft mit dem auferstandenen Herrn besiegelt und bezeugt.
Am Weißen Sonntag ist mancher aus uns einst zum ersten Mal zum Tisch des Herrn gegangen, und viele junge Menschen morgen in der Kirche, in der Welt gehn am weißen Sonntag zum erstenmal zur hl. Kommunion.
Wieviel tausend Male seit unserer eigenen ersten Kommunion ist das in uns immer wieder geschehen!

Im hl. Brotmahl, in welchem Christus genossen,
das Andenken seines Leidens und Sterbens und Auferstehens begangen wird, der Geist mit Gnade erfüllt, und der verheißenen Herrlichkeit Unterpfand uns gegeben wird. Morgen zumal wollen wir im Empfang der hl. Kommunion Dank sagen dem Herrn, unserm Gott.
Das ist würdig und recht, angemessen und heilsam, dich, o Herr, zwar zu jeder Zeit, aber in dieser Osterzeit ganz besonders zu verherrlichen, verkünden, da unser Osterlamm geopfert ist, Christus.

Wir suchen also um Gotteswillen den lebendigen Herrn nicht bei den Toten, in der Vergangenheit, in toten Denkmälern bloßer Vergangenheit.
Das Grab ist leer, da liegt gar nichts drin, Christus ist auferstanden. Der Herr ist wahrhaft auferstanden alleluja,
er erschien dem Simon,
er erschien dem Thomas,
er erschien uns, die wir mit ihm gegessen und getrunken haben, und immerfort essen und trinken.
Denn sein Fleisch ist auch für uns wahrhaft eine Speise und sein Blut ist wahrhaft ein Trank. Wer von diesem Brote ißt, wird leben in Ewigkeit. Ostern hört nie auf im Christen."

Das " magische Auge": Vgl. eine "Offenbarung" im Familienkreis.

Glaubensfrühling: Was unterscheidet die Christen von den anderen? fragt Gilbert Chesterton, und antwortet: Für die anderen ist Ostern ein Frühlingssymbol. Für die Christen ist der Frühling ein Symbol für Ostern.

Kierkegaard: "Wünscht man das Verhältnis des Späteren zum Gleichzeitigen so kurz als möglich auszudrücken, ohne jedoch die Richtigkeit aufzuopfern um der Kürze willen, so darf man sagen: der Spätere glaubt vermittelst des Berichts des Gleichzeitigen (des Berichts der Veranlassung) inkraft der Bedingung, die er selber empfängt von dem Gotte. - Der Bericht des Gleichzeitigen ist für den Späteren Veranlassung, ebenso wie die unmittelbare Gleichzeitigkeit dies ist für den Gleichzeitigen; und wofern der Bericht ist, was er sein soll (des Gläubigen Bericht), so wird er eben die gleiche Zweideutigkeit der Aufmerksamkeit veranlassen, wie der Gleichzeitige selbst sie erfahren hat veranlaßt durch die unmittelbare Gleichzeitigkeit ... Es gibt keinen Jünger zweiter Hand. Aufs Wesentliche gesehen, sind der erste und der letzte einander gleich, nur daß die spätere Generation die Veranlassung im Bericht der gleichzeitigen hat, indessen die gleichzeitige sie hat in ihrer unmittelbaren Gleichzeitigkeit, und insofern keiner einzigen Generation etwas schuldet. Diese unmittelbare Gleichzeitigkeit aber ist nichts als die Veranlassung, und dies kann wohl nicht stärker ausgedrückt werden als dadurch daß der Jünger, wo er sich selbst verstünde, gerade wünschen müßte, sie möge aufhören, indem der Gott die Erde wieder verlasse." (Philosophische Brocken, Fünftes Kapitel, aus §2)

Jesuaner

Sie erwarten Ewiges Leben erst als zukünftig: Bei Exerzitien tadelte P. Klein 1967 die nachkonziliaren Übersetzungen von Meß-Orationen: "Wie oft ist das Wörtchen ‚dereinst' hineingeflickt. Nicht etwa jetzt! Wir sind auferstanden, wir sind vom Tod zum Leben übergegangen. Das hat also ein vorsichtiger Übersetzer hineingesetzt, damit wir nur ja nicht auf den Gedanken kommen, daß die Auferstehung des Herrn in uns täglich lebendig ist. Und der alte lateinische Text hat das gar nicht."

Das Leben wird verwandelt, nicht genommen: "Tuis enim fidelibus, Domine, vita mutatur, non tollitur." war ein Lieblingssatz meines verstorbenen Vaters.

"Was man von der Minute ausgeschlagen, gibt keine Ewigkeit zurück": Schiller, Gedicht "Resignation"

Feierliche Taufe: Obwohl sich scheinbar nichts Wesentliches ändert, sind Initiationsfeiern hochwichtig.

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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