Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr B

Von Lessing lernen:
Gott ist die LIEBE

Gedanken zum sechsten Sonntag der Osterzeit


So uralt, daß ich Woche für Woche dasselbe sagen dürfte, bin ich noch nicht, deshalb mache ich es bei der Erläuterung der zweiten Lesung diesmal wie 1967 unser Ex-Spiritual Wilhelm Klein SJ (damals 78, gestorben ist er mit 106, hier ein Foto des verschmitzten Weisen aus San Pastore, dem Germaniker-Paradieslein bei Rom), als er in Bonn einer Gruppe junger Priester, fünf Jahre nach ihrer Weihe, Exerzitien gab. Dabei hat er uns auch, fast kommentarlos, Lessings "Testament Johannis" von 1777 vorgelesen. Es ist hochaktuell. Der Anfang bezieht sich auf eine frühere Veröffentlichung, welche schloß:


- Ich schließe und wünsche: möchte doch alle, welche das Evangelium Johannis trennt, das Testament Johannis wieder vereinigen! Es ist freilich apokryphisch, dieses Testament, aber darum nicht weniger göttlich.

DAS TESTAMENT JOHANNIS

EIN GESPRÄCH

Er und Ich

ER. Sie waren sehr fix mit diesem Bogen, aber man sieht es diesem Bogen auch an.

ICH. So?

ER. Sie pflegen sonst deutlicher zu schreiben.

ICH. Die größte Deutlichkeit war mir immer die größte Schönheit.

ER. Aber ich sehe, Sie lassen sich auch fortreißen. Sie fangen auch an zu glauben, nur immer auf Umstände anspielen, die unter hundert Lesern nicht einem bekannt sind, die Ihnen selbst vielleicht nur erst seit gestern oder ehegestern bekannt geworden -

ICH. Zum Exempel?

ER. Lasse gelehrt.

ICH. Zum Exempel?

ER. Ihr Rätsel, womit Sie schließen. - Ihr Testament Johannis. Ich habe meinen Grabius und Fabricius vergebens darnach durchblättert.

ICH. Muß denn auch alles ein Buch sein?

ER. Es ist kein Buch, dieses Testament Johannis? - Nun, was ist es denn?

ICH. Der letzte Wille Johannis, - die letzten merkwürdigen, ein Mal über das andere wiederholten Worte des sterbenden Johannis. - Die können ja auch ein Testament heißen? Nicht?

ER. Können freilich. - Aber so bin ich schon weniger darauf neugierig. - Indes doch; wie lauten sie denn? - Ich bin in dem Abdias, oder wo sie sonst stehen mögen, nicht eben sehr belesen.

ICH. Bei einem minder verdächtigen Schriftsteller stehen sie nun doch. - Hieronymus hat sie uns aufbehalten in seinem Kommentar über den Paulinischen Brief an die Galater. - Da schlagen Sie nur nach! - Ich denke kaum, daß sie Ihnen gefallen werden.

ER. Wer weiß? - Sagen Sie doch nur!

ICH. Aus dem Kopfe? Mit den Umständen, die mir itzt erinnerlich sind oder wahrscheinlich dünken?

ER. Warum nicht?

ICH. Johannes, der gute Johannes, der sich von seiner Gemeinde, die er in Ephesus einmal gesammelt hatte, nie wieder trennen wollte, dem diese eine Gemeinde ein genugsam großer Schauplatz seiner lehrreichen Wunder und wundertätigen Lehre war, Johannes war nun alt, und so alt -

ER. Daß die fromme Einfalt glaubte, er werde nie sterben.

ICH. Da ihn doch jeder von Tag zu Tag immer mehr und mehr sterben sahe.

ER. Der Aberglaube trauet den Sinnen bald zuviel, bald zuwenig. - Selbst da, als Johannes schon gestorben war, hielt noch der Aberglaube dafür, daß Johannes nicht sterben könne, daß er schlafe, nicht tot sei.

ICH. Wie nahe der Aberglaube oft der Wahrheit tritt!

ER. Erzählen Sie nur weiter! Ich mag Sie nicht dem Aberglauben das Wort sprechen hören.

ICH. So zaudernd eilig, als ein Freund sich aus den Armen eines Freundes windet, um in die Umarmungen seiner Freundin zu eilen, - trennte sich allmählich sichtbar Johannis reine Seele von dem ebenso reinen, aber verfallenen Körper. - Bald konnten ihn seine Jünger auch nicht einmal zur Kirche mehr tragen. Und doch versäumte Johannes auch keine Kollekte gern, ließ keine Kollekte gern zu Ende gehen ohne seine Anrede an die Gemeinde, welche ihr tägliches Brot lieber entbehrt hätte als diese Anrede.

ER. Die öfters nicht sehr studiert mag gewesen sein.

ICH. Lieben Sie das Studierte?

ER. Nachdem es ist.

ICH. Ganz gewiß war Johannis Anrede das nie. Denn sie kam immer ganz aus dem Herzen. Denn sie war immer einfältig und kurz und wurde immer von Tag zu Tag einfältiger und kürzer, bis er sie endlich gar auf die Worte einzog -

ER. Auf welche?

ICH. "Kinderchen, liebt euch!"

ER. Wenig und gut.

ICH. Meinen Sie wirklich? - Aber man wird des Guten und auch des Besten, wenn es alltäglich zu sein beginnt, so bald satt! -

In der ersten Kollekte, in welcher Johannes nicht mehr sagen konnte, als: "Kinderchen, liebt euch!" gefiel dieses "Kinderchen, liebt euch!" ungemein. Es gefiel auch noch in der zweiten, in der dritten, in der vierten Kollekte; denn es hieß der alte schwache Mann kann nicht mehr sagen. Nur als der alte Mann auch dann und wann wieder gute heitere Tage bekam und doch nichts mehr sagte, und doch nur die tägliche Kollekte mit weiter nichts als einem "Kinderchen, liebt euch!" beschloß; als man sahe, daß der alte Mann nicht bloß nur so wenig sagen konnte; als man sahe, daß er vorsätzlich nicht mehr sagen wollte: ward das "Kinderchen, liebt euchl" so matt, so kahl, so nichtsbedeutend! Brüder und Jünger konnten es kaum ohne Ekel mehr anhören und erdreisteten sich endlich, den guten alten Mann zu fragen: "Aber, Meister, warum sagst du denn immer das nämliche?"

ER. Und Johannes? -

ICH. Johannes antwortete: "Darum, weil es der Herr befohlen. Weil das allein, das allein, wenn es geschieht, genug, hinlänglich genug ist." -

FR. Also das, das ist Ihr Testament Johannis?

ICH. Ja!

ER. Gut, daß Sie es apokryphisch genennet haben!

ICH. In Gegensatz des kanonischen Evangelii Johannis. - Aber göttlich ist mir es denn doch.

ER. Etwa, wie Sie auch wohl Ihre Schöne göttlich nennen würden.

ICH. Ich habe nie eine Schöne göttlich genannt und bin nicht gewohnt, dieses Wort so zu mißbrauchen. - Was ich hier göttlich nenne, nennt Hieronymus dignam Joanne sententiam.

ER. Ah, Hieronymus!

ICH. Augustinus erzählt, daß ein gewisser Platoniker gesagt habe, der Anfang des Evangelii Johannis: "Im Anfang war das Wort" usw. verdiene in allen Kirchen an dem sichtbarsten, in die Augen fallendsten Orte mit goldnen Buchstaben angeschrieben zu werden.

ER. Allerdings! der Platoniker hatte sehr recht. - O die Platoniker! Und ganz gewiß, Plato selbst hätte nichts Erhabeners schreiben können, als dieser Anfang des Evangelii Johannis ist.

ICH. Mag wohl sein. - Gleichwohl glaube ich, der ich aus der erhabenen Schreiberei eines Philosophen eben nicht viel mache, daß mit weit mehrerm Rechte in allen unsern Kirchen an dem sichtbarsten, in die Augen fallendsten Orte mit goldnen Buchstaben angeschrieben zu werden verdiente - das Testament Johannis.

ER. Hm!

ICH. "Kinderchen, liebt euch!"

ER. Ja, ja!

ICH. Dieses Testament Johannis war es, worauf ehedem ein gewisses Salz der Erde schwur. Itzt schwört dieses Salz der Erde auf das Evangelium Johannis, und man sagt, es sei nach dieser Abänderung ein wenig dumpfig geworden.

ER. Auch ein Rätsel?

ICH. Wer Ohren hat zu hören, der höre!

ER. Ja, ja, ich merke nun wohl.

ICH. Was merken Sie?

ER. So ziehen immer gewisse Leute den Kopf aus der Schlinge. - Genug, daß sie die christliche Liebe beibehalten, mag doch aus der christlichen Religion werden, was da will.

ICH. Ob Sie mich mit zu diesen gewissen Leuten zählen?

ER. Ob ich recht daran tun würde, müssen Sie von sich selbst erfragen.

ICH. Ich darf doch also ein Wort für diese gewisse Leute sprechen.

ER. Wenn Sie sich fühlen.

ICH. Aber ich versteh' Sie auch wohl nicht. - So ist die christliche Liebe nicht die christliche Religion?

ER. Ja und Nein.

ICH. Wie Nein?

ER. Denn ein anders sind die Glaubenslehren der christlichen Religion und ein andres das Praktische, welches sie auf diese Glaubenslehren will gegründet wissen.

ICH. Und wie Ja?

ER. Insofern das nur wahre christliche Liebe ist, die auf christliche Glaubenslehren gegründet wird.

ICH. Aber welches von den beiden möchte wohl das schwerere sein? - Die christlichen Glaubenslehren annehmen und bekennen, oder die christliche Liebe ausüben?

ER. Es würde Ihnen nichts helfen, wenn ich auch einräumte, daß das letztere bei weitem das schwerere sei.

ICH. Was soll es mir denn helfen.

ER. Denn es ist um so lächerlicher, daß sich jene gewisse Leute den Weg zur Hölle so sauer machen.

ICH. Wieso?

ER. Wozu das Joch der christlichen Liebe auf sich nehmen, wenn es ihnen durch die Glaubenslehren weder sanft noch verdienstlich wird?

ICH. Ja freilich, diese Gefahr müßten wir sie nun schon laufen lassen. Ich frage also nur: Ist es von andern gewissen Leuten klug gehandelt, dieser Gefahr wegen, welche jene gewisse Leute mit ihrer unchristlichen christlichen Liebe laufen, ihnen den Namen der Christen abzusprechen?

ER. Cui non competit definitio, non competit definitum. Habe ich das erfunden?

ICH. Aber wenn wir gleichwohl die Definition ein wenig weiter fassen könnten? Und das nach dem Ausspruche jenes guten Mannes: "Wer nicht wider uns ist, der ist für uns." - Sie kennen ihn doch, den guten Mann?

ER. Recht wohl. Es ist ebender, der an einem andern Orte sagt: "Wer nicht mit mir ist, der ist wider mich."

ICH. Ja so! Allerdings; das bringt mich zum Stillschweigen. - O, Sie allein sind ein wahrer Christ! - und belesen in der Schrift wie der Teufel.


Zum Weiterdenken:

Als Prophet christlicher Aufklärung durfte Lessing den Schlußeinwand ironisch abfertigen und seine Leser mit der Frage allein lassen. Dem Theologen steht das nicht zu, er hat die Begriffe der Glaubenssprache solange zu schmieden, bis sie zueinander passen. In unserer Frage habe ich das zweimal unternommen, 1981 nach einem geistlichen Abend mit strenggläubigen Jugendlichen, und dann wieder 2001 nach der Einsicht, daß die damals gefundene Antwort den noch exakter strengen Anforderungen eines neuen vatikanischen Dekrets nicht genügt (mit diesem Text schließt mein Buch "Etappen der Großen Liebesgeschichte").


Hier ist ein Angebot für Freunde meiner Internet-Gedanken: Auf einer CD habe ich unter dem Titel "Christliches Stereo-Denken" alles, was auf verschiedenen Servern veröffentlicht ist, zusammengestellt und intern verknüpft sowie mit Bildern und Liedern angereichert. Außerdem sind sechs Bücher im WORD-Format dort zu lesen (die elektronischen Bücher Nr. 2,5,6,7,10 der Liste). Im Ganzen meldet der Rechner fast tausend Dateien. Ein Teil der Ernte von über vierzig Jahren Theologie steht zur Verfügung und kostet nur 8,50 Euro + Porto, insgesamt unter zehn Euro. Für Religionslehrer, Pfarrer und andere Profis eine Fundgrube, für deren Freunde eine sinnige Geschenk-Idee. Bestellungen bitte direkt an mich, um Verwechslung mit dem Müll zu vermeiden bitte mit klarem Betreff: CD-Bestellung. Seit Anfang Dezember 2004 ist die neue Auflage mit allem bisher im Netz Veröffentlichten verfügbar.


Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/test-joh.htm

Zurück zur Leitseite des neuen Predigtkorbes.

Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

Kommentare bitte an Jürgen Kuhlmann