Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr B

Das Geheimnis des Tempels

Gedanken zum Palmsonntag


In der Markus-Passion (15,29 f) hören wir heute vom Spott der Leute, die bei Jesu Kreuzigung vorbeispazierten. "Sie lästerten ihn, schüttelten ihre Köpfe und sagten: So, du brichst den Tempel ab und baust ihn in drei Tagen wieder auf? Hilf dir nun selber und steig herab vom Kreuz!" Die meisten, denen das vorgelesen wird, meinen vermutlich: Ach, das ist lange her, für mich hier und jetzt hat es keine Bedeutung. - Das ist schade. Denn tatsächlich steckt hinter diesen Spottworten ein aufregendes Geheimnis, das jeden Christen angeht, ihm sogar, ist die Nuß erst geknackt, zum ungeahnt köstlichen inneren Lebensmittel wird. Was bedeutet uns der niedergerissene und in drei Tagen wiederaufgebaute Tempel?

Lebendig wurde mir die Frage jüngst nach einem Glaubensgespräch. Der jüdische Redner hatte das verbreitete Mißverständnis von Israels Auserwählung mit dem Hinweis auf die Heilsmöglichkeit aller Völker aufgeklärt. Die Juden erkennen den "Noach-Bund", Gottes Bund mit allen Menschen (Gen 9,9), als auch heute für die Heidenvölker gültig an. Wer sich an gewisse Grundregeln hält, lebt vor Gott gerecht und hat Aussicht auf das Ewige Leben. Allerdings gehört zu den entscheidenden "noachidischen" Vorschriften auch das Verbot des Götzendienstes. Nichts Endliches mit Gott zu verwechseln sondern IHN allein anzubeten, ist eine Bedingung des Heils.

Daraufhin fasse ich mir ein Herz und frage ihn, wie er mit dem christlichen Bekenntnis zur Gottheit Jesu umgehe. Sei solche Anbetung eines Menschen nicht auch Götzendienst, so daß für ihn als Juden wir Christen doch fern vom Heil leben? Da wird die zuvor so freundliche Stimme plötzlich ernst und hart. "Das ist Ihr Problem. Damit müssen Sie fertig werden. Genügt das?" Stumm nicke ich zur anderen Seite des Abgrunds hinüber.

Inzwischen hat sich ein Licht gezeigt. Es strahlt aus einer Innensicht des christlichen Glaubens, die vielen Christen fremd geblieben ist. Der Evangelist Johannes (2,14-22) schildert die Szene, wie Jesus im Tempel mit der Peitsche auf die Wechsler losging. "Da stellten ihn die Juden zur Rede: Welches Zeichen läßt du uns sehen als Beweis, daß du dies tun darfst? Jesus antwortete ihnen: Reißt diesen Tempel nieder, in drei Tagen werde ich ihn wieder aufrichten. Da sagten die Juden: Sechsundvierzig Jahre wurde an diesem Tempel gebaut, und du willst ihn in drei Tagen wieder aufrichten? Er aber meinte den Tempel seines Leibes. Als er von den Toten auferstanden war, erinnerten sich seine Jünger, daß er dies gesagt hatte, und sie glaubten der Schrift und dem Wort, das Jesus gesprochen hatte."

Er aber meinte den Tempel seines Leibes. Geheimnisvoller Satz! Im Tempel spürten die Juden Gottes Anwesenheit. Dank den Psalmen, die seit jeher von Priestern und Ordensleuten gebetet werden, fühlt auch das christliche Gemüt sich im Tempel daheim: "Wohl denen, die du erwählst und in deine Nähe holst, die in den Vorhöfen deines Heiligtums wohnen ... Meine Seele verzehrt sich in Sehnsucht nach dem Tempel des Herrn. Mein Herz und mein Leib jauchzen ihm zu, ihm, dem lebendigen Gott ... Denn ein einziger Tag in den Vorhöfen deines Heiligtums ist besser als tausend andere. Lieber an der Schwelle stehen im Haus meines Gottes als wohnen in den Zelten der Frevler" (65,5; 84,3.11).

Nach Ostern verstanden die ersten Christen, daß ihr Tempel jetzt nicht mehr der aus Stein war sondern das Neue Leben ihres auferstandenen Freundes und seiner Gemeinde. In diesem Tempel darf jeder Getaufte sich bei Gott fühlen, Gottes Gegenwart ebenso begeistert feiern wie die Juden im Tempel zu Jerusalem. An der Grundstruktur des Glaubens an den einen Gott hat sich nichts geändert. Nicht den Tempel haben die Juden vergötzt, wenn sie Gott in ihm verehrten; nicht den Menschen Jesus vergötzen wir Christen, wenn wir in Christus Gott anbeten. "Glaubt mir doch, daß ich im Vater bin und der Vater in mir" (Joh 14,11)! Wer das als Christ glaubt, sagt nicht zu einem anderen Geschöpf, sondern zu Gott in dem Tempel, der Christus ist, dasselbe wie damals Thomas (Joh 20,28): "Mein Herr und mein Gott!" Daß die meisten Juden (es gibt auch "messianische") die christliche Hochschätzung dieses Tempels nicht teilen können, macht - von ihnen aus gesehen - uns Christen zwar zu Andersgläubigen aber eben doch zu anders, in anderem Tempel, Gläubigen, nicht zu Götzendienern. Umgekehrt haben Christen keinen Grund, den vorösterlichen Glauben Mariens und der Apostel in solchen Mitmenschen zu verachten, die er heute erfüllt, weil für sie der Messias noch nicht gekommen ist.

Ist das aber nicht Unsinn? Der Messias ist doch entweder gekommen oder nicht, dazwischen gibt es logischerweise nichts ... ? - Gemach! Wir müssen das - theologisch so abgegriffene - Wort "Heilsdrama" endlich ernstnehmen, als die unentbehrliche Grundkategorie des Glaubensdenkens bejahen, ohne die man heute nicht vernünftig glauben kann. Wer die göttliche Offenbarung nicht als dramatisch anerkennt, wird sie entweder (relativistisch) zum bloßen Sprachspiel entwirklichen oder aber (fanatisch-fundamentalistisch) zur Sektenbotschaft verengen. Das Große Heilsdrama, bei dem jeder Mensch mitwirkt, umfaßt verschiedene, ja gegensätzliche Akte. Je nach dem Akt, in welchen der göttliche Regisseur dich beruft, ist deine Wahrheit eine andere. Die all-klärende Kritik ereignet sich erst bei der Vollversammlung sämtlicher Mitwirkender nach der Aufführung.

Wichtig ist die Einsicht, daß die Handlung sozusagen auf einer Drehbühne stattfindet: Zur selben physischen Zeit werden - nebeneinander - verschiedene Akte dargestellt, die doch - dramatisch verstanden - nacheinander geschehen. So erklärt sich der Wirrwarr der geistigen Weltgeschichte. Innerhalb eines Aktes des Heilsdramas gilt durchaus die "Mosaische Unterscheidung" wahrer von falscher Religion. Deshalb muß der Papst, als Christ, nichts von dem zurücknehmen, was Joseph Ratzinger vor einem Dritteljahrhundert über Jesu Nein zum Tempel schrieb. Im christlichen Akt heißt Gottes Freundin KIRCHE, für sie wird Christus zum Tempel: "Das Alte Testament war Gottesbund, beruhte auf Gottes Zusage und Erwählung. Sein Tempel, sein Priestertum, sein Kult entstammten göttlicher Einsetzung, sein Recht war göttliches Recht, und sein Königtum trug die Verheißung immerwährenden Bestandes. Kann man einen Kult angreifen, den Gott eingesetzt hat? Kann man sich gegen ein Priestertum auflehnen, das iuris divini ist? Kann man das Ende einer Institution voraussagen, die von Gott die Zusage immerwährenden Bestandes hat? Christus hat es getan. Er hat das Ende des Tempels vorhergesagt und in prophetischer Symbolhandlung vorausvollzogen, denn das war offenbar der Sinn der Tempelreinigung, mit der die Ankündigung des neuen, nicht von Menschenhand gebauten Tempels verbunden war. Die Christen machen sich das Ungeheuere solchen Geschehens selten klar."

Deshalb waren die meisten auch ungeheuer überrascht, als sie anderseits, und sogar aus Rom, das scheinbare Gegenteil erfuhren: Die (für uns abgetane) Wahrheit des ZION-Aktes galt und gilt auf anderem Sektor der Weltbühne weiter. Gottes Bund mit Israel ist nicht gekündigt, mit Recht berufen sich auch die heutigen Juden auf ihn. Seinen Mitchristen das klarzumachen, hat der verstorbene Papst von Anfang an eindringlich unternommen. Als Kind hatte er mit Judenkindern gespielt; als junger Mann mußte er aus der Nähe Zeuge sein, wie getaufte Deutsche das Bundesvolk Israel auszurotten versuchten. Erst der Schock von Auschwitz hat die Christenheit aus ihrer Verblendung aufgerüttelt, in der sie seit bald zwei Jahrtausenden die dramatische Wahrheit ihres KIRCHE-Aktes auch schon für des Heilsdramas Gesamtwahrheit hielt und vergaß, daß zu der immer auch der ZION-Akt gehört.

Nach dessen Wahrheitsregeln, die dem jüdischen Herzen von Gott eingesenkt werden, tritt nicht der Gottessohn Christus auf, vielmehr jener reale Jesus, der nicht einmal guter Meister heißen will: "Was nennst du mich gut? Keiner ist gut, als Gott allein" (Mk 10,18). Mit ihm tun die Christen sich schwer; schon der Evangelist Matthäus (19,16) schwächt ab: "Was fragst du mich nach dem Guten?"

Die Differenz jüdisch/christlich ist in keinem der beiden Bühnensektoren überwindbar, kann nur im Gespräch über die Grenze hinweg beiderseits bewußt und ausgehalten werden. Entscheidend ist, daß dem unaufhebbaren sprachlichen Widerspruch kein beweisbarer logischer entspricht; denn dieselben Wörter haben von Akt zu Akt nicht den gleichen Sinn. Deshalb ist die von Gottes Gebot hier wie dort geforderte gegenseitige Achtung im Angesicht der WAHRHEIT vernünftigerweise möglich. Christen erkennen - endlich - an, daß Gottes Ewiger Bund mit seinem Volk auch dessen gegenwärtige Glieder meint. Juden müssen, dürfen uns Christen nicht als Götzendiener verurteilen. Denn ein Christ lebt keine persönliche Beziehung zu einem zweiten Gott - das wäre Abfall vom Glauben an den einen Gott - sondern drei religiös stimmige Beziehungen ineinander:

a) Ein Mensch verehrt und bezeugt dankbar den einen Gott, der ihn aus Sinnlosigkeit erlöst, als Glied des erwählten Volkes ins Licht des Heils beruft. Diese Beziehung hat bei Juden und Christen zwar eine verschiedene Gestalt, ist aber wesenhaft dieselbe.

b) Die zwischenmenschliche Beziehung eines Christen zum Mitmenschen Jesus, seinem auferweckten Freund und Meister, bleibt Juden fremd. Das ist jedoch kein Grund zu Unfrieden. Jede zwischenmenschliche Beziehung schließt die meisten anderen aus.

c) Endlich wende ich mich wie Jesus an seinen Gott, gemäß seiner Verheißung "Ich gehe hinauf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott" (Joh 20,17). Das kann ich allerdings nicht als Geschöpf - vielmehr allein als Glied Christi, Mitinhaber (2 Petr 1,4) seiner ewigen Beziehungs-Person, Kind im KIND und ("ich"-)Wort im ("ICH"-(WORT. Das Herzgeheimnis des Dreieinigkeitsglaubens wird auch von Christen nicht wirklich begriffen, ahnend vollziehen können es mystisch Begnadete auch anderer Wege.

Tief in uns selbst und die eine Welt der vielen Glaubensweisen hinein hat das seltsame Tempelwort der Palmsonntagsliturgie uns geführt. Eine Kernfrage sollte klar geworden sein: Ist Glaube ein Sprachspiel oder ernsteste Wahrheit? Ich glaube: der höchste Sprach-ERNST! Für uns Menschen, die nach dem Willen des Schöpfers auf der Weltbühne vernünftig agieren sollen und von ihm in Anwesenheit aller Mit-Akteure zuletzt beurteilt werden, sind Glaube und Liebe keineswegs "bloß Theater", vielmehr noch unendlich entscheidender als ein Probeauftritt nach der Bewerbung bei der angesehensten Schauspielschule des Landes. Daß ich diese Probe bestehen muß, ist die Wahrheit meines Lebens und Sterbens. Mit ihrem Ernst verglichen sind Zwiste um irdische Richtigkeiten nichts als Kinderspiele, wußte schon Heraklit. Welche Szenen welchen Aktes ich dabei darstellen soll, bestimmt nicht mein willkürlicher Beschluß, auch nicht irgendein feststellbar richtiger Zusammenhang, sondern DEIN Wille, der in "vielbunter Weisheit" (Eph 3,10) das Große Welttheater veranstaltet, indem er jedem Mitwirkenden seinen unmitteilbar besonderen Part anweist.

Wie gut oder schlecht jemand den seinen gelebt hat, zeigt sich erst nach dem Schluß des Dramas. Sein 25jähriges Bischofsjubiläum feierte Kardinal Martini - der einen Versuch seiner Mitkardinäle, ihn zum Papst zu wählen, selbst abgeblockt haben soll - am 8. Mai 2005 zusammen mit über fünftausend Gläubigen im Mailänder Dom. Dabei sagte er: "Manche sagen mit Recht, daß es viel Relativismus in der Welt gibt. Es gibt aber auch einen christlichen Relativismus, der alles auf den Augenblick bezieht, da die Geschichte klar beurteilt wird. Am Ende werden wir wissen, wer recht hatte. Dann werden alle menschlichen Taten in ihrem wahren Wert erscheinen. Jeder von uns wird Gott loben, wir werden nicht mehr auf Applaus oder Buhs hören, sondern es wird der Herr sein, der uns die endgültigen Maßstäbe von allem geben wird."


Zum Weiterdenken:

Sprachspiel: Gegen solche Glaubens-Verdünnung wandte sich Kardinal Ratzinger kurz vor seiner Wahl zum Papst: "Ähnliche Vorstellungen haben sich inzwischen in der katholischen Theologie ausgebreitet und werden mehr oder weniger deutlich auch in der Verkündigung vernehmbar. Die Gläubigen spüren es und fragen sich, ob man sie eigentlich an der Nase herumgeführt habe. In schönen Fiktionen zu leben, mag den Theoretikern der Religion gegeben sein; für den Menschen, der die Frage stellt, womit und wofür er leben und sterben könne, langen sie nicht. Der Abschied vom Wahrheitsanspruch, der der Abschied vom christlichen Glauben als solcher wäre, wird hier damit verzuckert, daß man Glaube als eine Art von Verliebtheit mit ihren schönen subjektiven Tröstungen oder als eine Art von Spielwelt neben der realen Welt weiter bestehen läßt. Der Glaube wird auf die Ebene des Spiels verlagert, während er bisher die Ebene des Lebens als solchen betraf. Der gespielte Glaube ist jedenfalls etwas grundlegend Anderes als der geglaubte und gelebte Glaube. Er gibt keine Wegweisung, sondern verziert nur. Er hilft uns nicht im Leben und nicht im Sterben; er gibt allenfalls ein wenig Abwechslung, ein wenig schönen Schein - aber eben nur Schein, und der reicht zum Leben und zum Sterben nicht aus" [Glaube - Wahrheit - Toleranz (Freiburg Basel Wien 2003), 174 f].

Jesu Nein zum Tempel: Das neue Volk Gottes (Düsseldorf 1972), 72

Kind im KIND: Die Unterscheidung zwischen der "natürlichen" Beziehung Geschöpf/Schöpfer und dem "übernatürlichen" innergöttlichen Verhältnis KIND/VATER ist für traditionell katholische Theologie ein unentbehrliches Denkzeug - damit ist über die Frage, ob eine bloß natürliche Beziehung möglich sei, nichts gesagt. Tatsächlich - so glauben wir - hat es eine solche nie gegeben, alle Menschen sind schon immer zur Gotteskindschaft berufen. Doch ist für die rechte Selbsteinschätzung eines Gotteskindes das Bewußtsein wichtig, daß diese Würde weder selbstverständlich noch unverlierbar ist - vor allem aber, daß sie allein sein innerstes Herz auszeichnet, keineswegs irgendwelche individuellen Besonderheiten. Die gehören allesamt der geschöpflichen Natursphäre an, kommen zwar innerhalb der beiden natürlichen Beziehungen [oben a) und b)] in Betracht, nicht aber [c)] im übernatürlichen Innenverhältnis des KINDes zum VATER. Dieses ewige KIND, in Jesus ein Mensch geworden, will auch in allen anderen Menschen seine göttlich-einfache Beziehung zum VATER verwirklichen.

Bloß Theater? Dieses Mißverständnis hinterfrage ich im Buch "Etappen der Großen Liebesgeschichte" (Nürnberg 2001), 20-23.

Kardinal Martini: THE TABLET 14 May 2005, 35. Es ist dort die Rede von "a dramatic counter-balance" Martini/Ratzinger.


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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