Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb ab Dezember 2001

Ich bin getauft - was bedeutet das?

Gedanken zum dreizehnten Sonntag im Jahreskreis


Wie verschieden die Zeiten sind! Als im frühen Mittelalter die Germanenstämme "bekehrt" wurden, traten die Leute reihenweise zur Taufe an; im 16. Jahrhundert sind dem hl. Franz Xaver bei Massentaufen in Indien fast die Arme erlahmt. Wenn heute eine junge Mutter ihr Kind zur Taufe anmelden will, lehnt der Pfarrer vielleicht ab: "Sie und Ihr Mann sind aus der Kirche ausgetreten. Da eine christliche Erziehung des Kindes nicht zu erwarten ist, wird es nicht getauft." "Aber meine Mutter legt doch solchen Wert darauf!"

Was ist der Sinn der Taufe? Paulus erklärt ihn in der zweiten Lesung so: "Wißt ihr denn nicht, daß wir alle, die wir auf Christus Jesus getauft wurden, auf seinen Tod getauft worden sind? Wir wurden mit ihm begraben durch die Taufe auf den Tod; und wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, so sollen auch wir als neue Menschen leben." "Wir wurden mit ihm begraben" - geheimnisvoller Satz. Den meisten Getauften ist er heute unverständlich. Denn wir waren Säuglinge damals, wußten nicht, was uns geschah. Anders war es bei den Empfängern des Römerbriefs. Sie sind als Erwachsene getauft, d.h. untergetaucht worden und wußten: So, wie meinem Leib jetzt der Atem wegbleibt, wie ich wirklich sterben müßte, wenn jemand mich hier unten festhielte, ebenso versinkt jetzt mein alter, selbstsüchtiger Mensch wahrhaft in der Teilhabe an Christi Tod. Was ich bisher war: isoliertes Individuum, einzig gültige Mitte meiner Welt, anmaßend und ängstlich zugleich, das geht jetzt unter. Und etwas anderes steigt nunmehr aus dem Tauchbecken heraus: ein lebendiges Glied am auferstandenen Leib Christi, nicht mehr anmaßend, denn auf meine Besonderheit kommt es letztlich nicht mehr an, nur auf mein Dabeisein. Und nicht mehr ängstlich, denn die tiefste Furcht, die vor dem Tod, geht einen schon Gestorbenen nichts mehr an. Egal wann der leibliche Tod mich packen wird, kann sein Würgegriff nur - indem er mich er-würgt - das Ereignis zum Abschluß bringen, womit ich jetzt bereits als Glied des sterbenden Christus total einverstanden bin. Paulus fährt fort: "Wenn wir nämlich ihm gleich geworden sind in seinem Tod, dann werden wir mit ihm auch in seiner Auferstehung vereinigt sein", sowohl auf der Linie der horizontalen Zeit zwischen Taufe und leiblichem Tod, als auch im Ewigkeits-Raum, zu dem diese begrenzte Linie samt all ihren Punkten für immer gehört. Denn als beseelte Glieder leben wir in Christi Leib: "Sind wir nun mit Christus gestorben, so glauben wir, daß wir auch mit ihm leben werden. Wir wissen, daß Christus, von den Toten auferweckt, nicht mehr stirbt; der Tod hat keine Macht mehr über ihn. Denn durch sein Sterben ist er ein für allemal gestorben für die Sünde, sein Leben aber lebt er für Gott. So sollt auch ihr euch als Menschen begreifen, die für die Sünde tot sind, aber für Gott leben in Christus Jesus."

Jene Christen, an die Paulus schrieb, verstanden diesen Abschnitt also recht gut. In ihre Tauf-Erinnerung können auch wir uns einfühlen, wenn wir - etwa im Badeurlaub oder nach dem Schwitzgang der Sauna - vollbewußt untertauchen und uns dabei beides klar machen: sowohl den Untergang des alten Menschen als auch, dann, den Aufgang des neu Belebten.

Eine Schwierigkeit bleibt. Ich wurde als Baby getauft, erinnere mich daran nicht. Wie soll ich glauben, damals sei Entscheidendes passiert? Liefe das nicht auf Magie hinaus? Welches Gottesbild steht hinter der Überzeugung, von einer solchen formellen kirchlichen Handlung hänge mein Wert in Gottes Augen ab? Sollte es vor dem Himmelreich ähnlich zugehen wie anfangs der 40er Jahre in Marseille? Damals harrten lange Schlangen jüdischer und anderer Flüchtlinge vor den Konsulaten südamerikanischer Länder aus, um vielleicht doch das rettende Visum für die Überfahrt zu ergattern; ohne diesen Stempel wurden sie nicht über die spanische Grenze gelassen. Als Einreisevisum ins Reich Gottes, so hat man die Taufe lange aufgefaßt - nicht ohne Zustimmung des Kirchenapparats; auf diesem Bewußtsein ruhte seine Macht. Ohne Stempel kein Einlaß, der juristische Vergleich klingt ähnlich provozierend wie der ökonomische "ohne Dreck keine Seife". Beide Gründe scheinen die Notwendigkeit der Taufe zu erklären, auf eine fies fundamentalistische Weise jedoch, die dem Glauben an Gottes Liebe ins Gesicht schlägt. Fragen wir deshalb: Was ist bei unserer Taufe tatsächlich passiert? Hatte jene so harmlose Familienfeier etwas mit den gewaltigen Aussagen des Römerbriefs zu tun, glich sie doch dem so heiß ersehnten Niedersinken des Visum-Stempels in den Paß? Kann der Zutritt zum Gottesreich an eine amtliche Formalität in einem bestimmten Augenblick geknüpft sein?

Folgende Sicht, scheint mir, wird sowohl unserem Glauben an Gottes all-bejahende, niemanden ausschließende Güte gerecht als auch dem traditionellen kirchlichen Verständnis der Heilsgeschichte. Wer eine solche grundsätzlich ablehnt, mag gute Gründe haben, ist aber kein Christ. Wohl kann sein Zeugnis für die Christenheit wichtig sein, damit sie die Idee von Heilsgeschichte und Erwählung nicht so fälscht und mißbraucht, wie es geschehen ist. Der folgende Denkvorschlag hält am Glaubenskern fest, vermeidet aber die unmenschlichen Wucherungen, die er früher - in manchen Gemütern immer noch - getrieben hat: Ja, schon die Kindertaufe besiegelt von Gott aus den Bund des Ewigen mit diesem neuen Menschen: Du gehörst zum gestorbenen und auferstandenen Leib des Gottmenschen Jesus. Was an dir krank, sterblich, sündig sein wird, sei es krebsartig wuchernd oder leprös-resigniert, das gilt MIR und gelte dir als schon in Jesu Tod mitgestorben. Was an dir lebendig ist, Freude für dich und Gewinn für die Erde, darf sprießen unter der Sonne meines unendlichen JA. Amen, so sei es. Noch bist du winzig, weißt nichts von dem Vertrag, den deine Eltern und Paten in deinem Namen mit MIR schließen. Du wirst aber davon erfahren und ihn dann mitunterschreiben.

Oder kündigen. Oder vergessen. Oder nie wirklich kennen. Was dann? Gibt es für jemanden, dem das Blatt mit dem Visum-Stempel abhanden kommt, keine Rettung? Und was ist mit den anderen, die das kirchliche Visum nie bekamen, sind sie allesamt verloren angesichts der vorrückenden Unheilsmächte? Deren Vormarsch ist nicht zu stoppen, bald haben die Todeshorden die Grenze erreicht, dann ist es für jede Rettung zu spät.

"Fest soll mein Taufbund immer stehn, ich will dem Herrn gehören." Wird mir bange, so taste ich nach der Brusttasche, fühle den Paß mit dem gültigen Visum und schreite gefaßt weiter auf die Grenze zu. "Dank sei dem Herrn, der mich aus Gnad' in seine Kirch' berufen hat." Beim Untertauchen im Saunabecken erneuere ich den Bund, "realisiere" - während die Luft mir zu fehlen beginnt - mein Eintauchen in Christus der "den Atem aufgab" = "den Geist übergab" (Joh 19,30), und juble beim Wiederauftauchen über mein neues, unsterbliches Leben in IHM. Nur deshalb kann ich das allerdings, weil ich hoffend überzeugt bin: Mein Kirchenkonsulat ist nicht die einzige Behörde mit Visum-Stempeln. Es muß andere geben. Von ihnen brauche ich aber nichts zu wissen. Die Grenzer des Himmelreichs kennen sich aus, das genügt. Vielleicht legt in ihrem Vorschriftenbuch ein Paragraph sogar fest: Sollte eine Person nicht nur kein Visum vorweisen können sondern auch den Paß verloren haben, so gilt kraft des Noach-Bundes (vgl. Gen 9,8-17) der Besitz eines menschlichen Antlitzes als Paß- und Visum-Ersatz. Und wenn jemand sein Visum ausdrücklich gekündigt hat? Falls er kein anderes vorweisen kann, hat er doch hoffentlich wenigstens einmal ein Zwiebelchen verschenkt ...

Grenzer, Paßkontrolle, Stempel, §§ - ist solche Theologie nicht kafkaesk? Mag sein. Doch warum eigentlich nicht? Jede Zivilisation braucht ihr passendes Glaubensverständnis. Franz Kafka hat die Realität seiner Zeit scharf gefühlt und meisterhaft ausgedrückt; als Christen haben wir das Recht, auch in dieser Sprache jenes umfassende JA "für alle Verheißungen Gottes" zu formulieren, welches sich in Christus ereignet hat (2 Kor 1,20). Dieser grandiose Offenbarungssatz ist der Christenheit wie ihren Kritikern bisher kaum bewußt geworden.

Das beweist z.B. der angeblich unüberbrückbare Abgrund, der bis heute auf beiden Seiten zwischen dem Christentum und Giordano Bruno vermutet wird. Er, im Februar 1600 zu Rom verbrannt, ist eine der vorhin erwähnten Gestalten, deren Überzeugung als ganze unchristlich und dennoch wegen ihrer wahren Impulse für das Christentum wichtig ist: als Sturm, der angesammelten Ideendreck fortwirbelt, als Gegenpol, ohne den unser Denken aus der Balance stürzt. Das von Bruno als erstem geahnte unendliche Weltall ohne Mitte, von unendlich vielen belebten Gestirnen erfüllt, widerspricht zwar der Kosmologie der Urchristen, keineswegs aber ihrem Glauben. Deshalb halte ich das folgende Urteil für falsch: "Die Lehre vom eingeborenen Gottessohn ist, kosmisch gesehen, provinziell, ja absurd." Nein, auch für Anhänger des heutigen Weltbildes ist der Christusglaube weder provinziell noch absurd. Nehmen wir an, der Weltraum sei nicht (wie ein indischer Physiker vermutet) eine bloß virtuelle Realität sondern ebenso real wie unsere Erde und von unermeßlich vielen belebten Planeten durchzogen (welche der beiden Hypothesen stimmt, läßt sich bislang auf keine Weise wissen). Dann spricht theologisch nichts dagegen, daß der ewige SINN in Person nicht nur hier, auf Terra von Sol, sondern auf manchen, vielen oder gar allen belebten Sternen "einer von uns" geworden ist. Thomas von Aquin, katholischster aller Kirchenlehrer († 1274), hielt eine Mehrfach-Inkarnation prinzipiell nicht für ausgeschlossen!

Jedes solche Ereignis ist für die, denen es geschieht, das Eigentliche, eben der Visum-Stempel des für sie einzig zuständigen Amtes. Ein aktuelles Gleichnis hilft weiter. Haben die zehntausende Koreaner, die in flammendem Rot ihre Mannschaft anfeuerten, sich provinziell verhalten? Ebenso wenig wie die Deutschen, die für ihre Weißschwarzen gebangt und mit ihnen gejubelt haben. Einem Lebewesen liegt objektiv Nahes auch subjektiv im allgemeinen näher als Fernes, Ausnahmen bestätigen die Regel. Ich kenne einen Menschen, der einmal solidarisch mit dem gepeinigten, seit Jahren in der Engelsburg eingekerkerten Giordano Bruno Psalm 12 rezitierte. "Mit glatter Zunge reden sie, zwiespältig ist ihr Leben. Ausrotten soll ER die Lügenredner und die Großmäuler alle!" Da wird plötzlich ein seelischer Schalter umgelegt. War jener geniale Ex-Dominikaner nicht selbst das allerschlimmste Großmaul? Hat er nicht den Glauben so vieler Kleiner rücksichtslos verspottet und, soweit an ihm lag, ruiniert? Daran gibt es keinen Zweifel. Hatten die Kardinäle also recht, den Ketzer brennen zu lassen? Nein. Glaube darf sich nur auf Zeugnis und Gründe stützen, nie auf Gewalt. Doch unterlag Bruno demselben Fehlschluß wie sein Tribunal: Weil ich recht habe, bist du im Unrecht. Mag der Trugschluß damals unentrinnbar gewesen sein - wir dürfen ihm nicht verhaftet bleiben, müssen vielmehr durch unser Leben die Doppelwahrheit bezeugen: Eben weil Gottes Schöpfergüte unendlich ist, hat jedes Endliche sein eigenes Recht gegen alle Übermächtigung seitens abstrakter Allgemeinheit. Brunos Vision war der Anbruch großer Zukunft, das von ihm mit dem klerikalen Badewasser zusammen ausgeschüttete Jesuskind lächelt jedoch auch im neuen Jahrtausend freundlich jedem seiner Geschwister zu, das sich seiner Taufe freut. Anders als lange angenommen, hat sogar die leidenschaftlich anti-elitäre Simone Weil sich zuletzt taufen lassen, von einer Freundin aus dem Wasserhahn.

"WORAUF MAN IN EUROPA STOLZ IST
Dieser Erdteil ist stolz auf sich, und er kann auch stolz auf sich sein. Man ist stolz in Europa:
Deutscher zu sein.
Franzose zu sein.
Engländer zu sein.
Kein Deutscher zu sein.
Kein Franzose zu sein.
Kein Engländer zu sein."

Dies schrieb Kurt Tucholsky sieben Jahre vor dem zweiten Weltkrieg. Sich als Hochmut gegen die anderen mißverstehend, hat der unselige Stolz die Erde verwüstet, tut es bis heute. Trotzdem dürfen wir nicht versuchen, ihn zugunsten eines nur globalen Einheitsbewußtseins auszurotten. Nicht zufällig erstarkt eben jetzt vielerorts der Regionalismus. Nicht nur beim Fußball darf jedem seine Nah-Identität am Herzen liegen.

Auch in der Religion. Trauen wir uns denn, unsere christliche ebenso intensiv zu leben wie die Urchristen und die Heiligen in Mittelalter und Neuzeit. Tauchen wir neu ein ins Geheimnis unserer Taufe, die tiefsinnigen Gedanken eines Karl Barth können dabei helfen. Vernimmt mein Ohr in der Nähe eine Wespe, ruft es die Hand zu Hilfe. Wird die ökumenisch antworten "o nein, ich bin lieber wie du und höre mit zu"? Das wäre nicht im Sinn des Ganzen. Wie sollen gläubige Muslime und unser gemeinsamer Richter uns achten, wenn wir weder wissen noch sein wollen, WER wir sind?


Zum Weiterdenken:

Auf Christus Jesus getauft: genauer "in Christus (bzw. in seinen Tod) hinein getauft werden". Denn mag das griechische Wort für "taufen" (baptizo), das ursprünglich "eintauchen" heißt, auch sehr rasch "technisch" geworden sein, so wird man schwerlich leugnen können, daß Paulus die ursprüngliche Bedeutung "tauchen", "eintauchen" noch durchhören konnte; dieser Rückgriff auf den Sinngehalt "eintauchen" war vortrefflich geeignet, die besondere und letztlich unvergleichliche Innigkeit der Beziehung zwischen dem Bringer und dem Empfänger des Heils in einem kühnen, der Taufpraxis entliehenen Bilde zu malen: "in Christus eingetaucht werden", "in seinen Tod eingetaucht werden". (Otto Kuss, Der Römerbrief [Regensburg 1957], 296)

Würgegriff: "Eure Taufe ist nichts anderes denn ein Würgen der Gnade oder ein gnädiges Würgen, dadurch die Sünde in euch ersäuft wird, damit ihr unter der Gnade bleibet und nicht durch die Sünde unter Gottes Zorn verderbet. Denn so du dich taufen läßt, so gibst du dich unter das gnädige Ersäufen und barmherzige Töten deines lieben Gottes und sprichst: ersäufe und würge mich, lieber Herr; denn ich will nunfort gerne mit deinem Sohn der Sünde gestorben sein." (Martin Luther)

Ohne Dreck keine Seife: Mit diesem Einwand erklärt der unkirchliche Vater eines Täuflings die Funktion von Erbsünde und Taufe fürs kirchliche Marketing. Wie antwortet der Pfarrer in der Taufpredigt darauf?

Christus der "den Atem aufgab": Am Ende von "Singet", der gewaltigsten aller Bach-Motetten, beginnt der Baß unmittelbar nach einer anderen Melodie (so daß zum Atmen kaum Zeit bleibt) mit einer langen Koloratur die Schlußfuge auf den Text "Alles, was Odem hat, lobe den Herrn". Der Hauptakzent ("lo") kommt erst als 35. Note! Einmal hatte ein Sänger so gut wie keinen Odem mehr, als der Nebensatz endlich vorbei und das entscheidende Bekenntnis dran war; mit letzter Kraft warf er sich auf diese Silbe, schmetterte sie ins Schweigen des Jüngsten Gerichtes hinein mit dem brennenden Vertrauen: dies soll gelten von meinem Leben, wenn alles vorbei ist, dies - und nichts von dem, was ihm widerspricht. Später begriff er die winzige Teilhabe am Geschick Christi. Hat nicht auch Jesus, der die Fülle des Odems hatte, den Heiligen Geist, mit letztem Atem ("er gab den Geist auf" - Joh 19,30) Gott verherrlicht?

Zwiebelchen: "Es lebte einmal ein altes Weib, das war sehr, sehr böse und starb. Diese Alte hatte in ihrem Leben keine einzige gute Tat vollbracht.
Da kamen denn die Teufel, ergriffen sie und warfen sie in den Feuersee. Ihr Schutzengel aber stand da und dachte: Kann ich mich denn keiner einzigen guten Tat von ihr erinnern, um sie Gott mitzuteilen?
Da fiel ihm etwas ein, und er sagte zu Gott: "Sie hat einmal" , sagte er, "in ihrem Gemüsegärtchen ein Zwiebelchen herausgerissen, und es einer Bettlerin geschenkt." Und Gott antwortete ihm: "Dann nimm", sagte er, "dieses selbe Zwiebelchen, und halte es ihr hin in den See, so daß sie es zu ergreifen vermag, und wenn du sie daran aus dem See herausziehen kannst, so möge sie ins Paradies eingehen, wenn aber das Pflänzchen abreißt, so soll sie bleiben, wo sie ist." Der Engel lief zum Weibe und hielt ihr das Zwiebelchen hin: "Hier", sagte er zu ihr, "faß an, wir wollen sehen, ob ich dich herausziehen kann!" Und er begann vorsichtig zu ziehen - und hatte sie beinahe schon ganz herausgezogen, aber da bemerkten es die anderen Sünder im See, und wie sie das sahen, klammerten sie sich alle an sie, damit man auch sie mit ihr zusammen herauszöge. Aber das Weib war böse, sehr böse und schrie:
"Nur mich allein soll man herausziehen und nicht euch, es ist mein Zwiebelchen und nicht eures!" Wie sie aber das ausgesprochen hatte, riß das kleine Pflänzchen entzwei. Und das Weib fiel in den Feuersee zurück und brennt dort noch bis auf den heutigen Tag. Der Engel aber weinte und ging davon." [Dostojewski, Die Brüder Karamasow, III 7 3]

Provinziell, ja absurd: "Von den Grundpositionen der Naturphilosophie Brunos lassen sich keine Brücken schlagen zu christlichem Denken und Glauben. Die Vorstellung von dem einen unendlichen All als Abbild der göttlichen Einheit, von der unendlichen Zahl bewohnter Welten, vom Kreislauf der Seelenmonaden, vom Prinzip der kosmischen Gerechtigkeit und der Notwendigkeit des göttlichen Willens ist essentiell antichristlich, widerspricht radikal dem christlichen Gottes- und Schöpfungsbegriff ... Das Christentum ist eine natur- und kosmosfeindliche Religion. Der christliche Erlösungsbegriff verneint den Gedanken der kosmischen Gerechtigkeit, negiert den Kreislauf der Seelenmonaden durch alle Reiche und Bewußtseinsstufen. Der christliche Gottesbegriff ist anthropomorph. Der Trinitätsgedanke widerstreitet der göttlichen Einheit. Die Lehre vom eingeborenen Gottessohn ist, kosmisch gesehen, provinziell, ja absurd. Eine Weltschöpfung aus dem Nichts hat es nicht gegeben und kann es nicht geben, denn es ist ewig alles vorhanden, was überhaupt vorhanden sein kann. So könnte man thesenartig einige der wichtigsten antichristlichen Gedanken des Nolaners umschreiben." (Jochen Kirchhoff, Giordano Bruno, Reinbek 1980, 120.128)

Indischer Physiker: Amit Goswami, Das bewußte Universum. Wie Bewußtsein die materielle Welt erschafft (Freiburg 1995; siehe diese Predigt).

Mehrfach-Inkarnation: "Man darf also nicht sagen, die göttliche Person habe eine menschliche Natur so angenommen, daß sie nicht eine andere annehmen könnte. Denn daraus schiene zu folgen, daß die Personheit der göttlichen Natur von einer menschlichen Natur so umfaßt wäre, daß zu ihrer Personheit eine andere nicht angenommen werden könnte. Das ist unmöglich: denn das Ungeschaffene kann vom Geschaffenen nicht umfaßt werden." (Thomas von Aquin, S.Th. III q 3 a7)

Rücksichtslos verspottet: "Es ist in diesem Zusammenhang bemerkenswert, daß Mocenigo [der Venezianer, der Bruno eingeladen hatte aber von dessen Magie-Lektionen enttäuscht war] in seinem ersten Denunziationsschreiben vom 23. Mai 1592 die gesprächsweise geäußerte Kennzeichnung des Nazareners als "Betrüger" besonders herausstellt: ‚... daß ich den Giordano Bruno aus Nola bei verschiedenen Gelegenheiten, indem er sich mit mir in meinem Hause unterhielt, sagen hörte, es sei ein großer Blödsinn seitens der Katholiken, zu behaupten, das Brot verwandle sich in Fleisch; er sei ein Feind der Messe; ihm gefalle keine Religion; Christus sei ein Betrüger gewesen und habe, wenn er, um das Volk zu verführen, betrügerische Werke ausübte, leicht voraussagen können, daß man ihn hängen werde ...'" (Kirchhoff, S. 126)

Simone Weil

Karl Barth: "Von einem Sterben redet das Zeichen der Taufe zu denen, die merken können. Getauftwerden heißt Eingetauchtwerden, Verschwinden im fremden Element, Verhülltwerden von der reinigenden Flut. Der dieses Wasser verläßt, ist nicht der, der es betreten hat. Einer ist gestorben, ein anderer ist geboren. Mit dem einen, der gestorben ist, ist der Getaufte nicht mehr identisch. Denn Zeugnis ist uns die Taufe vom Tode des Christus, in welchem der rücksichtslose, der radikale Anspruch Gottes auf den Menschen triumphierte. Wer auf den Namen des Christus getauft ist, der ist einbezogen in dieses Ereignis, verschwunden und verloren in diesen Tod, verschlungen und bedeckt von diesem Anspruch Gottes. Und damit ist er von der Insolenz und Illusion menschlicher Gottähnlichkeit absolut abgeschnürt und abgeschnitten; denn was soll davon übrig bleiben angesichts des Kreuzes? Er hat seine Identität mit dem Menschen, der die Sünde weiß und will, eingebüßt. ...
So klar es ist, daß die Erweckung Jesu von den Toten kein Ereignis von historischer Ausdehnung neben den andern Ereignissen seines Lebens und Sterbens ist, sondern die ‚unhistorische' Beziehung seines ganzen historischen Lebens auf seinen Ursprung in Gott, so klar ist es andrerseits, daß auch mein in der Kraft der Auferstehung als Notwendigkeit und Wirklichkeit in mein Dasein sich hereindrängendes ‚Wandeln in Lebensneuheit' weder in meiner Vergangenheit, noch in meiner Gegenwart, noch in meiner Zukunft etwa Ereignis neben andern Ereignissen ist und wird. Sondern als das Dürfen, Können, Müssen und Wollen meines in Christus neu geschaffenen Ich, als die Bestätigung meines ‚Bürgertums im Himmel' (Phil 3,20) [das ist eine korrekte Übersetzung von »politeuma«, noch genauer ist »Bürgerrecht«. Es ist ein juristisch-politischer Begriff. Das Gefühlswort »Heimat« der Einheitsübersetzung (ein deutsches Herzwort, wie frz. élan) ist nicht falsch, aber im rechtlichen Vollsinn zu deuten. Bürgerrecht heißt heute Paß. Dieser Paulussatz ist die biblische Grundlage meines Visum-Gleichnisses. jk], als die Lebendigkeit meines mit Christus in Gott verborgenen Lebens (Col 3,3) ist dieses ‚Wandeln in Lebensneuheit' mein unsichtbarer Blick- und Beziehungspunkt, die Krisis, die mein Endliches durch mein Unendliches erfährt, die Drohung und Verheißung, die unzeitlich-unanschaulich jenseits aller zeitlich-anschaulichen Ereignisse ‚meines' Lebens steht." [Karl Barth, Der Römerbrief (1926), 172 f. 175; auf S. 173 steht das Luther-Zitat.]


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Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/taufe.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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