Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb ab Dezember 2001

Trau dich, das dir Anvertraute - also Zugetraute - zu leben!

Gedanken zum dreiunddreißigsten Sonntag im Jahreskreis


Das Wort "Talent" ist ein Beispiel dafür, wie sehr die Bibel unsere Sprache beeinflußt hat. Als Jesus das heutige Gleichnis vortrug, war ein Talent nichts weiter als ungefähr ein halber Zentner Gold, also eine gewaltige Geldmenge. Seinen heutigen Sinn: Begabung, mit der sich etwas anfangen läßt, ihn verdankt das Talent unserer Erzählung. Durch Jahrhunderte immer wieder vorgelesen und in Predigten eingeschärft, haben die Talente jene symbolische Bedeutung, die das Gleichnis ihnen zuspricht, allmählich schon in ihren Wortsinn übernommen, bis bei "Talent" heute niemand mehr an einen Goldbatzen denkt, jeder an eine von Gott oder der Natur gegebene Fähigkeit, aus welcher der Mensch das Beste machen soll, sonst verfehlt er sich gegen seine Talente. Kann eine literarische Schöpfung mehr erreichen?

Die Botschaft des Gleichnisses scheint klar: Was du bist, kannst, hast, ist des Schöpfers Gabe an dich, aber nicht für dich allein sondern für das Wohl des Ganzen. Nicht Eigentümer unserer Fähigkeiten und Besitztümer sind wir sondern Treuhänder, die dem wahren Eigentümer gegenüber zuletzt verantworten müssen, was sie mit ihren Talenten gemacht haben.

So wie Jesus die Geschichte erzählt, läuft sie allerdings auf ein hartes Paradox hinaus: Ausgerechnet der Diener, der den Herrn am meisten gefürchtet hat, wird zuletzt bestraft. Die anderen beiden, die anscheinend unbekümmert mit dem Geld drauflos wirtschafteten, werden reich belohnt. Der dritte hingegen sagt zum Herrn: "Herr, ich wußte, daß du ein strenger Mann bist; du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst, wo du nicht ausgestreut hast; weil ich Angst hatte, habe ich dein Geld in der Erde versteckt. Hier hast du es wieder." Daraufhin nennt der Herr ihn schlecht und faul: "Hättest du mein Geld wenigstens auf die Bank gebracht, dann hätte ich es bei meiner Rückkehr mit Zinsen zurückerhalten."

Es hilft nichts: Mündige Christen müssen sich entscheiden, was für sie "die Mitte der Schrift" ist. Von welchem Punkt aus, besser: als welche Spannung zwischen welchen Sinn-Polen verstehe ich das uns überkommene Glaubensgebäude? Was ist meine Urfrage, und welche Antwort vernehme ich aus dem Mund des Offenbarers? Wer dieser Entscheidung ausweichen will - aus Feigheit? aus vermeintlicher Demut? - wählt auf andere Weise doch, nämlich zwischen der oder jener kirchlichen Autorität, deren Deutung er übernimmt.

Vielleicht entdeckt jemand beim Hören des heutigen Evangeliums als sein Hauptproblem die Angst des dritten Dieners. Das Gleichnis endet schrecklich: "Nehmt ihm das Talent weg und gebt es dem, der die zehn Talente hat! Denn wer hat, dem wird gegeben, und er wird im Überfluß haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat. Werft den nichtsnutzigen Diener hinaus in die äußerste Finsternis! Dort wird er heulen und mit den Zähnen knirschen." Die (psycho)logische Folge solcher Drohung ist scheinbar nichts als Angst: die Angst des Angestellten, der etwas versiebt hat und bibbert, wie die Sache ausgehen wird. Hört ein solch angstbebendes Gemüt nun, das Schlimme sei gerade die Angst und, je mehr es sich fürchte, um so mehr Grund habe es dazu: dann wird der Teufelskreis ausweglos. Wer verwirklicht schon alle Talente? Egal wie fleißig, auch erfolgreich eine(r) ist: bei angespannter Mühe wäre mehr zu erreichen gewesen! Spürt man dann, wie diese Angst einen noch schlimmer lähmt, so heißt es einsehen: Das Talent-Gleichnis weckt nur die Frage auf. Zur Antwort wird es erst zusammen mit einer anderen Botschaft: eben meiner Mitte der Schrift. Welche ist das?

Für fromme Protestanten ist es z.B. wie für Martin Luther und manche Verfasser des Neuen Testaments die Rechtfertigung des Sünders dank Jesu Kreuzestod. Wer als Kind so gelehrt worden und durch tiefe Erfahrungen in diesen Glauben hineingewachsen ist, lebe ihn dankbar und schöpfe aus ihm die Kraft, seine Talente Tag für Tag auf Jesu Spur im Sinn seiner Opferliebe einzusetzen. Viele Heilige - nicht nur evangelische - haben bewiesen, wie fruchtbar das geht.

Freilich dürfte heute die bittere Erfahrung nicht ausbleiben, daß man diesen Glauben den meisten Zeitgenossen nicht mitteilen kann. Sie wenden sich schaudernd ab von einem Gott, der des eigenen Sohnes Blut fordert, um aus der "verdammten Masse" der Sünder wenigstens ein paar zu retten. Einen solchen Chef des Universums können sie nicht ernstnehmen. Ich auch nicht.

Bevor ich statt dieser urchristlichen Denklinie eine andere als Rettungsseil packe, sei gefragt: wie kam es zu ihr? Die Antwort von Eugen Biser klingt überzeugend: Der Sühnegedanke "drang, wie schon Nietzsche erkannte, erst nachträglich in das Christentum ein, in erster Linie wohl durch die Mitglieder der Priestergruppe, die sich (nach Apg 6,7) der jungen Christengemeinde anschlossen und mit ihrem Wissen um den jüdischen Opferkult die Antwort auf die die Christen der ersten Stunde bedrängende Frage mitzubringen schienen, warum Jesus sterben und warum er den entsetzlichen Kreuzestod erleiden mußte. Denn eine plausiblere Antwort auf das, wie F. Nietzsche formulierte, schreckliche Fragezeichen ‚Warum gerade so?' schien nicht denkbar als die sich nun geradezu aufzwingende: Er starb als das alle früheren Opfer unendlich überbietende Sühneopfer ‚nicht nur für unsere Sünden, sondern für die Sünden der ganzen Welt' (1 Joh 2,2). Damit übernahm Jesus nicht nur die Rolle des sühnenden Stellvertreters der Menschheit vor dem Angesicht Gottes, sondern gleichzeitig auch eine psychologische Funktion: Er stand, wiederum stellvertretend, für das Bedürfnis des Menschen nach Selbstbestrafung und Sühneleistung, das seinem Sündenbewußtsein entsprungen war."

Ja: Für die ersten Judenchristen, denen in Tempelnähe der Duft der Brandopfer in die Nase stieg, für sie war die Rede von Jesu blutigem Sühneopfer, das alle anderen Opfer überflüssig macht, die Erlösungsbotschaft. Wer sie deshalb auch Zeitgenossen aufreden will, macht es wie ein Arzt, der ein starkes Gegengift, weil es gestern einem Schlangenopfer half, heute einem Gesunden spritzt und sich empört gegen den Vorwurf wehrt, an dessen Krankheit schuld zu sein.

Auch Luthers Zeit ist nicht mehr die unsere. Fast niemand quält sich wie jener junge Mönch mit Bußübungen und langen Gebeten herum, um "einen gnädigen Gott zu kriegen". Tut eine Seele es doch - etwa ein Opus-Dei-Mitglied in der Krise - kann Luthers Heilserfahrung ihr auch heute Erlösung schenken, wenn der Heilige Geist es nicht vorzieht, sie geistlich in ihre eigene Zeit zu befördern.

Ein Teufelskreis endet mit dem Zusammenbruch entweder der Person oder ihres falschen Verständnisses der Situation. Aus dem rational unauflösbaren Paradox rettet allein vernünftiger Glaube: "Furcht gibt es in der Liebe nicht, sondern die vollkommene Liebe vertreibt die Furcht. Denn die Furcht rechnet mit Strafe, und wer sich fürchtet, dessen Liebe ist nicht vollendet" (1 Joh 4,18). Liebe vertreibt die Furcht. Vernehmen wir wieder Eugen Biser, diesmal seine beglückende Fassung der Osterbotschaft: "Durch die Auferstehung wurde der Gekreuzigte nicht nur auf einzigartige Weise gerechtfertigt; sie erwies seinen Tod auch, wie dies Paulus in seiner Damaskusstunde erfuhr, als den Gipfel der göttlichen Selbstoffenbarung. Durch sie gab Gott dem Kreuzestod Jesu die authentische Deutung, die in dem blutigen Text des Kreuzes (nach 2 Kor 4,6) sein Wesensgeheimnis, die bedingungslose Liebe, aufscheinen ließ. Nur in Form einer Mutmaßung läßt sich freilich die Tatsache erklären, daß diese göttliche Interpretation von der scheinbar plausibleren des Opfertodes überlagert und von diesem aus dem Glaubensbewußtsein verdrängt wurde. Wie konnte es dazu kommen? Grundsätzlich geantwortet: weil eine zweckhafte Erklärung unmittelbarer einleuchtet als eine strenge Sinndeutung. Demgegenüber wird eine genetische Erklärung von der sich aus unterschiedlichen - psychologischen wie kommunikationstheoretischen - Gründen verzögernden Rezeption des Osterglaubens auszugehen haben. Darauf könnte die "Schwerfälligkeit" und "Herzenshärte" hinweisen, die der Auferstandene den von seiner Erscheinung überraschten Jüngern wiederholt zum Vorwurf macht."

O Freude! Die Zeit der Herzenshärte ist den wacheren Jüngern des Auferstandenen wieder einmal vorbei. Begeistert verstehen sie, was ihr Meister gemeint hat. Wer Jesu Heiligen Geist, die überströmende Huld des Ganzen, so erleben darf, daß Eigensucht wie Sklavenangst weggeschwemmt wird, sie oder er sieht ein: Gott mag weder Egoisten noch Duckmäuser. "Gottes Ehre - der lebendige Mensch", diese Einsicht des Bischofs Irenaeus von Lyon aus dem dritten Jahrhundert faßt die Wahrheit unseres Gleichnisses schön zusammen. Eltern wünschen sich regsame, mutige Kinder, die für sich und die Welt das Beste aus ihren Anlagen machen. Weil solche Eltern ein stimmiges Gottesbild sind, deshalb hat Jesus seinen Gott öffentlich "Papi!" genannt. In diesem Kontext müssen wir das Gleichnis von den Talenten verstehen. Solange die Rechenschaft für sie bloß von einem kalten, fremden Herrn eingefordert wird, ist die Gefahr groß, daß wir uns wie der dritte Diener verhalten und, statt munter loszuhandeln, vor lauter Angst unser Talent feige vergraben.

Auf einmal enthüllt sich ein ebenso ernster wie anspornender aktueller Sinn unseres Gleichnisses als gesagt der real existierenden Christenheit als ganzer. Was ist das ihr anvertraute Talent? Nichts anderes als Jesu - an Ostern göttlich bekräftigte - Verkündigung: Gottes Reich bricht schon herein. Lernen wir, was das heißt, furchtlos vom modernen Propheten Friedrich Nietzsche, dessen geistige Zunge durch des Pfarrerskindes Gottesvergiftung so ungemein reizbar geworden war:
Was heißt "frohe Botschaft"? Das wahre Leben, das ewige Leben ist gefunden, - es wird nicht verheißen, es ist da, es ist in euch: als Leben in der Liebe, in der Liebe ohne Abzug und Ausschluß, ohne Distanz. Jeder ist das Kind Gottes - Jesus nimmt durchaus nichts für sich allein in Anspruch -, als Kind Gottes ist jeder mit jedem gleich ...
In der ganzen Psychologie des "Evangeliums" fehlt der Begriff Schuld und Strafe; insgleichen der Begriff Lohn. Die "Sünde", jedwedes Distanz-Verhältnis zwischen Gott und Mensch ist abgeschafft - eben das ist die "frohe Botschaft". Die Seligkeit wird nicht verheißen, sie wird nicht an Bedingungen geknüpft: sie ist die einzige Realität - der Rest ist Zeichen, um von ihr zu reden ...
Der tiefe Instinkt dafür, wie man leben müsse, um sich "im Himmel" zu fühlen, um sich "ewig" zu fühlen, während man sich bei jedem andern Verhalten durchaus nicht "im Himmel" fühlt: dies allein ist die psychologische Realität der "Erlösung". - Ein neuer Wandel, nicht ein neuer Glaube ...
Wenn ich irgend etwas von diesem großen Symbolisten verstehe, so ist es das, daß er nur innere Realitäten als Realitäten, als "Wahrheiten" nahm - daß er den Rest, alles Natürliche, Zeitliche, Räumliche, Historische nur als Zeichen, als Gelegenheit zu Gleichnissen verstand. Der Begriff "des Menschen Sohn" ist nicht eine konkrete Person, die in die Geschichte gehört, irgend etwas einzelnes, einmaliges, sondern eine "ewige" Tatsächlichkeit, ein von dem Zeitbegriff erlöstes psychologisches Symbol. Dasselbe gilt noch einmal, und im höchsten Sinne, von dem Gott dieses typischen Symbolisten, vom "Reich Gottes", vom "Himmelreich", von der "Kindschaft Gottes".
[Der Antichrist, 29.33f.]

Ja: Auch so läßt der Wein des Evangeliums sich beschreiben. Was wahr ist, darf die Christenheit, wofern sie es vergessen hat, sich auch von einem ihrer schärfsten Gegner neu reichen lassen, so wenig wir sein vernichtendes Urteil über unser kirchliches Glas teilen müssen. Als nach Karfreitag und Ostern Jesus als Christus seine Kirche durch die Jahrtausende geleitete, wurde notwendigerweise, damit der Wein nicht nur köstlich sondern auch haltbar sei, die Glasfrage wichtig. Nicht so vordringlich wichtig, wie kirchliche Autoritäten überall (nicht nur im Vatikan) zu meinen versucht sind, zeitlich wichtig aber schon. Ein antikes Talent war kein Haufen roher Nuggets, sondern eine sorgsam gefertigte Scheibe aus Gold; ähnlich bedarf das christliche Heilstalent immer neu einer kirchlichen Formung.

Doch nicht wie an ihr zu arbeiten sei, ist heute unser Thema. Sondern wie wir mit dem uns überkommenen Talent kreativ umgehen, mit Jesu Christi erlösender Heilszusage an alle, unabhängig von ihrer Vergangenheit oder Ideologie. Da ist vermutlich von Brückenchristen wie Küng, Boff, Drewermann und Willigis Jäger Brauchbareres zu lernen als von offiziellen Lehramtswächtern. Deren Sorge für das Glas ist ehrenwert, lenkt jedoch vom Verkosten und Ausschenken des Weins allzuleicht ab. Sind nicht gerade sie exakt in der Gefahr, vor der Jesus heute warnt: ihr - und unser! - Heilstalent, auf das es absolut ankommt, furchtsam zu vergraben statt es voller Phantasie gemeinwohlfördernd zu investieren?


Zum Weiterdenken:

Zinsen: Wer meint, Jesus habe damit den Kapitalismus im Prinzip bejaht, sei vorsichtig: Das hätte er nur, wenn feststünde, daß dieser Umstand des Gleichnisses zu seinem Aussageinhalt gehört, nicht nur zum Bild. Das steht jedoch keineswegs fest. Wer - etwa aus Verbundenheit mit gläubigen Muslimen - Jesus nicht als Zinsverteidiger denken will, bezieht auf Gott nur die Rechenschaftsforderung als solche, während deren konkrete Ausgestaltung, das Verlangen nach Zinsen, das Gleichnis nur farbiger machen, in sich aber nicht als gut hingestellt werden soll. Für die Frage nach der christlichen Einschätzung von Zinsen gibt das heutige Evangelium nichts her.

Eugen Biser: Bindet ihn los! Zur Frage nach dem Sinn des Todes Jesu.
In: Lebendiges Zeugnis 51 (1996) 54-66. Auch online.

Jesu blutiges Sühneopfer: Siehe dazu meine Antwort an Uta Ranke-Heinemann.

Glas: Vorsicht Splitter! Gedanken im Anschluß an einen alten surrealistischen Witz.

Drewermann: Seiltanz zwischen Verheißung und Ja. Eine Farce.

Zu Willigis Jäger noch ein Friedensvorschlag: Zweierlei Brückenchristen.


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Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/talente.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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