Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr B

Heilung von einer aktuellen Stummheit

Gedanken zum dreiundzwanzigsten Sonntag im Jahreskreis


Die Geschichte, wie Jesus den Taubstummen geheilt hat, gehört zu den am meisten besprochenen Szenen seines Lebens. Angenommen, es gibt im Himmel eine Abteilung Statistik, dann wüßte ich gern, wie viele Predigten in wie vielen Sprachen in den bisher fast zweitausend Jahren über dieses Evangelium schon gehalten worden sind (die Frage ist nur, ob das DANN, wenn es sich feststellen läßt, noch interessant ist). Viele Ausdeutungen bieten sich an. Leben nicht in zahlreichen Ehen er und sie wie taub und stumm nebeneinander her, weil er ihr Keifen nicht mehr hören kann, während sie das, worauf er lauscht und was sie eigentlich meint, nicht über die Lippen bringt? Oder wie oft mag ein Hirt auf der Kanzel seinen Schmerz darüber kundgetan haben, daß seine Schafe so gar nicht auf ihn hören.

"Er macht, daß die Tauben hören und die Stummen sprechen." Ein solches Heilungswunder vollzieht sich auch in unseren Tagen, im Großen und an der Kirche als ganzer. Bei nicht wenigen Christen ist der eine Teil schon gelungen, der andere steht noch aus. Ihr Gehör ist bereits weit offen, muß sich nicht mehr - wie es früher Vorschrift und fast selbstverständlicher Brauch war - dem vielstimmigen Durcheinander der menschheitlichen Sinnrufe ängstlich verschließen. Man ist in Freundschaft verbunden mit Muslimen, Buddhisten, Gottesleugnern, hört ihnen zu, nicht nur höflich, sogar lernbereit, wissen wir doch, daß der christliche Glaube zwar an sich die volle Heilswahrheit enthält, keineswegs aber der Teil von ihm, den unser Bewußtsein schon ausdrücklich erfaßt; insofern können einzelne Christen und sogar die Christenheit sich von den anderen in ungeheuchelter Demut zum klareren Verständnis ihres Eigenen helfen lassen. In diesem Sinn kann man sagen, daß unsere Ohren eben dabei sind, sich zu öffnen, von Jahrhunderte langer Taubheit werden sie allmählich geheilt.

Der Zunge geht es umgekehrt. Stumm war die Christenheit früher nicht, von Anfang an hat sie die ihr geschenkte Wahrheit laut verkündet, in allen Ländern wurde sie gehört. Bis vor kurzem war den Christen das eine gewiß: Wir kennen Gottes endgültige, umfassende Selbstoffenbarung, wir haben die einzige Wahrheit, jede andere Sinndeutung trifft bestenfalls insoweit zu, als sie mit unserer übereinstimmt. Eben diese Überzeugung war der Grund für unsere Taubheit den anderen gegenüber: Das Fremde, was uns von ihnen aus erreichte, durften, konnten, wollten wir nicht hören. Je mehr diese Taubheit weicht, um so schärfer spüren viele von uns eine neue, früher nicht gekannte Stummheit. Dem Sinnlärm von überall her ausgesetzt, verschlägt es uns die eigene Stimme.

Ein junger Mann, katholisch getauft, liberal aufgewachsen, fragte mich nach meiner Einschätzung des Buddhismus; er habe den Eindruck, diese Religion könnte ihm entsprechen. Zwar warnte ich ihn vor spirituellem Konsumismus, betonte die Strenge, die dieser Heilsweg seinen echten Anhängern abverlangt, riet ihm auch, doch einmal als Erwachsener das Evangelium zu lesen und nach einer lebendigen Gemeinde von Christen zu suchen. Und solange du - meinte ich - keinen klaren Weg vor dir siehst, ist eben diese Suche nach dem Weg anscheinend dein Weg, nicht schlechter als andere, wie eine durch und durch schwarz bemalte Leinwand nicht minder deutlich zu sehen ist als ein reich ausgestaltetes Gemälde: daß du siehst, ist entscheidend, nicht was du siehst.

Er schien von dem Gleichnis angetan, trotzdem bin ich im Rückblick mit meiner Antwort unzufrieden. Was hätte ich aber anderes sagen können? Das Christentum als einzige Heilswahrheit hinstellen? Das kann ich vor meinen buddhistischen Freunden nicht verantworten, auch nicht vor Christus, der die Wahrheit selber ist. Auftrumpfende Mission im alten Stil ist unmöglich geworden. Woher dann das ungute Gefühl? Wie können wir, ohne zu lügen, Christus so vor den Menschen bekennen, daß auch er uns vor seinem Vater bekennt (Mt 10,32)?

Ein Ballon schwebt herbei, aus der Gondel schreit jemand: Wo bin ich? - Hilft es ihm, wenn du mit einem Pfeil eine Landkarte hinaufschießt? Die kann nützlich sein, nur dann aber, wenn du auf ihr euren jetzt gemeinsamen Ort markierst. Jener junge Mann hatte mich gefragt, nicht einen Beratungscomputer für Weltanschauungsfragen. Vielleicht gibt es eines Tages so etwas, wie ja auch schon Expertensysteme für Therapie existieren - vor allem Säufer ziehen die Beratungsmaschine einem menschlichen Helfer vor, weil sie sich vor ihr nicht schämen.

Wer von einem Mitmenschen nach dem Sinn des Ganzen befragt wird, kann sich gemäß zwei verschiedenen Modellen verhalten: als Landkarte oder als Wegweiser. Je nach der Situation wird der eine oder der andere Aspekt überwiegen; wenn einer ganz fehlt, droht die Auskunft wertlos zu sein. Wer nur als eindeutiger Wegweiser auftritt und so tut, als wären andere Richtungen allesamt Irrwege, wird weder der Wahrheit noch der fragenden Person gerecht, übermächtigt sie durch seine ihr aufgedrängte Perspektive - was meist nicht gelingt, und wenn doch, nicht für lange. - Wer sich umgekehrt auf eine umfassende Übersicht beschränkt, viele mögliche Wege aufzeigt sich aber zu keinem bekennt, ist dem Irrtum der Ortlosigkeit verfallen, hat vergessen, daß allein Gott im Himmel wohnt, wir hingegen an einer je bestimmten Raum-Zeit-Stelle der Erde. Wenn jemand mich fragt, erklärt er sich bereit, mindestens auch zu hören, was auf Grund meiner Lebensgeschichte ich ihm empfehle.

Fest verwurzelt erhebt sich die Palme auf ihrer Insel im Ozean, frei schwebt über ihn der Albatros dahin. Beide Ideale schließen einander nicht aus sondern ein. Des Baumes Freiheit ist der Vogel, jeder Vogel braucht zum Ausruhen seinen Baum. In einem Bild: Nur die Schnur, die den Drachen fesselt, erlaubt ihm seinen Höhenflug. Befreit, stürzt er ab. Der untrennbare Rückkopplungskreis von bestimmter Geschichte und all-offener Mystik kennzeichnet das Christentum, der ewige SINN wird dieser Mensch Jesus und bleibt zugleich der in jedem Sinnerlebnis persönlich gegenwärtige Logos, Ur-SINN des Ganzen. "In Christus" dem Verherrlichten sind wir nur in dem Maße, wie auch wir ("im Himmel") dem Wehen des Geistes folgsam für fremdes Zeugnis offen sind, es von Taubheit befreit ehrfürchtig hören, und zugleich ("auf Erden") den eigenen geschichtlichen Platz ernstnehmen, von Stummheit geheilt das uns Anvertraute einladend sagen.

Welche Facette der unüberblickbaren Wahrheit jemand weiterspiegeln darf, weiß sein Herz. In meinem Fall ist es eben das unauflösliche Ineinander von allseits offenem Vernehmen und christlich bestimmtem Sprechen. Deshalb werde ich jenem jungen Mann ungefähr diese E-mail nachschicken:

Lieber G, Du hast mich nach dem Buddhismus gefragt. Meine Antwort war unvollständig, deshalb füge ich noch etwas an. Meine buddhistischen Freunde fragen mich nicht, sie wissen. Ihnen, denen die Geschichte wesenlos ist, bezeuge ich als für sie wichtigen Akzent friedlich den christlichen Glauben an Gottes Menschlichkeit. Die meisten meiner christlichen Freunde fragen nicht nach dem Buddhismus; die es tun, ihnen teile ich meine Vermutung mit, daß dieser ehrwürdige Heilsweg ähnlich den Heiligen Geist anbetet, SIE unsere Mutter, in der wir sind, wie der jüdische Glaube Gott den Vater, zu dem wir beten. Buddhas Lehre kennt keinen persönlichen Gott: auch Du hast als Embryo zu Deiner Mutter nicht "du" gesagt, sie war Dir das große Ganze, das Dich belebend umgab.
Deine Frage stellt mich in eine neue Situation. Du hast ja nicht eine religionswissenschaftliche Datenbank befragt sondern mich, einen Christen, der einerseits an Jesus als seinen göttlichen Erlöser glaubt, anderseits Buddhisten zu guten Freunden hat und überzeugt ist, daß ihre Wahrheit (der unsagbaren göttlichen Einheit die uns nicht gegenüber ist sondern uns von innen mütterlich belebt) von der Christenheit noch zu wenig verstanden ist. Was also rate ich Dir?
Du bist jung, hast wahrscheinlich manches Lebensjahrzehnt vor Dir. Da empfiehlt sich ein anspruchsvolles, langfristiges Programm. Lerne engagierte Christen wie Buddhisten kennen, leb mal mit den einen dann mit den anderen zusammen, suche beide Erfahrungen in Deinem Herzen (nach Jahren!) zu einem Stereo-Vollzug ineinanderschwingen zu lassen und mühe Dich, Dein Gefühl auszudrücken: mit Bildern, Worten, in neuen Gemeinschaften, nicht gegen die überkommenen sondern möglichst mit ihnen und für sie. Das Ergebnis ist nicht planbar, steht allein bei Gott. -

Ob G von diesem Rat erreicht wird? Das ist eine andere Frage. Aber meine Pluralismus-induzierte Stummheit scheint für diesmal geheilt. Ja: "Er hat alles gut gemacht: Er macht, daß die Tauben hören und die Stummen sprechen."


Zum Weiterdenken:

Einschätzung des Buddhismus: Ein Benediktiner erzählt von einem jungen Fernseh-Profi, den er bei Exerzitien in Kanada traf. "Ich erkannte seine Suche nach einer neuen Verknüpfung mit seinen christlichen Wurzeln. Der begegne ich regelmäßig bei Leuten seines Alters und Hintergrunds, die ohne persönliches christliches Training aufgewachsen sind und sich nie als einzelne auf die Kirche bezogen haben. Anders als bei der vorherigen Generation gibt es in ihnen keinen Bodensatz von Schuld, weil nie eine Loyalität zerbrochen ist. Doch fangen sie zu vermuten an, ihre geistliche Heimat sei in Christus und sogar in der Kirche verborgen. Das führt oft zu einem sehr modernen religiösen Dilemma. Sie haben spirituelle Erfahrung, Lehrer und Gemeinschaft außerhalb des Christentums gefunden - oft im Buddhismus, den sie als eine persönliche Religion und praktische Weisheit ohne Dogma ansehen. Dennoch macht, ihnen selbst zum Trotz, eine ununterdrückbare Anziehung hin zu Christus und der christlichen Tradition sich geltend; das ist eine ähnliche Erfahrung wie wenn man sich in jemanden verliebt, den man kaum kennt und vielleicht nie wirklich gemocht hat." (Laurence Freeman OSB, THE TABLET 23 August 2003, 11).

Christus, der die Wahrheit selber ist: Das tiefsinnige Paradox stammt von Simone Weil. Im Mai 1942 schrieb sie an Pater Perrin: "Sie haben mir auch sehr weh getan, als Sie eines Tages das Wort 'falsch' gebrauchten, als Sie 'nicht-orthodox' sagen wollten ... Es ist unmöglich, daß dies Christus gefällt, der die Wahrheit ist. Es scheint mir sicher, daß dies bei Ihnen eine ernstliche Unvollkommenheit darstellt. Und warum sollte es Unvollkommenheit in Ihnen geben? Es paßt sich durchaus nicht für Sie, daß Sie unvollkommen sind. Das ist wie eine falsche Note in einem schönen Gesang." [Attente de Dieu, Paris 1966,78]

Der Irrtum der Ortlosigkeit beherrschte seit Descartes das abendländische Denken, gehört ausdrücklich verneint.

Wenn jemand mich fragt: In dieser Sicht lassen die extrem-exklusivistischen Selbstaussagen der Kirche, deren die Geschichte voll ist, sich zum Guten hin auslegen, vom alten "Außerhalb der Kirche kein Heil" bis hin zu "Dominus Iesus" von 2000. Wenn du mich fragst und mir folgen willst, dann ist es so, wie ich dir sage.

In neuen Gemeinschaften: Wie z.B. P. Willigis Jäger es versucht hat.


Hier ist ein Angebot für Freunde meiner Internet-Gedanken: Auf einer CD habe ich unter dem Titel "Christliches Stereo-Denken" alles, was auf verschiedenen Servern veröffentlicht ist, zusammengestellt und intern verknüpft sowie mit Bildern und Liedern angereichert. Außerdem sind sechs Bücher im WORD-Format dort zu lesen (die elektronischen Bücher Nr. 2,5,6,7,10 der Liste). Im Ganzen meldet der Rechner fast tausend Dateien. Ein Teil der Ernte von über vierzig Jahren Theologie steht zur Verfügung und kostet nur 8,50 Euro + Porto, insgesamt unter zehn Euro. Für Religionslehrer, Pfarrer und andere Profis eine Fundgrube, für deren Freunde eine sinnige Geschenk-Idee. Bestellungen bitte direkt an mich, um Verwechslung mit dem Müll zu vermeiden bitte mit klarem Betreff: CD-Bestellung. Seit Anfang Dezember 2004 ist die neue Auflage mit allem bisher im Netz Veröffentlichten verfügbar, jetzt samt Nachtrag Mai 2006.


Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/stumm.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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