Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb ab Dezember 2001

Wie Jesus sich einmal durch ein Happening gerettet hat.

Gedanken zum neunundzwanzigsten Sonntag im Jahreskreis.


"Gebt dem Kaiser, was des Kaisers, und Gott, was Gottes ist!" An diesem Satz läßt sich sehen, wie schwer es sein kann, den echten Sinn eines Wortes zu erfassen. Fest steht der Ernst des Schlußteils. Daß wir Gott geben sollen, was Gott gehört, das fordert Jesus aufs klarste, darum ist es ihm in seinem ganzen Leben gegangen. Seine Speise war es, des Vaters Willen zu tun, dasselbe Programm ist auch sein Wille und seine Gabe an die Jünger.

Was ist aber mit dem ersten Teil des Satzes "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist"? Bekräftigt der Stifter unseres Glaubens tatsächlich mit seiner hohen Autorität jene staatsfromme Fügsamkeit, die in späteren Kirchenzeiten von Thron und Altar gemeinsam durchgesetzt wurde? Ist Gehorsam gegen die Obrigkeit ein christliches Gebot? Dann überwöge, von den gegensätzlichen beiden 13. Kapiteln, der Römerbrief die Offenbarung des Johannes. Für Paulus steht die Staatsgewalt "im Dienste Gottes", laut dem Seher der Apokalypse trug das Untier, das den römischen Staat symbolisierte, "auf seinen Köpfen Namen, die eine Gotteslästerung waren". Wie wäre die Kirchengeschichte verlaufen, hätte statt des Römerbriefs dreizehntes Kapitel das der Apokalypse die christliche Haltung bestimmt?

Schlägt die große Politik mehr oder minder bald einen Kurs ein, der diese Frage für viele Christen wieder drängend macht? Wann und wo es so kommt, sollen sie wissen, daß Jesu Satz "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist" überhaupt nicht gegen eine Theologie der Befreiung oder sogar der Revolution spricht. Denn diesen Satz hat der Sohn Gottes nicht voller Ernst, als bevollmächtigter Künder des Willens Gottes gesprochen. Sondern wahrscheinlich - lachend.

Schockiert Sie das? Weiß man nicht seit jeher, daß Jesus nie gelacht hat? Diese verbreitete Ansicht halte ich für falsch. Natürlich hat Jesus gelacht, denn er war ein Mensch voller Liebe. Steht in der Bibel darüber tatsächlich nichts?

Oder lesen wir die Bibel bloß falsch? Klingen ihre heiligen Worte uns - nach den strengen Mühen von Pastoren und Katechetinnen, vor allem aber wegen der Passionserzählung - von vornherein derart ernst, daß wir gar nicht merken, wenn es in ihr einmal witzig zugeht? Mir scheint: So ist es. Nicht nur selbst gelacht hat Jesus, sondern sich einmal sogar durch seinen Humor aus einer üblen Falle befreit, die seine Gegner für ihn aufgebaut hatten. Wer hätte gedacht, daß sogar Till Eulenspiegel von Jesus lernen könnte! Damit sind wir wieder beim heutigen Evangelium.

Endlich hatten die Pharisäer einen unfehlbaren Plan, wie sie Jesus erledigen konnten. Sie würden ihn öffentlich fragen, ob man dem Kaiser von Rom Steuern zahlen darf. Sagt er ja, dann verachtet das ausgeplünderte Volk ihn als Feigling. Sagt er nein, dann zieht die Besatzungsmacht ihn aus dem Verkehr. Antwortet er gar nicht, so ist er blamiert. Irgendwie schnappt die Falle zu, mit Jesus ist es aus. Der durchschaut das böse Spiel sofort. Was soll er aber sagen? Erwartungsvoll lauscht die Menge, der eine und andere Spion spitzt das Ohr. Jesus denkt nach.

Und rettet sich durch eine Posse. "Zeigt mir die Steuermünze!" Als hätte er sie nicht gut genug gekannt. Jemand reicht ihm einen Denar. Den hält er einem der Frager vor Augen: Was ist da drauf? - Der Kaiser. - Na ja, dann gebt halt dem Kaiser, was ihm eh' gehört. - Vor (nun schon einigen ...) Jahrzehnten nannte man so etwas ein Happening. Bei diesem spielt einer den kindischen Tölpel, der nicht zwischen Münzherr und Eigentümer unterscheiden kann: Was fragt ihr mich, ihr seht doch selber, das Zeug ist des Kaisers. Schallend lacht das Gaffervolk, von politischer Brisanz keine Spur [Louis Kretz].

Oder doch? Die Fallensteller selbst erfassen beschämt die bittere Pointe: "Gebt dem Kaiser zurück, was sein ist." Diese Feinheit des Originaltextes geht in der deutschen Übersetzung verloren. "Zurück" steht ausdrücklich da. Das heißt: Ihr hättet dieses Geld mit dem götzendienerischen Kaiserbildnis gar nicht annehmen dürfen! Daß ihr Denare habt und immer noch mehr davon wollt, erweist euch genau genommen als Kollaborateure der gottlosen Macht, darum steht es euch am allerwenigsten zu, mich in diesen Verdacht bringen zu wollen! "Als sie das hörten, verwunderten sie sich, wandten sich ab und gingen weg" (Mt 22,22). Spürten sie doch (meint der jüdische Theologe P. Lapide) sehr wohl den Aufruf zur radikalen Rebellion. Und zur Bekehrung des Herzens: Gebt Gott zurück, was Gottes ist, IHM aber von euch gestohlen wurde: nämlich euch selbst, auch ihr seid ja solche Münzen, von Gott nach seinem eigenen Bild geschaffen. Welch eine Antwort, damals, und welch hochaktuelle Mahnung an jede(n) von uns!

Jesus nimmt hier also nicht Stellung zur Frage Römer 13 oder Offenbarung 13. In halbwegs normaler Zeit höre ich aus seinem Kaiserwort einen gelassenen Realismus heraus: Tu halt, was du als Obrigkeitsunterworfene(r) eh' nicht lassen kannst. Aber unterlaß nicht, was du als Gottes Münze tun kannst, damit das dir aufgeprägte Hohe Bild funkle, so daß die Menschen dem von dir dargestellten SINN des Ganzen trauen!


Zum Weiterdenken:

Wie wäre die Kirchengeschichte verlaufen ...? fragte Klaus Berger bei einer Tagung.

Hat Jesus nie gelacht? Dies ist das Thema des Romans "Der Name der Rose" von Umberto Eco.

Kaiserbildnis: Christian Heidrich erläutert in der empfehlenswerten und zur Probe bestellbaren Wochenschrift "Christ in der Gegenwart": "Der silberne Denar, den jemand aus der Gruppe Jesus jetzt vorlegt, ist nicht lediglich ein nüchternes Zahlungsmittel. Er ist zugleich ein Machtzeichen, eine Demonstration, ein bedeutsames Stück Propaganda. Der Denar ist randvoll mit Bildern und Inschriften, die die Machtfülle des römischen Kaisers Tiberius bezeugen, ja, die von seiner "göttlichen" Würde sprechen. In den Augen eines jüdischen Frommen sind solche Symbole ein Greuel. Und doch findet sich eine solche lästerliche Münze mit Leichtigkeit auch in den Taschen der kritischen Fragesteller. Welche Blamage!"

Gelassener Realismus: "Mir scheint es, daß das Wort einen sehr naheliegenden, menschlichen Kern besitzt - was keinesfalls mit Harmlosigkeit zu tun hat. An den Verhältnissen dieser Welt, so sagt es mir, wirst du in der Regel nichts ändern können. Deine "Steuern" wirst du schon bezahlen müssen! Aber die Münze deines Lebens hat noch eine andere Seite. Neben der "kaiserlich-heidnischen" gibt es noch die, die mit dem wesentlichen Leben zu tun hat. Mit dem absoluten Geheimnis, das wir Gott nennen; mit den Zielen, die sich der vordergründigen Erfolg-Mißerfolg-Rechnung entziehen; mit dem Teil im Menschen, auf den kein Kaiser einen Zugriff besitzt. Diese zweite Seite wird häufig in kleiner Münze ausgezahlt, und kein lorbeerbekränzter Herrscher drängt sich hier in den Mittelpunkt. Und doch ist es gerade diese Seite, auf die es ankommt. Und deshalb: Zahle den Kaisern dieser Welt den Tribut, um den du nicht herumkommst. Dein Herz freilich und dein Wesen sollen sich an die zweite Seite der Münze halten. Sie sollen auch um die Reihenfolge wissen!" So Chr. Heidrich ebendort in der neuen Nummer.


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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