Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb

Sein Blut bezeugt Frieden

Gedanken zum Stephanus-Fest


Stephanus war der erste christliche Märtyrer. Als gesetzeseifrige Juden ihn steinigten, begann für fast zweitausend Jahre die bittere Geschichte der Feindschaft von Juden und Christen. Wenige Jahre später schrieb Paulus in der ersten erhaltenen christlichen Schrift von den Juden: "Auch uns haben sie verfolgt. Sie missfallen Gott und sind Feinde aller Menschen" (1 Thess 2,15). So ging es weiter, noch 1933 urteilte der angesehene katholische Theologe Erik Peterson über die "ungläubige Synagoge: Der Eifer des fleischlichen Israel um Gott ist ohne Einsicht, damals wie heute".

Ausgeglichen ist die Bilanz nicht. Die Christenverfolgung durch Juden dauerte Jahrzehnte, das mörderische Wüten von Christen gegen Juden steigerte sich anderthalb Jahrtausende hindurch, wurde vom Aufklärungsgeist kurz gebremst, erreichte aber während der Lebenszeit der Älteren unter uns sein grausiges Extrem. Erst der Schock ihres schlimmsten Verbrechens hat die Christenheit aufgerüttelt und zur Gesinnung des sterbenden Stephanus zurückfinden lassen. Als man ihn steinigte, "betete er und rief: Herr Jesus, nimm meinen Geist auf! Dann sank er in die Knie und schrie laut: Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an! Nach diesen Worten starb er" (Apg 7,60).

Wie lässt die jüdisch-christliche Unheilsgeschichte sich verstehen? Nachdem Israel Jesus nicht als Messias anerkannte, war die Trennung beider Glaubensgemeinschaften unvermeidlich. Nicht notwendig, vielmehr wider Gottes Willen war ihre hasserfüllte Feindschaft bis hin zur Ermordung der einen durch die anderen. Heute ist bei wachen Juden wie Christen die wechselseitige Verachtung einem radikal gewandelten Urteil gewichen.

Während Paulus sich über seine Mitjuden beklagen musste, dass "sie uns daran hindern, den Heiden das Evangelium zu verkünden und ihnen so das Heil zu bringen" (1 Thess 2,16), rechnen ökumenisch gesinnte Juden heute damit, dass Gott Israel zwar unverbrüchlich zu seinem "Sonderschatz" erwählt hat (Ps 135,4 nach M. Buber), den ER pflegt wie die Kolchosbäuerin ihr Eigengärtlein, dass ER aber auch die weiten Gefilde der Heidenvölker nicht unbestellt lassen, sondern ihnen - z.B. auch uns Germanen - eben durch Jesus zur Anbetung des einzig wahren Gottes helfen wollte. Der große jüdische Denker Franz Rosenzweig mahnt: "Vor Gott sind so die beiden, Jude und Christ, Arbeiter am gleichen Werk. Er kann keinen entbehren."

Umgekehrt sind Christen zwar weiterhin überzeugt, dass Gottes Bund mit Israel in Christus seine Erfüllung gefunden hat und im Glauben an ihn die Scheidung von Juden und Völkern zuende ist, doch ziehen wir daraus nicht länger den Fehlschluss, Gottes Erster Bund mit den nicht-christlichen Juden sei am Karfreitag gekündigt worden. Nicht mehr als ungläubig gelten sie uns, seit Papst Johannes XXIII. die Wendung "perfidi Judaei" aus der Karfreitagsliturgie streichen ließ. Wir achten sie als unsere älteren Geschwister vor Gott, nicht nur als Andersgläubige, sondern als wahrhaft anders Gläubige, die (sozusagen in ihrem Akt des Heilsdramas) vor demselben Gott eine andere dramatische Wahrheit darzustellen haben als wir. Der Messias als Regisseur hoch über der Drehbühne und das Festpublikum im Ewigen Leben um sie her, beide dürften keinen logischen Widerspruch dabei empfinden, dass der Messias im jüdischen Akt noch erwartet, nebenan im christlichen als schon zum Mitagieren auf der Weltbühne erschienen verehrt wird. Wer aus dramatischer Heilswahrheit eine einlinige, angeblich wissenschaftlich-objektive Richtigkeit machen wollte, hätte weder den jüdischen noch den christlichen Glauben verstanden.

Im Rückblick auf die Jahrhunderte offizieller Judenfeindschaft der Christenheit wird die Rede des Stephanus vor seinen Anklägern von bestürzender Aktualität, trifft die Menschen der Kirche, die sich das Neue Gottesvolk nennt, heute ebenso scharf wie damals die aufgebrachten Juden: "Ihr Halsstarrigen, die ihr euch mit Herz und Ohr immerzu dem Heiligen Geist widersetzt, eure Väter schon und nun auch ihr" (Apg 7,51). Ja: Als Christen die Juden als von Gott verworfen an den Rand drängten und schließlich (Hitler und die meisten der Seinen waren getauft!) über jeden Rand hinaus in den Abgrund stießen, da haben sie sich jener innergöttlichen Liebe widersetzt, die jeden Menschen bejaht, ob er das weiß und so sagt oder nicht. Wer in der Kirche diese im strengen Sinn geistliche Botschaft verdunkelt, sollte bei den Worten des ersten Märtyrers erschrecken und seinen starren Hals endlich der Liebe beugen, deren "Gesetz ihr empfangen aber nicht gehalten habt."

Heiliger Blutzeuge Stephanus, bitt für deine Volks- und deine Glaubensgenossen, damit sie sich hinfort herzlich vertragen!


Zum Weiterdenken:

Erik Peterson: Die Kirche aus Juden und Heiden, in: Theologische Traktate (München 1951), 263, 266

Franz Rosenzweig: Stern der Erlösung (Frankfurt a.M. 1921), 520


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