Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb ab Dezember 2001

Vergänglich aber unverloren

Gedanken zum zwölften Sonntag im Jahreskreis


Nehmen Sie an, ein unkirchlicher Freund begleitet Sie aus Neugier heute in die Messe und hört bei der Lesung aus dem Römerbrief: "Wie durch einen einzigen Menschen die Sünde in die Welt kam und durch die Sünde der Tod, und auf diese Weise der Tod zu allen Menschen gelangte ..." Was denkt dabei ein Mensch, der es nicht schon von Kindheit an gewöhnt ist, daß man in der Kirche sowieso das meiste nicht versteht, weil die Worte dort mit dem, was man sonst weiß, nichts zu tun haben? Vermutlich denkt er: Die spinnen, die Christen. Durch die Sünde soll der Tod in die Welt gekommen sein? Tod gibt es doch lange vor dem Menschen; immer schon müssen mehrzellige Lebewesen irgendwann sterben. Und das ist gut so, denn sonst gäbe es keine Entwicklung, nichts Neues. Wären die Höhlenmenschen nicht gestorben, hätte es für uns nie Platz gegeben.
Eher ist es umgekehrt: Nicht durch die Sünde kam der Tod, sondern der Tod führt zur Sünde. Weil wir soviel Angst vor dem Sterben haben, weil wir nichts verpassen wollen, deshalb führen wir den Kampf ums Dasein so rücksichtslos, unbekümmert um fremdes Leid. Jede Sünde ist Lieblosigkeit aus Angst vor dem eigenen Untergang. Nicht erst am Ende des Lebens, sondern schon "von Jugend auf bin ich am Sterben" (Ps 88,16) und deshalb stets versucht, lieber andere in den Sumpf zu treten als selbst zu versinken. Durch die Sünde, meint Paulus, kommt der Tod in die Welt? Nein, durch den Tod die Sünde!

Was antworten Sie dem Freund auf dem Heimweg? Und was seiner Lebensgefährtin, die über das Evangelium herzieht: "Was hat Jesus da gesagt? Kein Spatz fällt zur Erde ohne den Willen eures Vaters. Bei euch aber sind selbst die Haare auf dem Kopf alle gezählt. - Auch die schönen langen Haare der Jüdinnen, die man bei der Ankunft im KZ kahlgeschoren hat? Zu einem solchen Gott, der das alles weiß und will, zu dem betest du noch? Nein danke, ohne mich." Was erwidern Sie Ihren Freunden - deren Stimmen ja nicht nur außen tönen sondern vermutlich auch aus dem eigenen Herzen? "Ich glaube, Herr, hilf meinem Unglauben!" Wenn die Bibel wirklich das Wort des lebendigen Gottes enthält, wie kann ich dein belebendes Wort verstehen und weitersagen?

Als Christ kann ich solchen Freunden dankbar sein. Ihre Kritik leistet mir einen wichtigen Dienst, bricht die Kruste meiner religiösen Ideologie auf und verschafft mir so die Chance, neu des Glaubens inne zu werden, den diese Ideologie nicht nur ausdrücken will sondern stets auch verfälscht. Die Kritik hat ähnlich recht und unrecht wie ein Besucher, der Bruckners vierte Sinfonie aus meinem Küchenradio krächzen hört und die Musik für ziemlich öde erklärt. Könnte ein Zaubergeist uns beide packen und mitten im Konzertsaal niedersetzen, dann würde mein Besuch mir bald leuchtenden Auges zunicken: Ja, so ist es allerdings großartig. Gib aber zu, daß ich davon in deiner Küche nichts ahnen konnte.

Was nach jahrelangem Religionsunterricht in vielen Gemütern als "christlicher Glaube" hängen bleibt, ist ungefähr dies: Erst lebten Adam und Eva im Paradies; nach der Apfelnascherei gegen Gottes Verbot wurden sie von dort verbannt, seither müssen alle ihre Nachkommen leiden und sterben. Der allmächtige Gott bestimmt auf Erden alles, seinem Willen gemäß geht es den einen gut, den anderen schlimm bis gräßlich. Wer getauft wird und sich an die Gebote hält oder rechtzeitig bereut, kommt nach dem Tod in den Himmel, der überwiegende Rest dagegen in die Hölle (nach der konservativen Variante) oder wahrscheinlich auch irgendwie in den Himmel, weil der liebe Gott es (nach der progressiven Variante) schon nicht so genau nehmen wird.

Gegen diese fromme Ideologie, die ihnen lächerlich vorkommt, setzen Aufgeklärte ihre so oder anders nuancierte Kritik mit stets demselben Ergebnis: Was die Kirche uns einreden will, ist nichts als kindischer Blödsinn. Denn gäbe es so etwas wie jenen Oberwaltungsdirektor des Universums, dann müßte er wegen Unfähigkeit zurücktreten; kein Vorgesetzter einer Institution, in der es derart chaotisch und ungerecht zugeht, dürfte seinen Posten behalten. Stendhal hat es bündig ausgedrückt: "Gottes einzige Entschuldigung ist, daß es ihn nicht gibt."

Soweit unser Küchengedudel und der anderen Urteil darüber. Wie aber tönt das Konzert? Seine spannungsreiche Klangpracht läßt sich in dürren Sätzen nicht wiedergeben. Der Schreiber kann da nur hoffen, daß seine Leser sich erinnern: an die begeisternde Akustik ihrer eigenen Bewußtseinsräume. Denn diese Sinfonie (wörtlich: Mitklang) vernimmt jede(r) von Ihnen seit jeher schon selbst. Vor dem Hintergrund dieser Erfahrung, als schwacher Ausdruck Ihres eigenen vernünftigen Glaubens, können die folgenden Abschnitte überhaupt nur verständlich sein.

Dabei ist es nicht wichtig, wie kirchlich oder unkirchlich dieser Glaube geprägt wurde. "Ungläubige" im strengen Sinn gibt es ja nicht. Geht es ums Ganze, kann jeder nur glauben: Auch der kühlste Wissenschaftler, auch die selbstgewisseste Skeptikerin wissen nicht, daß ihre Überzeugung letztlich mehr stimmt als die Dogmen der Frommen, sondern glauben das. Unfehlbar? Da heißt es sorgsam unterscheiden. Einerseits ist jeder Glaube unfehlbar, nicht nur ein päpstlicher. Sofern menschliche Vernunft ein Fünklein des göttlichen Sinnfeuers ist, kann sie in ihrem Vollzug nicht irren. Was sie mit ihren Aussagen im Grunde meint, ist wahr. Freilich kann es sein, daß eine gegnerische Vernunft mittels widersprüchlicher Sätze gleichfalls Wahres meint. Der banale Vorfall im Klassenzimmer ist für unser pluralistisches Zeitalter ein lustiges Symbol. Sagt mir ein Tier, das bei uns nicht vorkommt, fragt die Lehrerin. Ja, Peter? - Der Dackel. - Wieso, der kommt doch bei uns vor? - Nein, bei uns nicht. Er liegt unter dem Sofa, und auch wenn man ihn ruft, kommt er nicht vor.

Während bei der Musik aus dem Küchenradio die Tuba den Geigenton wegdrückt, kann beider Spannung einem scharfen Gehör im Konzertsaal als sinnvollster Raumklang bewußt werden, dessen Pole sich gegenseitig weder schwächen noch stören sondern bereichern. Ebenso im Geistigen. Die Richtigkeit der Einwände Ihrer Freunde ist evident. Trotzdem spinnen die Christen nicht sondern schulden und schenken der Welt ihren zu jenen Richtigkeiten komplementären Wahrheitsakzent. Ohne ihn wäre das Resultat der unfrommen Richtigkeiten nichts als Sinnlosigkeit; zusammen mit dem christlichen Gegenakzent bedeuten sie das wunderbare Geheimnis unserer Existenz. Ich formuliere ihn so:

"Ursache der Ursachen ist das Ziel", heißt ein philosophischer Grundsatz. Am Anfang des Hausbaus steht das fertige Haus - in der Phantasie der Bauherrin und dem Entwurf des Architekten. Erst dann beginnen die Maurer ihre Arbeit. Gottes Ziel bei der Weltschöpfung ist unser Leben in IHM und sein Leben bei uns. Damit fängt alles an, auf Christus hin ist das All geschaffen (Kol 1,16). In diesem Sinn ist also das Leben das erste. Wie kommt es trotzdem zu Sünde und Tod? Weil Gott uns als freie Geschöpfe schaffen will. Freiheit ist ohne anfängliche Sünde nicht möglich, das erkannten wir neulich beim Nachdenken über Adam und Eva. Soll ein lebendiges Ganzes im Geist seines Schöpfers nicht bloß als Entwurf bestehen sondern als Zusammenhang einzelner Glieder real ausgeführt sein, so müssen diese zunächst voneinander ge-sondert, isoliert je für sich gestaltet werden. Farbfleck neben Farbfleck pinselt der Maler, Note nach Note notiert der Komponist, in getrennten Zimmern üben die Musiker fürs Konzert.

Weil eine wesentliche Weltdimension die Zeit ist, deshalb bringt solche Sonderung notwendig den Tod mit sich. Kein höheres Lebewesen kann in einer Welt begrenzter Räume immerwährend sein, sonst fänden die nächsten keinen Platz. Wie würde Ihre Enkelin je Bundeskanzlerin, bliebe Herr S.....er ewig am Ruder? Nicht nur insofern immer wieder jemand sich zu Mord entschließt, kommt also durch die Sünde der Tod in die Welt, vielmehr schon ursprünglich. Gott will das Leben, freies Leben verlangt zunächst Sonderexistenz. Sofern diese die Zeitdimension betrifft, muß jeder Lebensfaden früher oder später abgeschnitten werden.

In welchem Sinn ist trotzdem jedes meiner und Ihrer Haare vom Gott des Lebens gezählt? Weil ihr Fortbestand garantiert ist. Nicht in der künftigen Zeit, aber samt ihrer bisherigen Jetzt-Zeit in der Ewigkeit. Was irgendwann einmal heute war, ist zwar morgen verschwunden, bleibt aber im ewigen JETZT bewahrt. Mystiker erfahren bisweilen blitzhaft die nichts verlierende Stets-Gegenwart des ewigen NUN, dank welchem ein Meister Eckhart noch ebenso lebendig ist wie vor siebenhundert Jahren - und unsere späten Zeiten nicht minder morgenfrisch aus ihrem göttlichen Ursprung quellen als vor drei Jahrtausenden die Epoche eines Königs David. Romanlesern und Videofans wird das leicht bewußt. Lege ich das aufregende Buch schließlich zur Seite, dann ist seine Geschichte zwar einerseits aus. Nach dem Schlußpunkt geht sie nicht weiter. Schade, da wären noch so viele Möglichkeiten gewesen. Doch sehe ich ein: Sie alle zu verwirklichen ist unmöglich. Die Geschichte ist aus. Aber mit der Geschichte ist es nicht aus! Was in ihr geschehen ist, bleibt. Ich muß das Buch nur aufschlagen, den Film nur zurückspulen, und sofort ist die begeisternde Szene von eben wieder Gegenwart. Auch wenn ich das in zehn Jahren tue, bleibt es dieselbe Szene, in sich auch ganz die gleiche. Für mich wird sie freilich in einen größeren Zusammenhang geraten, meine Erfahrungen inzwischen haben mich verändert, insofern ist dann auch jene alte Geschichte neu geworden. Dieselben abgezählten Haare werden dem schütteren Graukopf dann mehr bedeuten als damals.

Hier sehe ich den Hauptunterschied zwischen östlicher Mystik und christlichem Osterglauben. Der Einheitsmystiker verschmerzt der Meereswellen Vergänglichkeit, weil er sich der unzerstörbaren Meerestiefe zugehörig weiß. Darin stimmt der Christ ihm zu, jubelt aber zudem über die Unverlorenheit des winzigsten Glitzertropfens. Wohl sinkt der gleich zurück in den Ozean: die Sekunde seiner Sonderexistenz bleibt jedoch im göttlichen Gedächtnis auf ewig bewahrt, nicht bloß als totes Albumblatt sondern unmittelbar als jähes Ereignis. Wie jedes kleine Jetzt im Großen NUN seine Frische bewahrt, können wir nicht begreifen; daß es so ist, dürfen wir Jesus glauben. Gott ist ein Gott nicht der Toten sondern der Lebenden, Leben aber ist immer je jetzt. Jeglichem realen Augenblick bleibt der Schöpfer treu, auch meiner Sommerlust soeben im abendlichen See kurz vor dem Gewitter. Bereute Schuld und ertragenes Leid - so laßt uns hoffen - verlieren im Zusammenhang des Ganzen ihr Schlimmes, als Himmelswein muß die Traube den Druck in der Kelter nicht bedauern.

Können die Skeptiker, um uns und in uns, mit solchen Auskünften etwas anfangen, wird der Konzertklang beim Gespräch in der Küche wenigstens ahnbar? Wichtiger als unsere Worte ist wahrscheinlich unser Tun. "Redet nicht aber lebt so, daß man euch fragt", dieser Grundsatz der kleinen Brüder und Schwestern Jesu ist eine goldene Regel.


Zum Weiterdenken:

In den Sumpf zu treten: Siehe die schaurige Zeichnung von Topor .

Kein Spatz fällt zur Erde: Läßt die Vorsehung sich denken?

Jeder Glaube unfehlbar: Das ist ein wichtiges Dialog-Prinzip. [Aus diesem Buch:]


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Das Buch (94 Seiten, Nürnberg 1996) ist über jede Buchhandlung lieferbar oder auch - schneller - vom Autor.

Freilich müssen wir z.B. der Lehre des Koran widersprechen, Jesus sei in Wirklichkeit "nicht gekreuzigt" worden. Wenn ein Moslem auch eine solche Nebenlehre durchaus wörtlich nehmen zu müssen meint, dann stört sein Irrtum weder meinen Glauben noch meine Zuneigung zu ihm. Irren ist menschlich. Vor dem, was er wirklich glaubt, habe ich Respekt, denn es ist unfehlbar. Nicht nur Konzil und Papst sprechen ja unfehlbar, sondern im Kern von uns allen strahlt "das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet" (Joh 1,9), und läßt alle unsere Sätze, die sich auf das Ganze beziehen, in dem Maße unfehlbar sein, wie wir sie im Angesicht von Gottes Gericht vor einander verantworten können.

["Letztlich läßt sich die Unfehlbarkeit nicht einmal auf die Kirche einschränken. Vielmehr versteht sich die Kirche im Glauben als ‚das Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit'. Sie verkündet überhaupt allen Menschen die Möglichkeit eigener Unfehlbarkeit im Glauben, weil alle ‚in Christus' geschaffen sind" (Peter Knauer SJ, Der Glaube kommt vom Hören, Graz 1978,227). Der folgenden Einschränkung widerspreche ich allerdings. Nicht nur durch Anschluß an die Kirche (gegen diese Vorstellung habe ich als Deutscher etwas), sondern durch Verantwortbarkeit seines Wortes aktualisiert sich eines Glaubenden gottgeschenkte Unfehlbarkeit.]

Wo einer das nicht kann oder wo sein Satz Endliches meint, sich gar nicht auf das (prinzipiell nur glaubbare) Ganze bezieht, da hat er nicht geglaubt, sondern bloß irrig zu glauben gemeint. Kritik, auch scharfe, gehört zum Dialog. Doch dürfen wir keinen Glauben als ganzen von der Wahrheit ausschließen, denn warum sollte dasselbe Verfahren nicht auch gegen den unsrigen gültig sein?

Sonderung => Tod: Anaximander von Milet († ca 545 v.Chr.) hat diese Notwendigkeit in einen weisen Spruch gefaßt.

Haare: Winzig und doch spürbar, sind sie ein Gleichnis, daß der große Gott uns Kleine doch von innen kennt.

Jähes Ereignis

Sommerlust: Von ihr schreibt Gottfried Keller in einem bewegenden Gedicht, das - nach einigem Nachdenken - auch Christen gefallen kann.


Hier ist ein Angebot für Freunde meiner Internet-Gedanken: Auf einer CD habe ich unter dem Titel "Christliches Stereo-Denken" alles, was auf verschiedenen Servern veröffentlicht ist, zusammengestellt und intern verknüpft sowie mit Bildern und Liedern angereichert. Außerdem sind sechs Bücher im WORD-Format dort zu lesen (die elektronischen Bücher Nr. 2,5,6,7,10 der Liste). Im Ganzen meldet der Rechner fast tausend Dateien. Ein Teil der Ernte von über vierzig Jahren Theologie steht zur Verfügung und kostet nur 8,50 Euro + Porto, insgesamt unter zehn Euro. Für Religionslehrer, Pfarrer und andere Profis eine Fundgrube, für deren Freunde eine sinnige Geschenk-Idee. Bestellungen bitte direkt an mich, um Verwechslung mit dem Müll zu vermeiden bitte mit klarem Betreff: CD-Bestellung. Seit Anfang Dezember 2004 ist die neue Auflage mit allem bisher im Netz Veröffentlichten verfügbar.


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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