Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr C

VOM RECHTSCHAFFENEN UNGLAUBEN

Gedanken von Wladimir Solowjew zum Sonntag des Thomas
Moskau, 20. April 1897


Es wäre sehr traurig, wenn die Wahrheiten des Glaubens für jedermann sofort offenkundig wären. Dann wären sie eigentlich nicht Wahrheiten des Glaubens. Gott, das Seelenheil, die allgemeine Auferstehung sind völlig glaubwürdig, aber ihre Glaubwürdigkeit ist keine für jeden Geist zwingende Offenkundigkeit, wie die mathematischen Sätze einerseits und die direkt zu beobachtenden Tatsachen andererseits sie besitzen. Offenkundig pflegt nur das zu sein, was für das Leben wenig wichtig ist. Mathematische Wahrheiten sind von allgemeiner Bedeutung, aber sie sind sittlich gleichgültig. Immer und überall ergibt 2 x 5 = 10, aber davon wird niemandem weder warm noch kalt. Andrerseits können Tatsachen, die direkt zu beobachten sind, interessanter sein, aber dafür fehlt ihnen vollkommen die allgemeine Bedeutung, sie sind begrenzt und flüchtig. Ich sehe, daß jetzt in Moskau ein klarer Sonnentag ist. Das ist eine offenkundige Tatsache und nicht ohne ein gewisses Interesse, aber man kann sie auf keine Weise festhalten und in eine Wahrheit verwandeln, die überall und immer unverändert gültig ist - die Tatsache ist nur hier und jetzt glaubwürdig. In ähnlicher Weise ist auch jede andere Offenkundigkeit an sich entweder formal wie die Mathematik oder zufällig wie der heutige helle Tag in Moskau. Aber all das, worin sich Allgemeinheit und innere Notwendigkeit mit Wichtigkeit für das Leben verbinden - alle solche Gegenstände sind für den Geist und für das äußere Empfinden nicht direkt offenkundig und spürbar. Sie aus diesem Grund zu verwerfen, das heißt als wahr oder glaubwürdig nur das anzuerkennen, was offenkundig ist wie ein mathematisches Axiom oder eine der Beobachtung zugängliche sinnliche Tatsache, wäre ein Zeichen von kaum glaublichem oder jedenfalls äußerst seltenem Stumpfsinn. Gewöhnlich werden Glaubenswahrheiten nicht so sehr aus Grobheit des Geistes, als vielmehr aus Hinterlist des Willens verworfen. Das Herz verlangt nicht nach Gegenständen wie Gott, Seelenheil, Auferstehung des Fleisches; man wünscht nicht, daß diese Wahrheiten wirklich existieren; ohne sie ist das Leben leichter und einfacher; besser, man denkt nicht an sie - und schon ist es für den Geist nicht schwer, einen Vorwand zu finden, nicht an sie zu denken oder wenigstens nicht ernsthaft mit ihnen zu rechnen: All das sind doch Dinge, die man weder durch Vernunft noch durch Erfahrung beweisen kann; also ist das alles unglaubwürdig, phantastisch.

Ein solcher Unglaube, der im Grunde von sich selbst nicht überzeugt und der darum mehr oder minder erbost ist auf die Gegenstände, deren Existenz er leugnet - durch dieses Erbostsein verrät er auch sich selbst, weil es ja in Wirklichkeit unmöglich ist, auf das böse zu sein, was es überhaupt nicht gibt - solcher Unglaube ist nicht rechtschaffen; im besten Falle beruht er auf der kleinmütigen Weigerung, jene Arbeit des Geistes und jene Tat des Willens zu leisten, die notwendig sind, zu Wahrheiten zu gelangen und sie sich anzueignen, die jenseits der Grenzen der mathematischen und faktischen Offenkundigkeit liegen.

Aber es gibt einen Unglauben anderer Art, einen völlig rechtschaffenen, der nicht auf irgendeinem sittlichen Mangel beruht, sondern nur auf einer bestimmten Besonderheit des psychologischen Temperaments. Ein typischer Vertreter eines solchen Unglaubens ist durch das Evangelium verewigt in der Gestalt des heiligen Thomas. "Thomas aber, der Zwölf einer, der da heißt Zwilling, war nicht bei ihnen, da Jesus kam. Da sagten die anderen Jünger zu ihm: ‚Wir haben den Herrn gesehen.' Er aber sprach zu ihnen: ‚Es sei denn, daß ich in Seinen Händen sehe die Nägelmale und lege meinen Finger in die Nägelmale und lege meine Hand in Seine Seite, will ich's nicht glauben.' Und über acht Tage waren abermals Seine Jünger drinnen und Thomas mit ihnen. Kommt Jesus, da die Türen verschlossen waren, und tritt mitten ein und spricht: ‚Friede sei mit euch!' Danach spricht Er zu Thomas: ‚Reiche deinen Finger her und siehe Meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in Meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!' Thomas antwortete und sprach zu Ihm: ‚Mein Herr und mein Gott!' Spricht Jesus zu ihm: ‚Dieweil du Mich gesehen hast, Thomas, so glaubest du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!'" (Johannesevangelium, Kap. 20, 24-29.)

Wäre der Unglaube des Thomas aus grobem Materialismus entstanden, der die ganze Wahrheit auf sinnliche Offenkundigkeit einschränkt, dann hätte er, nachdem er sich handgreiflich von der Tatsache der Auferstehung überzeugt hatte, für sie irgendeine materialistische Erklärung erdacht und nicht ausgerufen: "Mein Herr und mein Gott!" Vom Gesichtspunkt der sinnlichen Offenkundigkeit aus bewiesen die Nägelmale und die durchbohrte Seite keineswegs die Gottheit Christi. Noch klarer ist, daß der Unglaube des Thomas nicht aus sittlicher Unzulänglichkeit oder aus Feindschaft gegen die Wahrheit entstanden ist. Liebe zur Wahrheit hatte ihn zu Christus hingezogen und in ihm eine grenzenlose Ergebenheit gegen den Meister entstehen lassen. Als Christus vor der letzten Reise nach Jerusalem den Hinweis auf die drohende Todesgefahr verwarf, rief Thomas aus: "Laßt uns mitziehen, daß wir mit Ihm sterben!" (Johannesevangelium, 11, 16.)

Nicht umsonst ist das im Evangelium vermerkt. In diesem leidenschaftlichen Ausdruck einer von Herzen kommenden Ergebenheit liegt der Hinweis auf die psychologische Ursache des Unglaubens des Apostels Thomas. Ein leidenschaftlicher, den Ereignissen vorauseilender Charakter fordert, wenn er die Wahrheit angenommen hat, deren unverzügliche Verwirklichung; er begnügt sich nicht mit prinzipieller Gewißheit, er verläßt sich nicht auf fremdes Zeugnis; er muß sich jetzt und hier tatsächlich von ihr überzeugen, ihre reale Stärke erproben, die Wahrheit durch die Tatsache überprüfen. Bis dahin weigert er sich zu glauben: "Wenn ich nicht sehe, glaube ich nicht." Aber hat er einmal gesehen, so glaubt er nun rückhaltlos auch an das, was er nicht gesehen hat und was man nicht sehen kann: Die sinnliche Tatsache war nicht die Grundlage, sondern nur der Stützpunkt für seinen Glauben.

Der zeitweilige, rechtschaffene Unglaube, der sich der Wahrheit in endgültiger und vollkommener Weise vergewissern will, verdient keine sittliche Verurteilung. Christus hat Thomas auch nicht verurteilt, sondern ihn in der Art und Weise überzeugt, die er gefordert hatte. Menschen, die dieser Art und Weise nicht bedürfen, die ohne Überprüfung glauben, sind vielleicht nicht besser als Thomas - sie sind nur glücklicher als er: "Selig sind, die nicht sehen und doch glauben." Aber die Seligkeit eines ruhigen und unerschütterlichen Glaubens verpflichtet die, die ihn haben, sich nachsichtig gegenüber ihren weniger glücklichen Mitbrüdern zu verhalten. In Zeiten des vorherrschenden Unglaubens ist es wichtig, zu unterscheiden, mit welchem Unglauben man zu tun hat. Ist es ein grob materieller Unglaube, ein viehähnlicher, der nicht fähig ist, sich zum höchsten Begriff von der Wahrheit zu erheben? Über einen solchen ist es nutzlos zu räsonieren: non ragioniam di lor, ma guarda e passa. [Dante, Inferno 3,51: "Reden wir von ihnen nicht, sondern schau, und geh vorbei!"] Oder es ist ein hinterlistiger Unglaube, der bewußt aus feindlicher Furcht vor der vollen Wahrheit verschiedene Halbwahrheiten mißbraucht: Dieser Schlange muß man nachgehen und ohne Zorn und Angst all ihre listigen Künste bloßstellen. Oder schließlich haben wir es mit dem rein menschlichen, rechtschaffenen Unglauben zu tun, der nur danach dürstet, sich der Wahrheit in vollständiger und endgültiger Weise zu vergewissern. Dieser Unglaube vom Typ des Apostels Thomas hat alle Rechte auf unsere sittliche Anerkennung, und wenn wir diesen Menschen die von ihnen geforderte Vergewisserung in der Wahrheit nicht so geben können, wie Christus sie ihnen gegeben hat, dann dürfen wir sie doch auf keinen Fall verurteilen und verwerfen: Ohne jeden Zweifel werden diese scheinbar Ungläubigen im Reiche Gottes der großen Menge der scheinbar Gläubigen zuvorkommen.

[Deutsche Gesamtausgabe, Band VIII (Erich Wewel Verlag München 1980), S. 57-60)]


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