Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr C

Sei ein Strahl durchs Gewölk!

Gedanken zum dreiundzwanzigsten Sonntag im Jahreskreis


Die zweite Lesung stellt uns eine Perle des Neuen Testaments vor, die vielen Christen leider unbekannt ist. Zu ihrem besseren Verständnis schreibe ich zunächst die Vorbemerkung aus dem Meßbüchlein von 1971 ab: Paulus schickt den entlaufenen Sklaven Onesimus zu seinem Herrn, dem Christen Philemon, zurück. Im Gefängnis [vermutlich zu Ephesus] hat Paulus den Onesimus getauft und ist so sein "Vater" geworden. Und er hat ihn liebgewonnen wie einen Bruder. Als Bruder, nicht mehr als Sklaven soll nun auch Philemon ihn aufnehmen. Paulus verlangt nicht die Befreiung der Sklaven; er rüttelt nicht am sozialen Gefüge seiner Zeit. Offenbar ist er nicht davon überzeugt, daß ein anderes soziales System ohne weiteres die Menschen besser und glücklicher macht. Nein, die Menschen müssen anders werden. Wenn wenigstens die Menschen, die an Christus und an die Tat seiner Liebe glauben, einander als Brüder annehmen, dann wird sich mit Notwendigkeit auch die rechte soziale Ordnung ergeben.

Geduld braucht das allerdings. Gut achtzehnhundert Jahre hat es gedauert, bis das himmelschreiende Unrecht Sklaverei in der Christenheit wenigstens offiziell abgeschafft war. Wenn im frühen Mittelalter ein Verwalter einem Kirchensklaven die Freiheit schenkte, mußte er an das Kirchengut Schadenersatz zahlen! Wirtschaftssystem und Frohbotschaft der überfließenden Gnade sind nicht kompatibel. Hier zunächst die Sätze des heiligen Paulus; sie gelten den Bibelwissenschaftlern als echt, wurden vom Apostel um das Jahr 55 so formuliert, gleich einem Sonnenstrahl durch finsteres Gewölk.

"Ich, Paulus, ein alter Mann, der jetzt für Christus Jesus im Kerker liegt, ich bitte dich für mein Kind Onesimus, dem ich im Gefängnis zum Vater geworden bin. Ich schicke ihn zu dir zurück, ihn, das bedeutet mein eigenes Herz. Ich würde ihn gern bei mir behalten, damit er mir an deiner Stelle dient, solange ich um des Evangeliums willen im Gefängnis bin. Aber ohne deine Zustimmung wollte ich nichts tun. Deine gute Tat soll nicht erzwungen, sondern freiwillig sein. Denn vielleicht wurde er nur deshalb eine Weile von dir getrennt, damit du ihn für ewig zurückerhälst, nicht mehr als Sklaven, sondern als weit mehr: als geliebten Bruder. Das ist er jedenfalls für mich, um wieviel mehr dann für dich, als Mensch und auch vor dem Herrn. Wenn du dich mir verbunden fühlst, dann nimm ihn also auf wie mich selbst!"

Sklavinnen und Sklaven galten in der Antike nicht als freie Personen, sie gehörten wie Sachen ihrem Herrn. Obwohl man natürlich wußte, daß sie Personen und irgendwie auch frei sind. Sprache und Recht legten aber fest: Sie sind nicht Personen sondern Sachen. Paulus wischt diesen amtlichen Widersinn beiseite: "Nicht mehr ... Sklaven oder Freie, sondern Christus ist alles und in allen" (Kol 3,11). In unserer Lesung zieht er daraus die praktische Folgerung für jenen konkreten Fall.

Welche anderen Widersprüche zwischen offiziellen aber falschen Selbstverständlichkeiten und einer dem Schöpferwillen entsprechenden Weltordnung fordern von den Christen heute ebensolche Aufmerksamkeit, wie sie den Apostel damals zum Brief an den befreundeten Sklavenbesitzer gedrängt hat? Sie sind Ihnen längst bewußt, ich will nur kurz an sie erinnern.

1) Milliarden Menschen in der sogenannten dritten Welt quälen sich Tag um Tag am Rand des Verhungerns dahin, während wir, in der angeblich ersten, Energie und Nahrung verschwenden. Nicht drei Welten (deren eine schon untergegangen wäre) will jedoch der Schöpfer, sondern unsere eine, die ihren wunderbaren Reichtum möglichst gerecht allen Bewohnern austeilt. Was der Kirchenvater Basileios im vierten Jahrhundert einzelnen predigt, gilt heute unserer ganzen reichen Zivilisation, wo derzeit sogar gutbetuchte Doppelverdiener sich vor Armut ängstigen: "Wem tue ich unrecht, fragt der Geizige, wenn ich zusammenhalte, was mein ist? Aber sag mir: Was ist denn dein? Woher hast du es bekommen? Du gleichst einem Menschen, der im Theater Platz nimmt, aber den andern den Eintritt verwehren und allein das Schauspiel genießen möchte, auf das alle Anspruch haben ... Dem Hungrigen gehört das Brot, das du zurückhältst, dem Nackten das Kleidungsstück, das du im Schrank verwahrst, dem Barfüßigen der Schuh, der bei dir verfault, dem Bedürftigen das Silber, das du vergraben hast. Aber du bist mürrisch und unzugänglich. Du gehst jeder Begegnung mit Armen aus dem Weg, damit du nicht genötigt wirst, auch nur ein Weniges abzugeben. Du kennst nur die eine Rede: Ich habe nichts und kann nichts geben; denn ich bin arm. Ja, arm bist du wirklich: arm an Liebe, arm an Gottesglauben, arm an ewiger Hoffnung."

Die Sklaverei abschaffen konnte Paulus nicht, aber einen Sklaven hat er wahrscheinlich befreit. So könnte, wer dies liest, sich fragen: Daß in diesem Augenblick so viele Unglückliche verhungern, kann ich nicht ändern. Will ich aber wenigstens ein paar andere satt machen? Ohne deshalb (wie einer meiner Freunde als Kind) beim Eislutschen jedes Suppenhuhn zu beneiden, weil es bloß zum Kochtopf unterwegs ist, nicht zur Hölle. Laßt uns nicht aus Angst vor Strafe gut sein aber weil es gut ist und Freude macht, wenn Geschwister einander beistehen.

2) Jemand kaufte (falls der Erzähler nicht geschwindelt hat) einmal einen Ochsen frei, nachdem das Tier kurz vor dem Schlachthaus ihn unergründlich traurig angeschaut hatte. Da stand der junge Mann nun mit seinem Ochsen und wußte nicht, was tun. Bald danach hat er ihn doch seinem Schicksal ausgeliefert. - Den Jainas, nicht den Brahmanen, verdankt sich Indiens berühmte Gewaltlosigkeit (ahimsa). Es gibt in Bombay (noch?) eine bizarre Volkssitte. "Es kommen zwei Männer daher, die zwischen sich eine von Wanzen wimmelnde Matte oder ein ebensolches Bett tragen. Sie bleiben vor der Tür eines Jaina-Hauses stehen und rufen: ‚Wer will die Wanzen füttern?' Wenn eine fromme Dame eine Münze aus dem Fenster wirft, legt sich einer der Ausrufer behutsam in das Bett und bietet sich seinen Mitgeschöpfen als lebendigen Weideplatz dar. Wobei die Dame des Hauses sich das Verdienst erwirbt, der Held der Matte aber das Geldstück."

Christen sind keine Jainas. Jesus hat Fische und vom Osterlamm gegessen, auch die ihn einladenden Zöllner und Pharisäer haben nicht vegetarisch gelebt. Wie es weiterhin hier Herr(inn)en, dort Knechte und Mägde geben wird, aber hoffentlich immer weniger in Form der Sklaverei, so werden wir Menschen auch in Zukunft unserem Leben das unserer Tiergeschwister opfern. Hoffentlich aber nicht auf so schändliche Weise wie derzeit. Rücksichtslose Massentierhaltung auf engstem Raum vergeht sich gegen Lebewesen, die wir zwar nutzen dürfen, aber nicht als bloße Sachen behandeln. Mitgeschöpfe sind zu respektieren. In Katalonien gibt es neuerdings eine Anti-Stierkampf-Bewegung; wenn er wählen müßte, meinte ein junger Spanier, wollte er aber lieber ein spanischer Kampfstier sein als eine deutsche Käfighenne.

Nicht aus Sentimentalität war der heilige Franziskus freundlich zu Tieren, sondern weil er des Gottesreiches Glanz auch auf ihnen schimmern sah. Die bei Christen immer noch verbreitete Vorstellung, zwar sei jeder Mensch zu einem ewigen Leben bestimmt (auch die Milliarden gezeugten und bald danach abgegangenen Leibesfrüchte?), nicht aber die Tiere - diese Konzeption scheint mir unhaltbar. Wie lösen Sie das Paradox von Adams Mutter? Ist sie, weil Noch-Äffin, für immer im Nichts versunken, während der zweite Adam, wie wir es vor kurzem gefeiert haben, die seine auf ewig bei sich haben darf? So geht es nicht. Christen-Hoffnung ist schlichter, bedarf keiner scharfen Schnitte. Nichts anderes als eben diese unsere Raum-Zeit wird verewigt, ganz. Jedes Adams und jeder Eva Mutter ist bei ihrem Kind, niemand muß ohne seinen geliebten Hund im Himmel sein. Daß ein Schwein zuletzt geschlachtet wird, ist nicht gegen seine Geschöpfeswürde, wohl aber, daß man es auf hartem Zement liegen läßt und seiner zarten Schnauze das weiche Spielzeug verweigert, nach dem es sich sehnt. Da die zeitlichen Gefühle jedes dir anvertrauten Tieres dein Ewiges Leben mitbestimmen, rät kluge Selbstliebe, es partnerschaftlich zu achten.

3) [Ein altes Wort zum Sonntag:] Aufgeschnappter Gesprächsfetzen aus einem Telefonat im Arbeitsamt: "Sie ist seit sieben Jahren Hausfrau und hat noch nie gearbeitet." Erstaunlich, denke ich. Wie macht sie das? Sooft ich - nach Profimaßstab höchst unvollkommen - als Hausmann tätig war, ist solche Arbeit mir schnell zur Last geworden. Eine Hausfrau, die noch nie gearbeitet hat, muß eine reiche Dame sein.

Oder - häßliche Wahrheit - sie ist das Lügenprodukt einer unmenschlichen Verwaltungssprache, die einen wichtigen Bereich der Wirklichkeit dadurch entwertet, daß sie ihn falsch benennt. Die Hausfrau arbeitet nicht, weil sie für ihre Arbeit kein Geld und kaum einen Rentenanspruch erhält; die Wirtschafterin, die exakt das Gleiche tut, oft mit weniger Herz, sie arbeitet, denn sie wird für ihr Tun entlohnt. Kuriose Statistik: Heiratet ein Professor seine Haushälterin, so sinkt das Bruttosozialprodukt!

Geht es den Hausfrauen nicht fast so ähnlich wie ehemals den Sklaven? Der Sklave war offiziell kein Mensch, sondern eine Sache, obwohl jeder wußte: er ist doch ein Mensch. Die antike Rechtssprache entwürdigte den Sklaven, vergiftete seine tatsächliche Plackerei überdies noch geistig durch die Lüge, es handle sich dabei gar nicht um menschliches Elend, sondern um dingliche Vorgänge. Ähnlich beleidigt jener Ämterjargon die Hausfrauen. Nicht nur müssen sie tatsächlich ihre aufreibende Arbeit tun, die wird zudem dadurch noch bitterer, daß sie der Arbeitsgesellschaft gar nicht als Arbeit gilt.

Zum Glück sehen Mann und Kinder es anders. Sie wissen, was sie der Arbeit ihrer Haus-Frau verdanken, merken es spätestens, wenn die einmal krank wird oder streikt oder sich durch neue Interessen von ihren Pflichten ablenken läßt. Alle angestellten Beamten und - hoffentlich sozial - eingestellten Angestellten unserer Menschverwaltungen aber sollten sich umstellen, ihre Mißsprache abstellen, indem sie sich vorstellen, was nach vielen Jahren Schufterei eine Hausfrau wohl fühlt, wenn sie eines Tages amtlich gefragt wird: Haben Sie schon einmal gearbeitet?


Zum Weiterdenken:

Bombay: Heinrich Zimmer, Philosophie und Religion Indiens, Zürich 1961, 254

Adams Mutter: Wegen dieses Begriffs geriet ich vor Jahren fast in die Mühle der Inquisition.

Hund


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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