Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb ab Dezember 2001

Gleicher Lohn für viel und wenig Leistung - seltsames Verfahren?

Gedanken zum fünfundzwanzigsten Sonntag im Jahreskreis.


Dieses Evangelium hat es in sich. Es ärgert unseren Sinn für Gerechtigkeit, mehr: für menschliche Würde. Wer nur eine kühle Abendstunde gearbeitet hat, erhält denselben Lohn wie sein von zwölf Stunden Schufterei erschöpfter Kollege. Da stimmt etwas nicht, auf einem so unordentlichen Prinzip läßt sich doch keine funktionierende Ordnung errichten!

Bestimmt nicht. Und deshalb hat Jesus die Geschichte so provozierend erzählt. Er will klar machen: Eine gut funktionierende Ordnung allein macht es nicht. Glück braucht mehr. Die Arbeiter der ersten Stunde bekommen genau soviel wie ausgemacht war; ein Denar war damals ein überaus großzügiger Taglohn. Daß alle später Gekommenen dasselbe erhalten, rechtfertigt der Herr des Weinbergs mit seinem Recht, gut zu sein: "Darf ich mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will?" Kein Zweifel, er darf es. Und doch regt sich Unwille nicht nur bei den Betroffenen der Szene damals sondern auch heute bei ihrem Hörer. Müssen wir wirklich an einen solchen Willkür-Gott glauben? Irdische Tyrannen überschütten ihre Günstlinge mit unverdienten Gütern, während die Mehrheit nur kargbelohnte Plackerei kennt. Sollte der wahre Herr des Ganzen sich ebenso verhalten? Wo bleibt dann unser Freimut vor seinem Angesicht?

Spitzen wir die Geschichte zu: Wenn nicht fremde Zeitarbeiter sondern die Kinder des Gutsherrn so behandelt würden - wäre ihr Protest nicht noch lauter? Sofort klärt sich aber das Mißverständnis. Wäre für die Mitarbeit ein finanzieller Lohn vereinbart worden, so hätten die Kinder eine so absurde Zahlungsweise als Unrecht oder als Witz verstanden, vielleicht gar von sich aus zwischen den Geschwistern einen korrigierenden Ausgleich veranstaltet. Normalerweise geht es aber innerhalb der Familie gar nicht um Geld, jedes Kind erhält in Wahrheit denselben "Lohn" für seine Mithilfe beim gemeinsamen Werk: die ganze Liebe der Eltern, Geborgenheit im Frieden der Gemeinschaft und deren solidarische Hilfe, wo immer sie nötig wird.

Recht wird das Gleichnis deshalb nur von Jesu anderem Wort her verstanden: "So sollt ihr beten: Vater unser!". In unserem Verhältnis zu Gott gilt zuinnerst nicht das Sachprinzip der Lohngerechtigkeit sondern das persönliche Prinzip des grenzenlosen Ja zueinander. Das heißt: Die ausbedungene Geldsumme ist symbolisch zu verstehen, bedeutet eben dieses grenzenlose JA des personhaften Weltganzen d.h. Gottes zu jedem seiner geistigen Einzelvollzüge, das sind auf dieser Erde wir Menschen. Der Denar ist in der christlichen Tradition zumeist als Symbol unseres Heils, des Ewigen Lebens aufgefaßt worden. Weil ES unendlich ist, gibt es bei IHM keinerlei Mehr oder Weniger. So weit so klar.

Was wird dabei aber aus der Gerechtigkeit? Gewiß hört man im Himmel kein Murren der einen über die Vorzugsbehandlung anderer, sonst wäre es nicht der Himmel. Doch gehört es zum Glück einer guten Familie, daß jede Mühe und Leistung eines Kindes von allen nach Verdienst anerkannt und gewürdigt wird. Keins - ich spreche, versteht sich, vom Ideal, nicht der oft schäbigen Realität ... - keins will mehr haben als die anderen aber jedes soll im hellen Licht allgemeiner Zustimmung - oder Verzeihung - genau das sein, wozu es sich selbst gemacht hat. Wenn man so will, wäre dies die Wahrheit der Murrenden. Ihr widerspricht das Gleichnis nicht. Denn jedes Schriftwort ist wahr im Licht der ganzen Offenbarung. Unser Herr war ein guter Jude. Wenn die Juden bis heute - im ausdrücklichen Gegensatz zu einem einseitig akzentuierenden "Paulinismus", wie sie, distanzierend, das Christentum gerne nennen, - am Ineinander von Geheimnis und Gebot festhalten, so hätte Jesus dem bestimmt nicht widersprochen. Anrührend erzählt die große Teresa von Avila (die wahrscheinlich auch jüdischer Abkunft war), wie sie ihn 1575 bat: "Herr, gebt mir ein Mittel, damit ich dieses Leben aushalten kann." Er sagte mir: "Bedenk, Tochter, wie du nach seinem Ende mir nicht so dienen kannst wie jetzt, und iß durch mich und schlaf durch mich, und alles was du tust sei durch mich, als ob nicht mehr du es lebtest, sondern Ich, denn das ist es, was St. Paulus sagte" (Cuentas de Conciencia, 18; Verweis auf Gal 2,20). Hier ist zwar von "Dienen" die Rede, weit weg ist aber jede knechtische Gesinnung, es herrscht der Geist reiner Freundschaft. Nach dem Durchbruch aus ideologischer Enge [von Selbstsucht (bloß Ich), Diensucht (bloß Du) oder Harmoniesucht (bloß Eins)] zur Drei-Einigkeit erwachsener Liebe vertragen die widereinander zu Recht kritischen Wahrheiten von Juden und Christen sich miteinander: Nicht nur Paulus, auch Jesus protestiert in unserem Gleichnis gegen lieblos berechnende Lohn-Religiosität; nicht nur die anderen Juden, auch Jesus wendet sich im Gerichtsgemälde (Mt 25,31-46) gegen eine typisch christliche Fehldeutung von Gottes Güte als billiger Gnade. Katholische Liederlichkeit sagte: Macht nichts, ich geh' halt wieder beichten; protestantisch hieß das: Sündige fest und glaube fester. Ausgerechnet bei Paulus findet sich das Gegengift wider diese Versuchung: "Denn einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist: Jesus Christus. Ob aber jemand auf dem Grund mit Gold, Silber, kostbaren Steinen, mit Holz, Heu oder Stroh weiterbaut: das Werk eines jeden wird offenbar werden; jener Tag wird es sichtbar machen, weil es im Feuer offenbart wird. Das Feuer wird prüfen, was das Werk eines jeden taugt. Hält das stand, was er aufgebaut hat, so empfängt er Lohn. Brennt es nieder, dann muß er den Verlust tragen. Er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durch Feuer hindurch" (1 Kor 3,11-15).

Das ist eine Drohung, Feuer tut entsetzlich weh. Ist es zuletzt also doch nichts mit demselben Lohn für verschiedene Leistung? Weicht die Liebe dann der Gerechtigkeit?

Von allen Einwänden gegen das Christentum scheint der ernsteste mir der zu sein, mit dem die anderen sozusagen den Spieß umdrehen und behaupten, ihre Gesinnung sei die edlere und würdigere. Zum Beispiel weisen sie darauf hin, daß die Glücksverheißungen der Bergpredigt - meint ein bekennender Gottloser - "bei Nichterfüllung in Verdammnisverheißungen umschlagen. Gott appelliert also in sehr drastischer Weise an den Eigennutz der Menschen, um seine Forderungen an sie durchzusetzen, sie zum Gehorsam zu veranlassen. Der durchaus utilitaristische Charakter dieser Ethik, ihr Appell an den Nutzen des Einzelnen, ist in Theologenkreisen wohlbekannt. Der entscheidende Punkt ist, daß die Ethik Jesu, wie sie uns in den Evangelien vorliegt, auf dem unablässigen Appell an die Hoffnung auf Lohn beruht. Jesus predigt zu solchen, die ins Himmelreich eingehen möchten, und sagt ihnen, wie sie es anstellen müssen. Das eigene 'Seelenheil' wurde zum Hauptmotiv der Nächstenliebe." [Hans Albert, Das Elend der Theologie, Hamburg 1979, 194 f.] Wenn hingegen Lohn und Strafe, diese äußeren Beweggründe, wegfallen, erst dann könne der Mensch wirklich von Herzen gut sein, das ist die überraschende Behauptung solcher Atheisten, deren persönliche Rechtschaffenheit höchsten Respekt verdient. Wie antwortet unser Glaube auf diese radikale Herausforderung?

Indem er sie zunächst einmal ernst nimmt und sich in ihrem Lichte kritisch selbst befragt. Gibt es in uns Christen nicht tatsächlich ein solch schäbiges Mißverständnis? Fühlen wir uns nicht zuweilen wie die furchtsamen Kinder, zu denen eine sog. religiöse Erziehung uns gemacht hat, vielleicht noch mit dem alten Spruch "Gott siehts, Gott hörts, Gott strafts"? Falls ja, dann könnte uns in der Ewigkeit allerdings eine ähnliche Überraschung bevorstehen, wie sie - in Jesu schönstem Gleichnis - der ältere verlorene Sohn erlebt hat, der müde aber vergnügt vom Felde heimkommt und mitten in Festvorbereitungen hineinplatzt. Was ist denn hier los, fragt er einen Knecht. Stell dir vor, antwortet der, dein Bruder ist wieder da, nicht schlecht gestunken hat er! Trotzdem läßt dein Vater das Mastkalb für ihn schlachten und es gibt ein tolles Fest. "Da ward er zornig," sagt Jesus über diesen Braven, aber noch nicht Guten. "Er wollte nicht hineingehen." Mitfeiern, ich? Nein. Wenn dem Lumpen da alles nachgeworfen wird, wofür habe ich mich dann so angestrengt? Ich verstehe überhaupt nichts mehr.

Wer das Reich Gottes mit einer exakten Lohn- und Strafbuchhaltung verwechselt, eine solche Person ist - das zeigt unser heutiges Gleichnis - noch weit von ihm weg, egal ob sie sich Christ nennt oder die Christen wegen ihrer angeblichen Sklavenmoral verspottet. Nochmals: der wahre Maßstab ist allein die Liebe. Die hat allerdings - das ist nicht zu ändern, dagegen kann vernünftigerweise auch niemand sein - ihren Lohn in sich, ebenso wie die Lieblosigkeit ihre Strafe. Wenn die kleine Tochter aus Liebe zur Mutter von sich aus die Küche nicht nur aufräumt, sondern sogar wischt: dann wird die Mutter sie freilich dankbar loben und küssen, dieser Lohn ist aber doch nichts Äußeres, sondern allein der sinnliche Ausdruck des inneren Gefühls der Mutter. Und sollte an einem anderen Tag der Sohn trotz ausdrücklichen Gebotes die Küche nicht aufgeräumt haben, dann ist auch das Donnerwetter, oder, schlimmer, der traurige Blick der Mutter keine äußere Strafe, vielmehr die spürbare Erscheinung der gekränkten Liebe, und weiter innen, wo seine Liebe heil ist, dort ist das Kind mit dieser Strafe einverstanden, nimmt sie an, straft sich in einem wahren Sinne selbst, um die beleidigte Liebe zu rächen und so zu retten.

Wie ein Vater, gleich einer Mutter liebt das Herz aller Dinge uns, seine Geschöpfe; wer selbst Vater oder Mutter ist und dazu an Christus glaubt, wird den Einwand des Unglaubens bald entkräften: Aber selbstverständlich will Gott alle seine Kinder vor der Vernichtung bewahren - tust du nicht für deine Kinder dasselbe, wo du es kannst? Sich darauf zu verlassen ist kein unwürdiger Schacher, jedes gesunde Kind überall auf der Welt rechnet damit, warum soll es nur in ihrer göttlichen Mitte nicht so sein?

Die wichtigste aller Fragen heißt: Ist Gott die Liebe? Bist DU wirklich gut, nicht bloß in unserer Illusion? Das, so glauben wir Christen mit guten Gründen, hat sich an Jesu Geschichte erwiesen; deshalb bedeuten seine Worte über Strafe und Lohn - die durchaus in der Bibel stehen, da haben ungläubige wie strenggläubige Bibelforscher schon recht - eben keine Sklavenmoral, auch kein Geklapper juristischer Mechanismen, sondern deftige Hinweise allein auf den Lohn und die Strafe, die dem Zusammenhang der Liebe innerlich sind. Droht nicht auch die Mutter, wenn sie an die schmuddelige Küche denkt, ihren Rangen Schlimmstes an? Und liebt sie doch, und weiß sich von ihnen geliebt, weit inseits von Strafe und Lohn. Gleichheit im Entscheidenden der Liebe, Unterschiedlichkeit in ihren je besonderen Nuancen: Mir scheint, in diesem Gedanken können Glaubende aller Religionen und alle Hoffenden sich einig sein. Ostern hat die Macht der göttlichen Liebe erwiesen und dadurch Lohn wie Strafe verinnerlicht und zugleich überstrahlt, ähnlich wie die Sonne bei ihrem Aufgang zwei Flackerkerzen aus Lichtquellen zu bloßen Lichtern erniedrigt.


Zum Weiterdenken:

Großzügiger Taglohn: Der jährliche Sold eines römischen Legionärs betrug zur Zeit des Augustus 225 Denare; normalerweise verdiente ein Hilfsarbeiter weniger als die Hälfte davon [teilt Pfarrer Helmut Meier in Ruhmannsfelden aus dem Katalog einer Ausstellung über das römische Münzwesen mit, danke!].

Geheimnis und Gebot: Versenken Sie sich in die herrlich klaren Gedanken (1921/22) von Leo Baeck (1873-1956). Nach ihm ist das Rabbiner-Kolleg in London benannt.
"In zwiefacher seelischer Erfahrung wird dem Menschen der Sinn seines Lebens lebendig, in der Erfahrung vom Geheimnis und in der vom Gebot. Man kann sie auch nennen das Wissen um das, was wirklich ist, und um das, was verwirklicht werden soll ... Auch so kann dieses Zwiefache genannt werden: das Bewußtsein, geschaffen zu sein, und das Bewußtsein, schaffen zu sollen. Das erstere ist die Gewißheit von dem, wodurch alles Leben lebt, die Gewißheit davon, im Innersten und Eigentlichsten mit dem Einen alles Lebens verbunden zu sein, diese Gewißheit des Allgegenwärtigen, Bleibenden, diese seelische Gabe, im Sichtbaren das Unsichtbare, im Daseienden das Seiende, im Vergänglichen das Ewige, im Irdischen und Begrenzten das Unendliche zu erfassen, dieser Glaube, der immer wieder erlebt, was Wirklichkeit, was Grund und Quell des Lebens ist. Und das andere wiederum ist das Vermögen, die fordernde, bestimmende Kraft in der Stunde zu erleben, diese Gewißheit des Aufgegebenen, des Mahnenden und Hinauszeigenden, des Leitenden im Leben, diese Gewißheit dessen, daß jedes Menschen Leben das Seine geben und vollbringen kann, daß dem Menschen etwas eignet, wodurch er aus dem All, das geschaffen ist wie er, herausgehoben ist, und worin er sein Persönliches, seinen besonderen Platz und seine besondere Richtung, seine Freiheit besitzt, diese Fähigkeit der Entscheidung, in der der Mensch immer wieder erfaßt, was er erfüllen soll.
So sind es die beiden Erlebnisse vom Sinne des Lebens, und das Eigene des Judentums ist, daß sich hier diese beiden Erfahrungen in eine Einheit zusammenschließen, in einer völligen Einheit erlebt werden, daß darin die Seele ihrer Einheit, ihrer Ganzheit bewußt wird, ihr darin ihre Frömmigkeit gegeben ist. Aus dem einen Gott kommt das Geheimnis wie das Gebot, als eines aus dem Einen, und als eines erfährt es die Seele ...
Es ist selbstverständlich, daß sich im Judentum bald das eine bald das andere, bald das Geheimnis und bald das Gebot, hat stärker betonen können, und einzelne seiner Gebiete und seiner Zeiten haben darin ihr Besonderes. Erst dort, wo nur das eine, nur das andere die ganze Religion, der ganze Bereich der Frömmigkeit hat sein sollen, hat die Religion aufgehört, Judentum zu sein. Das Judentum hört auf, wo das Andachtsvolle, das Ruhende und Beruhigende alles bedeuten will, wo der Glaube sich mit sich selber, mit dem Geheimnis begnügt, und dieser bloße Glaube schließlich seinen dunkelnden Schein dehnt, in dem das Wache versinkt und der Traum zum Leben wird. Die gebotlose Religion der bloßen Passivität ist nicht das Judentum. Und ebensowenig ist es dort noch, wo sich das Gebot mit sich zufrieden gibt und es nur Gesetz ist, wo aller Bezirk des Lebens nur von ihm umfaßt sein und nur das, was in den Strahlen seiner kalten Helle liegt, der Sinn des Lebens sein soll, wo der Mensch alles gesehen zu haben meint, wenn er seinen Weg sieht, den er weitergehen soll. Die andachtlose Religion der bloßen Aktivität, diese Religion, die zur Ethik der Oberfläche oder zur bloßen Sitte des Tages wird, ist kein Judentum. Nur wo der Glaube sein Gebot und das Gebot seinen Glauben hat, ist die Welt des Judentums.
Darum ist Paulus aus ihr hinausgetreten, als er das sola fide predigte und damit zum Sakrament und zum Dogma gelangte. Da ihm das Geheimnis alles sein sollte, nicht das Verborgene nur, sondern das Offenbare auch, so ist es schließlich zu dem, was erfaßt werden kann, zum Sakrament, und zu dem, was gestaltet werden kann, zum Dogma, geworden ...
Jesus und sein Evangelium können ganz nur aus dem jüdischen Denken und Fühlen heraus, vielleicht ganz darum nur von einem Juden verstanden werden, ähnlich wie seine Worte in ihrem ganzen Inhalt und Klang gehört werden, nur wenn man sie in die Sprache, in der er sprach, zurückführt. Die Grenze, die das Judentum scheidet, beginnt bei der paulinischen Predigt, dort, wo das Geheimnis nur ohne das Gebot, der Glaube nur ohne das Gesetz sein will ...
Religion ist daher hier [im Judentum] nicht Glaube an eine Erlösung von der Welt und ihren Tagen, sondern eher - das, was man oft den Realismus des Judentums genannt hat - ein Glaube an die Welt oder, um es genauer zu benennen, Gewißheit der Versöhnung. Alle Versöhnung ist Versöhnung des Tages mit der Ewigkeit, der Begrenztheit mit der Unendlichkeit, der Nähe mit der Ferne, des Daseins mit dem Sein, mit dem, was wirklich ist und darum verwirklicht werden soll. Sie ist die befreiende Gewißheit, im Erdenleben, in seinem Gegebenen und seinem Aufgegebenen, mit Gott verbunden zu sein. Lebenssinn bedeutet Lebensversöhnung. Was sein Geheimnis und sein Gebot hat, kann immer seine Versöhnung haben; denn es kann immer seines Ursprungs und seines Weges gewiß werden, sich immer zur Andacht und zur Aufgabe seines Lebens zurückwenden; es kann immer wieder zu sich selber zurückkehren. Es gibt hier keine Erlösung, die nicht diese Versöhnung ist; sie ist hier Erlösung nicht von der Welt, sondern in der Welt, Heiligung der Welt, Verwirklichung des Gottesreiches. Bloße Erlösung bedeutet, daß der Bezirk des Geheimnisses und der des Gebotes, Jenseits und Diesseits getrennt sind, zwei Reiche, die einander gegenüberstehen; Versöhnung bedeutet, daß sie ineinander gegeben sind, daß alles in dem einen Gotte geeint ist. Alles Jenseits tritt in das Diesseits, und alles Diesseits zeugt vom Jenseits. So sagt es ein Wort aus dem Talmud, das von dieser und der kommenden Welt spricht, ein Wort voll der Paradoxie, die dem Judentum eigen ist: ‚Mehr ist eine Stunde in Einkehr und guter Tat in dieser Welt als alles Leben der kommenden Welt
[vgl. Christi Wort an Teresa!]; mehr ist eine Stunde des Friedens in der kommenden Welt als alles Leben in dieser Welt.'" [Aus: Fritz A. Rothschild (Hg.), Christentum aus jüdischer Sicht (Berlin/Düsseldorf 1998), 59 ff]

Diensucht ist nicht weniger schlimm als andere Süchte!

Drei-Einigkeit erwachsener Liebe hält eine Familie gesund.

So wie durch Feuer hindurch: Dieses Bibelwort ermöglicht einen interessanten Einblick ins Entstehen dogmatischer Vorstellungen. Paulus will seine Überzeugung ausdrücken, daß es zuerst auf den Glauben an Christus ankommt und dann auch darauf, was wir Glaubenden aus uns machen. Dazu fällt ihm ein Bild ein. Auf dem gemeinsamen Fundament Christus errichtet jeder sein Lebenshaus, je nachdem als Palast (vgl. unser Wort "steinreich"!), Holzhaus oder Strohhütte. Zuletzt trifft alle der Feuersturm. Der Steinburg schadet er nicht, Holz und Stroh brennen nieder. Auch aus diesem Bildwort hat sich später die katholische Fegfeuerlehre entwickelt, das dem Paulus in den Sinn gehuschte Bild verfestigte sich zur (über?)sinnlichen Realität, nach deren exaktem Ort (irgendwo unter der Erde?) man sogar fragen konnte.

Gleichheit im Entscheidenden der Liebe, Unterschiedlichkeit in ihren je besonderen Nuancen: In Bezug auf das uns verheißene Ewige Leben ist dieser Doppelaspekt eine definierte katholische Glaubenslehre. Auf dem Unionskonzil von Florenz, das den alten Streit zwischen Orthodoxen und Katholiken hätte beilegen sollen, wurde 1439 verkündet: "Die Seelen ... schauen klar den dreieinigen Gott selbst, wie er ist, aber - nach der Verschiedenheit der Verdienste - einer vollkommener als der andere" [D 693 = DS 1304]. Als ich das als Student zu lernen hatte, hat es mich schockiert. Ich wollte mir die Ewige Seligkeit gerade nicht als Klassengesellschaft mit abgestuften Rängen vorstellen sondern mich auf das Reich unendlicher Gleichheit und Einheit freuen dürfen. Dieses Dogma störte. Ich beschloß, ihm auf den Grund zu gehen. So fand ich zum Thema meiner theologischen Dissertation über den Athos-Heiligen Gregor Palamas († 1359). Denn der Zusatz über die Verschiedenheit der Gottesschau gemäß den Verdiensten kam deshalb ins Dekret, weil die griechische Seite auf ihm bestand, um ihr jüngstes Dogma, eben den Palamismus, nicht zu gefährden: Wenn Gott nämlich verschieden geschaut wird, kann Inhalt der Schau nicht Gottes all-einfaches Wesen sein sondern nur Gott in seinen Energien. Diese theologische Unterscheidung zwischen Wesen und Energien im einen Gott schien anderseits - um 1400 wie auch noch 1963 - katholischen Theologen eine häretische Ungeheuerlichkeit. Als ich den Promotionsplan dem ungarischen Jesuiten Zoltán Alszeghi vorlegte, schlug er (ob symbolisch oder real, weiß ich nicht mehr) die Hände über dem Kopf zusammen und meinte: "Über Palamas wollen Sie arbeiten? Das einzige, was ich davon bisher verstanden habe, ist, daß ich es nie verstehen werde. Aber versuchen Sie es." Das Ergebnis erschien 1968 im Augustinus-Verlag Würzburg mit dem Titel "Die Taten des einfachen Gottes", im II. Teil (der nicht mehr zur Dissertation gehörte) beweise ich, daß der Palamismus nicht unkatholisch ist. Der Weg zur Schlußformel des Konzils, einem Prachtstück konziliarer Diplomatie, war ausgesprochen spannend (S. 108 ff). "Trotz beiderseits völlig verschiedener Auffassung der Formel lag dennoch ein wirklicher Konsens im Glauben vor, und zwar nicht nur in einer äußersten Allgemeinheit, die von etwa trennenden Unterschieden absähe: sondern gerade das, was jeder Seite unaufgebbar und das Teuerste war, drückte die Formel tatsächlich beiden aus! Obwohl die Lateiner ihre "essentia" nicht durchsetzen konnten, meinte das "Gott wie Er ist" für die Griechen genau dasselbe wie "essentia" für die Lateiner. Und obgleich die Griechen Gottes Unsichtbarkeit ‚nach dem Wesen' nicht definiert sahen, so ist sie, im griechischen Sinn, dennoch immer schon der Glaube auch der Lateiner. Eine Formel, zwei Verständnisse, ein Glaube" (S. 135).

Mein Protest gegen das Dogma hat sich als unbegründet erwiesen. Die entscheidende Selbigkeit unseres unendlichen Glücks wird durch die sie begleitende Verschiedenheit seiner endlichen Nuancen nicht gestört sondern bereichert.


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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