Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb ab Dezember 2001

Im Wellenwirbel die rettende Hand ergreifen, sogar sein!

Gedanken zum neunzehnten Sonntag im Jahreskreis


Das Evangelium von Jesu Gehen auf dem See hat die Phantasie der Menschen immer schon gepackt, davon zeugen nicht zuletzt zahlreiche Witze. Die folgenden beiden Überlegungen sind voneinander unabhängig. Die erste richtet sich mehr an den kritischen Geist, den die Ob-Frage umtreibt: Muß ich eine solche unglaubliche Geschichte wirklich glauben? Im zweiten Teil versuche ich, das Wunder an Petrus als eigenes Erlebnis zu lesen: das eines Menschen, der von der Widersprüchlichkeit seiner geistigen Situation durchgeschüttelt wird und in ihr dennoch nicht untergeht.

I. Nochmals: Die Wunder der Bibel

Wenn objektive Realität und existentieller Sinn schon bei jedem Menschen so verwoben sind, daß ein Mediziner oft nicht weiß, wie weit eine beobachtete Wirkung physische oder psychische Gründe hat, dann verstößt gegen die Würde der Vernunft auch nicht die Ungewißheit, ob berichtete wunderbare Vorkommnisse real geschehen oder sinnvoll erdichtet sind. Während skeptische Wissenschaftler Wunderberichte als psychische Symptome abtun, drehe ich den Spieß um und spiele mit dem Gedanken: Vielleicht sind die Berichte normal und die Ereignisse selbst ebenso außerordentlich aber real wie auf der Haut des Hypnotisierten die Brandblase durch die angeblich glühende, de facto kalte Münze.

Oder, noch alltäglicher: Wenn schon ich, dank der Herrschaft meiner Seele über meinen Körper, gegen das Naturgesetz der Schwerkraft ein Glas hochheben kann, warum soll dann der Gedanke unvernünftig sein, daß Jesus dank Gottes unbegrenzter Herrschaft über die Natur gegen die Schwerkraft-Statistik auf dem Wasser gehen konnte? Der Wunder faktische Realität ist weder Glaubensinhalt noch unmöglich; glauben wir also das Symbol und lassen die Realität offen. Ist Jesus auf dem See gewandelt?

"Gleich darauf forderte er die Jünger auf, ins Boot zu steigen und an das andere Ufer vorauszufahren. Inzwischen wollte er die Leute nach Hause schicken. Nachdem er sie weggeschickt hatte, stieg er auf einen Berg, um in der Einsamkeit zu beten. Spät am Abend war er immer noch allein auf dem Berg. Das Boot aber war schon viele Stadien vom Land entfernt und wurde von den Wellen hin und her geworfen; denn sie hatten Gegenwind. In der vierten Nachtwache aber kam er zu ihnen, einherschreitend auf dem See. Wie die Jünger ihn auf dem See einherschreitend sahen, gerieten sie durcheinander und sagten: Ein Gespenst ist es! Und sie schrien vor Furcht. Aber gleich sprach Jesus sie an und sagte: Faßt euch! Ich bin es. Ängstet euch nicht. Da hob Petrus an und sprach zu ihm: Herr, wenn du es bist, befiehl, daß ich über das Wasser zu dir komme. Er sprach: Komm! Da stieg Petrus aus dem Boot, schritt über die Wasser hin und ging auf Jesus zu. Doch als er den starken Wind erblickte, befiel ihn Furcht. Und da er zu sinken begann, schrie er und sagte: Herr rette mich! Gleich streckte Jesus die Hand aus, ergriff ihn und sagte zu ihm: Kleingläubiger! Warum hast du gezweifelt? Und als sie ins Boot gestiegen, erlahmte der Wind. Die im Boot aber verneigten sich tief vor ihm und sagten: Wahrhaftig, Gottes Sohn bist du" (Mt 14,23-33).

Welch überwältigendes Zeichen für Jesu Freunde, und erst für Petrus! Seither hat der Sinn der Wunder sich verschoben. Damals Stütze des Glaubens, sind sie heute zusätzliche Last. Auch wegen der Wunder glauben ist eines, wider den Zeitgeist an Wunder glauben sollen etwas anderes. Für das Denken vieler Christen entsprechen die biblischen Wunder nicht Jesu kraftvoller Hand, eher dem Glitschig-Bodenlosen, worin Petrus versinkt.

Was genau an jenem Tag auf den Wellen des Sees passierte: das zu wissen ist einem gläubigen Gemüt nicht wichtig. Und das zu glauben ist ein Christ nicht verpflichtet. Glaube richtet sich auf Gott, die Wahrheit seiner Selbstoffenbarung, nicht auf Einzelheiten in Raum und Zeit. Alles, was man im Prinzip wissen könnte, läßt sich nicht im strengen Sinn glauben! Wir dürfen gewiß sein, daß sich Christus der Lebendige dann, wenn es darauf ankommt, ebenso zu seinen Freunden verhält, wie diese Story ihn zeigt. Das ist die göttliche Botschaft, die uns alle Angst immer wieder überwinden läßt und noch zuletzt, wenn der Strudel des Todes mich verschlingt, sich als wahr erweisen wird. Dank sei dem Herrn für seine Wundertaten!

Ob diesem Bericht aber eine damals beobachtbare Realität zugrunde lag oder nicht, das bleibe unter Christen offen. Da denke jeder, wie er es fühlt, zwinge nur das eigene Denken keinem anderen auf. Wer derlei Wunderberichte für packende Symbolerzählungen ohne historischen Bezug halten will, tut das ja nicht notwendig aus Zweifelsucht, im Gegenteil vielleicht gerade um Jesu Menschlichkeit, von übermenschlicher Übermalung befreit, neu leuchten zu lassen, ähnlich wie auf einem alten Gemälde der Fußwaschung außer Jesu Heiligenschein nur der Waschzuber goldfarben strahlt.

Wenn Exegeten feststellen, solche Erzählungen seien nichts als Ostergeschichten, in Jesu Leben zurückprojiziert, dann ist die Frage: Wer projiziert zurück? Tat es der menschliche Verfasser, indem er eine Symbolgeschichte erfand, die nie passiert war? Mag sein. Wie aber, wenn der göttliche Autor der Bibel solche Rückprojizierung nicht literarisch veranlaßt hat sondern real? Bei Jesu Auferstehung erstarrt nicht der letzte irdische Moment, läuft auch die irdische Zeit nicht weiter. Sondern das Sein bei Gott verewigt das ganze irdische Leben, jeden Augenblick, Nu für Nu. Denn zu einem irdischen Körper gehören seine bestimmten Raum- und Zeit-Koordinaten, Jesu Leib ist je jetzt oder nichts!

Auch seine Lebensgestalt zu jener Stunde, da seine Freunde im Boot gegen die Wellen kämpften, ist an Ostern auferstanden und mit verklärt worden. Nichts spricht dagegen, daß er damals als total befreiter Mensch über seinen Leib (und den des Petrus) ebenso souverän gebot wie ich über meinen linken Arm, der noch herabhängt und sich nun - nicht gegen die Atomgesetze aber ihr statistisches Chaos ordnend - zur Decke streckt. Auch andere Wunderberichte lassen sich so deuten. Die Osterverklärung ergreift Jesu gesamtes Leben und bricht, zurückwirkend, schon im Vorgriff immer wieder durch. Erzählt Harry Potters Verfasserin einmal eine Ostergeschichte?

Theologische science fiction? Oder die schlichte Wahrheit der Schöpfung eines einfallsreichen Verfassers? "Alles ist ja nichts anderes als das Wissen davon im göttlichen Geiste", lehrt Johannes Scotus Eriugena, der größte europäische Denker der Karolingerzeit (De div. nat. V,27). Der die Zeit nicht durchlebt sondern im NU schafft, warum soll Seine Phantasie die Fülle des Ziels nicht auch unterwegs schon mitunter aufblitzen lassen, zum Trost den einen, zum Ärger der anderen? Schiene die Heilssonne stets, wären wir nicht frei; ließe sie sich niemals sehen, hätten die Sinnleugner allzu leichtes Spiel.

Für die Realität des Seewunders spricht, daß Levitationen auch von anderen Mystikern vieler Weltgegenden berichtet werden. Einige geschahen im hellen Licht der Geschichte. Der großen Teresa von Avila war es 1565 "peinlich, so ins Gerede zu kommen" [Vida, 20,5-7] - umsonst: "Es schien mir, als ich widerstehen wollte, daß von unter den Füßen her so große Kräfte mich hoben, daß ich es nicht zu vergleichen weiß, es war mit viel mehr Schub (ímpetu) als diese anderen Geistessachen, und so war ich zerschmettert, denn es ist ein großer Kampf und zuletzt nützt es wenig, wenn der Herr will, es gibt keine Macht gegen seine Macht ...Ich gestehe, es machte mir große Furcht, anfangs allergrößte; zu sehen, wie ein Körper sich so von der Erde erhebt; obwohl der Geist ihn mit sich führt und das mit großer Wonne, verliert man - wenn man nicht widersteht - nicht das Bewußtsein, mindestens war ich solcherart in mir, daß ich verstehen konnte daß es mich zog. Es zeigt sich eine Majestät dessen, der das tun kann, daß die Haare sich sträuben, und es bleibt eine große Furcht, einen so großen Gott zu beleidigen, eingehüllt in größte Liebe."

II. Dem Sog des Vielen verfallen oder entrissen?

Auf der technisch zusammenschnurrenden und geistig wie eh und je zerrissenen Erde schlage ich vor, unser Evangelium als Anweisung zu lesen, wie Jesu Freunde die Herausforderung des Pluralismus bewältigen können. Dazu müssen wir die verschiedenen Etappen des Dramas unterscheiden.

1) Jesus selbst fordert die Jünger auf, ins Boot zu steigen. Manche erinnern sich des evangelischen Liedes der sechziger Jahre: "Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt, fährt durch das Meer der Zeit. Das Ziel, das ihm die Richtung weist, ist Gottes Ewigkeit ... Und wenn uns Einsamkeit bedroht, wenn Angst uns überfällt, viel Freunde sind mit unterwegs, auf gleichen Kurs gestellt ..." Die Frage, ob Jesus zu Lebzeiten eine Kirche gründen wollte, bleibt unter Fachleuten umstritten (1963 bin ich beim theologischen Schlußexamen in Rom auch deshalb zunächst durchgefallen, weil ich törichterweise in diesem Punkt Zweifel äußerte). Daß aber Christus der Auferstandene sich eine Jüngergemeinde berief und immer wieder neu schafft, diese Überzeugung gehört zum Kernbestand unseres Glaubens, auch im Credo bekennen wir sie.

Wie die Planken eines Bootes das Wasser draußen halten und den Insassen einen Raum bieten, wo sie miteinander leben können, so braucht jede Menschengemeinschaft ein Gefüge aus Worten, Regeln, Riten, Selbstverständlichkeiten. Ohne "System" könnten wir nicht leben. Hätten Worte nicht ihren klaren Sinn, der das Gegenteil ausschließt, gäbe es keine Verständigung. Eines solchen Fahrzeugs bedürfen auch die Zeugen des Auferstandenen. Verfügten sie zuerst über winzige Boote, so leben sie nach zweitausend Jahren großenteils in gewaltigen Schiffen, dank deren Festigkeit man an ruhigen Tagen das Meer so gut wie vergessen kann. In jeder Konfession hat eine komplizierte Glaubenssprache sich herausgebildet, in die jemand nur durch jahrelanges Lernen einzudringen vermag; wer das geschafft hat, kennt sich in einer weiten, klaren Sinnwelt aus, kann das eine anderen erklären, das andere von ihnen lernen, und fühlt sich samt seinen Bordgenossen der eigenen Wahrheit gewiß: denn er, Christus, hat uns in dieses Schiff geschickt, ihm kann keine Zeitgeistwelle schaden.

2) Gegenwind herrscht, das Boot wird von den Wellen hin und her geworfen. Jahrhunderte lang war der Pluralismus eher eine leichte Brise, die ist inzwischen zum Sturm angeschwollen. Auch im Mittelalter wußte man, daß es rings um die Christenheit andere Wahrheitsansprüche gab, sogar mitten in ihr wollten die Juden sich durchaus nicht zur einzigen Wahrheit bekehren. Während Paulus darüber noch tief traurig war - "unablässig leidet mein Herz", klagt er in der zweiten Lesung - sah man in der Kirche früher den Weiterbestand des von Gott doch längst verworfenen Judentums bloß als dunklen Hintergrund, vor dem die christliche Wahrheit um so heller strahlte. Die Religionen der Heidenvölker schließlich, fern im Osten und Süden, waren nichts als Überbleibsel alter Finsternisse, dorthin sind Missionare, Kaufleute, am besten auch Eroberer zu schicken, zu lernen hat die Christenheit von ihnen nichts.
Heute wird ihr Schiff vom Sturm der Zweifel geschüttelt. Jeder Widerspruch, der von außen anbrandet, findet im gläubigen Gemüt sein Echo. Haben die anderen nicht recht? Zeigt die Kirchengeschichte nicht, daß jede Strebe unseres Bootes aus Zwang und Gewalt verfertigt wurde? Der Papst soll Christi Stellvertreter sein? Ach, wie seine Juristen mit den Frauen umspringen und mit dem Wunsch ferner Provinzen nach selbständiger Entwicklung, erinnert an den römischen Kaiserhof, nicht an die Jüngerschar in Galiläa. Ist das Christentum von Rom nicht angenommen sondern übernommen worden, wie auch sonst eine vielversprechende Firma von einem maroden Konzern? Bestimmt gar Nero, nicht Petrus, die Geschicke der Kirche? Diese extreme Kritik stammt aus dem katholischen Mittelalter, neu ist die Radikalität des Nein. Nicht mehr nur um die Sündigkeit von Amtsträgern geht es, bestritten wird die Stimmigkeit des gesamten Glaubenssystems. Allzu Vielem, was man in Zeitung, Fernsehen und Alltagsgespräch gegen es vernimmt, kann man ehrlicherweise kaum widersprechen.
Nur ein Beispiel: Nicht daß die amtlich gelehrte Keuschheitsforderung insgeheim vielfach mißachtet wird, ist das Schlimmste, sondern daß sie, brav befolgt, zu krankmachender Verdrängung und unmenschlicher Härte führen kann. Wie befreiend, zuerst freilich verstörend, wirkt etwa in des Nobelpreisträgers José Saramago Jesusroman die Liebesgeschichte Jesu mit Maria Magdalena. Könnte es so ähnlich gewesen sein? Was geht uns das an! Immerhin kann der portugiesische Dichter sich auf einen unkanonischen aber alten Text berufen. Im Philippus-Evangelium heißt es: "... die Gefährtin des [Erlösers ist] Maria Magdalena. [Aber Christus liebte] sie mehr als [alle] Jünger und küßte sie [oftmals] auf ihren [Mund]. Die anderen [Jünger waren gekränkt] ... Sie sagten zu ihm, warum liebst du sie mehr als uns alle? Der Erlöser antwortete und sagte zu ihnen, warum liebe ich euch nicht wie sie?" [In: Elaine Pagels, Versuchung durch Erkenntnis. Die gnostischen Evangelien (Frankfurt/M 1987), 11] Der jüdische Forscher Schalom Ben-Chorin ist übrigens, mit ausführlicher Begründung, "der Ansicht, daß Jesus von Nazareth, wie jeder Rabbi in Israel, verheiratet war. Seine Jünger und seine Gegner hätten ihn gefragt, wenn er von diesem allgemeinen Brauche abgewichen wäre." [Bruder Jesus (dtv 1253, München 1994), 105]

Der Zölibat, auf den man offiziell so stolz war und ist, entstammt er dem Willen Christi? Nicht eher dem Interesse einer machtgierigen und sparsamen Funktionärskaste? Die sich privat durchaus zu behelfen wußte und wegen ihrer gesellschaftlichen Vorzugsstellung bisher auch genügend "normale" Männer rekrutieren konnte, so daß nicht die - derzeit nicht mehr verschweigbare - Gefahr bestand, daß der Klerus aus überproportional vielen Homosexuellen besteht. - Das ist, wie gesagt, nur einer der harten Brecher, die in unser christliches Boot schlagen. Jede(r) von Ihnen spürt andere. Was tun?

3) In der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen, er ging auf dem See. Der Schöpfer aller Systeme braucht kein System. Was irdische Energie nicht vermag, ist DEM ein Leichtes, der auch während seiner Erdenzeit im Himmel verankert blieb. "Schwerkraft und Gnade" wurde eine Sammlung der Gedanken von Simone Weil betitelt; daß die menschgewordene Gnade der Schwerkraft nicht unterworfen ist, muß uns nicht wundern. Am Fest Christi Himmelfahrt gedenken wir ausdrücklich der göttlichen Anti-Gravitation, heute geht es um unsere Teilhabe an ihr, die nie Zustand, doch zuweilen Ereignis wird:

4) Jesus sagte: Komm! Da stieg Petrus aus dem Boot und ging über das Wasser auf Jesus zu. Dieser Ruf ist seither nicht verstummt. Erwachsene Christen kennen ihn. Alle? Das wage ich nicht zu behaupten. Mein kürzlich verstorbener Freund J.M. etwa war so mündig im Glauben, wie ich wenige kenne. Doch kann ich mir vorstellen, daß er in seinem ganzen Leben nie aus den Grenzen des katholischen Systems herausgerufen worden ist. Auch damals galt Jesu Ruf nur einem der Jünger: Petrus, der später zum Kapitän der Kirchenbrigg avancieren und vielleicht darum jetzt von ihrer Relativität leibhaftig überzeugt werden sollte. Auch heute dürfte es in der Kirche vielerlei Abstufungen zwischen beiden Extremen geben: den einen, die sich im Boot durchwegs wohl aufgehoben wissen, und anderen, die in einer unvergeßlichen Stunde jene Stimme vernehmen, in der des Ganzen Güte auf menschliche Weise erklingt: Verlaß das Gehäuse deiner Ideologie. "Der Buchstabe tötet" (2 Kor 3,6): Bleibst du ihm jetzt verhaftet, wäre es - in dir oder jenem Mitmenschen - der Tod einer sinnvollen Lebensgestalt, vom Herrn des Lebens jetzt gewünscht, obwohl sie zwischen den Planken eures Bootes nicht Platz findet. Dann heißt es aussteigen. Nicht aus der Richtigkeit aller Elemente meines eingelernten Systems beziehe ich meine Identität, sondern unmittelbar aus Deiner Gegenwart im Herzen meines Glaubens. Geht mir eine humanistische oder buddhistische oder persönliche Wahrheit auf, die ich mit meinem Katechismus noch nicht zusammendenken kann - was liegt daran? Daß eines Menschenhirns "wetware" Gottes Geheimnis nicht begreift, ist nicht erschreckend sondern normal. Überdies ein christliches Dogma.

5) Doch als er den starken Wind erblickte, befiel ihn Furcht. Und da er zu sinken begann, schrie er und sagte: Herr rette mich! Gleich streckte Jesus die Hand aus, ergriff ihn und sagte zu ihm: Kleingläubiger! Warum hast du gezweifelt? Die alten Prägungen sind stark. Statt auf Jesus zu achten, spürt Petrus plötzlich die eigenen nassen Füße, sinkt unter, schreit Hilfe! Und fühlt die Hand des Freundes, die ihn hält. Diese Hand des Retters sein zu dürfen ist für Christen eins der allerschönsten Gnadengeschenke. "Hast du eine Liebschaft? Das macht nichts", sagte einem Kaplan einst ein alter weiser Priester in Bonn und half ihm so zu festerem Stand. Wer selbst aus dem Toben der Zweifelwellen gezogen wurde oder auch, selber im sicheren Boot, Jesu Rettungstat aus der Nähe mitverfolgen durfte, leiste diesen Dienst dann auch Mitpilgern unterwegs auf dem See. Weil diese Hand, wo ein Versinkender schreit, nie fehlen wird: deshalb geht die Kirche nicht unter, gehe es im Boot noch so schlimm drunter und drüber.

6) Und als sie ins Boot gestiegen, erlahmte der Wind. Weil Jesus immer wieder ins Schiff Kirche zurückkehrt, gestaltet deren Ordnung sich stets aufs Neue. Auf die Dauer kann eine Gemeinschaft ohne gültiges System nicht leben. Welches bildet sich im Lauf der gegenwärtigen Krise? Das müssen wir jetzt noch nicht wissen. Doch sollten wir, auf allen Fronten, beides bedenken: Erstens ist, wer sich da bootlos auf dem Wasser nähert, kein Gespenst sondern unser Freund Jesus. Und zweites ist das Boot wohl zu hüten, denn bald sitzt dort in unserer Mitte auch ER.


Zum Weiterdenken:

Harry Potter hat einmal von der Zukunft aus sich selbst in der Vergangenheit das Leben gerettet.

Simone Weil, bei ihrer Beerdigung 1943 unbekannt, auch hatte der Priester den Zug versäumt, verdient noch viel bekannter zu sein als sie es inzwischen schon ist.

Verlaß das Gehäuse deiner Ideologie: Dieser Ruf und dieser Schritt hinaus sind keine Privilegien der Christen. Der sie als Jesus ruft, ist keine geschaffene Person sondern der Ewige SINN selbst, er kann sich an jeden Menschen wenden, welches auch seine Denkweise sei. Im Boot gelten die Beziehungen Verstand/Ideologie und Ego/Überich, draußen die Spannungen Vernunft/Glaube und Selbst/Gewissen. Um rufender Mund und rettende Hand des SINNes zu sein, muß jemand ihn nicht als diesen Menschen Jesus kennen; die atheistische Oberschwester, die einer verwirrten Anfängerin liebevoll erklärt, wie im Einzelfall das Wohl eines Patienten jede formale Vorschrift entkräftet, auch sie fände sich - läse sie es - in unserem Evangelium.
Die formale Struktur einer Rechtswirklichkeit duldet zwar keine inneren Widersprüche, doch weiß nicht nur aktuell herausgerufener Glaube sondern auch die Organisations-Soziologie, daß es ohne Illegalität grundsätzlich nicht geht, "daß soziale Systeme eine widersprüchliche Normorientierung erfordern und daß, wenn sie sich eine widerspruchsfreie formale Normordnung schaffen, ein gewisses Maß an Illegalität unvermeidlich wird" [Niklas Luhmann, Funktionen und Folgen formaler Organisation, Berlin 1964, Kapitel "Brauchbare Illegalität", 305].

Aktueller Hinwweis 2005: Das Verhältnis von begrenztem Gehäuse und unbeschränktem SINN nimmt derzeit eine abenteuerlich spannende Gestalt an. Bald will der Papst nach Köln kommen. Wird er den jungen Menschen und uns allen deutlich erklären, was der echte Sinn des Zeichens Kirche ist? Wenn er das tut, ereignet sich ein gewaltiger Schritt hin zum wahren New Age, zum Zeitalter des Heiligen Geistes, das ein berühmter Abt in Kalabrien vor über achthundert Jahren angekündigt hat. Genau dafür war der junge Ratzinger 1959 der weltbeste Spezialist. Damals in der Dimension des Buchstabens - heute, als Papst, auch in der des Geistes? Helfen wir ihm dabei! Weil jeder Christ, egal ob eher »rechts« oder eher »links«, für beides mitverantwortlich ist, für das scharf umrissene Zeichen wie für den allumfassenden Sinn, deshalb prüfen Sie bitte kritisch diesen Funken, und wenn er Sie ergreift, sprühen Sie ihn weiter!


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Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/see-gang.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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