Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb

"Ihr seid das Salz der Erde."

Predigtgedanken zum fünften Sonntag im Jahreskreis


oder, wenn Ihnen das Thema an diesem Sonntag zu ernst ist,
finden Sie hier zwei Texte aus dem alten Predigtkorb:
Fasching / Karneval

Lachen ist christlich

Heiliges Gelächter


"Ihr seid das Salz der Erde." Wie schaffen wir Christen es, Jesu Worte ernst zu nehmen und dennoch nicht hochmütig zu sein? Indem wir uns erinnern: Zwar braucht eine gute Suppe Salz, eine Salzsuppe wäre aber ekelhaft. Salz ist lebenswichtig, doch nur in gesunder Balance mit anderem. Das hat die Christenheit in ihren zweitausend Jahren oft zu wenig bedacht; in der einen Welt ist sie heute dabei, es zu lernen. Fragen wir uns deshalb zuerst, in welchem geistigen Sinn wir Salz sein sollen, und dann zweitens, auf welche Balance zu anderem Wichtigem wir achten müssen, damit unsere und unserer Mitmenschen Speise nicht versalzen wird.

I. Was heißt "Salz der Erde"?

Aus dem Salzwasser des Urmeeres stammt alles Leben. Weite Wege müssen manche Wildtiere laufen, um an das notwendige Salz zu gelangen. Weil auch alle Menschen es brauchen, ist Salz eine der ältesten Handelswaren. In keiner Küche darf es fehlen. Warum vergleicht Jesus seine Jünger mit dem Salz? Weil ohne die Wahrheit seiner Botschaft das Menschenleben ebenso ungenießbar wäre wie ein Festmahl ohne Salz.

Vorsicht aber! Hier lauert ein Mißverständnis. Heißt das, die Menschen vor Christus oder außerhalb der geschichtlichen Reichweite seiner Verkündigung hätten sämtlich ein sinnloses Leben geführt? Keineswegs. Dieselbe Lebenswürze, die Jesus durch sein menschliches Wort und Beispiel ausdrückte, hat auch vor seiner Zeit auf weniger ausdrückliche Weise die Herzen gesegnet und tut das bis heute auch dort, wohin sein Wort nicht reicht. Stellen wir uns ein Kreuzfahrtschiff vor, auf jedem Tisch im Speisesaal steht ein Salzstreuer. An der Urwaldküste, der entlang es fährt, gibt es keine solchen; mag sein, die Fischer dort kennen nicht einmal das Wort "Salz". Dafür würzen sie ihre Suppe mit Meerwasser. Ähnlich enthält die christliche Lehre das geistliche Salz in ausdrücklicher Form, weniger ausdrücklich - genauer: anders ausdrücklich - tut es seine Wirkung auch in anderen Sprachwelten.

Worin besteht aber das christliche Salz, welcher Glaubenswahrheit verdankt unser Leben die entscheidende Würze? Auf diese Frage haben Christen recht verschiedene Antworten gegeben. Ich schlage vor, auch die Heilsfrage als das Ineinander jener beiden Frageweisen zu verstehen, die jeder täglich unterscheidet, sooft er fragt:
a) was (will ich, ist los, steht bevor usw.)?
b) ob das (nämlich eine Antwort auf die Was-Frage) wirklich so ist.

Fragen wir deshalb a) Was ist die besondere christliche Botschaft? und b) ob sie stimmt.

a) Was glauben und verkünden die Christen?

Einer der kürzesten Sätze im Evangelium umfaßt nur vier Wörter, die aber haben es in sich. Unauffällig stehen sie zwischen zwei gewaltigen Zitaten aus dem Ersten Testament, leiten vom einen jüdischen Grundprinzip zum anderen über. Im Evangelium vom Hauptgebot (Mt 22,34-40) lesen wir: "Du sollst ... Gott lieben ... Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst." Beide Gebote sind jüdisch. Sie aber als gleichwertig hinstellen: das konnte nur der Sohn. Das ist klarer Originalton Jesu. Dem Volk Israel verdanken wir den Schritt vom Kinder verschlingenden Götzen hin zum wahren Gott, der nicht bestochen sondern geliebt sein will und auch uns Menschen die Liebe zueinander aufträgt. Daß beides aber dasselbe ist, solche praktische Gott-Mensch-Identität ist Jesu Botschaft. Gott ist sichtbar dieser Mensch geworden, um uns zu zeigen, daß er geheimnisvoll in jedem Menschenkind lebt. Was wir dem Geringsten tun, ganz ohne juristische Fiktion tun wir das Gott selbst, denn Christus das eine ICH lebt auch in den Gliedern seines Menschheitsleibes.

Eine Kultur, die jedes Jahr an Weihnachten ein Neugeborenes in einem Futtertrog als allerhöchsten Wert anbetet und gelernt hat, daß jedes Menschenkind ein unverrechenbar höchster Wert ist, darf sich ohne verschämte Anführungszeichen christliches Abendland nennen. Auch die vielen, denen das Wort Gott und die Organisation Kirche nichts sagt, bleiben dennoch Erben jenes "ebenso wichtig" aus Jesu Mund, wofern sie auch einem Bettler das Recht auf eine Zahnplombe zuerkennen. Wir dürfen deshalb von der Christlichkeit unserer Kultur mit demselben Recht sprechen, wie Muslime die ihre für islamisch erklären, sollten es auch, sonst liefert unser Kleinmut ihnen noch einen weiteren Grund zur Verachtung.

b) Stimmt diese Botschaft aber auch?

Nachdem die Was-Frage von Jesus in Wort, Tat und Leiden beantwortet war, hat die Antwort auf die Ob-Frage sich an Ostern ereignet. Weil der Verkünder des "ebenso wichtig" nicht in Schande und Tod verschwunden sondern zu Neuem Leben auferstanden und seinen Freunden als überwältigend gegenwärtig erschienen ist, bis heute immer wieder auf tausend Weisen [haben Sie nicht auch schon manche erlebt?], deshalb wissen wir, wem wir glauben und warum. "In Christus hat das JA sich ereignet", so bezeugt Paulus (2 Kor 1,20) in geradezu philosophischer Exaktheit, daß in seinen Tagen der innerste Weltgrund seine öffentliche Antwort auf die Große Ob-Frage aller Menschen gegeben hat: Ist mein Leben sinnvoll? "Gell ich g'hör zu uns", so hat mein Zweidreivierteljähriger einmal seine Frage formuliert; "gell ich g'hör zu UNS", so spreche ich sie ihm mitunter nach und höre freudig, als den erlösenden Akzent auf mein Sein, des Ganzen Antwort "JA".

Im Sinne dieser zwei scharfen Wahrheiten also, glaube ich, sollen wir Christen uns als Salz der Erde wissen. Es allein bewahrt vor der Fäulnis der Sinnlosigkeit, zum einen weil die Nächstenliebe je jetzt ebenso wichtig ist wie die Liebe zu Gott, zum andern weil dieser Grundsatz (sonst wäre es nicht Liebe) auch für die Allmacht selbst gilt, so daß sie wie Jesus so auch uns seine Geschwister nicht im Tod verschwinden lassen darf noch will. Dieses Doppelsalz haben wir anzubieten. Nicht aber so, daß wir allen Sinn um uns her versalzen, arrogant verlangen, daß jedermann sich nur unserer Salzstreuer bedienen muß. Wenn auf jenem Schiff ein Kellner einem Fischer ein Salzgefäß schenkt und der wirft es weg, weil er nicht den erhofften Zucker schmeckt oder gar Gift befürchtet, so fehlt ihm trotzdem nicht das Salz, mit hohler Hand wird er es schöpfen. Denn Christus ist "das JA zu allem, was Gott verheißen hat", betont Paulus, auch zu solchen Verheißungen, die kein Christ kennt, weil sie in bislang fremden Zungen ergangen sind.

II. Salzen mit Maß

Bleibt die Frage: Warum gerade Salz? An anderer Stelle nennt Jesus sich das wahre Brot oder den Spender lebendigen Wassers. Hat das Salz einen besonderen Sinn, meint es einen ihm eigenen Heils-Aspekt? Ich glaube, ja, und sehe in Brot oder Wasser Gleichnisse für das Positive, was der Mensch zum Leben braucht: Güter, Ordnungen, Sinnzusammenhänge. Salz hingegen steht für das Negative, ohne das unser Dasein veröden müßte, Salz bedeutet Kritik, Protest, reinigende Lauge. Leben gelingt nur als Dauer-Balance von schöpferischem Überblick und kritischem Durchblick.

Salz brennt in Wunden, hindert andere Lebensmittel am Verfaulen. Salz ist notwendig, tut es aber nicht allein. Oft schon hat die Welt erlebt, wie ideologischer Starrsinn aus kritischer Arznei Gift gemacht hat, sooft eine Protestbewegung an die Macht gelangte. Statt die Suppe des Bestehenden mit Korrektursalz klug zu würzen, weil Bohnen sonst nicht schmecken, mißachtet man die Bohnen, kocht eine Suppe bloß aus Salz - und ist beleidigt, wenn die Völker das eklige Zeug ausspeien, wie das nach Revolutionen schon mehrmals geschah, auch vor fünfzehn Jahren im Ostblock. (Wer der Meinung ist, inzwischen fehle es der Politiksuppe schon wieder an sozialem Salz, dem widerspreche ich nicht.)

Daraus sollen Christen Wichtiges lernen. Jesus trat als "ein Zeichen des Widerspruchs" auf (Lk 2,34). So scharf war das Salz seiner Kritik, daß die Kräfte des Bestehenden ihn nicht ertrugen, sondern aus dem Wege räumten. Am Karfreitag meinten sie, das sei erreicht. Sie irrten. "Ihr seid das Salz der Erde", hatten die Seinen vernommen. Nach Ostern erinnerten sie sich daran und führten die kritische Bewegung ihres Freundes mutig weiter, erst im Judenland, dann im ganzen römischen Reich. Nach dreihundert Jahren war es soweit: Das Christentum wurde Staatsreligion. Und ein schlimmes Versalzen ging los. Wer Glück hatte, erwischte genießbare Portionen aus dem Suppentopf der Christenheit, viele hingegen traf es hart. Einzelheiten sparen wir uns hier.

Das Prinzip aber sollten wir uns so klar wie möglich machen und nie mehr vergessen: Jesu Protest gegen das Bestehende, das Salz seiner Kritik, war damals und ist jederzeit aktuell, stets jedoch als Gegenpol, d.h. zusammen mit dem Positiven, innerhalb dessen er gegen dessen Übel angeht. Ohne seinen Kontext ist Jesu Text nicht die Wahrheit. Jesus war Jude, nicht Christ [J.B. Metz]. Nur vor dem Hintergrund seines gültigen Judentums ist der Vordergrund seiner Kritik an dessen damaligen Mißbräuchen heilsam. Dasselbe gilt für den jesuanischen Protest heutiger Kirchenkritiker am Fehlverhalten jetziger religiöser Autoritäten. Daß in der Kirche soviele Pharisäer und sture Schriftgelehrte das Sagen haben, ist nicht zu verwundern; wäre es anders, würde ein Großteil des Neuen Testaments ja nicht mehr stimmen (meint schmunzelnd Albert Rauch).

"Wie war eigentlich das Wort Christi?" fragte im Oktober 1989 Václav Havel bei seiner Friedenspreis-Rede. "War es der Anfang der Geschichte der Erlösung und einer der machtvollsten kulturschaffenden Impulse in der Weltgeschichte - oder war es der geistige Urkeim der Kreuzzüge, Inquisitionen ...?" In der Beziehung des Kritik-Salzes auf die ganze Wahrheitssuppe, deren Bohnen es voraussetzen muß um sie zu würzen, in dieser notwendigen Beziehung finde ich die Antwort auf Havels Frage. Christi Wort war und bleibt heilsames Salz, es hat beim Umsturz im Osten ebenso segensreich gewirkt wie als Anreiz der Befreiungstheologie in Lateinamerika und als leise oder laut heilender Impuls überall, wo eine Christin ihren Glauben lebt. Daß SEIN Wort von Herrschsüchtigen statt zum Würzen zum versalzenden Ruin der Schöpfungsbohnen verkehrt wurde, daran war Jesus nicht schuld, dagegen kämpft Christus auch heute in solchen Jüngern, deren Salz nicht dumm geworden ist, wie Luther den griechischen Ausdruck wörtlich übersetzte, wo wir heute hören müssen, das Salz habe seinen Geschmack verloren. Hätte es ihn bloß verloren! Es ist aber vergiftet worden, aufs Anstößigste verdummt. Wie wird versalzene Suppe wieder genießbar? Indem man sie mit viel Wasser verdünnt. Sollte das gar der geheime Sinn jener dünnen Oberflächlichkeit des Westens sein, die den Nachdenklichen solchen Kummer macht und fremde Gläubige so abstößt? Wächst vielleicht, wenn die Sinnsuppe bei uns noch wässriger geworden sein wird, in den Gemütern neues Verlangen nach christlichem Salz?

Das können und müssen wir nicht wissen. Hören wir einfach genau hin, was Jesus sagt. "Ihr seid das Salz der Erde." Sein sollen wir es, nicht Reklame dafür machen. "Redet nicht aber lebt so, daß ihr gefragt werdet," rät Charles de Foucauld seinen kleinen Brüdern und Schwestern Jesu. Wenn wir tief überzeugt sind, daß die Nächstenliebe ebenso wichtig, ja im Grunde dasselbe ist wie die Gottesliebe und daß diese Selbigkeit nicht bloß ernst-holde Illusion oder wacklige Hypothese ist sondern dank Ostern felsenfest gewiß, dann sind wir Jesu Jünger und werden ganz von selbst das Lebensgefühl der Mitmenschen um uns her kräftig würzen.


Zum Weiterdenken

Einer der kürzesten Sätze im Evangelium umfaßt nur vier Wörter, die aber haben es in sich. Wie sie im Lauf der christlichen Jahrhunderte verstanden wurden und wie Irmgard Bsteh eines Tages die Anthropologie nach dem Muster der frühchristlichen Christologie radikalisiert hat, das ist eine spannende Geschichte.

"Während das christliche Abendland schon lange abgedankt hat und nur noch in Anführungszeichen und mit verschämter Attitüde hier und da einmal Erwähnung findet, beharren die Muslime auf der Islamität ihrer Kultur. Selbst die Bekenner eines nur verwässerten Islams sind nicht bereit, ihren traditionellen Glauben einfach zur Disposition zu stellen; ja, gerade die heute gebildeteren Laien in der islamischen Welt, die oft eine westliche Ausbildung als Akademiker genossen haben und einen Großteil der Islamisten stellen, verteidigen den Islam gegen die westlichen (und östlichen) Gebildeten unter seinen Verächtern. Mag auch vieles heruntergekommen sein in jener Region, für die der Westen einst das vieldeutige Wort "Orient" erfand - Gott hält dort noch seine Stellung, im Guten wie im Bösen. Dies ist die eigentliche Herausforderung des Westens. Zumindest in Europa hat das Christentum weitgehend abgewirtschaftet, mag auch die Institution Kirche weiterexistieren. Die Verweltlichung, in Renaissance und Reformation vorgebildet, schreitet offenbar unaufhaltsam voran. Dem äußerlichen Bekenntnis zu einer christlichen Kirche entspricht selbst bei vielen sogenannten Gläubigen in vielen Fällen innerlich nichts." [Wolfgang Günter Lerch, Muhammads Erben (Düsseldorf 1999), 11f.]

In Christus hat das JA sich ereignet.

" Gell ich g'hör zu uns"

Akzent auf mein Sein: Ein Computer-Murks enthüllt sich als kritisches Gleichnis. ("Wo Bilder fallen, müssen sie durch Bilder ersetzt werden, sonst droht Verlust." [Ernst Jünger, Die Schere, Nr.1])

Verheißungen, die kein Christ kennt. So bezeugt der katholische Japaner Shusaku Endo [mitgeteilt und übersetzt von Walter Romahn]: "Ich erhielt die Taufe als Kind ..., m.a.W., mein Katholizismus war ein Anzug 'von der Stange'... Ich hatte eine Entscheidung zu treffen: Entweder diesen Anzug meinem Körper anzupassen oder einen andern, passenden zu finden ... Es gab Zeiten, da ich meinen Katholizismus loswerden wollte, aber ich konnte ihn nicht abwerfen, denn er war Teil meiner selbst geworden. Die Tatsache, dass er mich in meiner Jugend schon so tief durchdrungen hatte, war ein Indiz dafür, dass er wenigstens teilweise mit mir im Gleichschritt war. Dennoch hatte ich das Gefühl in meinem Herzen, dass es sich um etwas Geborgtes handelte, und ich begann mich zu fragen, was mein wirkliches Selbst war ... Es gab eine ständige Konfrontation zwischen diesem katholischen Selbst und dem Selbst, das ihm unterlag, wie ein Dauerrefrain, der wie ein Echo hallte und widerhallte in meinem ganzen schriftstellerischen Werk. Ich fühlte, dass ich einen Weg finden musste, beide miteinander zu versöhnen."

Shusaku Endo nennt diesen Dauerkonflikt das besondere Kreuz, das Gott den Japanern auferlegt habe, und die Frage, die auch er sich stellte, ist nach wie vor: Ist es die Torheit des Kreuzes, die drückt, oder doch nur die Last, von der Jesus sagt, dass die Pharisäer sie gern andern aufbürden?

Hören wir weiter: "Für lange Zeit war ich von einem sinnlosen Nihilismus angezogen, aber als ich schließlich die Furchtbarkeit einer solchen Leere zu begreifen begann, war ich ein weiteres Mal betroffen von der Grandeur (Endo war Romanist und hatte einige Jahre in Frankreich verbracht) des katholischen Glaubens. Dieses Problem der Versöhnung meines Katholizismus mit meinem japanischen Blut ... hat mich eins gelehrt: dass die Japaner das Christentum absorbieren (!) können, wenn es ohne Unterstützung einer christlichen Tradition oder Geschichte oder Vermächtnis oder Sensibilität daherkommt. Schon der Versuch dazu stößt auf Widerstand, Angst und Pein, doch kann man ihm nicht entgehen, indem man seine Augen einfach davor verschließt ... kurz: der Baum des hellenisierten Christentums kann nicht einfach aus Europa ausgerissen und in den 'Moosgrund' (wörtlich: Schlammfeuchte) Japans verpflanzt werden, der eine völlig andere kulturelle Tradition hat. Wenn das geschieht, wird das junge Pflänzchen verwittern und absterben. Doch das bedeutet keinesfalls, dass die christliche Sache aussichtslos ist. Denn das Christentum besitzt eine unbegrenzte Fähigkeit zur Anpassung, und irgendwo in der großen Symphonie des Katholizismus gibt es einen Ton, der der japanischen Tradition entspricht und das Herz des Japaners (be)rührt: Ein von den Kulturen Griechenlands und Roms verschiedener Ton, vielleicht so innig in dem Ganzen verborgen, dass seine feine Note vom christlichen Ohr noch nie vernommen wurde. Aber er ist da, und er muss gefunden werden.

Denn mir scheint, dass der Katholizismus kein Solo, sondern eine Symphonie ist ... Wenn ich Vertrauen in den Katholizismus habe, dann deswegen, weil ich in ihm mehr Möglichkeiten als in jeder andern Religion finde, die ganze Symphonie der Menschheit darzubieten ... Aber sollte in dieser Symphonie kein Part existieren, der mit dem japanischen ‚Moosgrund' korrespondiert, kann er nicht eine wahre Religion sein! Welches genau dieser Part ist - das ist es, was ich herausfinden will."

Schöpferischer Überblick und kritischer Durchblick

Einzelheiten: Siehe z.B. die Kriminalgeschichte des Christentums von Karlheinz Deschner

Jesuanischer Protest

Religiöse Autoritäten: Dazu eine wahre Geschichte. Seit einigen Monaten Seminarist im römischen Priesterkolleg Germanikum, verlor ich 1957 schnell meine kirchliche Naivität, die ich durchs bayerische Benediktinergymnasium und ein paar Semester Jura hindurchgerettet hatte. Angewidert von Intrigen, Zynismen und geistlosen Realitäten um mich her, schütte ich eines Tages während des vorgeschriebenen Gespräches mit dem Spiritual meine Empörung vor ihm aus. Ruhig hört Pater Wilhelm Klein zu, an die 68 war er damals, erst im Januar 1996 sollte er 106jährig sterben. Dann fragt er mit seiner unvergeßlichen Stimme: "Sagen Sie mal, wer hat denn Jesus ans Kreuz gebracht?" Ich antworte, was man als Christ so weiß: Die Hohenpriester, die Schriftgelehrten. "Ja," nickt er, "die religiösen Autoritäten. Und so muß es immer bleiben."

Pharisäer: "Die Beziehung Jesu zu den Pharisäern ist eine sensible Stelle bei der Lektüre des Neuen Testaments. Von außen gelesen, erscheint es, daß Jesus die Pharisäer verachtet, ihre Motivation als dämonisch und verdächtig ansieht, als ob Jesus aus einem Feindbild heraus gelebt hätte, das erschreckend ist, vor allem aus der Wirkungsgeschichte, die sich zum Beispiel darin zeigt, daß bis heute "Pharisäer" eines der schlimmsten Schimpfwörter ist. Von der historischen Wirklichkeit her gibt es aber keine Zweifel daran, daß es sich bei den Pharisäern um gerechte, ausgeglichene, menschlich wertvolle Heiligengestalten des damaligen jüdischen Volkes gehandelt hat. Jesus, der ihnen nahe stand, hat sie kritisiert aber diese Kritik war eben Selbstkritik. Es ist die Art und Weise, wie jemand mit Menschen umgehen kann, die er hochschätzt, die ihm nahestehen. Diese Kritik bleibt keineswegs gleich, wenn sie in Fremdkritik übernommen wird. Kommunikationstheoretisch verändert sich ein aggressiver Satz wesentlich, wenn er, statt von einem Mitglied der eigenen Gemeinschaft, von einem Fremden gesagt wird. Eine Aggression zum Beispiel, die ich als Jesuit von Jesuiten äußere, wird zu einer Verdächtigung und zu einem Feindbild, wenn Gegner des Jesuitenordens die Information übernehmen und ohne den Kontext dieselbe Information weitergeben." [Wolfgang Feneberg, Jesus der nahe Unbekannte (München 1990), S. 74]

"Wie war eigentlich das Wort Christi? War es der Anfang der Geschichte der Erlösung und einer der machtvollsten kulturschaffenden Impulse in der Weltgeschichte - oder war es der geistige Urkeim der Kreuzzüge, Inquisitionen, der Ausrottung der amerikanischen Kulturen und schließlich der gesamten widersprüchlichen Expansion der weißen Rasse, die so viele Tragödien verursacht hat, einschließlich der, daß heute der größte Teil der menschlichen Welt in die traurige Kategorie einer angeblich erst Dritten Welt fällt? Ich möchte immer glauben, daß es wohl eher das erste ist, doch kann ich nicht zugleich die Bücherstöße ignorieren, die beweisen, daß auch in dem reinsten Frühchristentum schon unbewußt etwas kodiert war, was auf dem Hintergrund von Tausenden von anderen Umständen, einschließlich der relativen Dauerhaftigkeit des menschlichen Charakters, in bestimmter Weise geistig den Raum für jene Schrecken öffnen konnte, von denen ich gesprochen habe." [V. Havel, Im Anfang war das Wort (Reinbek 1990), 215 f]


Hier ist ein Angebot für Freunde meiner Internet-Gedanken: Auf einer CD habe ich unter dem Titel "Christliches Stereo-Denken" alles, was auf verschiedenen Servern veröffentlicht ist, zusammengestellt und intern verknüpft sowie mit Bildern und Liedern angereichert. Außerdem sind sechs Bücher im WORD-Format dort zu lesen (die elektronischen Bücher Nr. 2,5,6,7,10 der Liste). Im Ganzen meldet der Rechner fast tausend Dateien. Ein Teil der Ernte von über vierzig Jahren Theologie steht zur Verfügung und kostet nur 8,50 Euro + Porto, insgesamt unter zehn Euro. Für Religionslehrer, Pfarrer und andere Profis eine Fundgrube, für deren Freunde eine sinnige Geschenk-Idee. Bestellungen bitte direkt an mich, um Verwechslung mit dem Müll zu vermeiden bitte mit klarem Betreff: CD-Bestellung. Seit Anfang Dezember 2004 ist die neue Auflage mit allem bisher im Netz Veröffentlichten verfügbar.


Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/salz.htm

Zurück zur Leitseite des neuen Predigtkorbes.

Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

Kommentare bitte an Jürgen Kuhlmann