Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb

Mutter Unser vom Himmel her!

Unübliche Gedanken zum Pfingstfest


"Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen wie ein heftiger Sturm ... und alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt." Wer ist der Heilige Geist?

I.

Die Dreifaltigkeitswahrheit ist keine autoritäre Offenbarung, die in Form unbegriffener Sätze von der Kirche verkündet wird. Sondern die Gemeinschaft der Glaubenden hat allmählich erkannt, daß die sie begründende Tatsache, Jesus Christus selber, nur verstanden werden kann, wenn die Wirklichkeit als drei-einig aufgefaßt wird. Begleiten wir den Apostel Johannes durch sein Leben und verfolgen wir, wie diese Offenbarung ihn überwältigt.

Der Knabe schon betet zum Gott seiner Väter. Er hat von den Großtaten des geschichtsmächtigen Herrn gehört. Beim ersten Tempelbesuch mag ihm aufgegangen sein, wie strahlend herrlich Jahwe ist. Zusammen mit anderen Betern rezitiert er die alten Psalmen und erlebt, wie der gewaltige Jemand, zu dem er spricht, wirklich da ist, ihm zuhört, ja antwortet auf eine zugleich unverkennbare und unbeschreibliche Weise. In solchen Augenblicken weiß Johannes (wenngleich er es nicht so philosophisch ausgedrückt hätte): ich befinde mich der absoluten Wirklichkeit gegenüber: DIR, mein unendliches DU.

Eines Tages trifft er Jesus. "Und sie gingen mit und sahen, wo er wohnte, und blieben jenen Tag bei ihm. Es war aber um die zehnte Stunde." Wer ist dieser Mann? Ein guter Mensch, ein Heiliger, ein Umstürzler, ein Prophet, ein Genie? All das ist er. Aber nicht nur das. Johannes und seine Freunde spüren: Jesus ist einfach ganz anders als sämtliche Menschen, die sie kennen: selbstsicher und freundlich, unerbittlich und verständnisvoll, und alles auf eine zugleich erschreckende und beseligende, sozusagen übermenschlich menschliche Weise. Nicht Idealisierung eines Menschen, nicht Vermenschlichung einer Idee, sondern Nachhall dieser Grunderfahrung sind die gewaltigen Aussagen, die das vierte Evangelium Jesus in den Mund legt: Ich bin das Licht der Welt; ICH bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; ihr seid von unten, ICH bin von oben; ehe Abraham ward, bin ICH. Wer solches über einen Menschen sagt, gibt zu verstehen: in ihm ist die absolute Wirklichkeit gegenwärtig. In Jesus ist also Gott selbst auf menschliche Weise in der Welt. Wie aber? Gleich dem Jünger betet doch auch Jesus zu Gott, ganze Nächte hindurch sogar. Seine Freunde erleben, wie Jesus betet. Nichts natürlicher als das, und doch wird damals das Bewußtsein der Menschheit derart in seiner Tiefe erschüttert, daß es nie mehr zur Ruhe kommen wird. Jesus, in dem Gott selbst anwesend ist, betet zu Gott als einem Anderen! Also ist der eine Gott in sich selbst zugleich zwei! Und doch ist es ein und derselbe Gott. Eins und zwei sind also, auf das Absolute angewandt, keine Widersprüche.

Damit aber nicht genug. Noch sind beide Momente des Absoluten dem Johannes äußerlich. Gott ist ein Anderer, Jesus ist ein Anderer. Aber "es ist gut für euch, daß ich fortgehe ... sonst käme der Beistand nicht zu euch". Am Karfreitag steht Johannes unter dem Kreuz. Ist jetzt alles aus? Zunächst scheint es so. Doch dann kommt alles ganz anders. Zusammen mit den übrigen hört er: "Empfanget den Heiligen Geist". Und plötzlich spürt Johannes das Grundwasser unendlicher Begeisterung in der Tiefe seines Gemütes rauschen, steigen und sein Herz mit Zuversicht erfüllen. Auf einmal ist er selbst dabei, vernimmt Jesu Selbstbewußtsein und Gespräch mit dem Vater nicht mehr als staunender Fremder von außen, vielmehr hat die - jeden Gegensatz versöhnende - unendliche Einheit der absoluten Polarität sich in den Sinn des Glaubenden hineinverlegt und erfüllt ihn ganz mit sich selbst: der "dritten" Seinsweise Gottes, als Liebes-EINS unverwechselbar mit dem DU (des Vaters) und dem ICH (des Sohnes). Seit Jesus uns genommen ist, seit wir die heilige Begeisterung seiner Einheit mit Gott nicht mehr auf seinem Gesicht leuchten sehen, seither überfällt sie uns von innen als strahlende Gewißheit: auch ich, diese(r) Endliche, bin eins mit dem Unendlichen; denn ich lebe in Christus wie im Weinstock die Rebe, und Christus ist kein anderer als in Person das ewige ICH, bezogen auf das ewige DU und mit ihm ewig EINS.

Das also sind besonders klare Namen der drei göttlichen "Personen": die persönlichen Fürwörter. DU, Gott, himmlischer Vater, zu DIR beten wir Christen gemeinsam mit Juden, Muslimen, Bahais. Anders als sie glaubt ein Christ aber auch, zweitens, daß tief in seinem eigenen ICH - und natürlich dem Ich jedes seiner Mitmenschen! - eine göttliche Person lebt: "Ich lebe, nicht mehr ich, Christus lebt in mir," stammelt Paulus im Galaterbrief (2,20). Und wie heißt, drittens, die Einheit von DU und ICH, der Heilige Geist? Das Wörtlein ist uns von Kindheit an bekannt: du und ich, WIR sind nicht nur zueinander, sondern auch EINS. So können wir den Heiligen Geist auffassen: als das unendlich beseligende WIR-EINS von DIR, Gott, und deinem Kind, dem Tiefen-ICH aller selbstbewußten Wesen.

II.

Kann man denn aber zu einem Wir beten? In der alten Kirche gab es eine Glaubensrichtung, die das nicht tat. Sie wollten nur im Heiligen Geist beten, nicht zu ihm. Ähnlich fühlen heute manche, die auch bei uns der Buddhismus anzieht, die "Religion ohne Gott". 1956 erzählte uns ein Theologieprofessor in Bamberg von einem asiatischen Studenten, der einfach nicht begreifen konnte, wie ein vernünftiger Mensch zu einem persönlichen Gott beten kann: macht er Gott so nicht zu einem getrennten, gerade nicht unendlichen, anderen Jemand? Wo Gott doch Alles sein muß, sonst ist es nicht Gott. Das wiederum konnte der katholische Professor nicht verstehen. Diese Denkspannung ist, scheint mir, nur dank des Dreifaltigkeitsglaubens erträglich: Die buddhistisch Frommen verehren nicht Gott den Vater, aber - ohne es so zu sagen - den Heiligen Geist der Urliebe, die total anders (das ist ein Dogma!) Person ist als Vater und Sohn.

Kennt ein Embryo seine Mutter? Aber ja! SIE ist ihm ALLES. Das winzige Wesen fühlt sich geborgen in IHR. Kennt es SIE als jemanden, als DU? Nein. Soweit das Ungeborene schon geistiges Bewußtsein ist, können wir sein Urerlebnis etwa in die Formel fassen: Alles ist eines und ich bin dabei. Wenn Jesus "im Heiligen Geist jubelt" (Lk 10,21), so empfindet er seine absolute Geborgenheit im strömenden EINS des göttlichen Liebes-Wir. Die Heilige Ruach, die allverbindende Einheit von ICH und DU, trägt ihn stets in ihrem Schoß; das hebräische Wort "ruach", Geist, hängt sprachlich mit dem Wort für Mutterschoß zusammen, ist mehr weiblich als männlich, ähnlich wie unsere deutsche "Gischt": sinnliches Grundwort von "Geist". Schwäbisch "Geischt" zeigt diesen Ursprung am klarsten. Während auf Hebräisch, Griechisch (pneuma) und Lateinisch (spiritus) die bewegte Luft den Geist versinnbildet (alle drei Wörter bedeuten Hauch, Wind), tut das für uns Germanen die Verbindung von Wasser und Luft: eben die sprühende, schäumende Gischt. Wesentlich genauer als "der hl. Geist" wäre der Name "die heilige Gischt".

Im Kolosserbrief (1,13) heißt Christus "Sohn der Liebe" des Vaters; denn natürlich verdankt das Du sich auch dem Wir; aus ewiger Liebe, nicht nur zu ihr hin, bringt das Ich sein Du hervor, dessen Gegenliebe dann das Wir vollendet. Was aber ist die weibliche Liebe, aus der des Vaters Kind geboren wird? Nichts anderes als seine Mutter. Die Heilige Gischt ist also auch die Mutter in Gott, das heißt aber - und diesen letzten Schritt müssen wir uns trauen, sonst sind wir nicht ehrlich - die unsagbar mütterlich liebende Göttin, auch unsere Ewige Mutter, in der wir leben und die hoffentlich nie von uns entbunden wird, denn außerhalb ihrer wäre nur Nichts und Tod. Das letztlich bedeutet Pfingsten, das liebliche Fest. Ich weiß, daß es christlichen Ohren unerhört klingt, von einer Göttin zu reden; ich bin aber nicht bloß theoretisch, sondern im Glauben überzeugt, daß wir es nunmehr müssen.

III.

Warum ist diese ungeheure Wahrheit in der Kirche nicht bekannt? Weil zu der Zeit, als das Christentum entstand, der Name "Liebesgöttin" total verdorben war. Die Christen, in der heidnischen Welt erst ein winziges Häuflein und dann eine verfolgte Gruppe, mußten sich gegen ihre verlotterte Umgebung abgrenzen, konnten jenen Begriff nicht verwenden.

Ich kenne einen Jungen, der sich äußerst ungern von seiner Mutter stürmisch küssen läßt. Lieber hält er sich an den Vater, bespricht seine Abenteuerbücher mit ihm und spielt gegen ihn Schach. Mitunter blättert er freilich das Fotoalbum durch, dann versenkt sein Blick sich selig ins Bild der Mutter: es ist ja ungefährlich, küßt nicht. Anscheinend hat die Geistesgeschichte im Großen sich ähnlich abgespielt. Zu Beginn wird die Menschheit von einem Gefühl kosmischer Ur-Einheit beherrscht, die jegliche Selbständigkeit unterbindet, ja grausam straft. Sobald ein freies Ich sich regt, wird es in den Strudel der Großen Einheit zurückgesaugt, von ihr verschlungen. Religionsgeschichtler berichten von Natur- und Fruchtbarkeitskulten mit grausigen Metzeleien, der Göttin jener alten Zeiten, der "Großen Mutter", wurden blutige Menschenopfer dargebracht.

So beschreibt, noch um 400, Augustinus ihren real existierenden Kult im Karthago seiner Jugend: "Ich sehe sie noch wie gestern mit ihren salbentriefenden Haaren und blaß geschminkten Gesichtern, schlaff und mit weibischem Gang durch die Gassen und Gäßchen Karthagos gehen ... Die Große Mutter hat ihre Göttersöhne übertroffen, aber nicht mit der Größe ihrer Gottheit, sondern ihres Verbrechens ... Sie hat die Kastrierten sogar in die römischen Tempel hineingebracht und hat diese wilde Sitte beibehalten, um glauben zu machen, sie helfe den Kräften der römischen Männer, indem sie ihnen ihre Manneskraft nehme. Was sind neben diesem Greuel die Diebereien eines Merkur, die Geilheit einer Venus, die Hurereien und Schändungen der übrigen, die wir aus den Büchern anführen würden, wenn sie nicht Tag für Tag in den Theatern besungen und dargestellt würden ... Das Verbrechen der Göttermutter hingegen, die sich zu ihrer Anbetung Verschnittene weihen ließ, haben sich keine Dichter ausgedacht, sie haben es eher verurteilt als besungen" (Augustinus, Der Gottesstaat (VII,26), deutsch von Carl Johann Perl, Salzburg 1951, I,399 f).

Vor jenem schauerlichen Horizont begreifen wir, daß die Menschen der letzten dreitausend Jahre und auch die Urchristen sich lieber an den Vatergott hielten. Er fordert Selbständigkeit in seinem Dienst, erwartet Konfliktbereitschaft und verständiges Handeln. Allerdings hat beides unsere Erde arg durcheinandergebracht, bedroht ihren Fortbestand so sehr, daß auch die patriarchalische Epoche der Menschheit in unseren Jahrzehnten zuende geht. Zum ebenso einseitigen Mutterkult sollen wir nicht zurück. Vielmehr muß jetzt, da Mann und Frau auf Erden mehr und mehr gleichberechtigt werden, auch im christlichen Glauben das Bild Gottes des Vaters zusammengedacht werden mit dem Bild der huldreichen Göttin und Mutter, der Heiligen Liebe in Person, die seit Pfingsten die Kirche beseelen will.

Die Gleichberechtigung tut sich schwer. Helles Gelächter erfüllte neulich das Kino, als im indischen Film "Monsun-Hochzeit" ein kleines Mädchen dem Onkel eine Zeitschrift hinhält und fragt: Was heißt das Wort Matriarchat? Der Onkel liest, schüttelt den Kopf und erklärt: Das ist ein Druckfehler. Es muß Patriarchat heißen. So denkt "man" auch in der Kirche. Vor mir liegt ein Buch aus dem Herder-Verlag mit Imprimatur vom 2. November 1978 über Papst Johannes Paul I. Ein Schnellschuß, der liebenswürdige Albino Luciani war gerade einen Monat tot. Trotzdem hat man sorgfältig gearbeitet. Vom 10. September wird die kurze Sonntagsansprache abgedruckt, die der Papst von hoch über dem Petersplatz an die dort Versammelten hielt. Es ging um das Treffen der Politiker Carter, Sadat und Begin in Camp David: "Premierminister Begin erinnert daran, daß das jüdische Volk einst schwere Zeiten erlebte und sich klagend an den Herrn wandte: Du hast uns verlassen, hast uns vergessen.' - ‚Nein', antwortete Gott durch den Propheten Jesaja, ‚kann denn eine Mutter ihr eigenes Kind vergessen? Aber selbst wenn das geschehen könnte, Gott wird sein Volk niemals vergessen.'"

Damit schließt der Abschnitt in dem frommen Buch. Und das ist ein Skandal. Der Papst hat damals noch mehr gesagt. Ich stand dort. Es ist Sonntag, der 10. September 1978. Auf dem Petersplatz warten Tausende. Pilger, Römer, Touristen, alle schauen wir hinauf zum obersten Stock des Papstpalastes. Kurz nach 12 Uhr tritt Johannes Paul I. ans Fenster. Er spricht von den Verhandlungen in Camp David, zeigt sich bewegt darüber, daß die drei Staatsmänner ihre Hoffnung auf Gott ausgedrückt haben. So erinnerte Premier Begin an das Jesaja-Wort: Kann vielleicht eine Mama das eigene Kind vergessen? Wörtlich fährt der Patriarch des Abendlandes dann fort: "Auch wir hier haben dieselben Gefühle. Für Gott sind wir Gegenstand einer unüberwindlichen Liebe. Wir wissen: Gott hat die Augen immer offen über uns, auch wenn es scheinbar Nacht ist. GOTT ist Papa, mehr noch, IST MUTTER, will uns nichts Schlechtes tun, will uns nur Gutes tun, uns allen. Wenn Kinder vielleicht krank sind, haben sie noch mehr Anspruch, von der Mutter geliebt zu werden. Und auch wir, wenn wir vielleicht an Schlechtigkeit erkrankt und auf Abwege geraten sind, haben noch mehr Anspruch, vom Herrn geliebt zu sein.''

"Gott ist Mutter", dieser Papstsatz mußte sofort wegzitiert werden. Das darf ein Papst nicht gesagt haben. Er hat es aber gesagt, öffentlich, vor Tausenden, und wenn man von seinem so kurzen Pontifikat einmal alles vergessen hat, wird dieser Satz noch leuchten. Denn er ist doppelt wahr. Zum einen brauchen wir Bilder, um vom Großen Geheimnis überhaupt sprechen zu können. Das Gebot "du sollst dir kein Bild machen" bedeutet: Du sollst dir nicht ein Bild machen, das dann - zur einzigen Wahrheit verfestigt - zum Götzenbild zu werden droht. Deshalb gehört das überkommene Vaterbild durch die Muttergestalt ergänzt. So verstanden, bedeutet der Gegensatz Mann/Frau aber nichts Göttliches, gehört nur den bedeutenden Bildern an, nicht der bedeuteten Wirklichkeit.

Anders bei der Personen-Beziehung des Vaters und seiner Heiligen Geist-Liebe. Dies ist ein in Gott selbst wirklicher Gegensatz, lehrt unser Glaube. Mann und Frau sind Gottes Bild, und zwar gerade auch in ihrem Zueinander. In diesem Sinn ist also "Göttin" ein gültiger Bestandteil der christlichen Sprache. Ich fürchte: Solange die Machthaber der Christenheit dem nicht zustimmen, bleibt der Heilige Geist jener vielbeklagte "Unbekannte Gott".

Verehren wir Orthodoxen und Katholiken vielleicht darum so sehr über alle - protestantischen oder aufgeklärten - Maßen die Mutter Gottes, weil sie Bild und Erscheinung einer anderen Mutter Gottes ist, die eben nun nicht nur verehrt, sondern in aller Wahrheit angebetet werden darf und muß? Weil die Theologie dem Volke dies nicht erlaubte, darum hat das Volk sich selbst geholfen und hat, indem es Maria verehrte, tatsächlich, ohne darum zu wissen, die Mutter der göttlichen Liebe selbst angebetet: unter dem Bilde derer, über die der Hl. Geist in Fülle gekommen ist, sie durch Mitteilung der eigenen göttlichen Mutterschaft zur Mutter Gottes zu erheben; denn dies meint unser vertrautes Gebet: "und sie empfing vom Hl. Geist". Ich hörte einmal einen jungen Franzosen im Ferienlager seinen Kameraden vorbeten: "Jetzt wollen wir unserem Vater und unserer Mutter im. Himmel danken für den schönen Tag, den sie uns geschenkt haben." Folgten ein Vater unser und ein Ave Maria. Vor Weisen und Klugen verborgen, den Kleinen geoffenbart. Vater und Mutter gehören in eine Reihe, das ist doch klar. Gewiß ist die Liebe selbst und ihre Erscheinung nicht dieselbe Person; wie wir aber im Geringsten (und gerade nicht an ihm vorbei hinter ihm) dem Sohn dienen sollen, ähnlich dürfen wir uns in Maria an der Lieblichkeit des Hl. Geistes freuen.

IV.

In einem Müttergenesungsheim kommen mancherlei Schicksale zusammen. Viele Frauen dort leiden an Depressionen. Ein Arzt, der in einer katholischen Gegend ein solches Heim leitete, hielt etwas für einen Hauptgrund dieser weiblichen Traurigkeiten: das Kreuzzeichen!

Erstaunlich? Genau besehen nicht. Als kleine Mädchen schon hatten diese Frauen die uralte Formel gelernt: im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Dreimal: des. Wie auf Erden so im Himmel herrscht also man, der Mann. Die Frau kommt in den irdischen Vorstandsetagen nur selten vor, in der himmlischen überhaupt nicht.

Für den 25. Juli 2005 ist wieder eine katholischen Priesterinnen-Weihe angekündigt, diesmal auf dem St.Lawrence-Strom zwischen den USA und Kanada. Die einen sind dagegen: Weil in der Geschichte Gott als Mann erschienen ist, könne ein Mann ihn besser darstellen. Viele kluge Frauen verspüren - ''der Geist kann nie Buchstabe werden'' - überhaupt keinen Wunsch, morgen zum Skelett des Kirchenleibes zu gehören, lieber bleiben sie dessen Herz.

Andere sind überzeugt: Die innergöttliche Liebe als Seele der Kirche würde passender von einer Frau repräsentiert. Daß eine Seelsorgerin nach langem Versöhnungsgespräch einen Reuigen wegen der sakramentalen Lossprechung zu einem unbeteiligten fremden Mann weiterschicken muß: das scheint ungerecht. Was könnte weiblicher sein als die Wiederaufnahme eines Verlorenen in den Schoß der Kirche? Himmelhoch über der irdischen Heilsgeschichte steht das innere Leben Gottes, wo weiblicher und männlicher Aspekt gleichberechtigt aufeinander bezogen sind. Diese Ebenbürtigkeit der Geschlechter gehört auch offiziell ausgedrückt; vollmächtige Priesterinnen könnten die Atmosphäre zum Besseren wenden. Freilich müßten die dann auch im Namen der Göttin auftreten dürfen, nicht nur im Namen des, und des, und des ...

Utopische Träume? Möge die Ewige Güte dem Papst und den Bischöfen zeigen, was Sie will, und auch den Mut zum Gehorsam schenken.


Zum Weiterdenken:

Die nur im Heiligen Geist, nicht zu ihm beten wollten, hießen in der Antike Pneumatomachen oder Makedonianer.

Manche, die auch bei uns der Buddhismus anzieht: der gegenwärtige Streit Roms mit Pater Willigis Jäger OSB z.B. ist ähnlich zu beurteilen.

Göttin: Dazu findet sich im Netz:

Mein erster Essay zum Thema, verfaßt in Rom 1961/62, von feministischer Theologie wußte damals noch niemand etwas. Vorsicht aber! Der Aufsatz richtet sich an Fachleute der Theologie.

Der Heilige Geist als Mutter. Veröffentlicht in "Christ in der Gegenwart" 1980, 173f. Nachgedruckt in: Begründetes Vertrauen (hgg. v. Manfred Plate, Freiburg 1984),36-40

Lieder an SIE (August 1972 und August 1999); Erläuterungen dazu.

Priesterin der Göttin ? (Januar 1985)

Wider patriarchalische Verstockung. Protest gegen eine Lied-Verschandelung im Gotteslob (Mai 1993)

Die Große Mutter: Das ist der Titel eines erhellenden Buches von Erich Neumann (Olten/Freiburg 1974).

Doppelt wahr: Die Fachsprache unterscheidet zwischen "wesenhaft" und "notional".

Das Wort "Göttin" christlich? Der Begriff ist es schon: "Eros und Amor sind Maskulina, Agape und Caritas Feminina. Dürfen wir diese beiden polaren Tätigkeiten um das Gute, die im Menschenleben eine so große Rolle spielen, auf das innergöttliche Leben anwenden? Wir dürfen es, denn "Gott schuf den Menschen als sein Bild. Als Gottes Bild schuf er ihn. Er schuf sie als Mann und als Weib." Warum dürften wir aus diesem Satz nicht herauslesen, daß der Mensch nicht bloß als Einzelperson oder gar nur als Mann, sondern gerade in der Eigenart seiner geschlechtlichen Zweieinheit ein Abbild Gottes ist? Wir machen ja nicht den Menschen zum Maßstab Gottes, sondern suchen vom Ewigen, Unendlichen als vom Urquell und der Fülle allen Lebens her das Rätsel des Menschen zu deuten." (Josef Zimmermann, Trinität Schöpfung Übernatur, [Pustet] Regensburg 1949, 47). In diesen Sätzen des späteren Weihbischofs von Augsburg fehlt zwar das Wort Göttin, der Begriff aber ist da, deutlich genug, in einem Buch mit katholischem Imprimatur vom 27. April 1949. Friede dem Andenken des guten Mannes; er hat mich während des Konzils im Glauben an die Heilige Ruach gestärkt. - Inzwischen erfuhr ich, daß wegen dieser These fast seine Bischofs-Ernennung gescheitert wäre. Das Patriarchat wehrt sich.

Mitteilung der eigenen göttlichen Mutterschaft: "Der Heilige Geist wird über dich kommen", verheißt Gabriel, und fährt fort: "und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten" (Lk 1,35). In Maria setzt sich irdisch das ewige Zusammenwirken von Mutter und Vater fort; nicht aber darf - wie in vulgären Witzen - diese Herabkunft des Hl. Geistes nach dem heidnischen Modell der Besuche des Göttervaters Zeus bei Leda und anderen Damen aufgefaßt werden! In hebräischer Sprachwelt ist diese Assoziation bei "ruach" undenkbar!

Nicht dieselbe Person: Denn Maria steht, als reine Schöpfung in Person, der Schöpfer-Liebe empfangend gegenüber, ist lebendige Ikone, nicht personhafte Präsenz unserer göttlichen Mutter. Anders (doch meinen wir vermutlich dasselbe!) urteilt Leonardo Boff:
"Ich würde sagen, daß der Heilige Geist, indem er über Maria kam, sie pneumatifiziert (vergeistet), das heißt in ihr menschliche Gestalt angenommen hat, ähnlich, wie der Sohn auf besondere und unverwechselbare Weise sein Zelt unter uns in der Gestalt Jesu von Nazaret aufgeschlagen hat (vgl. Joh 1, 18). Was ich hier behaupte, ist keine offizielle Lehre. Es handelt sich um ein Theologumenon, eine theologische Hypothese, begründet in einem biblischen Befund in Verbindung mit dem Zusammenhang zwischen den verschiedenen Glaubenswahrheiten. So sage ich, daß die Frau gleich dem Mann Bild und Gleichnis Gottes ist (Gen 1,27), daß es eine Berufung zur Vergottung gibt, daß Gott vom Weiblichen offenbart wird, daß die in Jesus vorhandene weibliche Dimension durch die Menschwerdung hypostatisch angenommen wurde, so daß etwas vom Weiblichen für immer vergöttlicht ist und das Weibliche in der Ewigkeit ebenso wie das Männliche höchsten Anteil an der dreifaltigen Gemeinschaft haben wird. Im Lichte all dieser Behauptungen läßt sich zu Recht fragen: So wie das Männliche ausdrücklich vom Sohn angenommen wurde, indem er die Menschheit Jesu von Nazaret annahm (die eine implizite weibliche Dimension mit einschließt), könnte nicht gleicherweise das Weibliche ausdrücklich vom Heiligen Geist angenommen worden sein, da doch die Schrift seine innige Beziehung zur Jungfrau Maria zeigt? Gäbe es nicht ein heilsgeschichtliches Gleichgewicht, wenn man ehrfürchtig und fromm sagen dürfte, daß die gesamte Menschheit, in ihrem konkreten weiblichen und männlichen Ausdruck, Gefäß der Selbstmitteilung zweier Personen der Dreifaltigkeit sei, die der Vater in die Welt gesandt habe, um sie von ihren jeweiligen Besonderheiten aus in die dreifaltige Gemeinschaft einzuführen? Der Sohn hat das Männliche explizit und das Weibliche implizit vergöttlicht, im Maße, wie Männliches und Weibliches stets beisammen sind und sich perichoretisch aufeinander beziehen. Der Heilige Geist hätte dann aufgrund des wechselseitigen Einschlusses beider ineinander das Weibliche explizit und das Männliche implizit vergöttlicht."
(Der dreieinige Gott, Düsseldorf 1987,241)

Die innergöttliche Liebe als Seele der Kirche drängt uns, alle Menschen zu achten. Deshalb ist das wunderbare Fresko, auf dem SIE als holde Frau erscheint (Jahrhunderte lang - weil unzulässig - übertüncht, wurde es erst vor Jahrzehnten wiederentdeckt), Titelbild meines Buches.

Die Postkarte dieser einmaligen Dreifaltigkeits-Darstellung im Kirchlein von Urschalling ist bestellbar bei Foto-Berger, D-83209 Prien, das Buch (94 Seiten, Nürnberg 1996) über jede Buchhandlung.
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[ISBN: 3-923733-21-6
Preis: 10 Euro]
Aus diesem Buch:
Im Panzer aller großen metaphysischen Ideologien, die um die Zustimmung der Menschenherzen ringen, leben ursprüngliche Offenbarungen des Ganzen, die zwar gegensätzlich, aber miteinander vereinbar, ja für einander notwendig sind, und als Schlüssel, der sie aufeinander hin öffnet, hat sich das Christusereignis gezeigt, verstanden im Glauben der Kirche, das heißt als jener Impuls, der die Dreieinigkeitslehre hervorgebracht hat, laut welcher das Herz der Wirklichkeit selbst in unendlicher Spannung vibriert.

Denn das ist der tiefste Grund dafür, daß Sinn-Wahrheiten keine habbaren Klötze sind, sondern Kraftfelder gegensätzlicher Pole: Weil der absolute SINN selbst, "den wir Gott nennen," sich unserem Glauben weder als einsamer Herrscher noch als Seins-Meer offenbart hat, vielmehr als Gegensatz-Einheit ungeschaffener Beziehungspole. Der Sinn des Ganzen ist an sich das absolut in sich gespannte Kraftfeld - kein Wunder, daß wir Menschen den Sinn unseres Daseins ebenfalls nur als Spannungsfeld zu erkennen vermögen.


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Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/ruach.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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