Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb ab Dezember 2001

"Das Himmelreich ist nahe."

Material zum Weiterdenken


Vielerlei Deutungen: Siehe Walter Nigg in seinem großartigen Werk "Das Ewige Reich" von 1954. Das Buch ist auch im neuen Jahrtausend noch (bei Diogenes) lieferbar. Hier sein Inhaltsverzeichnis: Apokalyptische Weltstimmung - Jesu Botschaft vom Reich - Paulinisch-johanneische Erfüllung - Frühchristlicher Chiliasmus - Das Enttäuschungs-Erlebnis - Montanistische Naherwartung - Die Verkirchlichung des Reiches - Sacerdotium und Imperium - Joachims Reich des Geistes - Der Taboriten-Sturm - Der reformatorische Reichsglaube - Der Chiliasmus der Täufer - Die Reichserwartung im Pietismus - Das philosophische Idealreich - Die Reichsverkündigung bei den Sekten - Das chiliastische Moment im Sozialismus.

"In Christus" heißt die Kurzformel, mit der Paulus diesen begeisternden Sachverhalt immer wieder zusammenfaßt. Sie ist keineswegs "bloß geistig" aufzufassen, als wäre eine Art ideologischer Anteilnahme gemeint, so wie mancher Nürnberger Knabe "beim Club" ist, Mitglied des 1. FC. In Christus sind wir viel eher so, wie eine Waschmaschine "am Netz" ist: Zieh den Stecker heraus, und sie ist ohnmächtig; schließ sie wieder an, und sie wird heiß und rührig. In diesem Sinn, daß nämlich bereits der Heilsstrom im Netz der Welt kreist, hat Christus bei seiner Auferstehung das verheißene Gottesreich tatsächlich schon gebracht: "In ihm ist das Ja geworden" (2 Kor 1,19), zu seinem lebendigen Leib gehören wir. Schön stellt Albert Schweitzer fest:

"Während das Sterben und Auferstehen an Jesu schon offenbar geworden ist, geht es an den Erwählten insgeheim, aber dennoch nicht weniger wirklich vor. Weil sie der Art ihrer Leiblichkeit nach mit Jesus Christus zusammengehören, werden sie durch seinen Tod und seine Auferstehung zu Wesen, die in Sterben und Auferstehen begriffen sind, wenn auch der Schein ihrer natürlichen Existenz noch erhalten bleibt ... Der Leib Christi kommt für Paulus nicht mehr als eine für sich bestehende Größe, sondern nur als die Stelle in Betracht, von der aus das mit Jesus Christus anhebende Sterben und Auferstehen auf die Leiblichkeit der mit ihm zusammengehörigen Erwählten übergreift, wie auch die Erwählten nicht mehr für sich existieren, sondern nur noch Leib Christi sind." [Die Mystik des Apostels Paulus, Tübingen 1954, 111 u. 119]

Zur Naherwartung einige Netz-Texte:

Michael Korbmacher: "Stetserwartung" gerät nämlich unter der Hand zur "Nieerwartung": Alles wird gleich gültig, nichts ist mehr wichtig. Es ist die Naherwartung, das Bewusstsein von der Begrenztheit der Zeit, die Zeit erst wichtig macht: "Naherwartung erlaubt keine Vertagung der Nachfolge" [J.B.Metz].

Raymund Schwager schreibt:
Johann Baptist Metz argumentierte - unter Berufung auf Käsemann - gerade mit dem Thema der Apokalyptik, um das moderne evolutionäre Denken zu kritisieren: "'Naherwartung', aus den zentralen Passagen des Neuen Testaments immer wieder auf die Tagesordmung der Theologie und des Christentums gerückt, erscheint einem Bewußtsein, dem die Zeit längst zur leeren, evolutionär zerdehnten Unendlichkeit geworden ist, als ungeheure Zumutung, als Mythos aus archaischer Zeit. Gleichwohl bleibt die theologische Uminterpretation der 'Naherwartung' in eine 'Stetserwartung' ein semantischer Betrug an der temporalen Grundverfassung des Christentums, das eben nicht einen zeitlosen Kern, sondern gerade einen Zeitkern hat." [J.- B. Metz, Glaube in Geschichte und Gesellschaft, 152] Mit diesem Plädoyer für die Apokalyptik und gegen die Evolutionslogik wollte Metz keineswegs Spekulationen über den Zeitpunkt kommender Katastrophen anregen. Nach ihm enthält die Apokalyptik vielmehr eine Lehre vom katastrophischen Wesen jeder Zeit: "Sieht man in der jüdisch-christlichen Apokalyptik, die doch zu recht als 'Mutter der christlichen Theologie' (E. Käsemann) gelten darf, nicht primär die mythische Bannung der Zeit in ein starres Weltschema, sondern - im Gegenteil - die radikale Verzeitlichung der Welt, dann ist das Katastrophenbewußtsein der Apokalyptik fundamental ein Zeitbewußtsein, und zwar nicht etwa ein Bewußtsein vom Zeitpunkt der Katastrophe, sondern vom katastrophischen Wesen der Zeit selbst, vom Charakter der Diskontinuität, des Abbruchs und des Endes der Zeit." [Ebd.155]
Kann diese Rettung der Apokalyptik überzeugen? Kaum, denn die Zeit hat im christlichen Verständnis nicht bloß ein katastrophisches Wesen. Die Bibel spricht ebenso von der messianischen Zeit, ja von der Fülle der Zeit, in der die Erlösung geschieht. Weder eine globale Verwerfung der apokalyptischen Thematik noch eine ungeprüfte Berufung auf sie dürften weiterführen. Es gilt vielmehr, die verschiedenen Elemente, die mit der Apokalyptik verbunden sind, eigens zu sichten und zu werten.

Bernhard Dressler: Bei Jesus wird der lineare Zeitfluss unterbrochen. "Unterbrechung" ist laut Johann Baptist Metz die "kürzeste Definition von Religion". Liebe, die sich "Zeit nimmt", ist die nachdrücklichste Unterbrechung des bloßen Ablaufs der Dinge. Im radikalen, gerade nicht apokalyptischen Verständnis von eschatologischer Naherwartung erhält die Jetztzeit, die Gegenwart, Bedeutung und Würde. Jede Sekunde kann, um noch einmal ein Bild Walter Benjamins zu zitieren, die kleine Pforte sein, durch die der Messias treten könnte.

Sinn-Inseln

Wie verhält die christliche Glaubensgewißheit sich zu anderen, z.B. der jüdischen, muslimischen, buddhistischen? Das ist das Thema meines Buches von 2001: Etappen der Großen Liebesgeschichte. Wie Glaube zugleich bestimmt sein und Frieden stiften kann.

Biblischer Zeitbegriff [Aus Gerhard von Rad's Standardwerk "Theologie des Alten Testaments" (München 1962) II,112 ff]: "Heute beginnt sich die Erkenntnis durchzusetzen, daß Israel das, was wir "Zeit" nennen, anders erlebt hat. Indessen ist damit noch nicht sehr viel gewonnen; denn es fällt uns über die Maßen schwer, aus unserem Zeitverständnis, das wir naiverweise für das allein mögliche halten, herauszutreten und die Besonderheit eines anderen derart zu verstehen, daß wir es auch produktiv rekonstruieren können. Die Vorstellung von der Zeit, in der der Abendländer mehr oder minder naiv lebt, ist linear; die Zeit gleicht einer unendlich langen Strecke, auf die er alle Ereignisse, die vergangenen und die zukünftigen, soweit sie ihm als sicher feststehen, eintragen kann. Diese Zeitstrecke hat eine Mitte: das ist unsere Gegenwart; von ihr aus erstreckt sich nach rückwärts die Vergangenheit, nach vorwärts die Zukunft. Das aber gehört nun zu dem wenigen, das heute sicher feststeht, daß Israel diese Vorstellung von der absoluten Zeit, die allem Geschehen vorgegeben ist und die nur, wie das Formular eines Fragebogens, mit den inhaltlichen Angaben auszufüllen ist, nicht gekannt hat. ... Hat Israel die Vorstellung der absoluten und sich einlinig erstreckenden Zeit nicht gekannt, so scheint weiter festzustehen, daß es außerstande war, die Zeit von dem jeweiligen Geschehen zu abstrahieren. Es konnte sich eine Zeit ohne ein bestimmtes Geschehen gar nicht denken; es kannte nur "gefüllte Zeit". ... Zu "seiner" Zeit bringt der Baum Früchte (Ps. 1,3), und Gott gibt der Kreatur Speise "zu seiner Zeit" (Ps. 104,27); d. h. alles Geschehen hat seine bestimmte zeitliche Ordnung; das Geschehen ist nicht ohne seine Zeit, und die Zeit nicht ohne ein Geschehen denkbar. Bei den Vorgängen, die vom Rhythmus der Natur her bestimmt sind, leuchtet das ohne weiteres ein. Die Alten waren aber der Meinung, daß diese zeitliche Ordnung für alle menschlichen Verrichtungen, ja sogar für die inneren Empfindungen gelte, weil jegliches Anliegen unter dem Himmel "seine" Zeit hat: Geboren werden, sterben, pflanzen, ausreißen, weinen, lachen, klagen, tanzen, suchen, verlieren, zerreißen, nähen, schweigen, reden, lieben, hassen (Pred. 3,1 ff). Diese tiefsinnige Erkenntnis ist natürlich kein spezifisches Eigentum Kohelets; sie war eine der konstituierenden Erkenntnisse der damaligen Menschen überhaupt, und es bedurfte des Aufgebots einer großen Weisheit, diese den Dingen und Verrichtungen gesetzte Zeit nicht zu verfehlen und um ihren geheimnisvollen Kairós zu wissen."

Eine sog. Ungläubige schreibt an ihren Freund: Aus meinem [noch lieferbaren] Patmos-Buch " Gott Du unser Ich" (Düsseldorf 1977).

Therese von Lisieux: Sainte Thérčse de l'Enfant Jésus, manuscrits autobiographiques (Lisieux 1957), 252

Zeitlupe: Während alte Gleichnisse wegen Erfahrungsmangel verblassen, liefert die technische Entwicklung neue, z.B. eben für den Kairós senkrecht zum Chónos. Im Netz schreibt Irene Neverla: "Mit der elektronischen Kommunikationstechnologie ist 'die Zeit nicht länger der Behälter der Dinge, in der sie verfließen.' Durch Zeitraffer, Stillstand, Rücklauf, welche von den Produzenten in den Sendern wie vom Publikum am heimischen Bildschirm mittels Videorecorder zum Einsatz gebracht werden können, werden die Ereignisse von ihren chronologischen Gestalten getrennt."

Über das "Selbstgericht" schreibt Raymund Schwager: "In der Gerichtsverkündigung Jesu werden - wie im Alten Testament - teilweise Bilder von einem Gott benützt, der direkt straft, die innere Logik der neutestamentlichen Gerichtsworte zielt aber ganz auf das Selbstgericht. Die Menschen wählen selber das Maß, an dem sie gemessen werden. Dieses Selbstgericht erfährt im Geschick Jesu nochmals eine Transformation, denn die Rollen werden vertauscht und derjenige, der das Gericht ankündigt, wird selber gerichtet. Der Unschuldige wird ins Selbstgericht der sündigen Menschen hineingezogen ('der Richter wird gerichtet'), und er leidet an ihrer Stelle das Böse durch. Für die Gerichtsvorstellung nach Ostern hat dies entsprechend radikale Folgen. Einerseits bleibt zwar bestehen, daß nichts Unreines vor der Heiligkeit Gottes bestehen und nichts Böses ins ewige Leben eingehen kann; anderseits versucht der Gekreuzigte aber durch seinen Weg in die Finsternis alle Menschen heimzuholen. Daraus ergibt sich die Vorstellungen eines Gerichtes, das nicht mehr in erster Linie Gute und Böse trennt, sondern quer durch alle Menschen hindurch eine Scheidung vollzieht ...
Wie Jesus im tödlichen Konflikt sein ganzes Geschick den Händen des 'gerechten Richters' überlassen hat, so muß auch die christliche Theologie die Zukunft und das Ergebnis aus den konflikthaften Begegnungen mit den anderen Religionen dem kommenden Selbstgericht der Menschen und dem Handeln Gottes in der Geschichte überlassen."

Prisma: Vgl. "Das Prisma-Prinzip" im Anhang des Etappenbuches (2001), S. 111-114.

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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