Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr B

Lebenswahrheit verträgt keine Rechthaberei.

Gedanken zum vierten Sonntag im Jahreskreis


I.

Die erste Lesung ist für Christen ein Schlüsseltext. Bei Johannes beruft Christus sich vor jüdischen Gegnern genau auf diese Stelle. "Mose klagt euch an, auf den ihr eure Hoffnung gesetzt habt. Wenn ihr Mose glauben würdet, müßtet ihr auch mir glauben; denn über mich hat er geschrieben" (5,45 f). Nämlich das, was heute vorgelesen wird: "Einen Propheten wie mich wird dir der Herr, dein Gott, aus deiner Mitte, unter deinen Brüdern, erstehen lassen. Auf ihn sollt ihr hören."

Fragen wir bei Juden an, auf wen sie diese Verheißung beziehen, so finden wir in der Buber-Übersetzung die Antwort: "Einen Künder jeweils gleich mir ..." Der jüdische Glaube sieht die Verheißung immer wieder neu erfüllt. Jede Zeit verlangt nach einem frischen göttlichen Impuls, so sendet Gott jeweils Menschen, die seinem Volk seinen Willen neu deuten. Wir sehen: Eine solche Glaubenssicht läßt sich wissenschaftlich weder bestätigen noch widerlegen.

Muß die Frage "welche Seite hat recht?" dann also bis zum Jüngsten Gericht unentschieden bleiben - oder können Gläubige wenigstens die Frage gemeinsam anders stellen, so daß nicht auf jeden Fall eine der Glaubensweisen zuletzt im Abgrund des Irrtums verschwinden muß? Ich glaube: ja. Wir können, ja müssen in der einen Welt anders fragen, als es bisher geschah. Nämlich nicht mehr "wer hat recht?" sondern: was meint die eine und was meint die andere Seite mit ihren gegensätzlichen Worten wirklich - und können Friedfertige auf jeder Seite mindestens ahnen, was die andere Wahrheit der Gegenseite sei und wo der eigene blinde Fleck?

Der laut Johannes sagt "über mich hat Mose geschrieben", ER ist für Christen keine nur geschichtliche Gestalt. Einen noch gewaltigeren Anspruch erhebt ER: "Ehe Abraham ward, bin ICH" (Joh 8,58). Tritt doch, als bestimmter Mensch Jesus, der SINN des Ganzen selbst auf, in DEM "alles geschaffen ist im Himmel und auf Erden" (Kol 1,16). Dieser traditionell christliche Glaube und der andere Glaube von Juden, Muslimen und auch kritischen christlichen Theologen, daß Jesus nicht Gott sondern eben ein bestimmter Mensch war: beide Glaubens-Weisen schließen sich gegenseitig nicht aus, obwohl ihre formulierten Sätze einander widersprechen und deshalb gegensätzliche Glaubens-Weisen fordern.

Dogmatisch entspricht solche Akzent-Polarität genau der traditionellen Lehre. Eben weil Jesu Menschheit nicht Gottheit ist, lehrt das Dogma von Chalkedon Christi beide Naturen, unvermischt in seiner göttlichen Person geeint. Niemand ist gezwungen, mit "Jesus" genau seine göttliche Person zu meinen; wer es nicht tut sondern ihn schlicht als Menschen in den Blick nimmt, darf ihn gar nicht für Gott halten, es wäre Vielgötterei und Götzendienst. Insofern haben Juden, Muslime und die ihnen hier beistimmenden Christen, genauer: Jesuaner recht, wenn sie sich wehren gegen den ungeheuren Vorrang dieses einen vor allen anderen Menschen. In katholischer Fachsprache ist (für sie) solches Aufbäumen deshalb das einzig Richtige, weil Jesus keine geschaffene Person ist. Rivalität, Rangprobleme kann es nur zwischen geschaffenen Personen geben (oder schon Person-ähnlichen Wesen, z.B. Gockeln), nicht zwischen bloßen Naturen und schon gar nicht zwischen Gott und Geschöpf. Traditionell-dogmatisch gläubige und zugleich ökumenisch-respektvoll liebende Christen können deshalb - als gebildet Unwissende - ohne Schwierigkeit damit rechnen, daß in den jeweils auftretenden jüdischen Propheten (und auch in Mohammed, Baha'ullah und anderen Stiftern) anders derselbe SINN in Person wirke, den sie in Jesus verehren.

Nicht also wer recht habe sondern wie wir und die anderen zuletzt recht und unrecht erhalten, sei unsere Frage an das Jüngste Gericht. Ob DANN überhaupt jemand recht und unrecht bekomme, diese Sorge der Skepsis dürfte sich zuletzt als Unterfall der Wie-Frage enthüllen: So sehr anders wird DANN alles sein, daß die Gläubigen den Zweiflern vermutlich zugeben werden: Tatsächlich, auch ihr hattet irgendwie recht!

Sind Menschen in einer Kirche versammelt, während die Morgensonne durch die bunten Fenster strahlt, dann sieht jeder die ganze Pracht leuchten, doch nur als eine bestimmte Farbe trifft ihn der Blitz der Sonne selbst, derselben Sonne, die sich seiner Nachbarin vielleicht in der Gegenfarbe zeigt. Das zu wissen nimmt meiner Farbe aber nichts von ihrem unmittelbar erfahrenen Glanz. Dank dem optischen Gleichnis wird das ökumenische Paradox leichter lebbar: Als Glaubens-Weisen widersprechen die Religionen einander wie Rot und Grün, als Glaubens-Weisen vertragen sie sich, weil als Rot und Grün dieselbe SINN-Sonne strahlt.

II.

In der zweiten Lesung schreibt Paulus an seine Gemeinde in Korinth, wie er den Unterschied von verheiratet und ehelos erlebt: Ehelose Frauen und Männer könnten voll für den Dienst des Herrn da sein, Verheiratete hingegen seien geteilt, weil sie einander gefallen und sich um die Dinge der Welt sorgen müssen. Auch aus diesen Sätzen ist die kirchliche Lehre vom Stand der Vollkommenheit erwachsen.

Zunächst sei ein störendes Mißverständnis aufgeklärt. Unter gebildeten Christen herrscht die Meinung, das Konzil von Trient habe gegen die Protestanten ausdrücklich definiert, Ehelosigkeit sei besser und seliger als Ehe. Das ist aber falsch. Im Kanon 10 der 24. Sitzung wird zu sagen verboten, "der Ehestand sei dem jungfräulichen Stand oder der Ehelosigkeit vorzuziehen, und es sei nicht besser und seliger, in Jungfräulichkeit und Ehelosigkeit zu bleiben als eine Ehe einzugehen". Wer so sagt, sei ausgeschlossen! Anathema sit!

Derart harte Bestimmungen sind bekanntlich ebenso streng auszulegen wie sie klingen; man darf von den Gläubigen nicht mehr fordern als die Texte tatsächlich enthalten. Jene Theologen verstanden etwas von Logik, mit der hatte jeder sich zu Beginn seines Studiums herumschlagen müssen. Lesen wir also genau, indem wir das eine Wort hervorheben, auf das alles ankommt: Katholiken dürfen nicht behaupten: "der Ehestand ist dem jungfräulichen Stand oder der Ehelosigkeit vorzuziehen, und es ist nicht besser und seliger, in Jungfräulichkeit und Ehelosigkeit zu bleiben als eine Ehe einzugehen". Unkatholisch ist es mithin, beides zu sagen. Wer nur das Zweite behauptet aber nicht das Erste, fällt nicht unter den Bann! Mit dem Nein zur einen prinzipiellen Überlegenheit ist nicht notwendig ein Ja zur anderen verknüpft; man kann - und sollte - gegen beide sein, denn die Frage, welcher Stand der bessere sei, ist eine je-existentielle, läßt überhaupt keine allgemeine Antwort zu. Damit ist dem Kanon von Trient Genüge getan.

Ich darf also sagen, was ich im Herbst 1971 einsah und bald darauf verwirklichte: es ist nicht (allgemein und mithin auch für mich) besser im Zölibat zu bleiben als zu heiraten - solange ich nicht (ebenso allgemein) behaupte, der Ehestand sei der Gott geweihten Ehelosigkeit vorzuziehen. Das zu sagen hüte ich mich, keineswegs aus dogmatischem Zwang, vielmehr aus Überzeugung: wegen eigener jahrelanger Erfahrung und aufgrund der Freundschaft mit Menschen, die dem Rat des Paulus ehrlich folgen und - indem sie um der Taube auf dem Dach willen den Spatz aus der Hand lassen - unsere gemeinsame Hoffnung bezeugen, daß dieses Leben nicht alles ist.


Zum Weiterdenken:

Blinder Fleck: Er wird hier veranschaulicht. Das Erstaunliche ist: Nicht nur sieht man nicht das Schwarze, was da ist, sondern man sieht, daß es da weiß ist!

Jesuaner: Mein Vorschlag von 1970 ist aktuell wie je, siehe den derzeitigen traurigen Fall Tamayo in Spanien! Mag ja sein, daß seine Lehre den Gläubigen nicht als im vollen Sinn "christlich" vorgestellt werden kann. Muß er deshalb im alten Machtstil ausgeschlossen, ausgeladen werden? Warum gestehen die Bischöfe ihm nicht freundschaftlich Würde und Recht eines engagierten Jesuaners zu? Ohne dessen nestorianische oder neu-arianische oder eben jesuanische Perspektive müßte die chalkedonische Balance einer abergläubisch-monophysitischen - nicht Kirche sondern Sektenmentalität weichen. Wer nicht mit jeder These im Namen der Kirche spricht (tut das etwa jeder Bischof?), gelte ihr doch als Bruder, nicht Feind!

Kriegen DANN auch die Zweifler recht? Gewinnen die Wette um Himmelssekt also beide Seiten?

Keine allgemeine Antwort: "Man erzählt, Sokrates soll einem, der ihn fragte, ob er heiraten solle, geantwortet haben: Verheirate dich oder verheirate dich nicht, du wirst beides bereuen. Sokrates war ein Ironiker, der seine Weisheit und Wahrheit ironisch verbarg, vermutlich damit sie nicht zum Stadtklatsch werden solle, mit dem jeder umherrennen könne, aber ein Spötter war er nicht. Die Ironie ist herrlich. Die Dummheit des Fragenden liegt nämlich darin, einen Dritten etwas zu fragen, was einem ein Dritter unmöglich sagen kann. Aber nicht alle sind so weise wie Sokrates und lassen sich oft ganz ernsthaft mit einem ein, der eine dumme Frage stellt." (S. Kierkegaard, Stadien auf dem Lebensweg)]

Taube auf dem Dach: Das Bild von Karl Rahner hat es Irmgard Bsteh angetan: "Die ganze Schöpfung - mit ihr die personale Welt von Liebe, Geschlechtlichkeit und Ehe - ist dem Menschen als Spatz in die Hand gegeben. Aber, so viel sie ihm auch bedeutet und bedeuten soll, weiß ein Christ aus seinem Glauben: Die Erfüllung schlechthin kann auch das (noch) nicht sein. Für ihn empfängt die Schöpfung ihren eigentlichen Sinn, ihre Vollendung aus der Zukunft Gottes: durch den "Erstling der Entschlafenen", Jesus Christus. "Deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst ..." Zukunft, Taube, die erst verheißen ist! Nicht von uns aus in den Griff zu bekommen, fliegt sie - seit Ostern! - auf uns zu.
Dieser Glaube muß aber, weil er auf einem fleischgewordenen Gott gründet, selbst immer wieder Fleisch und Blut annehmen. So wird gleichzeitig auch christliches Glauben (Vollzug) erkennbar. Konkret geschieht das in all jenen Situationen, wo Christen mit Petrus "Auf dein Wort hin" entscheiden und damit Glaubensrisiko eingehen ... Wie kläglich es ihnen dabei auch ergehen mag - mindestens, daß sie seinem Wort folgen wollten, wird so eindeutig, wie eben unter Menschen etwas eindeutig sein kann ..." [Perlen brauchen Körperwärme, Mainz 1985, 52.54]
Dies Letzte hatte ich auch gemeint - bis ein Berufsschüler den Kaplan auflaufen ließ. Als ich mein Ohne-Frau-Sein als Hoffnungszeugnis hinstellte, erwiderte er trocken: "Wieso? Sie dürfen ja nicht." Selbst abgesehen von Pädophilie-Ungeheuerlichkeiten und verheimlichten Priesterkindern ist der Zölibat als gesellschaftliches Zeugnis am Ende. Nicht, unter Freunden, als persönliches!

Im Herbst 1971 bewegte mich die Frage, ob ein Verheirateter wirklich, wie Paulus schreibt, "geteilt" sein muß. Inzwischen glaube ich: Von gegensätzlichen Abhängigkeiten in widersprüchliche Richtungen gezerrt zu werden ist Menschenlos. Unter weltlichen Zwängen stehen auch Ordensleute. Siehe »Mobbing - ein Thema der monastischen Gemeinschaft?« [Lebendiges Zeugnis 56/2001, 144-155]. Anderseits enthält die wechselseitige Abhängigkeit von Mann und Frau auch Züge, in denen nicht die Ehe sich auswirkt, sondern unverarbeitete kindische Hörigkeiten weiterwuchern. Mancher meint, er wolle seiner Frau gefallen, und flüchtet nur in die Unverantwortlichkeit des braven Söhnleins seiner Mutter, die schon weiß, was für ihn gut ist. Während seine Partnerin selbst nichts mehr wünscht, als daß er der jeweiligen Situation (d.h. der wahren Stimme des Herrn) auf mündige Art gerecht werde.


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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