Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr C

Wir armen reichen Prasser!

Gedanken zum sechsundzwanzigsten Sonntag im Jahreskreis


I.

Im Gleichnis vom reichen Lebemann hat nur der arme Lazarus einen Namen. Christa Bing fragt:

Können Reiche sich bekehren oder sind sie nicht zu abgestumpft bzw. haben sich aus Angst um sich selbst verschlossen und tarnen sich durch ein arrogantes Gehabe?

Macht Reichtum namenlos (unfähig zu tieferen Beziehungen)?

Ich denke, es liegt nicht nur daran, ob jemand etwas besitzt oder nicht, sondern worauf einer sein Vertrauen setzt. Besitz verführt gerne dazu, dass wir uns selber falsch einschätzen. Wir werden dazu verleitet zu glauben, dass wir alles in der Hand hätten und selber machen könnten. Das wirkt sich auch in Beziehungen aus: Gibt es Spannungen, so wird leicht die bequemere Lösung gewählt (man kann es sich ja leisten). Menschliche Beziehung verliert an Qualität, wird oberflächlich und ist so nicht belastbar.

Es ist gar nicht einfach, sich die wahre innere Freiheit zu bewahren. Wehe, wenn uns etwas genommen wird, an das wir gewöhnt waren - auch wenn wir es nicht unbedingt und lebensnotwendig bräuchten - so bricht bald der Notstand aus.

Noch ein anderer Aspekt wäre zu bedenken: Können wir uns überhaupt noch vorstellen, dass es einen großen, von Gott her gegebenen Zusammenhang gibt (so etwas wie Fügung)? Also wenn wir etwas nicht mehr zur Verfügung haben - ist dies dann nicht auch ein Anruf Gottes an uns?

Natürlich geht es nicht darum zu warten, bis wir hergeben "müssen", sondern dass wir freiwillig zu teilen bereit sind und nicht auf Kosten anderer es uns gut gehen lassen.

II.

Ein bestürzendes Gleichnis. Als Bewohner der "Ersten Welt" - welche Arroganz schon dieser Name! - gehöre ich auf die Seite jenes reichen Mannes, der sich nicht schert um die Milliarden Elenden der Dritten und Vierten Welt buchstäblich "vor seiner Tür". Zwar kann ich gegen die Fluten in Haiti nichts tun - trotzdem tue ich mir schwer, den heutigen Text als Evangelium, "Frohe Botschaft" für mich zu empfinden. Statt Lebensfreude erzeugt er Beklommenheit, Resignation. Nicht genug damit, daß ich in eisenharte globale Mechanismen eingespannt bin, soll ich - mitgegangen mitgefangen mitgehangen - zuletzt auch noch Höllenqualen leiden, weil ich meinen "Anteil am Guten schon zu Lebzeiten" erhalten habe? Da schmeckt einem ja sein Tomatenbrot nicht mehr.

Ist es gar mehr die Aussicht auf solche Mißgefühle als allerlei klerikale und klerikalistische Untaten, was die Leute aus den Kirchen treibt? Warum soll ich mir immer wieder anhören, was ich sowieso weiß: daß ich zu den Privilegierten gehöre aber darüber ja nicht froh sein soll, denn es wird böse enden?

In Form einer kurzen, leicht faßlichen Predigt weiß ich auf diese existentiell bohrende Frage keine Antwort. Die müssen Sie sich schon selbst erarbeiten. Denkbereiten Protestanten und Katholiken biete ich dazu eine "ökumenische Stereo-Botschaft" an, die konfessionalistische Einseitigkeiten vermeiden aber dafür in die Tiefe jener innerchristlichen Spannung leiten soll, die sich von keinem Verstand begreifen aber ein lebendiges Herz wach schwingen läßt. Der Text stammt aus dem Sommer 2004. Rückmeldungen willkommen.


Hier ist ein Angebot für Freunde meiner Internet-Gedanken: Auf einer CD habe ich unter dem Titel "Christliches Stereo-Denken" alles, was auf verschiedenen Servern veröffentlicht ist, zusammengestellt und intern verknüpft sowie mit Bildern und Liedern angereichert. Außerdem sind sechs Bücher im WORD-Format dort zu lesen (die elektronischen Bücher Nr. 2,5,6,7,10 der Liste). Im Ganzen meldet der Rechner fast tausend Dateien. Ein Teil der Ernte von über vierzig Jahren Theologie steht zur Verfügung und kostet nur 8,50 Euro + Porto, insgesamt unter zehn Euro. Für Religionslehrer, Pfarrer und andere Profis eine Fundgrube, für deren Freunde eine sinnige Geschenk-Idee. Bestellungen bitte direkt an mich, um Verwechslung mit dem Müll zu vermeiden bitte mit klarem Betreff: CD-Bestellung. Seit Anfang Dezember 2004 ist die neue Auflage mit allem bisher im Netz Veröffentlichten verfügbar, jetzt samt Nachtrag Mai 2006.


Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/prasser.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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