Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb

»Den Geist löscht nicht aus!«

Gedanken zum Hohen Pfingstfest 2007


Was feiert ihr eigentlich an Pfingsten? Was heißt »Heiliger Geist«? Fragt einen Christen das sein Herz, sein Kind, eine Kollegin, was kann er antworten? Mein Vorschlag: »Heiliger Geist« heißt die schwingende Spannung von Endlich und Unendlich, symbolisiert vom brausenden Sturmwind zwischen Erde und Himmel, vom Atem , der deinen Leib mit der weiten Atmosphäre in belebender Beziehung hält, von jedem Wir, das jemanden mit anderen zu bergender Gemeinschaft verbindet. Solche göttliche Energie wurde in der Christenheit deshalb fast der »unbekannte Gott«, weil die Beziehung als solche nie wie eine Art Ding erfassbar ist.

Jesus den echt Mensch gewordenen und ewig auferstandenen SINN in Person konnten seine Freunde damals physisch, können sie heute in der Vorstellung sich gegenüber erblicken, als jemanden mit deutlichem Antlitz. DICH, VATER, sein und unser unendliches DU, können wir bei aller Unbegreiflichkeit doch als Zielpunkt der unendlichen Beziehungslinie nach innen (auch wenn wir uns das Innen droben vorstellen) sozusagen gültig konstruieren und sind dank Christi Verheißung blind gewiss, dass unser Glaubenspfeil nicht im Nichts endet sondern DEIN Herz erreicht. Die Beziehung zwischen (uns in) Christus und DIR aber, das innergöttliche WIR-PNEUMA, SIE ist noch weniger als Jemand vorstellbar, höchstens (in einer Symbolisierung zweiten Grades) als Mutterliebe zwischen Vater und Kind. SIE ist Stereo-Ereignis, sprühende Gischt, reine Wandlungs-Energie; wer sie statisch verstehen wollte, macht es wie jemand, der den elektrischen Strom begreifen will, indem er - statt Licht, Musik oder Kaffee zu machen - nachdenklich auf eine Steckdose starrt. Dümmer geht’s nicht.

Hier dürfte der Punkt für das Gespräch Amtskirche/Zen sein. Eins ist es, ein tüchtiges Surfbrett zu konstruieren, diese Fähigkeit lässt sich schulisch lernen; dass bewährte Traditionen weitergegeben werden, darauf achtet das Lehramt. Etwas anderes ist wirkliches Wellenreiten je hier und jetzt. Das lernt man nicht durch Wörter, das will real erfahren und – möglichst unter kundiger Anleitung – ausdauernd geübt sein. Ich wage das Urteil: Hier hat die offizielle Christenheit versagt. Sie lehrt eine Menge, trainiert die ihr Anvertrauten aber viel zu wenig. Kein Wunder, dass die sich andere Trainer suchen, draußen oder am Rand der Kirche.

Auch ganz aktuell wird vor der Meinung gewarnt, „durch Zen oder sonst eine Meditationsweise könne man das Göttliche unmittelbar erfahren und diese Erfahrung sei ‚jenseits aller kognitiven Vorstellungen’“. Nun: natürlich muss das Surfbrett wohlgefügt sein, das verlangt exakte Kenntnisse. Auf ihm kann ein Herz sich aber wahrhaft mitten drin in unmittelbarer Erfahrung des Pfingstgeistes vorfinden. Um dieses Zeugnisses willen haben sich – in allen Glaubensweisen (auch in der Ostkirche) – Mystiker seit jeher gegen die Übergriffe unerfahrener Dogmenwächter wehren müssen. Das muss wohl auch so bleiben, denn trinitarische Relationen sind ewig, gelten immer. »Der Geist kann nie Wort werden« (W.Klein SJ), eine Wellenreiterin mag ihr Erlebnis an Land noch so be-geistert erzählen, einer Landratte erklären wird sie es nie.

Hören wir den noch immer verkannten Pneuma-Propheten Joachim von Fiore: "Es ist äußerst schwierig, Wort für Wort die Verläufe der göttlichen Wege zu besprechen ... Wie die Schrift bezeugt: 'Im Meer sind deine Wege, zwischen vielen Wassern deine Pfade, und deine Spuren sind nicht sichtbar’ (Ps 77,20). Die Meerwege sind in der Tat nicht wie die auf der Land-Oberfläche; gelangt man da an eine enge Stelle, kommt man unmöglich anderswo vorbei, sondern wenn sich ein Weg für alle auftut, folgen die einen den anderen. Von Seefahrern hingegen wählt jeder seinen Weg, wie ihn der Winde Wehen leitet, und wenn sich beim Lesen der Himmelszeichen keiner irrt, werden ... alle zum einzigen Hafen gelangen."

Dasselbe anders. »Den Geist löscht nicht aus«, mahnt Paulus (1 Thess 5,19) in der ältesten Schrift des Neuen Bundes. Viele spätere, auch neueste, unternehmen leider genau das. Sie meinen es zwar nicht so. Was sie wollen, ist nur, die Würde korrekter Buchstaben zu verteidigen. Wer Steno kann, weiß: An der Exaktheit der einzelnen Zeichen liegt viel. Ein schlampiges b ist schnell als m oder t verlesen. Ebenso wichtig ist aber die Beziehung zwischen den Zeichen. Denn nur sie lässt den Vokal so schwingen, wie die gemeinte Wahrheit es verlangt: ob z.B. Boot, Beet, baut oder bitt gemeint ist.

Wer als kirchlich Verantwortlicher den Geist auslöscht, weil er allein über die Korrektheit der Buchstaben im eigenen Bereich wacht, vor lauter Abgrenz-Eifer für den eigenen Pferch jedoch die lebendige Beziehung hin zu anderen vernachlässigt, ein solcher hat besonders an Pfingsten Grund zur Gewissenserforschung. Denn der Heilige Geist ist unsere belebende Beziehung zum Ursprung und Ziel des Ganzen. Sie wäre gestört, schlössen wir irgendeinen Mitmenschen absichtlich aus diesem Stromkreis aus!


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

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