Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr C

Stolz ja - Hochmut nein

Gedanken zum dreißigsten Sonntag im Jahreskreis


I.

In den Sprachen aller Völker christlicher Kultur gibt es zwei Wörter, die heute etwas ganz anderes bedeuten als zur Zeit Jesu. Für seine Zeitgenossen war ein Samariter der Angehörige eines irrgläubigen Nachbarvolkes, bei uns entspräche das ungefähr einem moslemischen Türken. Und ein Pharisäer war das Mitglied einer besonders rechtgläubigen Gruppe der offiziellen Religion, wir könnten an Evangelikale oder Opus-Dei-Leute denken. Jesu ungeheurer Einfluß auf die Menschheit läßt sich auch an dieser Einzelheit erkennen: daß er es geschafft hat, durch zwei Gleichnisse die Alltagssprache zu ändern, auf Jahrtausende hin. Mir fällt im Moment niemand sonst ein, der solches geschafft hätte. Namen gelten nicht; gewiß ist es keine Kleinigkeit, die Benennung kafkaesker Zustände, masochistischer Bräuche, Freudscher Versprecher angestoßen zu haben - von da bis zur totalen Umprägung geläufiger Wörter fast ins Gegenteil ist es aber noch weit. Heute ist ein Samariter ein mitleidiger, tatkräftig helfender Mensch. Der Eintrag "Arbeiter-Samariter-Bund" ist im Telefonbuch fett gedruckt. Und was ein Pharisäer ist, weiß jeder. Jesus wollte freilich gerade nicht sagen, alle Pharisäer (im damaligen Sinn) seien Pharisäer (im heutigen Sinn). Dann wäre er nämlich exakt in dieselbe Falle getappt wie jener bestimmte Pharisäer in seinem Gleichnis.

II. Über ihn schreibt Christa Bing:

Wenn wir unseren Pharisäer im Evangelium anschauen, können wir fragen, ja was ist daran so schlecht, sich über das zu freuen, was man Gutes tut? Wäre aber diese Freude rein, so hätte dieser Mann es nicht nötig, seinen Mitbeter samt andern mit schlechtem Ruf herunterzumachen. Wer sich mit andern vergleicht, um sich von ihnen abzusetzen, wer sie als dunkle Folie benutzt, um sich besonders hell strahlend herauszubringen, wie kann der von sich viel halten, geschweige denn von Gott!

Diese Einsicht erinnert an den Rabbi, der seine Mitmenschen gern mit einem von zwei gegensätzlichen Paradoxen aufrüttelte. Zum Pharisäer hätte er gesagt: Mach dich nicht so groß, so klein bist du doch gar nicht. Und manches schüchterne Wesen ärgerte er andersherum: Mach dich nicht so klein, so groß bist du doch gar nicht. Anscheinend ist nicht nur Gott selbst das Ineins der Gegensätze ("coincidentia [oder: complexio] oppositorum" sagt Nikolaus von Kues), sondern - weil wir zu Mitinhabern des göttlichen Lebens bestimmt sind (2 Petr 1,4) - auch wir Menschen. Seelisch gesund ist nur, wer Hochmut und Kleinmut überwindet. Wie kann ein Kind des Allerhöchsten kleinmütig sein? Oder hochmütig gegen seine Geschwister, denen doch dieselbe Würde zukommt? Beide Sünden schließen vom Reich Gottes aus, solange jemand sich in der einen oder anderen suhlt. Durch sein Gleichnis hält Jesus beiden Verlorenheiten die rettende Hand hin: Komm heraus aus deinem Sumpf, dusch dich, zieh das Kleid der Erlösten an und tritt ein ins REICH aller Wesen, um dessentwillen das Universum erschaffen wird, jeden Augenblick neu.

III. Georg Baudler [Jesus im Spiegel seiner Gleichnisse (Stuttgart/München 1988), 196 ff] führt aus:

Der Gerechte stellt sich aufrecht hin vor seinen Gott im Bewußtsein dessen, daß er mehr tut, als das Gesetz von ihm fordert: Zweimal in der Woche fastet er (d. h. er ißt und trinkt nichts von morgens bis abends), dazu gibt er den zehnten Teil seines Einkommens dem Tempel, auch begeht er keinen Raub, keinen Betrug und keinen Ehebruch. Sofern dies alles ehrlich gesagt ist - und wir müssen es der Erzählung nach annehmen - macht dieses Tun ihn zum gerechten und frommen Israeliten, dem die Verheißungen Israels uneingeschränkt gelten. Darauf kann und darf er stolz sein; es macht ihn zum "aufrechten Israeliten" (vgl. Joh 1,47b).

Eines aber darf er nicht: Er darf nicht sagen: "Gott, ich danke dir, daß ich nicht ... wie dieser Zöllner dort" bin (V 11). So sehr ein Zöllner das eigene Volk an die fremden Unterdrücker verrät und es in ihrem Auftrag und zu seiner eigenen Bereicherung auspreßt - dies darf der Pharisäer nicht sagen, dieses sein Gebet ist Blasphemie. Denn aus seiner eigenen zentralen Überlieferung muß er wissen, daß es nicht ihm, sondern allein Gott gegeben ist, die Herzen der Menschen zu erforschen (1 Chr 28,9), daß Gott allein das Herz der Menschenkinder kennt (1 Kön 8,39) und daß er deshalb keinen seiner Volksgenossen in seinem Herzen hassen und verachten darf (Lev 19,17). Er muß wissen, daß Gott allein und niemand sonst der Richter ist über die Herzen der Menschen und er allein ihr Tun vergilt (Dtn 32,35). Inmitten eines Gebets, als aufrechter Israelit vor Gott stehend, verfällt er der Ursünde Adams: sein zu wollen wie Gott und zu wissen, was Gut und was Böse ist (vgl. Gen 3,5). Damit hat er sein Herz verschlossen und sich selbst den Weg in das Paradies des geliebten Sohnes versperrt. Dieses ursprüngliche ("paradiesische") Verhältnis des Menschen zu Gott klingt paradoxerweise an in dem Stoßseufzer des Sünders zu seinem Gott. In ihm liegt eine Offenheit und Unmittelbarkeit, wie sie charakteristisch ist für das Verhältnis von Sohn und Vater, Tochter und Mutter. Daß der sündige Zöllner zu diesem Gottesverhältnis findet, daß ihm, dem Sünder, der Sohnesatem geschenkt ist, der ihm die "rahamim" [das Erbarmen] des Vaters erschließt, ist Ausdruck und Zeichen der anbrechenden "malkût Jahwe" [Gottesherrschaft]. Von diesem Kontrast aus wird rückblickend das "gespreizte", entfremdete, durch starren Gesetzesdienst vermittelte Gottesverhältnis des Pharisäers sichtbar und also der Hörer dazu befähigt, sich davon zu befreien und - wie der sündige Zöllner - die Unmittelbarkeit zu Gott zu suchen ...

Man hätte erwarten können, daß auch der Sünder, der sich seiner Schuld bewußt geworden ist und Gott um Vergebung bittet, "als Gerechter" nach Hause geht, so wie der Pharisäer gleichsam "von Hause aus" ein Gerechter ist (wie der zu Hause gebliebene Sohn). Das Überschießende, das wiederum der Intensität Ausdruck gibt, in der die Auseinandersetzung mit den Gegnern geschieht, besteht hier jedoch darin, daß der Gerechte betend im Tempel sündigt, also sein Gerechtsein verliert, während der Zöllner sich in seinem Stoßgebet als offen erweist für den vergebenden Gottesatem, der die "malkût Jahwe" anbrechen läßt.

Das Knechtsverhalten und die Knechtsgesinnung - auch und gerade desjenigen Knechts, der sorgfältig und über das Gebotene hinaus den Willen seines Herrn erfüllt - enthüllt sich in diesem Gleichnisspiegel als Haltung und Weg, die zur Sünde führen. Jesus, der dies erkennt, kann diesen Weg nicht gehen. Ein Abgrund trennt ihn von seinen Gegnern. Der Gleichnis-Spiegel enthüllt den Abgrund; es ist der Abgrund der Sünde, in welcher der Mensch sein will wie Gott: Er usurpiert ein Wissen, über das nur Gott verfügen kann: nämlich zu wissen, welcher Mensch (nicht nur welches Verhalten) gut und welcher böse ist. Er erhebt sich selbstherrlich über seinen Bruder Abel und erschlägt ihn mit seiner Gerechtigkeit. Mit der Aufzählung seiner guten Werke sucht er wie die Menschen in Babel einen Turm zu bauen, der bis zum Himmel reicht. Doch Jesus hält seinen Gegnern diesen Spiegel nicht vor Augen, um sie zu verdammen, sondern damit sie aufschreckend ihr Jahwewidriges Verhalten erkennen und aus ihrer Verlorenheit und ihrem Elend des Knechtsseins aufbrechen und zurückgehen zu ihrem Gott, der ein mütterlich liebender Vater ist.


Zum heutigen Sonntag der Weltmission: Beim Lehren lernen - für eine dialogische Mission
Neuer: Ökumenisch und missionarisch: ein Vorschlag zur Balance


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

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