Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb ab Dezember 2001

Dem Grundstein trauen ohne zu stolpern

Gedanken zum einundzwanzigsten Sonntag im Jahreskreis

[Zusatz am 23. September 2011]

Der Papst bei Luther in Erfurt


Das Wort des lebendigen Gottes - ist es eines oder viele? In sich ist es eines; wir verehren Gott als unendlich einfach. Für uns aber teilt es sich in viele Worte, anders läßt sich nicht sprechen. Je mehr wir aber verschiedene Worte auch als ein Wort verstehen, um so "wahrer" wird unser Verständnis, um so mehr nähert es sich der reinen Einfachheit des göttlichen Sinnlichtes an.

Machen wir die Probe am heutigen Evangelium. Daß die Kirche es aus seinem Zusammenhang herauslöst und die Fortsetzung erst am kommenden Sonntag bringt, dagegen ist nichts zu sagen. Natürlich kann man nicht an jedem Sonntag die ganze Bibel oder auch nur ein ganzes Evangelium vorlesen. Der Satz eines weisen Jesuiten "Wer einen Punkt macht, lügt auch schon." endet gleichfalls mit einem Punkt, höbe sich somit selbst auf, wollte er mehr sein als der paradoxe Hinweis darauf, daß unser Sinn bei keiner Einzelwahrheit verharren, sich vielmehr immer neu auf die Suche nach ihrem Zusammenhang mit anderen machen sollte. So wichtig also die Evangelien beider Sonntage je für sich sind, so berechtigt ist der Versuch, sie einmal zusammen zu erwägen, als jenes eine Wort Gottes, das der Evangelist Matthäus - vielleicht nicht ohne Absicht! - damals so angeordnet hat.

Die Mitte beider Berichte ist je ein Wort Jesu an Petrus. Die aber könnten gegensätzlicher nicht sein. In Vers 18 ernennt Christus den Jünger zum Grundstein der Kirche, in Vers 23 tadelt er ihn als einen Stolperstein. "Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen ... Zurück! Satan, du bist mir ein Ärgernis" [wörtlich: skándalon = Stolperstein]. Der erste Satz leuchtet in riesigen Lettern auf Goldgrund von der Kuppel des Petersdomes herab und meint dort natürlich nicht nur den ersten Papst Petrus sondern auch seinen jeweiligen Nachfolger im Papstamt. Was ergibt sich, wenn wir auch das andere Wort Jesu so aktuell auslegen? Nichts anderes als die schärfste Form der protestantischen Meinung über den Papst. "No Popery!" schimpft hier nicht irgendein nordirischer Hitzkopf sondern Christus selbst ...

Ich stelle mir vor, wie zwei Menschen unter jener Kuppel stehen. Der eine ist Katholik. In seiner Kindheit hing ein Foto des lächelnden Papstes Johannes XXIII. zu Hause an einer Küchenwand. Zur Schule ging er bei Jesuiten, einige beeindruckten ihn tief. Bei diesem Orden gibt es, wie er weiß, zu den üblichen drei Gelübden Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam hinzu ein viertes Versprechen: jeden Auftrag auszuführen, den der Papst ihnen geben würde. Während unser Rompilger zur Kuppel hinaufschaut, spürt er die Freude, katholisch zu sein. Der Kirche gehört er an, die damals von Christus selbst auf den Felsen Petrus gegründet worden ist. Mindestens in Europa und Amerika - vom japanischen Kaiserhaus weiß er zu wenig - ist sie die älteste, ehrwürdigste Institution. Eine seit fast zweitausend Jahren nie unterbrochene Reihe von Ereignissen verbindet ihn materiell-sinnlich mit Jesus und Petrus: eine Hand schüttet Wasser über einen Kopf zu den Worten "ich taufe dich", Hände legen sich auf den Kopf des neugeweihten Priesters. So sind wir alle spürbar mit Christus dem Gott-Menschen verknüpft und glauben seinen Worten "ICH bin die Auferstehung und das Leben." Dem Petrus und seinen Nachfolgern hat ER damals die Schlüssel des Himmelreiches anvertraut, deshalb ruft unser Katholik hier, nahe dem Petrus-Grab, zum ersten Papst - der freilich keine Ahnung hatte, was aus seinem Amt einmal werden würde! - und bittet ihn um seine Fürsprache für die heutige Kirche: daß sie durch ihre schlimmen Krisen hindurch zu neu überzeugender Form finden möge, damit auch unsere Urenkel noch, oder wieder, mit Freude katholisch sein können - und vielleicht sogar die Nachkommen unserer evangelischen Freunde sich in der einen Kirche wieder wohl fühlen, zu der sich ja auch sie in jedem Gottesdienst bekennen, wenn ihre Kantorei im gemeinsamen Credo auf lateinisch singt "et unam sanctam catholicam et apostolicam ecclesiam."

Daneben steht eine Protestantin. Sie weiß, dieses kalt-prächtige Gotteshaus wurde seinerzeit auch mit Ablaßgeld finanziert und so zu einem Anlaß für Luthers Reformation. Im Religionsunterricht hat sie gelernt, daß Jesu Verheißung an Petrus, die von dort oben so herrisch in alle Augen springt, keineswegs einem Weltkonzern für gebührenpflichtige Gnadenvermittlung gilt, vielmehr dem Glauben jenes galiläischen Fischers und all seiner Nachfolger(innen), auf die derselbe Glaube nach Gottes Willen übergeht: nicht durch aktenkundige Vorgänge aber durch lebendiges Zeugnis. Dank sei Gott, betet sie, daß ich evangelisch bin, und laß bitte auch meine katholischen Freunde endlich begreifen, daß ihr römisches Gepränge nicht in Jesu Sinn ist. "Satan!" hat er den Petrus damals geheißen, insofern hatte Luther schon recht, als er im Papst den Antichrist sah - wenn ich auch, denkt sie, zugeben will, daß der jetzige Papst Gutes bewirkt hat: gegen den menschenverachtenden Kommunismus und für die Versöhnung von Christen und Juden; auch gegen den totalitär-unmenschlichen Kapitalismus tritt er beherzt auf.

[Zusatz am 30. August 2011] Im CiG 35/2011,381 vermutet Klaus Werger im Essay "Ein Lächeln für Petrus": Die Bezeichnung als Satan "verträgt sich schlecht mit der Bedeutung, die Petrus im Kreis um Jesus und später innehatte. Man kann daher annehmen, dass dieses Wort auf Jesus selbst zurückgeht und nicht erst beim späteren Erzählen gebildet wurde. Aber vielleicht dürfen wir uns Jesus in dieser Situation mit einem Lächeln denken."
Nichts gegen dieses herzlich katholische Bild. Es sei aber die Stereo-Phantasie erlaubt, dass Jesus auch beim Felsenwort protestantisch gelächelt hat. Auf einen derart fehlbaren Typ die dauerhafteste Institution der Erde zu bauen: ist das nicht in der Tat eine göttlich lustige Idee? Zweimal lächelnd, widerspricht Jesus jeder verbiesterten Einseitigkeit. So selbstkritisch, "ist die Religion nicht nur erlaubt, sondern unverzichtbar in einer demokratischen Gesellschaft" (stellte nach dem Madrider Papstfest Mario Vargas Llosa fest).]

Wie kommen Christen heute damit zurecht, daß sie sich der Perspektivität ihrer je konfessionellen Wahrheit klar bewußt sind? Kann ich weiterhin überzeugt katholisch sein obwohl ich den evangelischen Glauben nicht nur von außen her achte sondern als den anderen Pol der vollen Petrus-Wahrheit von Grundstein und Stolperstein innerlich mitvollziehe? Ja. Deshalb, weil ich an Gott den Schöpfer von allem glaube, darin auch der Kombination von Sinnfaktoren, die sich meinem geistlichen Standpunkt offenbart. Dazu gehört die evangelische Wahrheit zwar als vernommene - ähnlich wie die Flötistin im Sinfonieorchester die Melodie des Cellos dort drüben vernimmt und in sie ihre eigenen Töne einschwingen läßt - nicht aber als von mir ausdrücklich gelebt. Umgekehrt ist es bei meinem evangelischen Freund Peter; theoretisch verzwickter, geistlich noch bewußter stereo könnte es bei dem mir bekannten evangelischen Pfarrer sein der zuvor katholischer Priester war und nach katholischer Lehre ja auch bleibt ...

"Triff eine Unterscheidung!" ist - gemäß Niklas Luhmann und seinem Orakel George Spencer-Brown - die erste Anweisung beim Errichten eines Sinnsystems. Ob des Petrus Nachfolger für die Kirche Grund- oder Stolperstein sei: diese Unterscheidung markiert die Grenze zwischen Katholizismus und Protestantismus. Obwohl Petrus sich als beides erweist - denn Christus hat ihn so genannt - muß man beim Aufbau einer Institution sich festlegen, von welcher Seite dieser Unterscheidung er ausgehen soll. Strukturell geht nicht beides. Insofern haben Luther und die Kardinäle vor fünfhundert Jahren klarer gedacht als Erasmus. Trotzdem sollten wir uns gegen jene Realisten wehren, die ihn als humanistisches Weichei verspotten. Vielmehr leuchtet seine ökumenische Vision über die Jahrhunderte der bloßen Trennung bis in unsere Zeit, in der das Ideal "versöhnter Verschiedenheit" allmählich Gestalt annimmt. Nur eine geistlich-vernünftige freilich. Struktur eines durchkalkulierten Apparates kann sie nie sein. Als etwa der bayerische Landesbischof Friedrich vorschlug, der Papst könne doch als eine Art offizieller Sprecher der Christenheit vor der Weltöffentlichkeit gelten, da begegnete ihm mancher protestantische Zorn, und auch im Vatikan könnte man mit dieser Funktion nie zufrieden sein.

Treffe also jeder diese Unterscheidung - und andere - wie sein Gewissen es ihm eingibt. Wer dem Gewissen folgt und nicht einem eindressierten Überich oder einer Laune des Ich, lebt gemäß der Wahrheit. Der Wahrheit, die vor Gott die seine ist. Sie stimmt. Nur die aus ihr folgende Verurteilung des gegnerischen Bekenntnisses als falsch: sie stimmt nicht. Dieser Schluß wäre nur korrekt, wenn alle verwendeten Wörter beide Male exakt denselben Sinn hätten, daran fehlt es bei Begriffen, deren Sinn in Gottes Offenbarung wurzelt und deshalb an der Unbegreiflichkeit des Geheimnisses Anteil hat. Aus Menschenfreundlichkeit, weil unsereins ohne klare Denkgrenzen nicht leben könnte, "scheidet Gott zwischen Licht und Finsternis" (Gen 1,4), Sinn und Unsinn, tut das aber nicht global und für Jahrtausende einheitlich, vielmehr je aktuell. Wenn Julia von ihrer linden Frühlingsnacht schwärmt und Romeo seinen stürmischen Herbsttag verwünscht, muß niemand lügen, denn sie telefonieren zwischen Verona und Wellington - wenn nicht gar zwischen Venus und Mars. Derlei Ferngespräche finden in Fragen von Geist und Gefühl auch Aug' in Auge statt, unter Vernünftigen in aller Freundschaft, weil beiden klar ist, daß ihre Wahrheiten sich in der Dimension der Logik nicht vereinbaren lassen. "Gebildetes Nichtwissen" weiß, wann die Logik an der Vieldeutigkeit der Realität scheitert.

Auf das Papstamt der Universalkirche bezogen, ist die Polarität Grundstein / Stolperstein konfessionstrennend; von diesem Sonderfall abgesehen, prägt dieselbe Spannung jede Kirche und Gemeinde, bis zur "Ecclesiola" einer Familie oder Jugendgruppe. Überall hat jemand eine letzte Verantwortung, die sie oder ihn zum Machtbißbrauch versucht und die "Mitarbeiter" entweder zu unterwürfiger Mitläuferei oder zum Aufstand. So gesehen, ist Petrus Urbild jeder kirchlichen Autorität. Grundstein der Gemeinde Christi / Stolperstein für die Gläubigen, solange diese unaufhebbare Spannung nicht ausdrücklich benannt und in ihrer Zweideutigkeit durchschaut wird, gibt es kein erwachsenes Christentum, nur den fruchtlosen Widerstreit zwischen naiv-kindischer Kirchenhörigkeit und jugendlich-rebellischem Kirchenprotest.

Kirchliche Chefs sollten am besten beide Worte Jesu an Petrus im Büro aufhängen, damit im Konfliktfall zwei mahnende Winke die Situation schnell in ihr geistliches Spannungsfeld rücken, wodurch sie nicht entschärft aber entbanalisiert, aus ideologischer Einseitigkeit gerissen würde. Das äußere Ergebnis wird stets so oder so eindeutig sein müssen. Entweder "gewinnt" Petrus oder ein ihm "ins Angesicht widerstehender" (Gal 2,11) Paulus oder man einigt sich auf einen Kompromiß oder das Band zerreißt, es kommt zur Spaltung. Jedes solche Resultat ist aber vorläufig, weil keins die Wahrheit ist, jedes bloß ein Ausdruck der nie ganz realisierbaren Wahrheit. Daraus mögen Verlierer Hoffnung schöpfen und Sieger Demut.

Vor einem Mißverständnis müssen wir uns hüten: daß wir uns aus dieser Zweideutigkeit davonstehlen, indem wir sie auf die sog. Amtskirche abwälzen. Solche Feigheit liegt zwar nahe; denn die religiöse Autorität tritt am greifbarsten dort auf, wo sie sich amtlich-offiziell ausdrückt, in den Äußerungen des Papstes, sowie der Bischöfe und Pfarrer aller Konfessionen. Sie sind jedoch nur die sichtbare Spitze des Eisbergs; zu seiner Masse gehört jeder Christ, der sich als Empfänger und Übermittler göttlicher Weisungen versteht. Hat nicht mancher schon den moslemischen Nachbarn oder die leichtlebige Verwandte hochmütig bemitleidet und nur sich selbst in der entscheidenden Wahrheit gewußt?


Zum Weiterdenken:

Ist der Papst der Antichrist oder Christi Stellvertreter? Wer die Frage so stellt, denkt konfessionell. Beide Antworten sind verständlich; als Luther sein Urteil fällte, betrug das Papsttum sich ja tatsächlich auf widerchristliche Weise. Für ökumenisch Gesinnte ist die Frage, ob der Papst das eine oder andere ist, eine falsche Frage: Auftrag wie Versuchung gelten ihnen nicht als feste Eigenschaften sondern als Möglichkeiten, über deren Verwirklichung je aktuell vor Gottes Antlitz zu entscheiden ist. Als der Papst 1484 die Hexenbulle erließ, hat er in den Augen heutiger Katholiken nicht als Christi Stellvertreter gehandelt; als Johannes Paul II. bei seinem Polenbesuch 1980 eine Bresche in die kommunistische Festungsmauer schlug, sahen auch evangelische Christen darin nichts Antichristliches.
In einem Essay von 1966 war der Kaplan zu dieser Einsicht erst unterwegs, mutete nur den Protestanten das ökumenische Offenlassen der Frage zu, während er bei der katholischen Seite auf gut konfessionelle Weise allein auf die dogmatisch verbindliche Glaubensgewißheit schaute und den riesigen Bereich antichristlicher Realität des Papsttums völlig übersah. Inzwischen ist, hoffe ich, die Theorie ausgewogener geworden, vgl. eine Impression angesichts des Papstpalastes von Avignon 1987 und 2000 einen Kommentar zum Kurien-Dokument "Dominus Iesus" sowie zur Doppel-Seligsprechung zweier gegensätzlicher Päpste. Auch die konfessionelle Denkweise bleibt notwendig, mit ökumenischer Friedfertigkeit allein kann keine Institution bestehen, ohne sie freilich - heute - ebensowenig. Innen im Bewußtsein der Stereo-Einheit konfessionell / ökumenisch, außen zwischen beiden Vollzügen gewissenhaft wechselnd, so läßt Glaube sich leben.

Humanistisches Weichei: "Ob Erasmus nun ein Friedensstifter war oder ein humanistisches Weichei, das hängt, wie Sie sehen, wiederum nur von der Wahl der beobachtungsleitenden Unterscheidungen ab", schrieb Peter Fuchs im Dezember 2000 in der Luhmann-Diskussionsrunde im Netz.

Zwischen Venus und Mars: "Frauen sind von der Venus, Männer vom Mars", dieser moderne Mythos in antiker Sprache, den John Gray (wieder)entdeckt hat, klärt manche Probleme und hilft sie lösen.

"Gebildetes Nichtwissen": Des Nikolaus von Kues (1401-1564) berühmte "docta ignorantia" meinte zwar etwas anderes, der Ausdruck paßt aber gut zu unserem Thema "Wo ist das wahre Christentum?". Daß man dies nicht beweisbar wissen kann, läßt sich wissen; mithin ist kein Widerspruch gegen die eigene Glaubensweise logisch zwingend, also darf ich mich ihr überlassen, unbekümmert um die Gegenwahrheiten anders Gläubiger, die ich nicht leugne, von denen in meiner Perspektive aber abstrahiert wird. Wider das bei Christen verbreitete Bild der harmonisch-wohlgefügten frühen Kirche wendet sich Elaine Pagels:
Im Dezember 1945 machte ein arabischer Bauer in Oberägypten eine erstaunliche archäologische Entdeckung ... Als er und sein Bruder in der Nähe eines Felsblocks gruben, stießen sie auf einen beinahe einen Meter hohen roten Tonkrug. Aus Angst, im Inneren könne ein jinn oder Geist leben, zögerte Muhammad 'Ali, den Krug aufzubrechen. Da der Krug aber ebenso gut auch Gold enthalten konnte, zertrümmerte er ihn dann doch mit seiner Axt und entdeckte darin dreizehn in Leder gebundene Papyrusbücher ...
Beinahe 2000 Jahre lang hat die christliche Tradition orthodoxe Schriften bewahrt und verehrt, in denen die Gnostiker verächtlich gemacht werden, während die gnostischen Schriften unterdrückt und nahezu vollständig vernichtet wurden. Nun zeigen die in Nag Hammadi entdeckten Texte zum ersten Mal die andere Seite der Münze: wie Gnostiker die Orthodoxen verächtlich machen. ... "Wir wurden gehaßt und verfolgt, nicht nur von denen, die unwissend sind [den Heiden], sondern auch von denen, die denken, daß sie den Namen Christi besitzen, obgleich sie infolge von Unwissenheit arm sind, weil sie, stummen Tieren vergleichbar, nicht wissen, wer sie selbst sind." ... "Manche, die die wahren Mysterien nicht kennen und über Dinge reden, die sie nicht verstehen, werden prahlerisch behaupten, sie allein besäßen das Mysterium der Wahrheit." ...
Gnostische Christen, mit dem Anspruch, "die Wenigen" zu repräsentieren, beharrten gegen die Mehrheit darauf, daß die Taufe nicht den Christen macht: nach dem Evangelium des Philippus gibt es viele, die "hinabsteigen in das Wasser und herauskommen, ohne etwas empfangen zu haben," und doch behaupten, Christen zu sein. Auch das Bekenntnis des Credos, oder sogar das Martyrium, zählen nicht als Beweis: "jeder kann diese Dinge tun." Vor allem aber weigerten sie sich, die tatsächlich sichtbare Gemeinschaft als Kirche anzuerkennen, und warnten, jene ahme sie oft nur nach. Statt dessen verlangten sie mit einem Ausspruch Jesu ("An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen") den Nachweis der geistigen Reife als Merkmal für die Zugehörigkeit zur wahren Kirche ...
Aus der Sicht des Bischofs war natürlich die gnostische Position empörend. Diese Häretiker bestritten ihm das Recht zu definieren, was er als seine eigene Kirche betrachtete; sie hatten die Kühnheit, darüber zu debattieren, ob die katholischen Christen dazugehörten oder nicht, und sie behaupteten, ihre eigene Gruppe bilde den essentiellen Nukleus, die "spirituale Kirche" ...
Nur durch Unterdrückung des Gnostizismus gelang es den orthodoxen Führern, das Organisationssystem durchzusetzen, das alle Gläubigen in eine einzige institutionelle Struktur einband. Sie ließen keine andere Unterscheidung zwischen Mitgliedern erster und zweiter Klasse zu, als die zwischen Klerus und Laienschaft, auch tolerierten sie niemanden, der für sich Befreiung von der Konformität der Lehre, von der Teilnahme am Ritus und vom Gehorsam gegenüber der von Priestern und Bischöfen angeordneten Disziplin beanspruchte. Gnostische Kirchen, die dies System zugunsten subjektiverer Formen der Vereinigung ablehnten, überlebten als Kirchen nur für wenige hundert Jahre
[Elaine Pagels, Versuchung durch Erkenntnis. Die gnostischen Evangelien (Frankfurt/M 1987), 9. 157-159. 172 f.].

Als jene alten Schriften entdeckt wurden, bekam das historische Selbstbewußtsein der Großkirchen einen Knacks. Von ihm wird kein genaueres Wissen es wieder befreien. Denn wer ihn nicht verdrängt, muß jetzt wissen: Die Kirche ist keineswegs ein Volk mit einer eindeutigen Lehre, die sich zwar entfaltet aber nie wesentlich verändert hat. Als Institution ist die katholische Kirche vielmehr die Reihe der jeweils siegreichen Gruppen, die durch schlagkräftigere Organisation andere Gruppen, die sich ebenfalls auf Jesus beriefen, abgedrängt und zuletzt ausgeschaltet haben. Mit Recht? Das ist keine historische Frage mehr, ein kluger Historiker hütet sich, sie auch nur zu stellen. Als Christ komme ich an ihr aber nicht vorbei, sonst könnte ich nicht überzeugt kirchlich sein. "Et Unam Sanctam Catholicam et Apostolicam Ecclesiam", schmettern katholische wie evangelische Chöre - wie bewältigt unser Glaube an die welt- wie zeitenumspannende Heilsgemeinschaft das fatale Wissen von ihrer Zersplitterung durch und durch, und zwar von Anfang an? Überwindet aufgeklärtes Nichtwissen diese Verunsicherung?

Jegliche Gemeinschaft macht sich ein Bild ihrer Vergangenheit zurecht und nimmt es, um stets mit sich identisch zu sein, als die frühere Realität wahr. Das ist ein soziologisches Gesetz. Denken wir an Palestina oder den Balkan, wo jede Volksgruppe sich selbst als rechtmäßigen Besitzer des Landes empfindet, weil sie es, kaum angefochten, in der oder jener Epoche tatsächlich war. Ähnlich sieht jede christliche Gemeinde sich positiv mit Christus, ihrem Ursprung, verbunden. Zu Recht? Da heißt es unterscheiden. Ihr Gefühl stimmt, ihr vermeintliches Wissen täuscht.

Auf das Gefühl darf sie sich verlassen. Denn alle Christen glauben an Gott den Herrn der Heilsgeschichte. Zu welcher Gemeinde du, dank welchen Eltern, Begegnungen, Krisen und Offenbarungen, innerlich gehörst, mag dem Verstand Zufall scheinen, dem Glauben ist es göttliche Berufung. Wie jeglicher Vater ist Gott für alle Kinder derselbe und zeigt doch einem jeden ein besonderes Antlitz, auf daß von seiner Fülle zwar nicht alles aber doch mehr kund werde, als ein einziges Gesicht zeigen könnte. Dem geglaubten Kirchenbild dürfen wir als echter göttlicher Idee trauen. Auf das angebliche Wissen sollen wir verzichten lernen.

Wo ist das echte Christentum? Jedem je da, wo Christus sich ihm als lebendig zeigt. Das muß nicht immer die eigene Gemeinde sein, solche Offenbarung kann auch dem Gast beim oekumenischen Besuch widerfahren, auch dem Mitgestalter einer überkonfessionellen Begegnung. Oder dem Leser einer uralten gnostischen Schrift, wo neben lauter Schutt plötzlich, in bisher unvorstellbarer Jesusfarbe, ein Diamant aufblitzt. Mag sein, der Freund neben mir sieht, aus anderem Winkel, bloß Staub. Kläre ich ihn auf? Nein, wenn er zu seinem Glanz nicht zurückfände. Ja, wenn meiner auch ihm bestimmt ist. Wie weiß ich das? Wissen kann ich es nicht, nur betend erfragen und hoffen, ich verhöre mich nicht. "Liebe, und was du willst, tu - wenn du willst, liebe," erwiderte ich auf die Frage eines Priesters "soll ich sie heiraten?" einst meinem Freund. Die "Erste Synode der verheirateten katholischen Priester" im August 1985 in Ariccia bei Rom, wo sich hundertzwanzig Delegierte im Namen von weltweit an die achtzigtausend Priestern versammelten, wurde vom Vatikan bisher nicht als gültige Partikularsynode der katholischen Kirche anerkannt. Sie bleibt aber gewesen und ist nicht nichts. Wann wird Petrus, der den getrennten Brüdern schon lang die Hand reicht, sich seiner verlorenen Söhne, und Töchter, erinnern?


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

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