Jürgen Kuhlmann: Widersprüchliche Ausdrücke, <I>ein</I> Glaube

Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr A

Widersprüchliche Ausdrücke,
ein Glaube

Gedanken am Fest Peter und Paul


In der ersten Lesung geht es nur um Peter, in der zweiten allein um Paul. Ihren Konflikt hielt die Liturgie-Kommission als Gottesdienst-Thema für unpassend. Weil es aber kein sinnloser Zufall ist, dass die Kirche beide Apostel am selben Tag feiert, wähle ich als unliturgischen Lesungstext das 2. Kapitel (11-14) des Galater-Briefes. Da berichtet Paulus:

»Als Kephas [Petrus] nach Antiochia gekommen war, bin ich ihm offen entgegengetreten, weil er sich ins Unrecht gesetzt hatte. Bevor nämlich Leute aus dem Kreis um Jakobus eintrafen, pflegte er zusammen mit den Heiden zu essen. Nach ihrer Ankunft aber zog er sich von den Heiden zurück und trennte sich von ihnen, weil er die Beschnittenen fürchtete. Ebenso unaufrichtig wie er verhielten sich die anderen Juden, so daß auch Barnabas durch ihre Heuchelei verführt wurde. Als ich aber sah, daß sie von der Wahrheit des Evangeliums abwichen, sagte ich zu Kephas in Gegenwart aller: Wenn du als Jude nach Art der Heiden und nicht nach Art der Juden lebst, wie kannst du dann die Heiden zwingen, wie Juden zu leben?«

Dazu sagte Pater Klein, Spiritual im Germanikum, uns vor fünfzig Jahren (fast fünf Jahre vor Konzilsbeginn, Papst war noch Pius XII.):

... Die »Heuchelei« des hl. Petrus in Antiochien: Eine Frage: Wäre es möglich, dass Petrus ganz recht gehandelt hat, als er nach Kommen der Juden, nach Änderung der Situation, Schweinefleisch ablehnte, das er vorher gegessen hatte? Wäre es möglich, dass auch gleichzeitig Paulus recht hatte, als er diese »Heuchelei« als solche bezeichnete, ins Angesicht widerstand?

Wer ernst darüber nachdenkt, wird sagen müssen: Ja, das ist möglich. Beide hatten recht, und beide haben gläubig gehandelt und müssen doch vor den Augen eines Ungläubigen als Gegner dastehen. Diese seltsame Situation ist Folge der Erbsünde:

Petrus richtet, urteilt.

Paulus richtet und urteilt.

Beide tun, was sie kritisieren, tun, was "sie eigentlich nicht wollen" ...

Bischof in Antiochien war vielleicht damals noch niemand. Ein Missionsposten, den die Gemeinde von Jerusalem leitete. In jedem Fall war der hl. Petrus der Papst seit Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten. Aber er war nicht immer in Antiochien. Er kam dorthin.

Petrus und Paulus - warum musste die christliche Gemeinde in Antiochia Zeuge davon werden, dass diese zwei Männer uneinig waren? Versuchen wir eine Antwort, wichtig für uns. Petrus war das Oberhaupt der Kirche. Nie deutet der hl. Paulus auch nur von ferne an, dass er daran zweifelt. Und wenn auch Paulus geradeso wie Petrus als Apostel das Charisma der persönlichen Unfehlbarkeit hatte, Petrus sprach unfehlbar als Lehrer und Oberhaupt der ganzen Kirche ...

Aber nun ist wichtig: weder Petrus noch Paulus hörten auf, als gläubige Christen Mensch zu sein, gefallene Menschen zu sein. Sie hatten nicht die Gnade unbedingter und zwingender Eindeutigkeit im Ausdruck ihres Glaubens. Paulus nannte den Ausdruck, den Petrus seinem Glauben in Antiochien gab, nach der Ankunft der Jakobusjünger in Antiochien, Heuchelei, hypokrisis ... Nicht nur der Wortausdruck des gefallenen Menschen ist nicht eindeutig. Alles, worin sich der Christ als Mensch ausdrückt, trägt die Möglichkeit in sich, anderes auszudrücken als gemeint ist.

Petrus war mit Paulus und Barnabas und allen Christen in Antiochien, ob aus Juden oder aus Nichtjuden, im Glauben einig, im Glaubensvollzug. Das Heil des gefallenen Menschen kommt allein aus Christus. Ob man Schweinefleisch isst oder nicht isst, ob der Christ sich ausdrückt in den Formen der Synagoge oder des nichtjüdischen Antiocheners, das macht nicht das Letzte ihres Glaubens aus, diese Ausdrücke sind in sich zweideutig. Es kann einer Schweinefleisch essen und dadurch seinen Abfall vom Glauben, seinen Unglauben ausdrücken, wie es z.B. den Makkabäischen Märtyrern zugemutet wurde in der antiochenischen Verfolgung, und es kann einer Schweinefleisch essen, ohne damit im mindesten Abfall vom christlichen Glauben auszudrücken, wenn Sie z.B. morgen Schweinefleisch essen. Es gibt keinen aus sich absolut eindeutigen Ausdruck, kein Wort und kein Tun und kein Lassen. Kein Essen und Nichtessen und Fasten und Nichtfasten.

Alles ohne Ausnahme kann je nachdem vom Gläubigen und vom Ungläubigen getan und gelassen werden, und dadurch wird es gläubig oder ungläubig. Wenn du erkennst, urteilst, studierst usw. und gibst darin nicht Gott die Ehre, sondern dir, dann sitzest du auf dem Richterstuhl deiner Vernunft, ungläubig, und das kannst du oder ein anderer deinem Urteilen in sich nicht ansehen. Und so beim Tun. Es kann einer sein Vermögen den Armen geben, er kann und du kannst diesem Tun nicht ansehen, ob es Glaube und Liebe oder Unglaube und Hass ist.

Nero gab Vermögen unter die arme plebs und sagte dabei: oderint dum metuant, sie mögen hassen, wenn sie mich nur fürchten. Und er hasste sie vielleicht wie Gift.

Was Petrus tat, dass er zuerst obwohl aus den Juden kommend mit den Christen aus den Nichtjuden in Antiochien Schweinefleisch aß, konnte ausdrücken, dass er das Schweinefleischverbot des Mosesgesetzes verachtete und das Wort Gottes im Alten Testament nicht glaubte, dass er ungläubig war, aber es könnte auch das Gegenteil ausdrücken: ausdrücken, dass er das heilige Gotteswort glaubte, aber es hier und jetzt nicht für gesprochen und verpflichtend für den Gläubigen hielt.

Dass er dann danach mit den Christen aus den Juden, die von Jerusalem kamen, kein Schweinefleisch aß, war in sich ebenso ein zwei-deutiger Ausdruck. Im Glauben an die alleinige Rechtfertigung durch die Verdienste Jesu Christi hat Petrus nicht gezweifelt. Der Ausdruck dieses Glaubens war zuerst ein anderer als hernach. Paulus nannte das hypokrisis und wollte damit sagen: in diesem Fall wäre es nach seiner Meinung richtig gewesen, den Ausdruck nicht zu wechseln, obwohl auch der veränderte Ausdruck dem Glauben entsprechen konnte und er dem hl. Petrus nicht Abfall vom Glauben vorwarf ....

Paulus und Petrus waren einig im Glauben Christi und dass der Ausdruck dessen hier in Beobachtung oder Nichtbeobachtung der jüdischen Speisegesetze keineswegs aus sich eindeutig war, wie überhaupt kein Ausdruck im gefallenen Menschen eindeutig [sein] kann. Die Kirche hat die Speisevorschriften später abgeschafft, hat andere erlassen, diese oft geändert und wird sie ändern. Und es wird über den Zeitpunkt und die Opportunität solcher Änderungen in der Kirche immer verschiedene Ansichten geben, und so über viele andere Ausdrücke des Glaubenslebens ... Wir aber beten morgen zu Petrus, dem Bischof von Antiochien und Rom, dass er uns mit Paulus die Gnade erflehe, in der Festigkeit des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe, im Gehorsam des Glaubens nie wankend zu werden.


Gemäß einem damals erreichten Kompromiss (Apg 15,29) sollten auch Heidenchristen auf Blutgenuss verzichten. Führte diese Vorschrift später zu Seelenqualen?

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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