Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr B

Adventskerze sein!

Gedanken zum zweiten Adventssonntag


Unseren Adventskranz kennen die Spanier nicht, dafür ist ihre Liturgie adventlich. Das ganze Jahr über rufen sie nach der Wandlung: "¡Ven, Señor Jesús!" Wie die ersten Christen (im vorletzten Satz des Neuen Testaments) beten sie: "Komm, Herr Jesus!" Während eine deutsche Gemeinde sich gemächlich in der (wohl doch noch recht langen) Zeit einrichtet, "bis du kommst in Herrlichkeit". Oder sind wir nur ehrlicher? Ich gestehe, daß jenes "Komm! Herr Jesus!" in einer normalen spanischen Sonntagsmesse eher pflichtbewußt klingt, nicht eben wie ein heißer Wunsch. In der Basisgemeinde einer Favela mag es anders sein. Können wir ohne Lüge und Krampf in den urchristlichen Ruf einstimmen? Zur Antwort auf diese Frage helfen uns die Lesungen von heute.

I.

Der zweite Petrusbrief gilt den Fachleuten als die vermutlich jüngste Schrift der Bibel, verfaßt etwa um das Jahr 120, also gewiß nicht von Petrus selbst sondern von einem unbekannten Christen, der sich zur Bekräftigung seiner eigenen Glaubens-Einsicht von der Autorität des Apostels stützen läßt. Was uns heute als Fälschung vorkommt, war damals ein häufig praktiziertes Stilmittel zum Vorteil beider Seiten: Nicht nur stärkte die alte Autorität den neuen Text, sondern dieser hielt auch die Erinnerung an den vorgeblichen Autor lebendig und aktualisierte ihn. Weil die Methode mithin eine wechselseitige Stärkung bewirkte, galt sie damals nicht als Unrecht, muß demnach auch uns nicht stören, ist des göttlichen Offenbarungswortes nicht unwürdig.

Der Text reißt uns in einen zentralen Konflikt der ersten Christenheit hinein. Sie erinnerte sich an Jesu Wort "Amen, ich sage euch: Von denen, die hier stehen, werden einige den Tod nicht erleiden, bis sie den Menschensohn in seiner königlichen Macht kommen sehen" (Mt 16,28). Seither waren fast schon hundert Jahre vergangen, aber von einer glorreichen Ankunft Christi war nichts zu sehen. Wie sehr das der blutig verfolgten und von allen Seiten ausgelachten christlichen Minderheit damals an die Nieren gehen mußte, wird durch einen Vergleich deutlich:

"Will man die Sehnsucht nach dem ewigen Reich in einem Bild darstellen, so kann sie nur mit der seelischen Spannung verglichen werden, mit der ein Liebender auf seine Geliebte wartet. Voll Ungeduld harrt der liebende Mensch beim verabredeten Ort auf die Ersehnte, er horcht auf jedes Geräusch und hört bereits ihre Schritte, er stellt sich in seiner Phantasie ihre Gestalt vor und sieht sie sich schon ihm nähern, er eilt ihr voller Freude entgegen - und ist einer Sinnestäuschung zum Opfer gefallen! Langsam verstreichen die Stunden über dem Warten, und düstere Befürchtungen jagen dem Harrenden durch den Kopf. Die Erwartete aber kommt und kommt nicht, bis sich der Liebende eingestehen muß, daß sie nicht an dem vereinbarten Ort erscheint. Eine grenzenlose Enttäuschung übermannt ihn, die ihn der wildesten Verzweiflung ausliefert. Unter diesem Bild, welches das Ereignis aus der intellektuellen in die emotionale Sphäre übersetzt, die allein ihr adäquat ist, muß die Reichserwartung betrachtet werden, deren Geschichte eine der erschütterndsten Tragödien ist, die es je auf dieser Welt gab. Das Nichteintreffen des geweissagten Reiches mußte im Frühchristentum die denkbar stärksten seelischen Wirkungen auslösen." [Walter Nigg, Das Ewige Reich (Zürich 1954), 61]

Das ist die Stimmung, in die hinein unser Brief den Apostel Petrus sagen läßt: "Am Ende der Tage werden Spötter kommen, die sich nur von ihren Begierden leiten lassen und höhnisch sagen: Wo bleibt denn seine verheißene Ankunft? Seit die Väter entschlafen sind, ist alles geblieben, wie es seit Anfang der Schöpfung war ... Das eine aber, liebe Brüder, dürft ihr nicht übersehen: daß beim Herrn ein Tag wie tausend Jahre und tausend Jahre wie ein Tag sind. Der Herr zögert nicht mit der Erfüllung der Verheißung, wie einige meinen, die von Verzögerung reden; er ist nur geduldig mit euch, weil er nicht will, daß jemand zugrunde geht, sondern daß alle sich bekehren. Der Tag des Herrn wird aber kommen wie ein Dieb."

Diese Lösung wird von einem Fachmann so kommentiert: "Die Lösung des Problems, die 2 Petr vorschlägt, ist zunächst verblüffend einleuchtend und einfach: Die Naherwartung, so erklärt er, gilt weiterhin, denn es ist zu beachten, daß vor Gott tausend Jahre wie ein Tag sind (3,8); aber der Verfasser merkt offenbar nicht, daß man eben diese Aussage auch als Argument gegen die Naherwartung verwenden kann." Stimmt dieser Einwand? Nur wenn man die Naherwartung oberflächlich-zeithaft auffaßt. Gegen dieses Mißverständnis wendet sich nicht nur unser Brief. Aufrüttelnd tut es auch - gegen Ende des (nach dieser Rechnung) zweiten Tages der Christenheit - der junge Karl Barth:

"Gellen denn gar niemandem die Ohren? Will das unnütze Gerede von der 'ausgebliebenen' Parusie denn gar nicht aufhören? Wie soll denn ausbleiben, was seinem Begriff nach überhaupt nicht 'eintreten' kann? Denn kein zeitliches Ereignis ... ist das im Neuen Testament verkündigte Ende, sondern wirklich das Ende, so sehr das Ende, daß die 1900 Jahre nicht nur wenig, sondern nichts zu bedeuten haben, was seine Nähe oder Ferne betrifft, so sehr das Ende, daß schon Abraham diesen Tag sah und sich freute ... Wer heißt uns die Erwartung des Endes, jenes Augenblicks, in dem die Lebenden verwandelt und die Toten auferstanden miteinander vor Gott stehen ... zur Erwartung eines groben, brutalen, theatralischen Spektakels zu machen und, wenn dieses mit Recht 'ausbleibt', uns getrost wieder schlafen zu legen, ein harmloses 'eschatologisches' Kapitelchen am Ende der Dogmatik unsere einzige Erinnerung daran, daß wir uns eigentlich - erinnern sollten und wollten!" [Karl Barth, Der Römerbrief (zu 13,11)]

Noch gewaltiger schnurren die unüberschaubaren Zeiträume in der Menschheitsgeschichte zusammen, wenn wir den Psalmvers vernehmen, auf den der Verfasser des zweiten Petrus Briefes sich bezieht: "Denn tausend Jahre sind für dich wie der Tag, der gestern vergangen ist, wie eine Wache in der Nacht" (90,4).

Wie eine Wache in der Nacht. Da Gottes Blick die Wahrheit der Wirklichkeit sieht, sind also seit Jesu Auferstehung erst ein paar Nachtstunden vergangen, und jeden Augenblick kann er kommen. Tun wir den letzten Schritt: In jedem Augenblick, da wir ihn bewußt und von Herzen erwarten, kommt er tatsächlich zu uns. Nicht in jener Zeit, die von Kalender und Uhr gemessen wird, fällt sein Kommen auf einen bestimmten Moment; nicht in der waagrechten physischen Zeit streckt unser Warten sich auf seine Ankunft aus, sondern in der senkrecht von außen nach INNEN und vom isolierten Teil zum offenbaren GANZEN gespannten seelischen Zeit. Je wacher, adventlicher wir leben, desto mehr physische Zeit-Momente haben um so intensiver teil an dieser eigentlichen Heilszeit. Um uns dieses Bewußtsein neu zu schärfen, begeht die Kirche jedes Jahr den Advent. Wenn wir heute die zweite Kerze anzünden, sollen wir wissen: ihr Docht bin ich. Ob er leuchtet oder nicht, ist für die Uhr-Zeit bedeutungslos, sie verrinnt immer gleich. Die Heilszeit der Seele verlangt jedoch nach der Flamme. Gibt es Traurigeres als eine vergessene Adventskerze, die unentzündet nach Weihnachten weggeworfen wird und lichtlos im Müll verglüht?

II.

Wie leuchtet ein Mensch adventlich? Indem er glaubt, hofft, liebt. Was das konkret heißt, sagt jedem sein Herz und seine Umgebung. Einen Rat gibt auch das heutige Evangelium. Es zeigt uns Johannes den Täufer, der die Menschen zur Umkehr ruft und den Größeren ankündigt, auf dessen entscheidende Tat er sie vorbereitet. Zweierlei bedeutet das für unser adventliches Leben.

1) Zum einen sind wir selbst solchen Vorläufern des Erlösers in mancherlei Gestalt begegnet. Nutzen wir eine besinnliche Winterstunde, ihrer dankbar zu gedenken. Eltern, Lehrerinnen, Freunde hat es gegeben, aus deren gütigen Augen uns eine Ahnung angeweht hat, wie freundlich erst ER sein muß, dem sie sich verdankten und zu dem sie uns bringen wollten.

Einer von ihnen bleibt für mich Romano Guardini. Was Jesu Vorläufer betrifft, hat er ["Der Herr", S. 360] schon lange vor dem Konzil eine Vermutung geäußert, die vom christlichen Bewußtsein noch längst nicht eingeholt ist, auf der künftigen einen Erde jedoch - so glaube ich - segensreich und Frieden stiftend wirken wird: "Einen Einzigen gibt es, der den Gedanken eingeben könnte, ihn in die Nähe Jesu zu rücken: Buddha. Dieser Mann bildet ein großes Geheimnis. Er steht in einer erschreckenden, fast übermenschlichen Freiheit; zugleich hat er dabei eine Güte, mächtig wie eine Weltkraft. Vielleicht wird Buddha der letzte sein, mit dem das Christentum sich auseinanderzusetzen hat. Was er christlich bedeutet, hat noch keiner gesagt. Vielleicht hat Christus nicht nur einen Vorläufer aus dem alten Testament gehabt, Johannes, den letzten Propheten, sondern auch einen aus dem Herzen der antiken Kultur, Sokrates, und einen dritten, der das letzte Wort östlich-religiöser Erkenntnis und Überwindung gesprochen hat, Buddha."

Wenn das stimmt, dürfen die Christen von heute und morgen zu Christi Vorläufern nicht nur die Frommen ihres eigenen Glaubens zählen sondern auch glaubwürdige Vertreter westlich-vernünftiger Gewissensfreiheit und östlich-weiser Meditation. Angenommen, die Christenheit nimmt diesen Vorschlag bis in ihre offiziellen Äußerungen hinein an, und die anderen geistigen Welten erwidern solche Offenheit: würde daraus nicht eine spürbare Annäherung des geistlichen Weltklimas an den verheißenen Frieden des Gottesreiches folgen?

2) Von vielen Vorläufern auf Christus hingewiesen, sind wir dann ihm selbst begegnet und in seinen Dienst genommen worden, um selber das Amt des Johannes weiterzuführen, anderen Menschen das Kommen des menschgewordenen Gottes in ihr Leben anzukündigen. Das kann je nach der persönlichen Berufung auf mehr oder weniger ausdrückliche Weise geschehen. Der Auto-Aufkleber "Jesus liebt dich" ist eine Weise, zu einer anderen rät das Motto von Jesu kleinen Brüdern und Schwestern: "Rede nicht aber leb so, daß du gefragt wirst."

Solange ein Christ in der Zeit am Werden ist, gelten alle diese Haltungen ineinander. In der inneren Zeit auf Christi Ankunft zu warten, darauf werde ich immer wieder von seinen Vorläufern gestoßen, dazu rege ich als Vorläufer andere an, indem ich ihnen das eigene Warten bezeuge. Das Kirchenjahr ist eines der bedeutendsten Kunstwerke der Menschheit. Üben wir die Advents-Spannung in diesen Wochen ein, so hält sein Schimmer hoffentlich das ganze Kirchenjahr vor, bis er übers Jahr wieder ausdrücklich aufgefrischt wird.


Zum Weiterdenken:

Fachmann: Hans Conzelmann / Andreas Lindemann, Arbeitsbuch zum Neuen Testament (Tübingen 2000), 428 f

Am kommenden Donnerstag, dem 8. Dezember, feiert die römisch-katholische Kirche das Fest der "Unbefleckten Empfängnis" Mariens. Wer in den ebenso tiefen wie aktuellen Sinn dieses Geheimnisses eindringen möchte, findet einen Denkvorschlag im ersten Predigtkorb.


Hier ist ein Angebot für Freunde meiner Internet-Gedanken: Auf einer CD habe ich unter dem Titel "Christliches Stereo-Denken" alles, was auf verschiedenen Servern veröffentlicht ist, zusammengestellt und intern verknüpft sowie mit Bildern und Liedern angereichert. Außerdem sind sechs Bücher im WORD-Format dort zu lesen (die elektronischen Bücher Nr. 2,5,6,7,10 der Liste). Im Ganzen meldet der Rechner fast tausend Dateien. Ein Teil der Ernte von über vierzig Jahren Theologie steht zur Verfügung und kostet nur 8,50 Euro + Porto, insgesamt unter zehn Euro. Für Religionslehrer, Pfarrer und andere Profis eine Fundgrube, für deren Freunde eine sinnige Geschenk-Idee. Bestellungen bitte direkt an mich, um Verwechslung mit dem Müll zu vermeiden bitte mit klarem Betreff: CD-Bestellung. Seit Anfang Dezember 2004 ist die neue Auflage mit allem bisher im Netz Veröffentlichten verfügbar.


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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